Was ist deutsch? Eine neurotische Nation

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Politikwissenschaftler

Expertise:

Deutscher Politikwissenschaftler syrischer Herkunft, der den Begriff "Leitkultur" gepägt hat.

Die Leitkultur sollte ein Motor des Zusammenwachsens sein. Stattdessen gefährdet sie in Deutschland die Integration, weil Linke und Rechte nie verstanden haben, was der Begriff eigentlich bedeutet.

 Erinnern Sie sich noch an die Leitkultur-Debatte? Am 30. April las ich auf einem Flug in der „Bild“-Zeitung die nach meiner Ansicht ignoranten zehn Thesen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière zur deutschen Leitkultur. Darin beschreibt der Innenminister Deutschland als Leistungs- und Kulturnation. Ein Land, in dem es konstitutiv sei, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt und keine Burka trägt. Mittlerweile ist der Wahlkampf über die Debatte hinweg gegangen, nachdem sie im Gezänk endete. Dabei hätte Deutschland eine echte Debatte über einen richtig verstandenen Begriff der Leitkultur doch so bitter nötig!

Als sprachlicher und inhaltlicher Schöpfer des Begriffes Leitkultur als ein Konzept zur Integration muslimischer Migranten in Europa empfinde ich eine Mischung aus Wut, heftigen Magenschmerzen und Enttäuschung über die verpasste Chance bei der Auferstehung der alten deutschen „Leitkultur-Debatte“. Seit dem Jahr 2000, seit der damalige Unionsfraktionsvorsitzende Friedrich Merz den Begriff in die deutsche Integrationsdiskussion einbrachte, ist der Begriff ein Wiedergänger. Richtig verstanden aber hat man ihn nie. Der Minister ignoriert vollständig alles, was in den vergangenen 20 Jahren über Leitkultur und Integration in diesem Lande gesagt und geschrieben worden ist. Natürlich hat Thomas de Maizière das Recht, die im Grundgesetz gewährte Meinungs- und Redefreiheit in Anspruch zu nehmen. Doch er verwendet von anderen geprägte Begriffe, füllt sie mit verzerrten Bedeutungen und entstellt sie noch dazu. Ich freue mich daher, im Rahmen der Serie „Was ist deutsch?“ klarzustellen, wie ich den Begriff der Leitkultur verstehe, wie der Begriff gewinnbringend in der deutschen Integrationsdebatte verwendet werden könnte und was in meinem Herzen als Migrant vor sich geht.

Eine Person ist dann integriert, wenn sie sich nicht mehr in dem Milieu fremd fühlt, in dem sie lebt.

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Worum geht es? Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Integration von 20 Prozent der deutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Integration ist weder ein Pass noch eine Sprache, sondern die Eingliederung als Citoyen, als Bürger, in ein wertebezogenes Gemeinwesen, das von Religion und Ethnizität frei ist. Eine Person ist dann integriert, wenn sie sich nicht mehr in dem Milieu fremd fühlt, in dem sie lebt. Diese Überwindung der Fremdheit ist nur durch Teilhabe an einer zivilgesellschaftlichen Identität des Gemeinwesens, in dem man lebt, möglich.

Mir wurde Deutschtümelei von Linken vorgeworfen, dabei gibt es für mich als Ausländer in diesem Lande nicht Schlimmeres.

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Ich habe 55 Jahre in Deutschland gelebt und alle Vorleistungen für eine Citoyen-Identität erbracht, diesen Status hat mir Deutschland jedoch verwehrt, vielleicht, weil das Land dies noch nicht kann. Vielmehr wurde mir als Schöpfer des Leitkulturbegriffs Deutschtümelei vorgeworfen. Linksgrüne Anti-Leitkultur-Propagandisten haben sogar versucht, mich in die rechte Schmuddelecke zu drängen. Als syrischer Muslim aus Damaskus antworte ich so darauf: Allah behüte! Denn für mich als Ausländer in diesem Lande gibt es nichts Schlimmeres als Deutschtümelei.

Leitkultur öffnet als ein universalistisch, nicht-ethnisch geprägtes Konzept die nationale Identität für Zugezogene. 

