Nicht-weiße Menschen in Deutschland Euer Patriotismus grenzt mich aus!

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Studentin

Expertise:

Susan Mudallal studiert Politikwissenschaften und ist Vorsitzende des Studierendenparlaments an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Was ist Heimat? Susan Mudallal empfindet es als Frechheit, dass sie sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie genug "integriert" sei - obwohl sie in Berlin geboren ist.

Wo kommst du denn her? Aus Berlin?! Nein - ich meine wo kommst du wirklich her?

Ganz normale Fragen, oder? Wann wurden Ihnen diese Fragen gestellt, noch bevor jemand nach Ihrem Namen gefragt hat? Wenn Sie „deutsch“ aussehen und nicht gerade einen Auslandsaufenthalt machen, wahrscheinlich nie. Als „nicht-deutsch“-aussehende Person werde ich jedoch ständig damit konfrontiert. Und die Antwort „aus Berlin“ ist für die Fragenden nur selten eine ausreichende - obwohl ich in Berlin geboren wurde und aufgewachsen bin (Ja, WIRKLICH). So harmlos es scheint: Diese Fragen sind verletzend und übergriffig.

Nicht-weiße Menschen werden in Deutschland ständig mit klischeehaften Witzen und Bemerkungen konfrontiert.

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In etwa 85% der Fälle werde ich mit ihnen konfrontiert, noch bevor jemand wissen möchte, wie ich heiße oder was ich mache. Diese Erfahrung teile ich mit den meisten Menschen, die nicht „blond, groß und blauäugig“ sind. Doch nicht nur beim Smalltalk mit Fremden, sondern auch in Freundeskreisen, Arbeitsgruppen etc. bleiben einem klischeehafte Witze und Bemerkungen nicht erspart. Wenn man die Stimmung nicht versauen und niemandem auf den Schlips treten möchte, bleibt einem folgende Handlungsoption: Mund halten und lächeln. Wenn einem Empörung und kurzes unangenehmes Schweigen nichts ausmachen, ist es durchaus möglich, sein Selbstwertgefühl zu verteidigen und etwas dagegen zu sagen. Aber Achtung: Die Schuldige in dem Moment bin ich selber/ist man selber! Man hätte ja seinen Mund halten können. Wie komme ich überhaupt darauf, die weiße, privilegierte Person auf ihren Rassismus aufmerksam zu machen?

Die deutsche Gesellschaft assoziiert Verhalten, Erwartungen, Heimat und Identität mit Hautfarbe und Religion.

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Nachdem ich alle Optionen durchgespielt hatte, probierte ich etwas Neues: Humor! Ich machte Witze über Weiße und ihr “Deutschsein”. Prompt gingen Beschwerden bei mir ein. Da war zum Beispiel einer meiner Freund*innen, der mir erklärte, dass es ihm unangenehm sei, wenn er aufgrund seiner weißen Hautfarbe mit dem Ort seiner Geburt (Deutschland) in eine Schublade gesteckt werde. Schnell wurde klar, dass er keine Ahnung davon hat, wie schwierig es ist, als braune Person in einem weißen Land zu leben, indem Hautfarbe unmittelbar mit Herkunft verknüpft ist. Und dafür kann er nichts! Wir sind beide in einer Gesellschaft aufgewachsen, die Verhalten, Erwartungen, Heimat und Identität mit Hautfarbe und Religion assoziiert. Das soll heißen, dass meine individuelle Persönlichkeit ständig im Kontext zu meinem „Arabischsein“ definiert wird.

Heimat ist hierzulande ein Ort, der für jene vorbestimmt ist, die einzig Deutschland als Zuhause kennen.

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Heimat ist hierzulande ein Ort, der für jene vorbestimmt ist, die einzig Deutschland als Zuhause kennen und mich mit ihrem Patriotismus ausgrenzen. Gleichzeitig können die Herkunftsländer meiner Eltern – Orte, an denen ich zu wenig Zeit verbracht habe, um sie wirklich mein Zuhause nennen zu können – noch viel weniger als Heimat infrage kommen. Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil dieser Gesellschaft sich nicht bewusst ist, wie schwierig es für Menschen mit Migrationshintergrund sein kann, sich zugehörig zu fühlen. Als Mensch der hier geboren ist, halte ich es für eine absolute Frechheit, dass ich mich damit beschäftigen soll, ob ich “integriert” genug bin. Es ist eine Frechheit, dass der Begriff Identität nichts mit Charaktereigenschaften sondern mit dem “Spagat” zwischen zwei Kulturen und der vermeintlichen Heimat in Verbindung gebracht wird. Meine Identität und meine Staatszugehörigkeit haben nichts miteinander zu tun! Und so bleibe ich heimatlos, mit vielen Orten an denen ich mich zuhause fühle. Ich war und bin nicht Deutsch genug für die Deutschen und nicht Arabisch genug für die Araber*innen. Ich bin auch weder “Deutsch”, noch “Arabisch”! Ich bin Susi, eine Person mit Interessen, Ansichten, Träumen und Ängsten, wie jeder andere Mensch auch. Wenn ihr mich trefft, dann könnt ihr mich gerne danach fragen.

