Ein neues Zuhause Heimat ist kein Ort, Heimat das bin ich

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Student

Expertise:

Abdul Alzuabi studiert Bauingenieurwesen in Berlin.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Was ist Heimat? Für Abdul Alzuabi ist sie vor allem ein individuelles Gefühl.

Ab und zu kommt es vor, dass ich unerwartet mit dem Konzept „Heimat“ konfrontiert werde. Beispielsweise letztens habe ich mich detailliert auf die üblichen Fragen eines Vorstellungsgespräches vorbereitet: „Was sind meine Stärken und Schwächen und wie sieht es mit der Berufserfahrung aus?“ Allerdings hat sich mein Gegenüber als Erstes für eine andere Fragen interessiert: „Ah, Sie kommen aus Syrien, wann wollen Sie zurück?“ 

Ich wuchs in Damaskus auf, der syrischen Hauptstadt, die eine der ältesten bewohnten Städte der Welt ist. Bis ich dort mit 24 Jahren meinen Bachelor in Bauingenieurwesen abschloss und das Land anschließend verließ, lernte ich immer, in was für einem Paradies ich leben durfte. Dass Syrien, das zwischen drei Kontinenten liegt, der Nabel der Welt sei und man stolz auf diese Heimat mit ihren alten Traditionen und der bewegten Geschichte sein könne. Die Liebe zum Vaterland und der Patriotismus wird einem in die Wiege gelegt, in der Schule gelehrt und im sozialen Umfeld gefestigt.

Die Liebe zum Vaterland und der Patriotismus wurden mir in die Wiege gelegt.

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Reisende, die nach einem langen Auslandsaufenthalt wieder nach Syrien zurückkehrten, berichteten, wie sehr sie ihre Heimat vermisst hatten. Kein anderes Land und keine andere Stadt konnten ihnen das Gefühl geben, das sie spürten, wenn sie das berühmte Damaszener Wasser tranken oder durch die nach Jasmin duftenden Gassen ihrer Stadt liefen. Obwohl ich mein Land geliebt habe, kamen mir immer öfter Zweifel, inwieweit diese Aspekte für mich ausreichten, um mich wirklich heimisch fühlen zu können. Sollte man sich in seiner Heimat nicht auch frei und sicher fühlen? Muss dieses Wort "Heimat" mit der Kindheit, mit Wurzeln und Geborgenheit verbunden sein? Ist das Konzept der Heimat vielleicht ein individueller Gedanke, den jeder für sich selbst entwickeln kann? 

Die "Heimat" muss nicht mit der Vergangenheit zusammenhängen. 

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Diese anfänglichen leisen Zweifel haben sich in den letzten vier Jahren, in denen ich in Berlin gelebt habe, gefestigt. Es ist wieder eine Hauptstadt, sie ist wieder berühmt für die bewegte Geschichte und ihre Bewohner sind überzeugt, dass es keinen besseren Ort auf der Welt für sie zum Leben geben könnte. Menschen kommen von überall her, um die berühmte Hauptstadt kurzzeitig zu besichtigen oder sich langfristig ein neues Leben aufzubauen. 
Meine neue Sprache begleitet mich in der Uni, auf der Arbeit, in meiner WG und mit meinen Freunden. Ich habe die Geschichte Deutschlands gelernt und die Gewohnheiten der Deutschen beobachtet. Wie sie Müll trennen, auf den Bus warten oder mir sehr ausführlich auf „Wie geht es dir?“ antworten.

Heimat ist eher ein Gefühl als ein Ort.

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Wenn ich jetzt höre, dass bald eine neue Wirtschaftskrise ausbrechen könnte, mach ich mir Sorgen und ich fühle mich gleichzeitig verantwortlich. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es der Gesellschaft hier weiterhin gut geht. Bedeutet das, dass Berlin meine neue Heimat geworden ist, so wie es Damaskus früher einmal war? Oder mache ich mir schlicht Sorgen, dass die rechtsextremen Parteien die üblichen Argumente gegen die Migranten finden? Ich bin mir nicht sicher, ich denke, die Antworten auf diese Fragen werden mit der Zeit kommen.

Ich kann überall Zuhause sein.

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Aber eines weiß ich ganz genau: In den letzten vier Jahren habe ich viele Länder bereist und überall, ob in den Alpen, wo Heidi mit ihrem Großvater gewohnt hat, an der französischen Küste, wo es die besten Croissants gibt, oder im heißen Khartoum, wo das Leben langsamer ist, könnte ich mir vorstellen zu leben. Mein Alltag, meine Projekte und mein soziales Umfeld - wo auch immer es gerade stattfindet - festigen mein Heimatgefühl und ich habe gelernt, dass ich überall zuhause sein kann. Meine Heimat ist kein Ort, meine Heimat, das bin ich. 

Zur Frage "Was ist Heimat" schrieb bereits Aleida AssmannSie plädierte für ein Projekt "neue Heimat" und eine solidarische Gesellschaft - dies wäre eine Chance für die Ankommenden wie die Aufnehmenden. Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt, Heimat sei nicht nur die Herkunft, sondern auch die Möglichkeit, neue Orte aufzusuchen.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer barucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Jonas Schliefen
    Da fällt mir spontan nur folgendes ein: https://www.youtube.com/watch?v=5EH5JKN2tTY
  2. von Magdalena Meierhöfer
    "Mein Alltag, meine Projekte und mein soziales Umfeld - wo auch immer es gerade stattfindet - festigen mein Heimatgefühl und ich habe gelernt, dass ich überall zuhause sein kann. Meine Heimat ist kein Ort, meine Heimat, das bin ich."

    Zwei Sätze und neun mal das Wort ICH oder MEIN. Könnte Zeitgeist sein oder halt auch auf einer persönlichen Ebene sehr bedenklich. Danke für die Vorwarnung! Für mich zeigt der Artikel die Überforderung von einzelnen Refugees und welch unglaubliche Herausforderung Integration darstellt - langfristig. Die Aufarbeitung von Traumatas und ihren Folgen in Form von Persönlichkeitsstörungen sind dabei oberste Priorität!