Nationale Identität Vom wahren und falschen "Deutsch-Sein"

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Professor emeritus für Neuere Deutsche Literatur

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Dieter Borchmeyer war ab 1988 Professor für Neue Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg. Für seine wissenschaftlichen Darstellungen von literarischem Rang erhielt er im Jahr 2000 den Bayrischen Buchpreis (Karl-Vossler-Preis). Von 2004 bis 2013 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Sein Buch "WAS IST DEUTSCH? Die Suche einer Nation nach sich selbst" erschien 2017 im Rowohlt Verlag.

Deutschland hadert mit seiner nationalen Identität - und ebenso die Einwanderer, die sich nicht mit dem negativen Nationalgefühl identifizieren können. Dabei bieten unsere kulturellen Traditionen viele positive Ansatzpunkte.

Als vor einigen Wochen Bundesinnenminister Thomas de Maizière seine zehn Gebote einer „deutschen Leitkultur“ auf die steinernen Tafeln der BILD-Zeitung meißelte, war die Aufregung groß. Man witterte nationalistische Ressentiments hinter dem Begriff dieser Leitkultur. Man brauche ihn nicht, zeichne doch das Grundgesetz vor, nach welchen Leitlinien wir zusammenleben sollen. Und vor allem: nicht auf eine deutsche, sondern auf eine europäische Kultur gelte es das Augenmerk zu richten. Was ist überhaupt deutsch? Diese Frage taucht in jüngster Zeit immer häufiger auf. Die Suche nach der eigenen Identität prägt von jeher kaum eine andere Nation so sehr wie die deutsche. Das Problem „Was ist deutsch?“ ist von Wagner und Nietzsche über Sombart und Thomas Mann, Adorno und Gehlen bis heute in zahllosen Traktaten dieses Titels erörtert worden.

Die Deutschen haben nie eine gesicherte nationale Identität entwickelt

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Nie haben die Deutschen ein gesichertes Identitätsgefühl entwickelt, keine Nation hat so unermüdlich sich und den anderen Nationen Rechenschaft darüber abzulegen gesucht, was sie nun eigentlich sei, und die führenden Geister keines anderen Volks haben so harsche Kritik – bis hin zur Selbstverleugnung, Selbstpreisgabe,  ja zum Selbsthass – an der eigenen Nation geübt. Die Erfahrung anderseits, aufgrund der Zersplitterung Deutschlands, seiner so lange fehlenden staatlichen Einheit immer wieder – am schlimmsten im Dreißigjährigen Kriege - der Spielball und das Beuteobjekt der umgebenden Mächte gewesen zu sein, sowie das daraus erwachsende nationale Insuffizienzgefühl sind immer wieder – gerade in den Momenten der tiefsten Erniedrigung, wie etwa nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon oder dem Zusammenbruch der ,Siegernation’ im Ersten Weltkrieg - umgeschlagen in einen Superioritätsrausch, der die Traditionen und Tugenden deutscher Weltbürgerlichkeit – die für die deutsche Geisteswelt des 18. und frühen 19. Jahrhunderts so prägend waren – über Bord warf.

'Deutsch' war ursprünglich eine Sprachidee und keine Bezeichnung für ein Volk

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Im Gegensatz zu den meisten anderen Nationaladjektiven wie ,englisch’, ,französisch’ oder ,italienisch’, die sich zunächst auf die Stämme der Angeln, Franken und Italer bezogen und erst später auf die von diesen Stämmen gesprochene Sprachen, ist ,deutsch’ ursprünglich keine Bezeichnung für Stamm oder Volk als ethnische beziehungsweise für Nation, Land oder Staat als politische Gebilde, sondern – genau umgekehrt zur Genese der erwähnten anderen Nationaladjektive – eine Sprachidee: die Bezeichnung für die ,Zunge’ der germanischen Stämme Mitteleuropas – im Gegensatz zu derjenigen der angrenzenden romanischen Bevölkerung und zumal zum Latein.

Ursprünglich war Deutschland als Kulturnation eine rein geistige und unpolitisch-weltbürgerliche Idee

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Damit hängt die Vorstellung einer deutschen Kulturnation zusammen, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die berühmteste Formulierung hat die Idee der Kulturnation in den Distichen „Das deutsche Reich“ und „Deutscher Nationalcharakter“ aus den Xenien von Goethe und Schiller gefunden: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Und: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen auch aus.“ Intellektuelles und politisches Deutschland decken sich diesen Xenien zufolge nicht nur nicht, sie klaffen vielmehr regelrecht auseinander. Das ,Deutsche’ ist in diesem Sinne lange eine transpolitische, rein-geistige, humanistisch-weltbürgerliche Idee gewesen. In ihr gründet auch die Idee der „Weltliteratur“, die Goethe sich in seinen letzten Lebensjahren zueigen gemacht hat. "Na­tional-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wir­ken, diese Epoche zu beschleunigen." So Goethe zu Eckermann in einem Gespräch am 31. Januar 1827.

Von den Kritikern des eskalierenden Nationalismus ist im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder – am wortmächtigsten von Nietzsche und Thomas Mann – an den Kosmopolitismus der Goethezeit erinnert worden, der das eigentliche Wesen des Deutschen ausmache. Dieses ist eben eigentlich ein inklusiver Begriff, der in denkbar größtem Gegensatz zur Exklusivität eines ,Deutschen’ steht, das sich im 19. und 20. Jahrhundert mehr und mehr abzusondern neigte und gegen die Nachbarstaaten, zumal wider Frankreich, feindlich abgrenzte. „Es gibt ja einen Nationalismus der rodomontierenden Unwissenheit, welcher, das patriotische Panier mit übertrieben nervichten Armen schwingend, vom höheren Deutschtum so viel versteht wie der Ochs vom Lautenspiel“ (so Thomas Mann). Gerade in Deutschland hat sich im 18. Jahrhundert ein ,deutscher’ Kulturbegriff entwickelt, der das Nationale mit dem Übernationalen, das Eigene mit dem Fremden amalgamiert und hierarchisierende ,Leit’-Vorstellungen meidet.