Zur Frage "Was ist Heimat" schrieb bereits Aleida AssmannSie plädierte für ein Projekt "neue Heimat" und eine solidarische Gesellschaft - dies wäre eine Chance für die Ankommenden wie die Aufnehmenden. Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt, Heimat sei nicht nur die Herkunft, sondern auch die Möglichkeit, neue Orte aufzusuchen. Adbul Alzuabi musste vor vier Jahren sein gewohntes Umfeld in Syrien verlassen. Jetzt sagt er: "Heimat ist kein Ort, Heimat - das bin ich." Friseurmeisterin Birgit M. fühlt sich in Berlin mit all den Zugezogenen und steigenden Mieten nicht mehr zuhause.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier.

15 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Markus Berinig
    Ich werde Frau Mudallal ihre Erfahrungen nicht absprechen und erst recht nicht, dass sie sie als unakzeptabel empfindet. Dem möchte ich aber folgendes entgegenstellen: Warum meint sie, dass ich - zugebenermaßen ein weißer Deutscher, der zumindest sicher ist, dass seine Familie seit ca. 1500 in Deutschland existiert - mich in Deutschland noch zu Hause fühle, ich Gegenden wie Berlin-Wedding noch als "Heimat" ansehe? Und was macht "Heimat" für mich aus? Ich empfinde zwar farbige Menschen nicht als "störend" und bin auch mit einigen befreundet, zähle sie aber nicht zur der Gruppe, die ich als "deutsch" ansehe. Das hat mit ihrer Hautfarbe aber nichts zu tun. Denn umgekehrt erlebe ich durchweg von Menschen mit Migrationshintergrund (auch solchen, die auf den ersten Blick wie Deutsche aussehen, z.B. Polen oder Balten) dass ihr Verhältnis zu Deutschland fast immer ambivalent ist und sie es nur akzeptieren, wenn es sich als freier Siedlungsraum für jedermann weltweit geriert, ohne die Erwartungshaltung, es als solches zu akzeptieren und auch, dass es unbegrenztes Multikulti nicht bereichert, sondern fragmentiert. Heimat, "bei uns", das ist bei praktisch allen Einwanderern (und deren Kindern!) fast immer ein anderes Land. Ich aber habe so eine transzendierte Ausweichheimat nicht und will sie auch gar nicht.

