Vom Wesen der Kultur "Identität" als Fetisch

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Autor und em. Professor Freie Universität Berlin

Expertise:

Hans-Dieter Gelfert war bis zum Frühjahr 2000 Professor für Englische Literaturwissenschaft und Landeskunde an der Freien Universität Berlin. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter "Was ist deutsch? Wie die Deutschen wurden, was sie sind" (Beck, 2005).

Das Gerede über eine Leitkultur setzt letztlich auf Ab- und Ausgrenzung. Damit ist es einer Kulturnation unwürdig

Identität ist das Modewort der Zeit. Die identitäre Bewegung trägt es wie einen Fetisch vor sich her. Aber was bedeutet es eigentlich? Was ist in einem Menschen das Identische? Es kann außer seiner einmaligen Individualität doch nur das Spezifisch-Menschliche sein, das, was er mit allen Menschen gemein hat.

Der Verstand ist der härteste Kern des Spezifisch-Menschlichen

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Wenn wir eine Generalinventur unseres Bewusstseins vornehmen und alles ausmustern, was nicht spezifisch menschlich ist, werden wir auf einen harten Kern stoßen, den Verstand, der die Basis aller zwischenmenschlichen Kommunikation ist. Ohne ihn ließe sich keine Sprache in eine andere übersetzen, und selbst Sprecher der gleichen Sprache könnten nie wissen, ob die anderen sie verstehen. Nicht alle haben Verstand in gleicher Menge und mit gleicher Reichweite. Doch bei allen funktioniert er nach den gleichen Regeln. Der Verstand ist der härteste Kern des Spezifisch-Menschlichen, der selbst durch die Unverständigsten nicht zertrümmert werden kann.

Alles, was nicht auf den Grundregeln der Logik fußt, beruht auf Glauben

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Das Musterbeispiel für diese Härte ist die Mathematik. Unser Gehirn zwingt uns zu der Überzeugung, dass die mathematischen Gesetzmäßigkeiten universal und ewig gültig sind. Kein allmächtiger Gott kann ein Dreieck in einer geometrischen Ebene konstruieren, dessen drei Winkel nicht zusammen zwei rechte ergeben. Selbst wenn neben unserem Universum hundert Milliarden andere existieren sollten, zwingt uns unser Bewusstsein zu der Überzeugung, dass in allen die gleiche Mathematik gelten muss. Das Gleiche gilt für die Grundregeln der Logik. An diesem harten Kern orientiert sich jede seriöse Wissenschaft. Er ist der magnetische Pol, auf den der Kompass jedes Wissenschaftlers ausgerichtet sein muss. Jede Gewissheit, die sich an einem anderen Kompass orientiert – sei es an subjektiver Intuition oder an vermeintlich göttlicher Offenbarung –, beruht auf Glauben, nicht auf Wissen. Außerhalb der Mathematik und der Logik gibt es kein Wissen, dass nicht prinzipiell durch Erfahrung falsifizierbar ist.

Wissenschaft verbindet, Glauben trennt

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Wissenschaft verbindet, Glauben trennt. Selbst Gruppen, die sich aus ideologischen oder religiösen Gründen bis aufs Blut bekämpfen, nutzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Andersgläubigen, um sie als Waffe gegen diese einzusetzen. Notfalls stehlen sie dieses Wissen. Sie würden aber niemals die Glaubensinhalte des Gegners stehlen, denn genau die wollen sie vernichten. Eine Gruppenidentität, die nur auf gesichertem, jederzeit überprüfbarem und darum falsifizierbarem (widerlegbarem) Wissen beruht, ist allgemeinmenschlich und grundsätzlich inklusiv. Gruppenidentitäten, die auf ethnischer Herkunft, Sprache, Kultur und Religion beruhen, sind exklusiv, denn sie definieren sich durch Abgrenzung vom Fremden.