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Was meine ich, wenn ich von Leitkultur spreche? Leitkultur heißt für mich, „basierend auf dem Fundament einer demokratischen Gesellschaft, deren Mitglieder verbunden sind durch eine gemeinschaftliche Identität als Bürger dieser Gesellschaft“ zur Diskussion anzuregen über „wertekulturelle Gemeinsamkeiten“. Wichtig ist mir, dass ich stets von einer europäischen, nicht von einer deutschen Leitkultur spreche. Die Idee der Leitkultur ist es, Neuankömmlingen Orientierung zu geben, ihnen zu helfen, die Welt zu verstehen, in der sie sich befinden. Gleichzeitig sollte die Leitkultur großzügig sein, großzügig genug, um das Neue der Zugezogenen zu akzeptieren. Die Leitkultur sollte ein Motor des Zusammenwachsens sein, womit jeder seinen Platz finden könnte, sodass es allen besser gehen würde. Ich verstehe Leitkultur als universalistisches, nicht-ethnisch geprägtes Konzept der Bürgerschaft, die die nationale Identität für Zugezogene gerade öffnet. So ähnlich hat der bekannte amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einmal die Kernidee meines Buches paraphrasiert. Eben darum geht es! Und es ist doch bezeichnend, dass diese Idee in Amerika verstanden wird – in Deutschland aber nicht.

Die Leitkultur soll ein Motor des Zusammenwachsens sein, mit dem jeder seinen Platz finden könnte zum Wohle aller.

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Deutschland braucht die Debatte über eine richtig verstandene europäische Leitkultur, aus drei Gründen: 1. Es finden Völkerwanderungen aus der Welt des Islam in Millionenhöhe statt; 2. Diese bringen eine islamische Weltanschauung mit sich als Leitkultur und sie haben eine starke Identität; 3. Deutschland versagt sich nicht nur eine Leitkultur, sondern auch eine nationale Identität.

Deutschland versagt sich nicht nur eine Leitkultur, sondern auch eine nationale Identität.

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Unter diesen Bedingungen kann keine Integration gedeihen. Selbst die grüne ehemalige Ministerin für Integration in Baden-Württemberg, Bilkay Öney, räumte in dieser Zeitung ein: „Wir müssen ehrlich sein“, um dann hinzuzufügen, dass die Deutsch-Türken sich stärker mit der Türkei identifizierten: „Ein Teil lehnt westlich-demokratische Werte ab, bei diesem Teil scheint die Integration in der Tat gescheitert zu sein. Der Pass ist nicht das Problem, das Problem ist die Gesinnung. Unser Anliegen muss eine Demokratie- und Werteerziehung sein.“ Was die grüne Politikerin Öney auf einen „Teil“ reduziert, umfasst Zweidrittel der Deutsch-Türken, die Erdogans Ermächtigungsgesetz der Islamokratie im Referendum zustimmten. Dass sie das taten, liegt nicht nur an den Deutschen.

Die Integration ist auch am schriftgläubigen traditionellen Islam, an der Ethnizität der Migranten und am Islamismus gescheitert. Doch eine Gesellschaft, die die eigene Identität verleugnet und somit eine Inklusion verfehlt, trägt zum Scheitern der Integration bei. Ohne es zu wollen, stärken die Europäer mit ihrer schwachen Identität den Islamisten den Rücken.

Wenn deutsche Kirchenväter, CDU-Konservative wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière sowie linksgrüne Gegner der europäischen Leitkultur die zugewanderten Individuen in Minderheiten, das heißt in Kollektive verwandeln und diese als Kollektiv statt als Personen mit individuellen Menschenrechten verteidigen, dann wirken sie nicht nur objektiv wie Soldaten des Islamismus, sondern beweisen, dass sie aus Auschwitz nichts gelernt haben. Das Problem beschrieb schon Adorno in seinem Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“. Die Frage, „wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei“, fokussiere sich auf die „Gefahr der Wiederholung“. Diese lasse sich nur verhindern, wenn „der blinden Vormacht aller Kollektive“ entgegengearbeitet wird.

Europäische Leitkultur betrachtet den Menschen als Individuum und nicht als Teil eines religiösen Kollektivs.

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Europäische Leitkultur erfüllt den von Adorno formulierten Anspruch; sie betrachtet den Menschen als Individuum und nicht als Teil eines religiösen Kollektivs. Ein weiterer Grundanspruch der europäischen Leitkultur heißt Laizität.

Wenn die heutigen Linken eine europäische Leitkultur als einen Angriff auf die Kollektivrechte der Migranten verfemen, lehnen sie eine Denkweise ab, die ich in Frankfurt unter anderem bei Jürgen Habermas kennengelernt habe. Es ist die Kantische Bestimmung des Menschen als vernunftbegabtes Individuum. Gerade als Muslim mit Erziehung im Umma-Kollektiv habe ich nach meinem Frankfurter Studium gelernt, mich als Individuum zu bestimmen, und mir die Denkweise der kulturellen Moderne angeeignet. Das ist auch der Hintergrund meines Eintretens für eine europäische Leitkultur, nicht für eine deutsche.