    In Deutschland fühle ich mich inzwischen so fremd wie Susan Mudallal, weil ich es noch anders kenne und den Zustand heute ablehne. Ich will kein Zusammenleben "täglich neu aushandeln", ich möchte die Selbstverständlichkeit zurück, die es früher unter Deutschen in Deutschland gab. Hautfarbe und Aussehen wird nur egal, wenn man sich anders als Gemeinschaft definiert und empfindet, das aber ist nicht beliebig auszuweiten. Woran ich es festmache: Sie sagt "ich komme aus Berlin" aber nicht "ich bin eine Deutsche" das genau macht den Unterschied.
  2. von Lothar Kascha
    die einen sehen Nachfragen zu ihrer Person als Interesse an und erzählen gerne von sich selbst, ihrer Familie etc. die anderen fühlen sich brüskiert und wittern Rassismus in Reinform. Jeder halt, wie er's gerne hätte und zu seinem Wohlbefinden braucht. Wenn ich mit Fremden plaudern, sie näher kennenlernen möchte und nach einer harmlosen Frage bezüglich der Herkunft als Reinkarnation eines rassistischen Nazibarons angezickt werde, bestünde absolut kein Bedürfnis, sich weiter mit diesen abzugeben - allerdings habe ich auch noch nie so ein Abwehrverhalten erfahren - vielleicht wohl, weil ich Menschen mit einer geballten Wutaura gar nicht näher kennenlernen möchte
  3. von Jens Pöhnisch
    Ich bin seit 20 Jahren in Berlin. Ich werde aufgrund meines Dialekts dauernd gefragt, woher ich komme. "Aber vorher, also vor Berlin?". Es nervt manchmal ein wenig, ja. Aber ich halte es weder für "übergriffig" noch für "verletzend". Die Leute wollen sich einfach unterhalten und Interesse an meiner Person bekunden.
  4. von Tumtrah Sberk
    Hallo Susi, so möchten Sie wohl angesprochen werden. Das ist ja nett, aber gleich sind Sie in einer Persönlichkeitsfalle gelandet. "Susi" ist zu intim weil wir uns gar nicht persönlich kennen. Also geschätzte Frau Mudallal, Sie lassen Ihren Frust im Beitrag zur Heimat ab. Das ist Ihr gutes Recht und Ihr Glück, weil diese Zeitung Sie gewähren lässt. Ich will hoffen, dass Sie den inneren Schweinehund Ihres Frustes erfolgreich in den Griff bekommen, so provokrativ sich Ihre Äußerungen auch anhören.
    Ihr Frust ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Man könnte hunderte von Beispielen anführen, in denen Menschen aller Hautfarben, aller Landstriche, aller Religionen, sich gegenseitig einfühlsam hassen und das Neben- wie Miteinander verderben. Gehen Sie in sich und beginnen positiv zu denken. Die allerallerwenigsten wollen Ihnen etwas Böses.
  5. von Max Mustermann1
    Naja Susi, der Kern des Problem ist, dass irgendeine Form von Abgrenzung nach außen (es geht dabei nicht um Hautfarbe) andere, sehr wichtige Funktionen erfüllt.

    Stell Dir vor, Du hast ein Sozialsystem und willst Armut im Land reduzieren. Wenn sich eine Gesellschaft sich nach außen gar nicht abgrenzt, ist das unmöglich, weil einfach neue Arme nachkommen, als ob man einen löchrigen Eimer mit Wasser füllt.

    Stell Dir vor, es gibt Konflikte in der Welt - z.B: Islamisten, Bürgerkriege, etc... . Eine Gesellschaft, die sich nicht abgrenzt, importiert diese Konflikte ganz einfach.

    Oder - letztes Beispiel - eine Gesellschaft will ihr Land erhalten, verbessern und ausbauen, wohlhabender und reicher werden. Bei einer völlig offenen Gesellschaft führt das dazu, dass Fremde sich ebenso einen Teil vom Kuchen nehmen, ohne vorher dazu beigetragen zu haben.

    Das alles führt dazu, dass ein gewisser Wunsch nach Abgrenzung in jedem Land vorhanden ist. Die Frage ist dann nur, wie die Grenze gezogen wird und ob "Heimat/Vaterland/Identität" sich heute noch dafür eignet.