Eine Gruppe, die sich über Wissen definiert, ist inklusiv, alle anderen Gruppen sind exklusiv

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Nimmt die Betonung der eigenen Identität zu, wird die Ablehnung des Fremden ebenso wachsen und zuletzt, wie die historische Erfahrung lehrt, in Feindschaft übergehen. Es ist eine tragisch zu nennende Paradoxie, dass ausgerechnet die Religionen, denen die Menschheit die großartigsten Kulturschöpfungen verdankt, zugleich zur Rechtfertigung der schlimmsten Blutbäder missbraucht wurden und werden. Dieser Missbrauch ist nicht die Schuld böser Mächte, die der Religion schaden wollen, er liegt vielmehr im Kern jeder Religion selbst, wobei als Religion auch jede Weltanschauung gelten muss, die sich für die einzig wahre hält. Selbst der vermeintlich „wissenschaftliche“ Sozialismus wurde zur Religion, als er sich nur noch auf seine Kirchenväter stützte und keine Falsifizierung seiner Prämissen mehr zuließ.

Dass (missbrauchte) Religionen Gewalt auslösen können, liegt im Kern ihrer selbst begründet

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Gewiss gibt es Beispiele dafür, dass Religion auch in böser Absicht zum Zwecke des Machterhalts oder der Machterweiterung missbraucht wurde. Doch was die islamistischen Selbstmordattentäter tun, kommt aus dem Inneren ihrer religiösen Überzeugung. Das Gleiche gilt für die Bluttaten, die das Christentum im Laufe seiner Geschichte zu verantworten hatte. Einst haben dieselben Christen, die Nächstenliebe predigten, Ketzer verbrannt. Sie taten es nicht nur als Bestrafung, sondern auch um den Abtrünnigen eine letzte Chance auf Erlösung durch Reue zu geben. Wer an die alleinseligmachende Kraft seiner Religion und zugleich an die Pflicht zur Nächstenliebe glaubt, ist geradezu moralisch verpflichtet, die Ungläubigen, selbst unter Anwendung äußerster Gewalt und gegen deren Willen, vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Das Gerede über die deutsche Leitkultur war und ist einer Kulturnation unwürdig

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Ein strenggläubiger Mensch, der seine Religion für die einzig wahre hält, kann nicht tolerant sein. Wer etwas anderes behauptet, erliegt frommem Selbstbetrug. In einer Zeit der Globalisierung ist jeder Versuch, sich in das Nest einer ethnisch-kulturellen Identität zu flüchten, ein Anachronismus. Das Gerede über die deutsche Leitkultur war und ist einer Kulturnation unwürdig. Nicht erst seit Kurzem leben wir Deutsche in einer Multikultur, die den Identitären ein Dorn im Auge ist. Gerade in Deutschland, dessen politischer Fluch der Kleinstaaterei zugleich den Segen einer vielfältigen Regionalkultur hervorbrachte, sollte man sich bewusst sein, dass eine Betonung der nationalen Identität nur zu einer stärkeren Abgrenzung von anderen Kulturen führt.

Am deutschesten im identitären Sinn waren die Deutschen in ihrer schwärzesten Zeit

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Am deutschesten im identitären Sinn waren die Deutschen, als sie mehrheitlich unter dem Banner des Deutschtums marschierten. Doch sie taten dies nicht, weil der Nazionalsozialismus ihrem Wesen entsprach, sondern weil eine Gewaltherrschaft jede andere Kultur im Lande unterdrückte. Ein Verbot des Schleiers für Lehrer und Richter hat nichts mit deutscher Leitkultur zu tun, sondern nur etwas mit der Neutralitätspflicht von staatlichen Amtsträgern. Ansonsten sollte das gelten, was der Alte Fritz, der kein Demokrat war, zum geflügelten Wort machte, nämlich dass jeder nach seiner Fasson selig werden könne (und das auch dürfen muss!).

