Antisemitismus und Israelkritik Sind wir Antisemiten?

Bild von Christine Brinck
Autorin und Journalistin Körber-Stiftung

Expertise:

Christine Brinck ist Journalistin und setzt sich mit den Themen Bildung und Gesellschaft auseinander. Von 1998-2010 war sie Jurorin beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung.

Der Fraktionsvorsitzende der Union Volker Kauder schlägt vor, einen Antisemitismus-Beauftragten zu benennen. Doch die Probleme liegen tiefer und können nicht mit einer einfachen Personalie gelöst werden.

„Wer in Deutschland leben will, darf kein Antisemit sein“, das sei der Union ein wichtiges Anliegen verkündete Volker Kauder, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU. Und darum brauchen wir einen Antisemitismus-Beauftragten. Viel Glück mit dem Auftrag! Da gibt es einiges abzuarbeiten. Von der Zerstörung des Tempels und der Entstehung der europäischen Diaspora bis zu den ersten systematischen Judenverfolgungen, die mit den Kreuzzügen begannen, von der Vertreibung der Juden aus Spanien durch alle Ghettoisierungen in aller Welt bis hin zur Shoah und der – wieder einmal – Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern – sind Judenhass und Judenverfolgung, Pogrome, Vernichtung und Auslöschung  seit 2000 Jahren fester Bestandteil des Lebens.

Es gibt nicht besonders viele Juden auf der Welt. Von den sieben Milliarden Menschen in unserem Erdenrund machen sie vielleicht 0,1 Prozent aus. Doch in der Vorstellung jener, die sie hassen, regiert dieses kleine Trüppchen die ganze Welt. Sie haben das Geld und das Gold. Sie haben Einfluss und Macht. Und sie sind superschlau. Dieses Volk, das seit 2000 Jahren nicht aus freien Stücken herumwandert, ist das Sinnbild der Migration. Freilich haben die Juden ihren Migrationshintergrund nicht zelebriert. Sie haben sich nicht freiwillig abgeschottet, aber auch nicht assimiliert. Sie gaben ihre Religion und Gebräuche samt der hebräischen Sprache nicht auf, lebten aber doch im Austausch mit der Mehrheit. Sie waren keine Amischen oder Hutterer. Der Glauben der Vorväter war ihre Heimat in der Heimat.

Judenhass hat sich als Antizionismus verkleidet.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ihre Feste und Gebräuche waren anders. Das machte sie suspekt wie später die Freimaurer. Schuldzuweisungen waren so vorprogrammiert. Von der Brunnenvergiftung bis zum Kindermord waren sie für jedes Verbrechen verantwortlich. Nur eines ist neu. Früher hieß es „Der Jude ist an allem Schuld“, heute heißt es „Israel ist an allem Schuld“. So hat sich der Judenhass in Antizionismus ge- und verkleidet. Dazu kommt der islamisch geprägte Antisemitismus, den Einwanderer aus dem Nahen Osten in ihrem Fluchtgepäck mitbringen.

Wer hier leben will, darf kein Antisemit sein? Am besten fliegt der Einwanderer, der es doch ist, aus dem Land. Das wirft eine Frage auf: Wohin sollen die antisemitischen Biodeutschen  entsorgt werden? Wohin mit denen, die Fahnen  mit dem Davidsstern verbrennen, mit denen die Judenpack rufen, mit denen, die auch die paar Juden hier ins Gas schicken wollen und schließlich denen, die „kauft nicht beim Juden“ schreien? Wohin mit ihnen? Ignorieren und weiter auf die Polizei vertrauen, die vor jüdischen Einrichtungen steht? Umerziehen?                   

Seit dem Ende des Zwölfjährigen Reichs sind fast achtzig Jahre vergangen, angefüllt mit Bücherfluten zur Judenvernichtung, Film-Dokumentationen, Pflichtbesuchen in KZs und Holocaustmuseen, doch der Sockel der Antisemiten ist immer gleich geblieben. Als Alfons Silbermann 1984 seine Antisemitismusstudie „Sind wir Antisemiten?“ vorlegte, stellte er fest, dass ein Bevölkerungsanteil von etwa 20 Prozent mit ausgeprägt starken antisemitischen Vorurteilen in der Bundesrepublik lebte. Lediglich 23 Prozent lehnten antisemitische Einstellungen grundsätzlich ab. Die politische Aufklärung galt damals schon als wirkungslos. 

