Land of Deutsch-Michel Deutsch ist ein Regelwerk

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Historiker und Publizist

Expertise:

Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Bis 2012 lehrte er an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte. Zuletzt erschien von ihm "Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie" (dtv 2017).

Deutsch ist - von allem etwas und für jeden etwas anderes. Was nicht statisch ist, lässt sich nur schwer festmachen. Wie wäre es mit einer Idee von Deutsch à la Carte?

Deutsch ist, was Herr oder Frau DeutschMichel als deutsch empfinden. Deutsch ist nicht allein, was Herr oder Frau Professor Doktor DeutschMichel als deutsch empfinden und definieren. Deutsch ist alles, was alle unter deutsch erlebt, erliebt, erlernt, erlitten, erfreut hat.

Da jedoch keiner weiß, was alle DeutschMichels mit oder ohne akademische Titel über Deutsches wissen und empfinden, kann auch keiner sagen, was alles unter deutsch verstanden werden kann oder muss. Jeder kann nur das als deutsch bezeichnen, was er oder sie mit Hirn und oder Herz als deutsch direkt oder indirekt kennengelernt hat. Es gibt rein gedanklich Deutsches AN SICH als Summe aller Kenntnisse und Empfindungen über das, was deutsch ist. Doch fast jeder hat FÜR SICH hierüber andere Kenntnisse und Empfindungen.

Zum Ist gehört die Vergangenheit - und da wird es schon schwierig

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Noch komplizierter wird das Unterfangen, Deutsches zu kennzeichnen, wenn man bedenkt, dass bezogen auf das IST die Frage zu stellen wäre, ob und wo und weshalb das WAR zum Ist gehört.

Das wird schon an der Politischen Geografie deutlich. Wer würde heute noch behaupten, dass Königsberg oder Breslau deutsch sind? Nur Reaktionäre und Revisionisten. Dass jedoch Königsberg und Breslau deutsch waren und auf Deutsches und auf manche Deutsche immer noch wirken, lässt sich nicht bestreiten. Deutsche und, ja, Welt-Philosophie sind ohne den Königsberger Deutschen Kant undenkbar, und ohne den Breslauer Ferdinand Lassalle, sähe die deutsche und globale Sozialdemokratie anders aus. Wann beginnt zudem die Politische Geografie Deutschlands? 1990, 1945/49, 1919, 1871, mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dem Frankenreich Karls des Großen oder etwa mit den Siedlungsräumen der alten Germanenstämme?

Die Geographie hat sich dauernd geändert, die Demografie auch

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Fazit: Deutsch ist, bezogen  auf die Politische Geografie, ein dynamischer Begriff. Das Ist kann nicht von War getrennt werden und sowohl das Ist als auch das War ist wahr, doch zugleich normativ, also bewertend und politisch. Mein Ist ist nicht automatisch Dein Ist.

Ähnlich dynamisch zu definieren ist die Deutsche Demografie, sprich Bevölkerungskunde. Ist, war deutsch jemals nur, wie der Schlimmste aller Deutschen (ein geborener Österreicher) und seine Konsorten meinten und hofften, "arisch" oder "germanisch". Auch das, doch wahrlich nicht nur. Jener Deutsche aus Österreich wurde, wie Thomas Weber in seiner brillanten Studie nachweist, erst ab 1919 in Bayerns Landeshauptstadt München zum Nazi. Und die Bayern waren (Hitler-Deutsch) "völkisch" schon seit der Antike ein Verbund aus germanischen Bajuwaren, Kelten und vornehmlich nordafrikanischen Legionären Roms.

Aufgrund der europamittigen Geografie Deutschlands war auch nach der Antike die Deutsche Demografie alles andere als "rein" deutsch im Sinne von germanisch. Fazit: Auch deutsche Demografie war und ist dynamisch, nie statisch.

Der Weg zum christlichen Deutschland war bluttriefend, das wird gern vergessen

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Gleiches gilt für die deutsche Theologie bzw. Religionen in Deutschland. Lange bevor der geografische Raum des heutigen oder früheren Deutschland christlich wurde, war es zuerst germanisch- und dann römisch-heidnisch bzw. polytheistisch.  Es war, wenn wir an die Juden denken, die vorwiegend als Kaufleute mit den Römern ins Nord-Alpen-Gebiet kamen, teils jüdisch, bevor es christlich wurde. So gesehen ist das christlich-jüdische Erbe Deutschlands zunächst jüdisch und erst dann christlich. Als "Dank" des deutschen Vaterlandes wollte nicht nur der Deutsche aus Österreich Deutschland "judenrein" machen, indem er sie zunächst 'rauswerfen und dann massenweise quasi industriell ermorden ließ. Dem "ehristlich-jüdischen Erbe“ gingen also bluttriefende Erbstreitigkeiten voraus.