Es lohnt nicht, wegen eines Handschlagbrauchs die Deutschtümelei wachzurufen

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Die Propagandisten der deutschen Leitkultur scheinen blind dafür zu sein, dass sich überall in der Welt die Abgrenzungstendenzen verstärken, sei es die Islamisierung der arabischen Welt, die Hinduisierung Indiens oder das Zusammenrücken der weißen Amerikaner unter einem evangelikalen Banner. Man mag einwenden, dass religiöse Homogenisierung bis hin zu erzwungener Rechtgläubigkeit etwas anderes ist als die Akzeptanz deutschen Brauchtums wie zum Beispiel des Händeschüttelns. Aber lohnt es sich wirklich, mit der Betonung solchen Brauchtums das Gespenst der einstigen Deutschtümelei wachzurufen?

Man braucht doch nur einmal das Fernsehprogramm eines einzigen Tages zu studieren, um festzustellen, dass dort die unterschiedlichsten deutschen Kulturen bedient werden. Wer auf Arte eine Opernübertragung sieht, wird in aller Regel keine Popkonzerte hören und erst recht nicht dem Euro Vision Song Contest entgegenfiebern. Wer auf Phoenix politische Debatten verfolgt, wird sich nicht für die beliebten Ratespiele anderer Sender interessieren. Wahrscheinlich werden sich die Zuschauer von Arte, 3sat und Phoenix für gebildeter halten als die von RTL und Sat1. Ob sie es sind oder nur den Zug der Zeit verpasst haben, mag die Zukunft entscheiden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen eine breitere Palette an deutscher Kulturüberlieferung bieten

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Tatsache ist aber, dass die genannten Sender, wie auch die übrigen, ihr jeweils eigenes Publikum haben und insofern unterschiedliche Kulturen darstellen. Statt die Migranten aufzufordern, eine deutsche Leitkultur anzunehmen, sollte man eher an die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten appellieren, sich nicht so sehr den privaten anzugleichen, sondern eine breitere Palette deutscher Kulturüberlieferung anzubieten.

Man wird kein besserer Bürger, nur weil man "Minna von Barnhelm" gelesen hat

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Das Theater, über dessen Auftrag als „moralische Anstalt“ einst Schiller einen wichtigen Aufsatz schrieb, ist aus dem Fernsehangebot nahezu gänzlich verschwunden. Dabei müssten die Archive von ARD und ZDF voll von eindrucksvollen Theateraufzeichnungen sein. Wahrscheinlich wird man kein besserer Staatsbürger, wenn man „Minna von Barnhelm“, „Nathan der Weise“, „Wilhelm Tell“, Grillparzers „Weh dem der lügt“ oder Hauptmanns „Biberpelz“ gesehen hat, aber gut gespielte Aufführungen solcher Stücke können unterhaltsamer sein als öde Ratespiele, und sie vermitteln darüber hinaus tradiertes deutsches Kulturgut, das nichts Deutschtümelndes an sich hat. Das Theater, das einst der Inbegriff von öffentlicher Kultur war, ist heute zu einer winzigen Insel geschrumpft, die aus der populären Kultur herausragt und nur noch von einer elitären Minderheit bewohnt ist. Im Vergleich mit den BBC-Verfilmungen englischer Dramen und Romane ist das, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat, armselig.

Bildung zielt immer auf allgemeinmenschliche Inklusion ab

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Es gibt keinen Beweis dafür, dass das, was traditionell für Bildungsgut gehalten wurde und in konservativen Kreisen noch immer als solches geschätzt wird, die Menschen moralisch bessert. In Deutschland, das damals zu den gebildetsten Ländern gerechnet wurde, war es möglich, das Menschen, die tagsüber an der Vernichtung von Juden mitwirkten, abends im Hauskonzert Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ spielten und sich dabei sehr gebildet fühlten. Doch das Bildungsgut selbst war immer etwas, das auf allgemeinmenschliche Inklusion abzielte.

Popkultur und Sportfantum führen zu sektenartigen Identitäten und zu Konkurrenz

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Literatur, Musik, bildende Kunst und Philosophie sprachen in allen nationalen Kulturen immer die ganze Menschheit an, was man beispielsweise vom Sport und von der Popkultur nur bedingt sagen kann. Diese beiden publikumswirksamsten und finanziell umsatzstärksten Kulturbereiche wirken zwar auch über nationale Grenzen hinaus, haben aber eine Fankultur hervorgebracht, die zu sektenartigen Identitäten führt, die sich beim Fußball sogar gewaltsam bekämpfen.