Der Anteil der in Deutschland lebenden Juden wird überschätzt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Mit Erstaunen stellte Silbermann in seiner Untersuchung fest, dass die Bundesbürger die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Juden völlig überschätzten. Nur etwa 21 Prozent  lagen mit ihrer Einschätzung (von damals 30 000, heute etwa 100 000) Juden richtig, alle anderen hatten die Vorstellung, dass in ihrem Land Millionen Juden lebten. Silbermann würde sich noch mehr wundern, dass er heute auf ähnliche Fehleinschätzungen treffen könnte.

In ihrem Buch „Israel ist an allem Schuld“ schreiben die Autoren Georg M. Hafner und Esther Schapira von dem Besuch Frankfurter Schüler im jüdischen Altersheim anno 2014. Vom Rabbiner gefragt, wie viele Juden wohl in Frankfurt lebten, hieß die  Antwort  „Millionen“.  Nach Vorhaltungen, dass in Frankfurt doch nur 700 000 Menschen leben, ließen sie sich auf 100 000 herunterhandeln. Tatsächlich leben in Frankfurt aber nur 8000 Juden.

Es waren die Bankentürme, die die Schüler auf die Idee brachten, Frankfurt wäre voller Juden. Silbermann hatte 30 Jahre zuvor bei seiner Befragung der Bundesbürger zu der Aussage “Die internationalen Großbanken unterliegen starkem jüdischem Einfluss“ festgestellt, dass 76 Prozent dem stark (4,5%), mittel (25,6%) und schwach (46,4%) zustimmten. Der Geldjude ist eine Ikone des Antisemitismus. Wie soll Volker Kauders Beauftragter derart festsitzende Vorurteile loswerden?

Wer Israel dämonisiert, delegitimiert oder doppelte Standards anlegt, ist ein Antisemit.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

„Antisemitismus ist, wenn man die Juden mehr hasst als gerade nötig“, hat mal ein Witzbold gesagt. Natan Sharanski, der als Anatol Sharanski einst den Gulag überlebte und israelischer Minister für Diasporafragen war, hat einen einfachen Test entwickelt. Damit kann jeder testen, wer antisemitisch ist, obwohl er es verneint. Er nannte es den 3-D-Test.: Wer Israel dämonisiere, delegitimiere oder doppelte Standards an das Verhalten Israels anlege, der ist ein Antisemit. Der zukünftige Antisemitismusbeauftragte könnte keine bessere Strichliste finden. 

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Uwe R.
    Für mich ist es fraglich, ob man es in Deutschland denn je mit politischer Aufklärung über Antisemitismus unter Deutschen versucht hat.

    Denn dazu gehörten jede Menge Geschichtskenntnisse aus vielen verschiedenen Bereichen und die Aufklärung der Rolle bestimmter Institutionen.

    Zur Vertreibung der Juden aus dem noch islamischen Spanien muss man wissen, dass die Juden als Volk gut 700 Jahren mit dem dort eingefallenen Islam kollaboriert hatten. Das war es, was man ihnen nicht verzieh und sie zur Konvertierung zwingen wollte oder sie vertrieb.

    Das Geld- und Bankwesen wurde in seiner modernen Form vor gut 400 Jahren in Italien neu "erfunden", wie Niall Ferguson in The Ascent of Money nachzeichnete. Daran hatten dann auch jüdische Geldhändler und -wechsler einen Anteil, der sich aber erst durch die industrielle Revolution und Globalisierung steigerte. Dennoch gehörte und gehört der grösste Teil der Banken nicht Juden.

    Als Alphons Silbermann 1982 seine Studie zum Antisemitismus in Deutschland vorstellte, hatte er eine einheimische deutsche Bevölkerung vor sich, die noch vor oder ab 1900 geboren worden und durch den Antisemitismus der evangelischen und katholischen Kirche und dem Judenhass der deutschen Faschisten geprägt war.

    Wir leben heute andererseits in einem stark veränderten Deutschland, dass nach den Morden an israelischen Sportlern in München 1972 durch islamisch-arabische Terroristen ausgerechnet sehr viele islamisch-arabische Asylsuchende [Palästinenser] aufnahm, die heute in stabilen Gegengesellschaften der islamisch-arabischen Grossclans leben.

    Von dem neuerlichen Grossimport islamisch-arabischen Antisemitismus' ganz zu schweigen. Hier muss man feststellen, dass durch die Verklärung und Verheiligung insbesondere der islamischen "Zuzüger" deren Antisemitismus immer sakrosant war. Ein fatales Vorbild für andere Antisemiten.

