Aufbruch statt Ortspatriotismus Heimat? Unser Nationalwort mit Nebentönen

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Philosoph

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Peter Sloterdijk ist Schriftsteller und Philosoph.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Was ist Heimat? Peter Sloterdijk schreibt, Heimat sei nicht nur die Herkunft, sondern auch die Möglichkeit, neue Orte aufzusuchen.

Die deutsche Sprache hat die sympathische, doch schwierige Eigentümlichkeit, dass sie beim Reden vom Ort der Herkunft das klangreiche Wort „Heimat“ anbietet – klangreich deswegen, weil es das Herkommen, Zurückkehrenwollen und Träumen von einem vergangenen Zustand in einem Ausdruck zusammenzieht. Zum Verständnis der Sache führen andere Sprachen weiter.

Heimat ist nicht nur ein Privileg derer, die meinen, Menschen und ihre Landschaften seien miteinander verklebt.

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Im amerikanischen Englisch kann man ohne Pathos sagen: Home is where we start from. Das ist ein aufschlussreicher Satz – vor allem deswegen, weil Amerikaner, die sich zu ihm bekennen, fürs erste allesamt nicht von dort kommen, wo sie heute leben. In einem Einwanderungsland meint die Rede von being at home per se etwas anderes als in Ländern mit seit langem „bodenständigen“ Bevölkerungen. Dennoch ist offensichtlich, dass Amerikaner, obschon sie in ihrer großen Mehrheit aus Einwanderern und Zuwanderern bestehen, die Erfahrung des Zu-Hause-Seins nicht entbehren wollen. Das Experiment der Mobilitätsgesellschaft beweist: Das Zu-Hause-Sein-Können ist offensichtlich eine Mitgift der beweglich gewordenen Menschen und nicht ein Privileg derer, die meinen, die Menschen und ihre Landschaften seien irreversibel miteinander verklebt.

Der Mensch ist von Grund auf ein Wesen, das aufs Wohnen hin angelegt ist.

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Zu den bizarren Erfindungen der Amerikaner gehören die mobile homes, das heißt jene vom Boden abhebbaren Einfamilienhäuser, die man auf Lastwagen in beliebig weit entfernte Gegenden transportieren kann, um sie an neuer Stelle abzusetzen. Das mobile home bringt eine Tatsache von anthropologischer Reichweite zum Vorschein: Der Mensch ist von Grund auf ein Wesen, das aufs Wohnen hin angelegt ist; sein Verhältnis zur Umgebung der Wohnung jedoch bleibt mobil und reversibel. Wenn die Amerikaner auch kein Wort haben, das unser Nationalwort „Heimat“ mit all seinen Nebentönen wiedergibt, teilen sie mit uns und allen Menschen in vergleichbaren Situationen die Erfahrung des Ausgehens und Nachhausekommens. Ganz ohne das Zurück geht es nicht. Das home, die Heimat erklärt sich als der Ort, wo deine Traumata auf Speichern unterm Dach, in versiegelten Schubladen, in vergessenen Kellerregalen wieder zum Sprechen kommen. In diesem Sinn wären home und Heimat Orte, an denen wir die Verletzungen, die Konfusionen, die Halbheiten, von denen wir herkommen, wieder aus der Nähe studieren können. Sie bilden Areale des Gedächtnisses, in denen die dunkle Materie der verlorenen Zeit abgelegt ist.

Wo es dir gut geht, da bist du zuhause.

