Wenn die Heimat gentrifiziert wird Das ist nicht mehr mein Berlin!

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Birgit M. ist Friseurmeisterin in Berlin.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Was ist Heimat? Für Birgit M. hat sich das Berliner Stadtbild in den vergangenen Jahren so verändert, dass es sich die Stadt nicht mehr nach ihrem Zuhause anfühlt.

Das ist nicht mehr mein Berlin, wie ich es kenne. Wenn ich auf die Straße trete, begegnet mir oftmals eine Aggressivität, eine Respektlosigkeit und ein Tempo, vor dem ich mich verstecken will. Diese Stadt will sich jeden Tag selber überholen. Die Menschen hier atmen hektisch ein - aber kaum wieder aus. 
Als ich vor 36 Jahren von Bremen nach Berlin zog, versprach diese Stadt Abenteuer, die in den darauffolgenden Jahren eingelöst wurden. Heute strahlt Berlin nach außen eine wahnsinnige Hipness und Weltoffenheit aus. Aber sobald man diese Zuckergussglasur abzieht, trifft man auf Menschen, die frustriert sind, die sich in ihrer Heimat nicht mehr wohl fühlen, die sich in dieser Stadt nichts mehr leisten können und die die Sprache nicht verstehen, die auf dem Bürgersteig gesprochen wird. 

Die Menschen, die nach Berlin kommen um hier zu leben, sollten auch die Sprache lernen.

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Denn in einigen Stadtteilen ist Englisch mittlerweile die Hauptsprache. Dabei finde ich, dass Menschen, die in diese Stadt kommen, um hier einige Jahre zu leben, auch unsere Sprache lernen sollten. Die Veränderungen machen sich auch in dem zuweilen lauten und präsenten Verhalten der Menschen bemerkbar. Anstatt sich den gegebenen Strukturen anzupassen, verändert sich die Stadt zu ihren Gunsten. Sie wird teurer, szeniger, plastischer. 

Berlin ist teurer, szeniger und plastischer geworden.

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Gleichzeitig findet ein Generationswechsel statt, der viele junge Menschen in diesen Kiez treibt. Sie suchen wahrscheinlich die gleichen Abenteuer, die ich hier früher auch vermutete, nur das sich das, worauf sie stoßen werden, grundlegend verändert hat. Weder Jobs, noch Wohnungen lassen sich einfach finden. Das verändert die Haltung der Menschen untereinander, denn sie werden zu Konkurrenten. 

Durch die prekären Lebensumstände verändert sich das Verhalten unter den Menschen. Sie werden zu Konkurrenten.

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Ich würde meinen Platz sogar hergeben, wenn ich die Möglichkeit hätte, ein bezahlbares neues Zuhause zu finden. Dann würde ich in eine kleinere Wohnung im Grünen ziehen und einer Familie meine Altbauwohnung überlassen. Aber es ist unmöglich, eine neue Wohnung zu einem vergleichbaren Preis zu finden. Dass wir aufgrund der hohen Mietpreise so auf unseren Wohnraum festgenagelt sind, schränkt unsere Flexibilität und Weiterentwicklung ein. Das war früher nicht so. Auch damals gab es hier eine internationale, aufregende Szene, doch eines spielte nie eine Rolle: Geld. Damals war ohnehin alles schlichter. Es ging um den Menschen an sich, nicht um die Socken oder Accessoires, die er trägt.

Dass wir aufgrund der hohen Mietpreise so auf unseren Wohnraum festgenagelt sind, schränkt unsere Flexibilität ein.

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Viele Menschen kommen in diese Stadt, weil sie ihnen Freiheit verspricht, das ist verständlich. Aber sie vergessen oftmals, dass zur Freiheit auch ein hohes Maß an Eigenverantwortung gehört und die Freiheit stets bei der Freiheit ihres Gegenübers endet. Freiheit wird im Moment häufig missverstanden: Sie wird mit Trinkspielen auf der Straße und Partys verwechselt. Die Menschen, die eben das hier suchen nehmen der Stadt mehr, als dass sie ihr geben. Dabei herrscht eine oberflächliche Weltoffenheit, die schnell an Wertigkeit verliert, sobald man den Bereich des Gegenübers betritt. Das ist so auf dem Wohnungsmarkt, im Straßenverkehr und im kulturellen Leben. Junge Menschen, die in Berlin geboren sind, sollten bei der Studienplatzvergabe bevorzugt werden. 