    Würde man darauf pochen, dass Migration nur noch legal und nach vom Volk gewünschten Regeln erfolgt, wäre das wahrscheinlich schon ausreichend. Die wenigsten wollen wohl eine Studentin ausgrenzen die legal im Land ist.
    1. von Schwani Schwan
      Antwort auf den Beitrag von Max Mustermann1 27.09.2019, 09:44:20
      Selten so viel Falsches in einem Kommentar gelesen. Bzw. so viele Punkte die das Problem an sich entlarven. Abgrenzung hat also Ihrer Meinung nach eine "rationale" Funktion den Wohlstand zu erhalten. Und Wohlstand kann nur in einem geschlossenen Konstrukt funktionieren. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Armut in anderen Teilen der Welt ein hinzunehmendes Übel ist, welches eben Menschen betrifft die Pech haben in der Lotterie des Geburtsortes. Also müssen diese ausgegrenzt werden, damit der Wohlstand weniger erhalten bleibt.... Ich glaube dazu muss nichts gesagt werden. Das inhumane und die Missachtung von Menschenrechten kann gar nicht deutlicher werden. Außerdem zeigt die Historie, dass vor Allem Öffnung und Vielfalt zu globalen wirtschaftlichen Erfolgen führt und komischer Weise sind die Länder mit offenen Migrationsstrukturen und hohen Migrationsanteilen die reichsten und im Falle Skandinaviens sogar mit den besten Sozialsystemen.... You played yourself. Der "Import" von Bürgerkriegen und Islamisten ist auch eines der typischen Märchen der rechts-außen Gesellschaft, die sich als bürgerlich gibt. Solange wir auf andere zeigen können, brauchen wir uns mit eigenen Problemen nicht beschäftigen (NSU-Morde, Mord an Lübcke, Anschläge etc. Sind glaube ich nicht "importiert", sondern aus dieser Gesellschaft gewachsen).
      Die Annahme, dass Ausgrenzung eine wichtige Funktion erfülle sollte Ihnen eigentlich schon einen Anlass geben Ihre Positionen und Meinung zu hinterfragen und zu schauen, ob man nicht an der Einen oder Anderen Stelle Humanität für vermeintlichen Wohlstand verkauft und sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle rassistische Denkweisen zeigen.
    2. von Markus Berinig
      Antwort auf den Beitrag von Schwani Schwan 27.09.2019, 10:03:46
      Für den wirtschaftliche Erfolg in anderen Regionen oder Ländern sind nicht wir in Deutschland zuständig oder verantwortlich, sondern die Menschen (oder die Regierungen) vor Ort. Sie entscheiden, ob ihr Land (in ihrem Sinne) erfolgreich und lebenswert ist oder nicht. Umgekehrt kümmert sich auch niemand im Ausland darum, dass es Deutschland gutgeht oder besser. Wer nach Deutschland einwanddert, kommt nicht her, um es besser zu machen, sondern weil er hier Dinge vorfindet, der er zu Hause nicht hat.
      Die skandinavischen Wohlfahrtstaaten sind (außer in Norwegen, wo das Öl noch alles finanziert) unbezahlbar geworden, haben die Gesellschaften aber nicht humaner gemacht, sondern zu mitleidigen Anspruchsgesellschaften transformiert, wo jeder nur noch darum mit anderen konkurriert, auf der Bevorzugungsskala ein Stück weiter nach vorne zu kommen.
      Völlige Liberalität führt zwangsweise in totale Unfreiheit, und so führt ein Übermaß an Unterschiedlichkeit auch nicht zu buntem, fröhlichem Allerlei, sondern einer rauhen Konkurrenzgesellschaft von Ethnien, die sich gar nicht mehr als Gesellschaft empfinden, sondern nur gegeneinander kämpfen, als Beispiel, wohin das im Extremfall führt, kann man ja gerade Syrien anführen. Wirtschaftlicher Erfolg basiert nicht auf maximierter Einwanderung, sondern Bildung, Fleiß und Aufstiegswillen. Südkorea ist weitaus erfolgreicher als Deutschand und zugleich ein Land fast ohne Zuwanderung. Auch Deutschland war früher so erfolgreich, nicht weil MIllionen einwanderten, sondern wiel es selbst ein junges Land war mit vielen jungen Menschen, die wissbegierig waren und vorankommen wollten. Ich denke genau das ist uns in Deutschland weggebrochen.
      PS. Es gibt kein Menschenrecht auf Einwanderung. Selbstverantwortung zu verlangen ist keine Ausgrenzung sondern eigentlich etwas völlig selbstverständliches. Und das es einheimische Verbrecher (und Mörder) immer gegeben hat, ist eine Binsenweißheit, aber kein Argument, importierte Kriminlaität einfach hinzunehmen
    3. von Thomas Wolf
      Antwort auf den Beitrag von Schwani Schwan 27.09.2019, 10:03:46