    An all das und anderem will man offensichtlich nicht drangehen. Am 3-D-Test scheitern übrigens insbesondere Linke.
    1. von Theo Herzl
      Antwort auf den Beitrag von Uwe R. 27.01.2018, 18:33:47
      Na und? Der von einem Zionisten erdachte 3-D Test zielt darauf ab, jeden Anti-Zionisten als Anti-Semiten zu blamieren.
    2. von Henrik Merten
      Antwort auf den Beitrag von Uwe R. 27.01.2018, 18:33:47
      Wenn sie so vom 3-D Test überzeugt sind, dann können sie doch sicher die Widersprüche die von mir im vorherigen Kommentar aufgezeigt wurden entkräften.
      Ich freue mich sehr auf eine konstruktive Unterhaltung mit ihnen.
  2. von Henrik Merten
    Der 3D Test ist eine gute Idee, hat aber viele Fehler.

    Zum einen ist Dämonisierung nicht klar definiert.

    "in den Bereich des Dämonischen rücken; mit Dämonie, mit dämonischen Kräften erfüllen"

    Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/daemonisieren

    Als Synonym wird dort schlechtmachen angegeben.

    "Nachteiliges über jemanden, etwas sagen; herabsetzen"

    Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/schlechtmachen

    Also stellt sich die Frage: Welche dieser 2 Definitionen ist im 3D-Test gemeint?
    Entweder ist man Antisemit wenn man Israel als Dämon bezeichnet, oder wenn man etwas nachteiliges über Israel sagt.

    Doppelstandards:

    Dabei stellt sich die Frage welches denn die Standards seien sollen. Sollten an Israel die gleichen Standards angelegt werden wie an "westliche Demokratien" oder die gleichen wie an andere "Nahost Staaten"?

    Die Delegimierung Israels:

    Dabei stellt sich die Frage wie man Israel defniert.

    Lehnt man ein "einvernehmlich gegründetes" Israel "egal wo auf der Welt" ab, weil man explizit der Meinung ist, dass es keinen mehrheitlich jüdischen Staat geben sollte/dürfte, dann ist man ganz klar Antisemit.

    Der Antizionismus ist aber richtet sich explizit gegen den Zionismus.
    Zionismus ist aber nicht das "allgemeine" streben nach einem jüdischen Staat, sondern das streben nach einem jüdischen Staat in Palästina.
    Ein Antizionist ist also der Definition nach jemand der einen jüdischen Staat in Palästina ablehnt.
    Aber nur weil jemand einen jüdischen Staat an einem bestimmen Ort ablehnt, ist er noch kein Antisemit.

    Sonst würde sich die Frage stellen: Ist auch eine Bewegung die sich gegen einen jüdischen Staat im australischen Outback oder in Alaska ausspricht antisemitisch?
  3. von Theo Herzl
    Herr Sharanski und Frau Brinck implizieren mit ihrem "3D-Test", dass der Staat Israel das Judentum repräsentiere. Dies ist nichts als zionistische Propaganda.

    Viele Juden sind keine Zionisten. Die meisten Zionisten sind keine Juden. Viele Zionisten sind Antisemiten. Opposition zu Israel ist nicht Antisemitismus.

    Wer die "Iranische Republik Iran" für illegitim hält, ist noch lange kein Perserhasser. Wer die "Demokratische Volksrepublik Korea" für illegitim hält, ist noch lange kein Nordkoreanerhasser. Und wer die Diskriminierung und Unterdrückung der Palästinenser durch den Zionismus für illegitim hält, ist noch lange kein Israeli-Hasser, geschweige denn ein Juden-Hasser. Man sich kann die Auflösung all dieser Staaten wünschen, ohne die Menschen zu hassen, die die Untertanen dieser Staaten sind.

    "Delegitimierung" eines Staates ist nicht dasselbe wie Rassismus, und "Dämonisierung" und "Doppelstandards" sind offenkundig Wischiwaschi-Kriterien.

    Weshalb die "3D" kennzeichnend für Antisemitismus sind, begründen Frau Sharanski und Herr Brinck nicht. Wozu auch? Frau Brinck hat vollkommen recht, dass der zukünftige Antisemitismusbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland keine bessere Strichliste als den "3D-Test" finden kann. Die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus ist schließlich deutsche Staatsräson.