Das negative deutsche Nationalgefühl macht es Einwanderern unmöglich, sich mit der neuen Heimat zu identifizieren.

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Dem so verstandenen Deutschsein hat der gebürtige türkische Schriftsteller Zafer Şenocak 2011 eine eindringliche Studie gewidmet. Zu ihren fesselndsten Teilen gehört ein Kapitel mit dem bewusst missverständlichen Titel „Gebrochen Deutsch“. Gegen die Lesererwartung meint er nicht das gebrochene Deutsch vieler Einwanderer, sondern die ,gebrochene’ Identität der Deutschen: die „in der Menschheitsgeschichte beispiellose Abrechnung mit der eigenen Geschichte“. Die Deutschen „sprechen ein ,gebrochenes Deutsch’, wenn sie über ihre Identität, über ihr Deutschsein sprechen.“ Dazu und zu der „partiellen Amnesie“, ja ,Selbstvergessenheit’, was die eigene Geschichte betrifft, haben die Einwanderer indessen kein Verhältnis. Wie sollen sie sich in ein Land integrieren, dessen nationale Identität als „Minenfeld“ erscheint, auf dem jeder Schritt üble Folgen nach sich ziehen kann? An der Selbststigmatisierung der Deutschen, ihrem vielfach negativen Nationalgefühl können die von Schuld und Katastrophe der deutschen Geschichte nicht belasteten Einwanderer nicht teilhaben; durch jene Stigmatisierung müssen sie sich von der deutschen Identität ausgeschlossen fühlen, werden sie an einer Identifikation mit der neuen Heimat gehindert, die nur durch ein positives Nationalgefühl ermöglicht wird. So Şenocak.

In den Integrationskursen sollten deutsche Literatur, Musik, Kunst und Philosophie eine viel größere Rolle spielen

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Blickt man indessen in die Leitlinien der Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) und in die Lehrbücher für den Integrationskurs (Orientierungskurs), die jenen Leitlinien folgen, dann stellt man fest, dass sie vollständig von jener „partiellen Amnesie“ geprägt sind, die Şenocak kritisiert. Literatur, Musik, Kunst, Philosophie – die großen intellektuellen und ästhetischen Traditionen Deutschlands kommen darin nicht vor. Kultur ist in diesen Lehrbüchern nichts anderes als der Sammelbegriff für deutsche Lebensgewohnheiten und -regeln. Kultur ist nicht Bach und Goethe, die De Maizière in seinen Richtlinien zur deutschen Leitkultur beschwört, sondern dass man in Hamburg Aalsuppe und in Berlin Bouletten isst. Und noch schlimmer: die deutsche Geschichte beginnt erst 1933 – nach einer schnell abgehandelten Vorgeschichte von 1871 bis 1933. Dann gibt es in den Lehrbüchern noch einen Abriss der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Wiedervereinigung. Und das war es. Wie sollen sich Migranten und Flüchtlinge integrieren, sich mit unserem Land (sei es auch in der Form eines „Verfassungspatriotismus“) identifizieren, wenn sie – vielfach selbst traumatisiert - fast nur die Schattenseiten und Traumata ihres Gastlandes kennenlernen und ihren vom eigenen Schicksal ohnehin beladenen Schultern auch noch die Last der Geschichte des Landes aufgebürdet wird, das ihnen zur neuen Heimat werden soll? Und wie sollen sie sich von einer „deutschen Leitkultur“ leiten lassen, in der das, was eigentlich deutsch und Kultur ist, kaum eine Rolle spielt?

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Peter Kammer
    Der Nationalkollektivismus, aus dem dann die "nationale Identität" resultiert, wird also als natürliches Streben definiert.
    Das erscheint mir allerdings völlig falsch. Die Nationalideologie hatte nicht nur in Europa schlimme Folgen, auch ihr Transfer auf Afrika nach kolonialen Grenzziehungen befördert die dortigen Katastrophen und politischen Verwerfungen.
    Dabei könnte man prüfen, inwiefern es weniger kulturelle denn wirtschaftliche Gründe waren, die zur sagenumwobenen Nationenbildung führten. Immerhin gab es vor 1871 schon den Deutschen Zollverein. Und vor der EU gab es die EWG.
    In Zeiten, in denen aber ohnehin grenzenlos kommuniziert und gehandelt werden kann und sich Unternehmen kaum um nationale Staaten scheren und wenn sie es doch tun, dann, um eigene Vorteile zu ziehen aus der Konkurrenz der Staaten untereinander, stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck von Nationalstaaten neu. Sie stellt sich auch, weil kollektive Identitätsbildung nunmehr aus gemeinsamen Interessen hergeleitet werden kann: In einer facebook-Gruppe interessiert die nationale Zugehörigkeit nur am Rande, und selbst ein Deutscher kann dort Schottland lieben.
    Wenn es aber unbedingt sein muss und wir nationale Gemeinsamkeiten definieren wollen, so sollte der Narrativ des Volkes für ein Zu-, Ab- und Durchwanderungsland vielleicht sich auch daran orientieren. Es wäre sicherlich für Zuwanderer einfacher, sich mit der Zuwanderung der Hugenotten und mit dem Edikt von Potsdam zu identifizieren als mit dem Holocaust, der für die autochtone Bevölkerung familiengeschichtlich nachvollzogen werden kann.
    Das würde dann aber zu einer Diskussion führen, die sich bisher augenscheinlich niemand zu führen traut.