Herausgestellt gehört allein, was Deutsche zur Weltkultur beigetragen haben

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Wenn ein Mensch außer mit sich selbst überhaupt noch mit etwas anderem identisch sein kann, dann nur mit dem Allgemeinmenschlichen. Deshalb sollten die Propagandisten der deutschen Leitkultur nicht das herausstellen, was die Deutschen von den Nichtdeutschen unterscheidet und damit abgrenzt, sondern das, was sie zur Weltkultur beigetragen haben. Der Antrieb der identitären Bewegung, die sich zurzeit überall auf der Welt bemerkbar macht, ist die Angst vor dem Fremden. Diese Angst ist erwiesenermaßen am größten bei denen, die das Fremde kaum kennen.

Am anfälligsten für solche Angst sind die Abgehängten im globalen Wettbewerb um Macht, Geld und Status. Früher nannte man diese Wettbewerbskultur die "vita activa". Ihr stand die "vita contemplativa" gegenüber, die – anfangs in Klöstern, später in Universitäten – im mittelalterlichen Europa über die nationalen Grenzen hinweg erstaunlich gut vernetzt war. Während die Repräsentanten der "]vita activa" unablässig Kriege führten, die der Abgrenzung von Machtbereichen dienten, pflegten die Vertreter der "vita contemplativa" eine geistige Kultur, die Inklusion und Ideenaustausch anstrebte.

In der Wissenschaftswelt gibt es wenig Abgrenzung, da geht es um Kooperation

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Auch jetzt gibt es noch dieses wissensbasierte Streben nach Inklusion. Es wirkt bis in die Zentren der globalen Machtpolitik hinein. Während etwa der Westen gegen Russland ökonomische Sanktionen verhängt, arbeiten westliche Forscher im russisch-kasachischen Baikonur mit russischen Kollegen zusammen und vertrauen ihr Leben russischen Raketen an. Das zeigt, wie sehr Wissen verbindet. Umgekehrt vergeht kaum ein Tag ohne ein Beispiel dafür, dass der Glaube die Menschen trennt, so etwa die jüngst verkündete Nachricht, dass sich laut päpstlicher Entscheidung glutenfreies Brot bei der Kommunion nicht in Fleisch verwandeln kann im Gegensatz zu glutenhaltigem.

Weltkultur ist immer offen - das gilt es zu stärken, statt nationaler Abgrenzungen

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Unsere Leitkultur sollte weder die nationale Hochkultur noch die globalere Popkultur sein, sondern die wissensbasierte Menschheitskultur, zu der alle Nationen ihren Beitrag leisten. Diese Weltkultur war immer offen. In ihr fand immer Austausch statt. Sie hat sich bis heute gegen die Widerstände nationaler Abgrenzung und religiöser Alleinvertretungsansprüche behauptet. Sie gilt es zu stärken.

Wenn es als kulturelle Bereicherung angesehen wird, dass deutsche Erasmus-Studenten ins Ausland gehen, um eine Fremdsprache besser zu lernen, wieso ist es dann nicht ebenfalls eine Bereicherung des globalen Bruttokulturprodukts, wenn Flüchtlinge und Asylsuchende in den Grenzen des gesellschaftlich Zumutbaren von Deutschland aufgenommen werden, hier Deutsch lernen, mit deutschen Lebensgewohnheiten bekannt werden und danach hoffentlich etwas Dankbarkeit dafür empfinden, dass ihnen geholfen wurde? Diese Menschen holen sich bei uns eine Entwicklungshilfe ab, die früher zu einem großen Teil in die Taschen korrupter Regierungen floss. Wenn wir diesen Menschen, statt sie mit Almosen abzuspeisen, schulische und berufliche Bildung geben, fördern wir die einzig förderungswürdige überindividuelle Identität, nämlich die der zivilisierten Menschheit.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Harald Mertes
    Der Autor meint, der Verstand wäre die Basis aller zwischenmenschlichen Kommunikation. Einfach mal die Antithese dazu, dass Sprache die Basis aller zwischenmenschlichen Kommunikation ist. Jeder spürt im fremdsprachlichen Ausland, dass ihm ein entscheidender Faktor fehlt, um mit den dortigen Menschen kommunizieren zu können. Im Supermarkt, wo man die waren einfach auf das Kassenband lädt, mag es noch angehen; wenn man einen nach dem Weg fragen will, wird man scheitern.