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Der zweite Weg, sich aus dem Dunstkreis des deutschen Heimatbegriffs zu entfernen, führt wie üblich in den Süden. Es sind die Römer, denen man den zweiten maßgeblichen Satz über das Wesen von In-der-Heimat-Sein verdankt: ubi bene ibi patria – wo es dir gut geht, dort bist zu zuhause. Sieht man näher zu, lässt sich in dem schlichten Satz ein reiches Potential an subversiven Bedeutungen entdecken. Er ruft geradezu nach einer kritischen Umkehrung: Wo es dir nicht gut geht, da bist du nicht zuhause – oder besser noch: da musst du nicht länger bleiben. Treue zu einem schlechten Platz ist keine Tugend. Was auf den ersten Blick das Motto eines robusten Ortspatriotismus zu sein schien, erweist sich bei näherer Betrachtung als Lizenz zum Aufbruch. Damit verändern sich Sinn und Richtung des patria-Komplexes: Wenn er zunächst und zumeist das Herkommen bezeichnet, mit seinen Frachten an hellen und dunklen Erinnerungen, so kann er in zweiter Lesung auch einen Ort in der Zukunft bezeichnen, wo wir aufatmend sagen können: ibi bene, hier lässt es sich aushalten. Es muss ja nicht jenes Gasthaus Zum ewigen Frieden sein, an das Immanuel Kant in seiner gleichnamigen Schrift mit grimmiger Ironie erinnerte. Aus der Sicht der Gäste jenes Hauses sind freilich alle Lebenden bloße Migranten; das Leben selbst ist nichts anderes als komparative Exilforschung.

Treue zu einem schlechten Platz ist keine Tugend.

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Was könnte man den Toten antworten? Außer dass Heimat eben dies bedeutet: das wie auch immer vorübergehende Dasein in einem Nicht-Exil.

Zur Frage "Was ist Heimat" schrieb bereits Aleida Assmann. Sie plädierte für ein Projekt "neue Heimat" und eine solidarische Gesellschaft - dies wäre eine Chance für die Ankommenden wie die Aufnehmenden.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer barucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Rosemarie Borchert
    "Heimat? Unser Nationalwort mit Nebentönen" Ich sehe das nicht so. dass nur die Deutschen das Wort Heimat auf andere Weise benutzen als hier versucht wird darzustellen. Meine vielen Reisen durch ganz Europa, auch mit längeren Aufenthalten, haben mir gezeigt das es zumindestens in Europa in vielen Sprachen das Wort Heimat gibt und den Menschen sehr wichtig ist. Warum gerade die Amerikaner in diesem Zusammenhang als besonderes Beispiel genommen werden, verstehe ich nicht ganz. Hier wird das Wort Heimat etwas anrüchig dargestellt, weil es Menschen gibt die es für ihre Weltanschauung pervertieren. Das darf nicht zugelassen werden, aber dafür das Wort Heimat als allgemeines negatives Gedankengut zu besetzen geht auch nicht. Seit Jahren bin ich über Monate eines Jahres immer in einem europäischen Land und bezeichne es als meine 2. Heimat. Da kann ich mitgehen, das dort, wo es mir gut geht, auch Heimat sein kann. Allerdings setzt das auch voraus, das ich mich mit der Kultur, den Lebensumständen, Gewohnheiten etc., auseinandersetze und auch, nach Bedarf natürlich, die Sprache zumindestens in Grundzügen versuche zu erlernen. Ich hoffe nur, das Wort Heimat wird nicht zum Unwort.
  2. von Nils Handelmann
    Wie so oft wird meiner Meinung nach der Begriff "Heimat" mit "zu Hause" verwechselt oder durcheinander gebracht. Jeder Mensch oder der allergrößte Teil hat eine Heimat. Und diese können man nicht ändern, so sehr man das auch möchte.

    Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen in einer sehr ländlichen Gegend und habe mir, als ich volljährig war, ein neues zu Hause gesucht. Dieses wird aber nicht zu meiner Heimat. Auch wenn dieses Dorf eher trist, langweilig, rückständig war und ich niemals wieder aufs Dorf ziehen werde - es ist und bleibt meine Heimat. Die Heimat kann positiv sein oder negativ.

    Ein zu Hause kann man sich aber überall suchen. Jemand der beispielsweise aus Polen nach Deutschland kommt, für diesen wird Deutschland niemals zu einer Heimat werden. Kann es auch gar nicht, denn dieses beschreibt den Ursprung, wo man herkommt - in diesem Fall ein völlig anderes Land. Ein neues zu Hause kann ich hingegen überall finden.

    Deswegen kann ich meine Heimat auch genau definieren. Ich kann sie aber nicht ändern, auch wenn viele das gerne wünschen. Das zeigt sich auch auf Portalen wie Facebook, wo manche Person - vermutlich aus Scham - einen anderen Ort als "aus" angeben.