Freiheit wird in Berlin oft missverstanden.

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Was soll sich also ändern? Ich möchte, dass wir alle mal wieder durchatmen. Vielleicht sollten auch junge Menschen, die in dieser Stadt geboren sind, zuerst ein Anrecht auf einen Studienplatz haben und bevorzugt behandelt werden gegenüber Menschen, die nicht aus dieser Stadt kommen. Dass wir uns respektvoller behandeln, besonders in Kleinigkeiten, zum Beispiel im Straßenverkehr. Und ich wünsche mir, dass diese ganze Stadt mal wieder innehält, eine Bestandsaufnahme macht und sich fragt, wo es hingehen soll. Vielleicht kann sie dann auch wieder mein Zuhause werden.

Zur Frage "Was ist Heimat" schrieb bereits Aleida AssmannSie plädierte für ein Projekt "neue Heimat" und eine solidarische Gesellschaft - dies wäre eine Chance für die Ankommenden wie die Aufnehmenden. Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt, Heimat sei nicht nur die Herkunft, sondern auch die Möglichkeit, neue Orte aufzusuchen. Adbul Alzuabi musste vor vier Jahren sein gewohntes Umfeld in Syrien verlassen. Jetzt sagt er: "Heimat ist kein Ort, Heimat - das bin ich."

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Markus Berinig
    Ich möchte auf den Beitrag von Frau M. antworten, weil es mir im Prinzip ähnlich geht, wir die gleiche Generation sind (also die Babyboomer) und ich auch 1986 nach Berlin kam, damals noch Westberlin. Ich bin nicht hergekommen, weil ich in Berlin Abenteuer suchte (obwohl es in der spießigen BRD bei aller Beschränktheit der Mauerstadt schon die einzige echte Großstadt war) sondern weil meine Eltern als echte Berliner 1960 nach Westdeutschland weggegangen waren, auf der Suche nach gutbezahlter Arbeit, die es schon damals in Berlin nicht mehr gab, wie seit 1945 nicht mehr. Aber ich habe mich im Hessischen nie zu Hause gefühlt, alle Verwandtschaft im Osten (der DDR) und ich sprach den Dialekt nicht, als ich herkam, habe ich fast heimlich geweint, weil alle plötzlich den gleichen Akzent sprachen wie ich. Ich war "zu Hause" obwohl meine Eltern eigentlich Ostberliner waren. Heute, 2019, fühle ich mich in Berlin nicht mehr zu Hause und fremder, als ich es je in der südhessischen Stadt getan habe.
    Hat es mit dem Alter zu tun? Ein Stück weit schon, denn 1986 lebte ja noch die Kriegsgeneration, die das immer rotgrüner und linker werdende Westberlin als fremd und "nicht mehr wie früher" empfand. Das habe ich damals nicht recht verstanden, heute tue ich es. Und doch sind die Änderungen von 1986 zu 2019 einschneidender als von 1986 zu 1948. Ich messe dabei viel der durch den Wohlstand entstandenen Dekadenz und dem Egoismus zu, den arme Gesellschaften nie haben, weil man reich genug sein muss ihn sich leisten zu können. Die Einwanderung sehe ich weniger als Problem an als dass es sich praktisch nur um Armutseinwanderung handelte. Die meisten Einwanderer sind mit Deutschland überfordert oder verachten es im Grunde und ziehen sich in ihre Diaspora zurück, auch die jungen Amerikaner oder Asiaten. Ich erlebe Berlin als unwirtliche Ego-Gesellschaft, in der sich alle nur noch aus dem Weg gehen. Ein Ponyhof war Berlin nie - aber heute ist es einfach nicht mehr erträglich.
  2. von Markus Müller
    Wenn man vor Jahren beklagte,dass immer mehr originelless und einzigartiges Berlin platt gemacht und von rücksichtslosen Investoren und phantasielosen Politikern ausverkauft wird,bekam man immer die Antwort,dass irgendwo ja endlich mal das Geld herkommen müsse.Investoren brächten dieser Stadt,was angeblich am allernötigsten bräuchte nämlich Geld,Geld und nochmals Geld.Tatsächlich hat die Stadt an Positivem leider auch nichts aneres bekommen.Wenn ich mir das neue Viertel zwischen Ostbahnhof und Warschauer Brücke ansehe,dann könnte ich einen Brechdurchfall bekommen so instinktlos,uninspiriert und tatktlos ist dieses Stück "Neus Berlin".Gerne wünschte ich mir,dass sich das irgendwann auch finanziell rächen wird
    .Aber der Ruf der einstigen Metropole der Künstler und Undergroundkultur strahlt immer noch und bis auch der letzte gemerkt hat,das daran nichts abenteuerlich mehr ist,wird noch dauern.
    Da fällt mir ein,was Udo Lindenberg vor über 40 Jahren in seinem Penny-Lane-Cover über die Reeperbahn sang :
    "Reeperbahn,wenn ich dich heute so anseh,
    Kulisse für´nen Film der nicht mehr läuft,
    ich sag dir das tut weh!
    Reeperbahn, wenn ich dich heute so anseh'
    Die Abende sind teuer
    Doch es gibt kein Abenteuer"
  3. von Jan Engelstädter
    Nun weiß ich nicht, in welchem Kiez Frau M. wohnt - aber in meinem ist es eher nicht die englische Sprache, welche auf den Bürgersteigen dominiert. Englisch wäre ja durchaus noch akzeptabel, weil es nun einmal nicht irgendeine, sondern _die_ aktuelle Weltsprache ist.