      Der Kommentar wurde entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen gegen andere NutzerInnen. Mit freundlichen Grüßen die Community-Redaktion / dr
  6. von Susi Sorglos
    Ja, klar, Ausgrenzung und Vorurteile gibt es. Die betrifft aber die meisten von uns irgendwann mal: Frauen, Männer, Rothaarige, Blonde etc... - die Liste ist lang. Aber die Frage nach der Herkunft bedeutet zumeist einfach auch Interesse an der Person, an ihrer Geschichte. Wir hatten eine iranische Kommilitonin, ebenfalls hier aufgewachsen, klar haben wir sie gefragt, wo ihre Wurzeln liegen. Wir haben aber auch andere danach gefragt, die nicht den hiesigen Akzent hatten. Die Frage nach der Herkunft bedeutet nicht zwangsläufig Ablehnung, sondern einfach auch Interesse. Ich hätte (bei Sympathie) auch gefragt, einfach weil mich Biographien interessieren. Ob man hier seine Heimat findet oder nicht, ist manchmal bewusst oder unbewusst auch eine Frage anderer Faktoren. Kleines Beispiel: Wurde ohne schwäbische Wurzeln in Schwaben geboren, habe mich dort aber nie heimisch gefühlt, sondern immer als Außenstehende. Ich beherrschte den Dialekt, sah aus wie alle anderen, ausgegrenzt wurde ich nie. Nach dem Umzug in die Pfalz war es, als wäre ich endlich zu Hause angekommen, kurios, aber wahr. In Berlin bin ich hingegen auch nach Jahrzehnten nicht angekommen.
    1. von Schwani Schwan
      Antwort auf den Beitrag von Susi Sorglos 27.09.2019, 08:35:40
      Kann sein, dass aus deiner Perspektive die Frage nach der Herkunft nur „nett“ gemeint und von positivem Interesse geprägt ist. Für Menschen, die jedoch hier geboren wurden und ständig damit konfrontiert werden, ist dies aber nicht einfach nett. Es bedeutet, dass ihnen abgesprochen wird sich einfach als „deutsch“ oder zugehörig definieren zu können, weil ihr Phänotyp für andere Personen immer „fremde“ Herkunft bedeutet. Die ständige Assoziation mit einer vermeintlichen „Volksgruppe“ wird Dir wahrscheinlich in Schwaben oder Berlin nicht passiert sein. Aber scheinbar haben wir weißen (ich gehöre auch dazu) das Bedürfnis ständig unsere „diskriminierungserfahrungen“ Zu teilen und für andere zu definieren, was Diskriminierung ist und was nicht. Schade, dass man den Betroffenen nicht einfach mal zuhört und vielleicht doch selbst hinterfragt. Der Artikel beschreibt nämlich leider keinen Einzelfall.
    2. von Susi Sorglos
      Antwort auf den Beitrag von Schwani Schwan 27.09.2019, 08:57:37
      @Schwani Schwan: Nö, nicht als Volksgruppe, aber mit meinen roten Haaren wurde ich auch von manchen nachdrücklich abgelehnt, andere waren fasziniert. Und es war äußerst merkwürdig, mit elf Jahren gefragt zu werden, ob die Farbe echt sei. Bei einem Harzurlaub setzte sich eine Dame, mit der ich mich sehr nett unterhalten hatte, hektisch weg, als sie nach einer Weile erfuhr, dass ich wider Erwarten keine Ossine, sondern Wessine bin. Ja, ich war/bin anders, jeder Mensch ist irgendwo irgendwann anders und intolerante Idioten gibt´s überall. Who cares ?
      Wir müssen stark aufpassen, dass sich keine selbst verordnete Verklemmtheit einstellt, die auch das positive Interesse an anderen limitiert. Jeder Mensch hat eine eigene Biographie, eigene Wurzeln. Danach zu fragen, muss erlaubt sein und bleiben. Und möglicherweise haben sich im Laufe der Zeit auch Empfindlichkeiten eingestellt, die möglicherweise auch fehl am Platze sind? Wäre doch denkbar.
  7. von Pavel Chekhov
    Es tut mir leid aber hier ist jemand zu empfindlich und bedient sich gleichzeitig auch rassistischen Klischees- „groß, blond, blauäugig“ trifft wohl mittlerweile auf die wenigsten Deutschen zu. Die Frage nachdem woher sollte man mit Interesse - also positiv- bewerten. Ich selbst wurde in Deutschland auch öfter gefragt ob ich aus Schweden oder dergleichen komme. Während meiner Zeit im Ausland wurde ich ebenfalls öfter nach meiner Herkunft gefragt - und ja es gab mehr als genug spitze Bemerkungen weil ich Deutscher bin. Also nicht immer so empfindsam - auch wenn es zur Zeit passt. Jeder fühlt sich ja immer sofort diskriminierend angegriffen heutzutage. Wie konnten Menschen eigtl früher lebensfähig sein.
    1. von Karis Ma
      Antwort auf den Beitrag von Pavel Chekhov 27.09.2019, 07:47:18
