Ort der Sehnsucht Projekt: Neue Heimat für alle

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Literatur - und Kulturwissenschaftlerin

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Aleida Assmann ist Literatur - und Kulturwissenschaftlerin.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Was ist Heimat? Aleida Assmann sagt, die Verbindung zur Heimat wird durch Erinnerungen erhalten, aber Heimat hat auch das Potenzial sich über die Zeit zu verändern - und nicht nur für die, die eine zweite Heimat hinzugewinnen, sondern auch für jene, die in ihrer Heimat bleiben.

„Man kann einen Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus dem Menschen“. Mit diesen Worten hat Erich Kästner betont, dass wir alle eine intuitive Bindung an den Ort haben, wo wir die Welt entdeckt und nachhaltige Grunderfahrungen unseres Lebens gemacht haben. Heimat ist der Ort, wo man selbstverständlich dazugehörte, die Bewohner kannte und selbst gekannt wurde. Wenn man später an solche Orte zurückkehrt, meldet sich an jeder Ecke eine Erinnerung zu Wort. Gesichter, Anekdoten, Situationen tauchen plötzlich aus dem Vergessenen wieder auf. Heimat ist ein tiefer Gedächtnisspeicher und eine langfristige emotionale Bindung an einen bestimmten Ort auf der Welt. 

Zu unserer Heimat haben wir eine tiefe emotionale Bindung.

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Dieser Ort ist räumlich zugänglich aber zeitlich entrückt. Man kann ihn aufsuchen, aber in die Vergangenheit, die er festhält, nicht mehr eintreten: Die ehemaligen Nachbarn gibt es nicht mehr, vieles ist nicht wiederzuerkennen, besonders wenn sich auch noch die politischen Systeme geändert haben und die Sprache und Kultur gewechselt hat. 

Das gibt der Heimat ihre irreale Qualität: der Ort existiert, aber er kann nicht festhalten, was einmal war. Die Verbindung zur Heimat wird durch die Erinnerung, trotz gewaltsamen Verlusts, über die Zeit hinweg gehalten. Sie ist eine Schöpfung der Phantasie und ein Ort der Sehnsucht und des Schmerzes. 

Die Verbindung zur Heimat wird durch Erinnerungen wach gehalten.

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„Wer seine Wurzeln verloren hat, ist nie wieder ganz zu Hause“ sagt John Spalek, der 1928 in Warschau geboren ist und an seinem 21. Geburtstag nach New York auswanderte. Er hat diesen Schritt nicht bereut, denn er war in New York zwar nicht ganz zu Hause, hat dort aber eine zweite Heimat gefunden. Er fühlte sich angenommen und konnte Fuß fassen, denn „hier fragt mich niemand, wo ich herkomme“. 

George Mosse (1918-1999) musste Deutschland 1933 mit 15 Jahren verlassen. Der gewaltsame Verlust der Heimat ist ein schweres Trauma. Auch er hat in den USA Fuß gefasst, sprach aber nicht von Heimat, sondern stellte nüchtern fest: „Eine Nation ist für mich so gut wie ihr Pass.“ Er bewahrte lebenslang seine 'Refugee-Mentalität' und betonte: "Ich bleibe Emigrant". 

Heimat und Staatsangehörigkeit haben nichts miteinander zu tun.

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Heimat ist weit mehr, als das, was Menschen mit sich herumtragen. Als Kollektivbegriff steht das Wort für Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Die Romantiker schwärmten von Heimat, sie haben sie in Liedern besungen, in Bildern verewigt und in Geschichten gerühmt. Im Zuge von Modernisierung und Fortschritt wurde der Heimatbegriff radikal entwertet. Alles, was mit Heimat zu tun hatte, galt als veraltet. Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen erleben wir eine Rückkehr und Wiederaneignung des Heimatbegriffs. In Deutschland gibt es neuerdings ein ‚Heimatministerium'. 

Der Begriff 'Heimat' wird von Rechten missbraucht, um Migranten auszuschließen.

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Im Zuge der Migrationsbewegung ist der Heimatbegriff zu einer politischen Waffe geworden. Er wird hochgespielt und aufgerüstet, um Menschen auszuschließen und Zugehörigkeit zu verweigern. Die aktuelle Frage lautet aber: Wie kann Deutschland für die, die ihre Heimat gerade durch Krieg und Gewalt verloren haben, zu einer zweiten Heimat werden? Dafür brauchen wir eine Gesellschaft, die den Migranten nicht mit Abwehr und Misstrauen begegnet, sondern ihnen Sicherheit und Schutz, sowie Raum für Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Eine solidarische Gesellschaft, in der Vertrauen gestärkt, Zugehörigkeit erweitert und Zusammenhalt gemeinsam geschaffen wird, wäre das Projekt einer neuen Heimat - nicht nur für die Aufgenommenen, sondern auch für die Aufnehmenden. 

 In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer barucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier.

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