    Sprache ist nun mal nicht universell und überall. Sie kann nur das ausdrücken, was ihr Wortschatz hergibt. Wer einmal ausprobiert hat, einen Text in eine Fremdsprache zu übersetzen, um ihn anschließend wieder in die Ausgangssprache zurück zu übersetzen, wird oftmals überrascht feststellen, welche Unterschiede im Sinn sich dadurch ergeben können. Dadurch ist es zu kurz gesprungen, nur von einem objektiven für alle gleichen Wissensschatz auszugehen, der inklusiv sei. Es fehlt das Medium Sprache. Derjenige, in dessen Sprache Wissen nicht übersetzt wurde oder auch nicht übersetzt werden kann, ist nun einmal von Wissen ausgeschlossen. Und Sprache ist nun mal ein Teil der eigenen Identität. Im deutschen Sprachraum ist nun einmal die deutsche Sprache die zur Kommunikation notwendige Sprache. Natürlich gibt es Kreise, die Englisch oder Arabisch verpflichtend für alle einführen wollen. Damit zerstören sie unsere Identität und letzten Endes auch unsere Kultur.
  2. von Andreas Rabe
    Ich finde es verdächtigt, wenn man sich immer einredet, dass es keine eigene Kultur gibt.
    1. von Uwe Pawlowski
      Antwort auf den Beitrag von Andreas Rabe 17.09.2017, 15:58:46
      Das Gegenteil ist der Fall: Wenn man von der deutschen Leitkultur, die es im Prinzip nicht gibt, Abstand nimmt, heißt dies noch lange nicht, dass es keine deutsche Kultur gibt. Kultur ist das Umfeld, die durch Hege und Pflege jegliches schöpferische Wachstum ermöglicht. Dazu gehört künstlerisches Schaffen ebenso wie all jenes, was wir gerne pflegen: Vereine, Sport, Handwerk, Brauchtum usw. Kultur schadet nicht und zerstört nicht.

      Eine Leitkultur – das »deutsch« außer Acht gelassen – kann etwas sehr Anrüchiges an sich haben. Denn die Hauptfragen, die damit verbunden sind, lauten: Wer leitet? Wer bestimmt, was Kultur ist? Kann man Kultur überhaupt festschreiben? Die Kultur ist meistens etwas Gewachsenes und nicht etwas, was man in einem Kanon der Kultur festhalten kann. Banales Beispiel: Wenn Sie in Bayern wohnen, ist es nicht zwingend Lederhosen oder Dirndl zu tragen, obwohl beides zur Kultur gehören. Wenn Sie Lederhosen oder Dirndl nicht mögen, sind Sie deshalb nicht unkulturell. Wenn aber Dirndl und Lederhosen zur Leitkultur erhoben werden, dann gelten Sie als unkulturell.

      Politiker treten bekanntlich gerne als »Volkserzieher« auf, weil sie glauben, ihre Parteiideologie müsse »leitend« sein. Soll ma ihnen überlassen zu bestimmen, wie die Leitkultur auszusehen hat? Lieber nicht! Kultur darf nicht auf politischem Boden wachsen, denn sonst würde es – ich übertreibe einmal – von Kulturwächtern wimmeln. Ob es eine deutsche Kultur gibt, darüber kann man streiten. Trotzdem heißt es aufgepasst, denn wenn sie zu deutsch ist, erhält sie einen ausgrenzenden Charakter für alle Kulturteile, die nicht deutsch sind.