      Ihr eigener Kommentar bestätigt die Autorin in Ihrer Aussage. Sie sprechen von Ihrer Erfahrung im Ausland und vergessen dabei das diese Erfahrungen für viele Menschen hier in Ihrer Heimat eine Ständige ist. In unserer Gesellschaft werden gewisse Phänotyp mit „besseren“ oder „schlechteren“ Eigenschaften assoziiert. Als Person ohne heller Haut oder ohne europäischen Namen muss man sich ständig neu beweisen und sich immer wieder aus Schubladen kämpfen; egal welchen. Ich wurde während meines Zivildienstes von einer Mitarbeiterin darauf angesprochen wie gut ich deutsch spräche und das auf dem breitesten schwäbisch. Das klingt witzig, ist auf Dauer aber anstrengend. Sie sprechen von Befindlichkeiten, ich finde das tatsächlich anmaßend. Sie sprechen aus einer privilegierten Position ohne die Erfahrung gemacht haben zu müssen. Ein skandinavisches Aussehen wird Ihnen nirgendwo auf der Welt einen Nachteil einbringen, weder privat oder beruflich. Das überspitze Bild (blond) eines Deutschen ist genau das. Überspitzt, Deutschland ist multikulturell. Migrationshintergrund ist nicht gleich ausländisch. Das ist übrigens kein europäisches Problem, sondern ein deutsches. In meiner Zeit in den Niederlanden wurde ich immer als Niederländer wahrgenommen und immer auf niederländisch angesprochen. In Deutschland ist das nicht der Fall. Es ist ein Problem unseren deutschen Gesellschaft!
    2. von Pavel Chekhov
      Antwort auf den Beitrag von Karis Ma 27.09.2019, 08:24:06
      Ich würde nicht sagen das es ein deutsches Problem (ich würde es nichtmal als Problem bezeichnen) ist, ganz im Gegenteil. In vielen Ländern dieser Welt dürfte es sehr viel schlimmer sein. Egal auf welchem Kontinent. Sie werden es als Weißer sicherlich auch nicht einfach in Afrika haben usw. Der Vergleich mit den relativ kleinen und dicht gepackten Niederlanden hingt hier meiner Meinung nach auch. Haben die doch eine sehr lange Migrationstradition. In Deutschland hingegen findet Migration vor allem in den Großstädten statt. Für viele vom Lande ist dann etwas "besonderes" einen Türken, Afrikaner oder dergleichen zum ersten Mal "live" zu sehen. Für mich bleibt es gut gemeinte Neugierde, die jeden (auch Deutsche) trifft. Die wenigsten werden wohl aktiv rassistisch angegangen. Ich habe es noch nie erlebt - sowohl bei Kollegen, noch bei mir. Beweisen müssen sich im übrigen auch Deutsche wenn sie irgendwo neu anfangen, vor allem wenn er in ein anderes Bundesland, oder von Ost nach West (oder umgekehrt) zieht. Was glauben Sie was ich in meiner Zeit in Sachsen oder in BaWü als Berliner (aka Sau-Preuße) aushalten musste, auch wenn es immer freundlich gemeint war. - genau wie ich in UK immer nur "the German" war. Das wirklich deutsche "Problem" ist es, dass zur Zeit ständig versucht wird vermeintliche Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen, bzw. sich "Minderheiten" bei jeder Kleinigkeit diskriminiert fühlen. Insofern scheint mir die Autorin schon bestens integriert.
    3. von Schwani Schwan
      Antwort auf den Beitrag von Pavel Chekhov 27.09.2019, 09:08:08
      Also nur, weil es in anderen Gebieten der Erde schlimmer ist, ist es hier kein Problem? Also ist Armut, mangelnde Gleichstellung der Geschlechter, Umweltschutz etc. kein Problem, weil es woanders "schlimmer" oder auch nicht besser ist? Bedeutet dies nicht eigentlich, dass es ein generelles Problem ist, welches sich nicht nur in Deutschland zeigt? Das deutsche "Problem", wie Sie es nennen, ist nicht der Versuch Minderheiten zu schützen, sondern Diskriminierungserfahrungen zu ignorieren und als nicht Betroffene definieren zu wollen, was als rassistisch gilt und was nicht. Lieber behaupten alles sei nur "Schwachsinn" oder eine "Empfindlichkeit", als sich selbst zu hinterfragen und Betroffenen einfach mal zuzuhören.
      Und das Beispiel mit "Türken und Afrikaner" auf dem Dorf "live" zu sehen und dementsprechend ein Zoo-ähnliches Ereignis daraus zu konstruieren, durch das jegliche Fragen, so unangemessen sie auch sein mögen, gerechtfertigt werden spricht wirklich Bände. Auch wenn in ländlichen Regionen die Berührungspunkte mit Menschen mit Migrationshintergrund geringer sind, finde ich es seltsam aus der Perspektive der Dorfbewohner zu definieren was ok ist und was nicht. Die Person mit Migrationshintergrund ist nach ihrem Narrativ lediglich Objekt, welches alles zum Wohlbefinden und der Begierde nach dem "Exotischen" der vermeintlich Einheimischen aushalten muss.