Wie wurde Deutschland christlich? Keinesfalls nur durch Mission friedlich, sondern schrecklich blutig. So mancher Missionar wurde, wie weiland Bonifatius, von sturheidnischen Germanen erschlagen. Fühlt man sich da nicht an Islamisten der Welt-Gegenwart erinnert? Bonifatius wurde regelrecht ermordet. Karl der "Große" ließ die widerborstigen Sachsen, die keine Christen werden wollten, kollektiv in Großaktionen abschlachten.

Religionskriege gehören nicht nur zum Nahen Osten

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Deutschlands religiöse Spaltung in Katholiken und  Protestanten erfolgte ebenfalls blutig. Religionskriege gehören also nicht nur zum Nahen Osten. Heidentum, Judentum Katholizismus und Protestantismus gehören - in der genannten Reihenfolge - zu Deutschland. Der Islam gehörte bis in die 1960er Jahre definitiv nicht zu Deutschland. Vergangenheit also. Es bedurfte nicht erst der erkenntnistheoretischen Sensation eines Ex-Bundespräsidenten, um bezogen auf die Gegenwart, angesichts von knapp fünf Millionen Muslimen in Deutschland, festzustellen: "Der Islam gehört zu Deutschland". Manche dieser Muslime sind Passdeutsche. Viele auch Herzensdeutsche. Andere nur Formaldeutsche oder nur Muslime IN Deutschland. Wie viele gehören zur einen, wie viele Zuwanderer Kategorie? Wer weiß es, und welche Indikatoren gelten bezüglich des muslimischen Deutschseins? Etwa die Höhe Zustimmung zu  Erdogan?

Das Auto, der deutsche Liebling, taugt auch nicht mehr als deutsches Vorzeigeobjekt

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Wie deutsch ist die deutsche Wirtschaft bzw. Ökonomie? Am Anfang war das Auto, der Deutschen lange liebstes Kind, rein deutsch. Inzwischen sind selbst an den deutschen Autos so viele Bauteile und Produktionsstätten international, dass das Adjektiv deutsch eher als Werbewort wirkt.

Deutsche Arbeit gilt immer noch als Wertarbeit. Deutsch steht hier für Qualität ohne Schummeln. Denkt man neuerdings an "das" Auto des Deutschen Volkes, Hitlers Geschenk an " sein Volk", den Volkswagen, der seinen Namen unverändert seit den Hitlerjahren trägt, kommen neuerdings gewisse Diesel-Zweifel auf.

Gleichwohl ist unbestreitbar, dass "der" deutsche Arbeiter bienenfleißig, zuverlässig und seit jeher, wie seine Gewerkschaften, den Konsens dem Klassenkampf vorzieht. Doch wie deutsch sind angesichts der demografischen Revolution in Deutschland (und Westeuropa) die deutschen Arbeiter? Hier ergeben jetzt alt-und neudeutsche Arbeiter "den" deutschen Arbeiter. Wieder also Dynamik, statt Statik.

Die deutsche Wirtschaft? Sie macht ihr Geld mit dem Ausland

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Rein national, autark, war die Deutsche ebenso wie die europäische Wirtschaft nie. Sie lebt und lebte vom internationalen Handel, Import und Export. Aufgrund diverser, nicht zuletzt geografischer Standortvorteile und ihrer seit dem Zeitalter der Entdeckungen (um 1500) internationalen, geradezu globalen Verflechtung entwickelte sich die deutsche Wirtschaft seit dem Mittelalter zu einer der weltbesten. Nun blüht sie "im Glanze diese Glückes" , das ihr weniger Erfolgreiche nicht erst seit heute missgönnen.

Dabei produziert sie zunehmend auch im Ausland, während vor allem seit den Mitt-1920ern im Inland Auslandsfirmen produzieren. Man denke an Ford, General Motors und Peugeot.

Wie deutsch ist die Soziologie Deutschlands, sprich die gesellschaftliche Struktur? Spätestens seit der "Braunen Revolution" (David Schönbaum, ohne den Begriff auch Ralf Dahrendorf) ist Deutschland, wenn überhaupt, weniger als z.B. England, Frankreich oder Italien keine Klassengesellschaft. Gleiches gilt - ohne den Blutzoll des Dritten Reiches und Dank sozialdemokratischer Regie - für die skandinavischen Staaten. Was also ist deutsch an dieser deutschen Soziologie?

Kulturleistungen von Deutschen sind Weltspitze, aber das macht die Weltspitze nicht deutsch

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Zum Wesen einer Nation gehört die Kultur. Was  also ist das "deutsche Wesen", an dem, so  Emanuel Geibel 1861 in seinem Gedicht "Deutschlands Beruf" die "Welt genesen" sollte? Kein Zweifel, die Kulturleistungen von Deutschen sind Weltspitze, wenngleich diese Weltspitze wahrlich alles andere als nur deutsch ist. Um das hervorzuheben, muss man nicht nur auf die Weltliteratur der Bibel oder Shakespeares hinweisen.