Ich fasse meine Sicht in meiner Eigenschaft als Schöpfer des Leitkulturbegriffes zusammen: Der Innenminister und die linksgrünen Romantiker wollen die Muslime als Minderheiten integrieren, doch diese leben faktisch in ihren Parallelgesellschaften. Eine neurotische Nation mit einer beschädigten Identität erweist sich als unfähig zur Integration. Welch ein postfaktischer Wahn- und Irrsinn. 

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Angelo Madeo
    Leitkultur gibt es nicht, braucht es auch nicht… Ein Migrant hat genau dieselbe Bringschuld wie jemand dessen Familie seit 3000 Jahren hier wohnt, nämlich keine ausser: „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“, sonst würde man ja mit zweierlei Maß messen, was sich verbietet da wir alle Menschen sind. Vernünftige Leute verstehen das, das muss man nicht erklären, wie man nicht erklären und debattieren muss dass man nicht stehlen darf… Und: man muss das nicht totreden, man lebt einfach so und klopft nicht bei jemand an die Tür und sagt: sei mal bitte keine Parallelgesellschaft! Man redet miteinander und schleift sich aneinander ab. Und wenn man findet das eine etwas falsch macht dann sagt man das. Weil Weggucken keine Toleranz ist. Im übrigen finde ich nicht dass die Integration (das Wort nervt mich weil es sich nach "Pass dich an!" anhört, ich würde lieber sagen das Zusammenleben von Muslimen und anderen Leuten in Deutschland) gescheitert ist. Fußball ist auch nicht als Sportart gescheitert, nur weil es dumme Hooligans gibt. Es gibt karibische Inseln da steht in einer Straße ein hinduistischer Tempel, eine Synagoge eine Kirche und eine Moschee und vielleicht sind sich nicht immer alle grün aber es funktioniert doch, ohne größeren Stress so sehe ich eigentlich Deutschland auch ein Stück weit. Ist ja auch alles im Fluss und „biodeutsch“ ist ja auch so eine komische Erfindung.
  2. von Markus Berinig
    Deutschland besitzt keine Leitkultur. Das gibt es nicht.
    Kein Land Europas besitzt eine „Leitkultur“, sondern einen Kultur, die es definiert. Europas Nationen definieren sich ethnisch, was schon in den Namen der Nationen deutlich wird: Deutsch-land = Land der Deutschen, Frank-reich = Land der romanischen Franken, Britannien = Land der Briten (aka Bretonen) usw. Auch die Türkei leitet ihren Namen und ihr Selbstbild davon ab, Land eines Turkvolkes zu sein. Deutschland ist also nur „biodeutsch“ oder gar nicht. Mit einem Multikultivolk verlöre es seine (auch territoriale!)Legitimation als Nation.

    Auch in Europa gibt es Kunststaaten, die entweder Reiche (Spanien, Belgien) oder Reste von Reichen sind, wie Österreich, oder eine multinationale Föderation, wie die Schweiz. Gerade diese Beispiele zeigen, wie prekär Nationalbewußtsein ist, wenn es nicht kulturell determiniert ist. In Österreich und der Schweiz entstand es nur in teils aggressiver Abwehr der Deutschen (die man selbst ist, aber nicht sein will), in Spanien gibt es einen verschleppten Bürgerkrieg der Basken und Katalanen um Unabhängigkeit, in Belgien wird nicht gekämpft, sondern einander bis zum Staatsstillstand ignoriert – usw. Kultur ist also ethnisch determiniert, nicht per Staatsgrenze. Niemand spürt das besserer als der Einwanderer Bassam Tibi – und fordert nicht umsonst ein staatskulturelles Setup, wie man es aus Afrika kennt mit seinen Kunststaaten aus bis zu 100 Ethnien gleichzeitig – die Leitkultur ist dort englisch oder französisch, aber niemals die der Völker im Staat. Das läßt sie allesamt scheitern.
    Ein Einwanderer wird ethnisch kein Deutscher. Er kann im guten Fall Teil der Bevölkerung eines anderen Landes sein/werden – aber: er kann seine Kinder so erziehen, daß sie Deutsche werden und sich als solche fühlen. Das ist die Bringschuld jedes Migranten. Genau das scheitert bei den Muslimen in Deutschland, aber nicht nur bei ihnen. Und ja: Wir Deutschen wollen das ja gar nicht. Anderes Thema.