    Insgesamt läßt sich der Beitrag Frau M.s mMn so zusammenfassen: Berlin ist jetzt hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt, es strebt in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinander, die ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einbüßen.
    Wen das an eine Aussage Herrn Cohn-Bendits von 1991 erinnert, liegt nicht falsch.
    Aber man muß doch sagen: "Ihr habt es so gewollt und jetzt beschwert ihr euch darüber, daß das Gewollte eingetreten ist!"
  4. von Philipp Ott
    Zitat: "Dass wir aufgrund der hohen Mietpreise so auf unseren Wohnraum festgenagelt sind, schränkt unsere Flexibilität ein."

    Das liegt aber auch an uns selbst. Haben doch die meisten von uns z.B. gegen eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes gestimmt. Der Mietendeckel und die Enteigungsdebatte sind die nächsten Stolpersteine.

    Es muss den Berlinern einfach klar sein: Wer nicht baut und Verhinderungspolitik betreibt, wer Mieten einfriert - der friert sich auch selbst ein. Denn dann ist eben die einzige Möglichkeit einfach nie mehr auszuziehen.

    Alle Maßnahmen die Wohnraum künstlich vergünstigen, Mieten einfrieren, sorgt nur dafür das Neubau oder Neu-Einzug noch teurer wird. Dann wird die Suche nach der neuen Wohnung zum Alptraum.
  5. von Stefan Zwoll
    Liebe Frau M.,
    Sie beschreiben ein Gefühl, dass viele Alt-Zugezogenen beschleicht. Nicht nach dem Motto "Früher war alles besser!", sondern das Gefühl, dass die, die Neu-Zuziehenden viel gebrauchen und wenig geben.
    Aber ganz ehrlich, was haben "wir" unserem Kiez/der Stadt damals gegeben?
    Manchmal möchte ich Mäuschen spielen und denen zuhören, die wirklich alteingesessen sind.
    Diese Menschen haben in meinem hippen Kiez keine Stimme und können sich auch nicht so ausdrücken wie wir beide. Sie sind die Unsichtbaren und Zurückgelassenen.
    Der Traum einer sozialen Stadt bleibt für sie nur ein unerfülltes Versprechen. Sie müssen an den Rand gedrängt schauen, wie sie zurechtkommen.
    Heute sage ich, dass ich meinem Innenstadt-Kiez nichts mehr geben kann, weil ich mich sehr von ihm entfremdet habe. Statt zu geben habe ich aufgegeben.
    Mein Hauptstadtgefühl ist daher eher Ohnmacht gegenüber unsozialem Verhalten, hemmungsloser Investorengier sowie visionsloser Planungs- und Handlungsunfähigkeit derer, die mal auszogen, diese Stadt sozialer zu gestalten.