"Die" Deutschen wären "das Volk der Dichter und Denker", besagt das Klischee. Als ob alle Deutschen dichteten, dächten oder denken könnten. "Die" Deutschen sind so wenig das Volk der Dichter und Denker wie "die", also alle, Juden individuell auserwählt oder Teile der angelsächsischen Welt "God's Own Country" oder das Märchen, dass "Gott in Frankreich" lebe.

Goethe und Schiller - die kennt und liest doch kaum einer noch wirklich

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Dass Goethe und Schiller deutsche Hochkultur sind, ist unbestreitbar. Sie WAREN große Deutsche. Doch wie vielen von uns Heutigen SIND sie gegenwärtig? Wer kennt, wer liest sie wirklich? Das ist aus meiner Sicht höchst bedauerlich, denn wer sie kennt, wird unendlich bereichert und kulturell beglückt. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre deutsche Literatur ohne die Weltliteratur seit der Antike undenkbar wäre. Goethe und Schiller träumten vom " Land der Griechen", und Goethes Wertschätzung des Orients zeigt nicht nur sein "West-Östlicher Divan". Entsprechend dem demografischen Fundamentalwandel Deutschlands gehören zu den Glanzlichtern der deutschen Gegenwartsliteratur auch Literaten ausländischer Herkunft. Man schaue auf die Liste der Chamisso-Preisträger. Sie schreiben und denken deutsch, aber eben nicht nur auf deutsch oder in deutschen Bezügen.

Ist der Dialekt des Deutschtürken falscher als der des Friesen oder Bayern?

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Womit wir bei der Sprache wären. Für den böhmisch-deutsch-jüdisch-amerikanischen Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch ist eine Nation zunächst und vor allem eine "Kommunikationsgemeinschaft". Er versteht Kommunikation überwiegend, doch nicht nur sprachlich.

Kommunikation, verstanden z.B. als Medien, beschäftigt sich in Deutschland mehr mit Deutschen und Deutschland als mit dem Ausland, doch auch mit dem Ausland bzw. den ausländischen Staaten. Den Lokalteil von Kleinkleckersdorf lesen "die" Kleinkleckersdorfer mehr als Berichte aus dem Ausland. Nicht anders ist die Gewichtung zwischen Lokalem, Nationalen, und Internationalem bei "den" Berlinern, Münchenern oder Hamburgern. Nicht anders verhalten sich Amerikaner, Engländer, Franzosen, Eskimos. Kollektiv und individuell schaut jeder vornehmlich auf den eigenen Bauchnabel. Was ist also deutsch am deutschen Bauchnabel?

ARTIKEL 116 Grundgesetz kennt Volksdeutsche. Sachlich ist der Begriff trotz des Völkischen im Wort korrekt, aber dieses Deutschtum muss nicht unbedingt sprachlich definiert sein. Es ist nicht lange her, da wurden deutsche Juden nicht als deutsch bezeichnet, obwohl, sagen wir, Heinrich Heine dem Deutschen Michel sprachlich haushoch überlegen war.

Nicht jeder Bayer versteht jeden Friesen und umgekehrt, obwohl beide deutsch sprechen. Viele Deutschtürken sprechen akzentfreies, makelloses Deutsch, doch nicht jeder Deutschtürke. Ist sein Deutsch falscher als bayerisches oder friesisches Deutsch? Was ist also deutsch? Nur jene oder dieses?

Deutsch als Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft. Nicht mal das ist eindeutig

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Eine Nation - hier verstanden als Staat - ist auch eine Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft. In dieser Kommunikationsgemeinschaft ist der wirtschaftliche Austausch meistens intensiver als zwischen dieser und anderen Wirtschaftseinheiten. Doch seit der Antike war deutsche Wirtschaft, ist eigentlich jede Wirtschaft grenzüberschreitend.

Was also ist deutsch, englisch, französisch und so weiter? Was war, das ist, doch nur zum Teil. Und was ist, wird nicht unbedingt weiter sein. Manches ja, manches nein. Nie war, nie ist deutsch oder anderes das Klischee, sondern vieles und später noch mehr, wobei manches fehlen wird. Deutsch war, ist und wird so sein: dynamisch, nicht statisch. Eines wird bleiben: Deutsch ist, was IN und AUS Deutschland kommt - was immer Deutschland ist oder sei. Letztlich trifft jeder seine Wahl sozusagen à la carte. Wenn und solange verbindliche Regeln als Ergebnis freier politischer Willensbildung gelten, ist das unpathetisch, aber wirksam. Dann ist das Regelwerk in Deutschland deutsch, weil darin außer dem Allgemeinen spezifisch Deutsches enthalten ist. Dann ist man in Deutschland weiter frei und sicher. Wäre das nicht eine pragmatische Zukunft deutschen Seins? Universalistisch und zugleich partikularistisch.

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