Ein Jahr nach der Frauenquote Zehn-Jahres-Aufgabe: Arbeit über das Leben anders verteilen

Bild von Jutta Allmendinger und Ellen von den Driesch
Wissenschaftszentrum Berlin

Expertise:

Jutta Allmendinger ist Soziologin und seit April 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlins für Sozialforschung. Von 2003 bis 2007 war sie Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Ellen von den Driesch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Wissenschaftszentrum Berlin.

Das Problem der Rentenlücke muss gelöst werden: Es ist eine neue Verteilung der Arbeitszeiten während des ganzen Lebens nötig. Dazu muss Hausarbeit und Erwerbsarbeit von Frauen und Männern geteilt werden. 

„Wenn es nach Ihnen ganz persönlich ginge, was würden Sie den kommenden Generationen empfehlen?“.  Diese Frage haben wir in der Vermächtnisstudie über 1.500 Frauen und ebenso vielen Männern gestellt. Bei einem Thema waren sich alle Frauen einig – alt und jung, reich und arm, mit und ohne Kinder, in West und Ost, mit oder ohne Migrationshintergrund: „Raus aus dem Haus!“, sagen sie, „Geht arbeiten!“, 60 Prozent empfehlen sogar, selbst dann erwerbstätig zu sein, wenn man auf das Geld nicht angewiesen ist. Die meisten Frauen brauchen das Geld dringend, spätestens dann, wenn sie allein für ihren Unterhalt aufkommen müssen. Und das kann jederzeit passieren.

Das Entgeltgleichheitsgesetz hilf, aber es reicht nicht. 

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In der Politik geht es nun endlich um ein Entgeltgleichheitsgesetz. Eine höhere Lohntransparenz soll die Verhandlungsmacht vor allem von Frauen stärken. Man hofft also jenen Teil des gender pay gap zu reduzieren, des Unterschiedes zwischen den Gehältern von Männern und Frauen, der verbleibt, wenn man die Erwerbsverläufe berücksichtigt und damit Unterschiede in den Berufen, der Dauer der Erwerbsarbeit und der Arbeitszeit. Dieser „bereinigte“ Teil des gender pay gap beträgt je nach Berechnungsart zwei bis sieben Prozent. Das Entgeltgleichheitsgesetz mag helfen, aber es reicht nicht. Denn insgesamt beträgt die Lücke im Stundenlohn 22 Prozent. Im Stundenlohn! Außen vor bleibt, was Frauen am Ende eines Monats in der Tasche haben – und erst recht der bescheidene Rentenbetrag. 

„Die Rente ist Alterslohn für Lebensleistung“, sagte der damalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm 1989. – Das gilt noch heute. Die staatliche Rente ist zwar nur ein Teil des Einkommens im Alter, aber der wesentliche. Schauen wir also nach, welche Unterschiede in diesem Lebenseinkommen vorliegen. Die Daten der Altersrenten Deutschen Rentenversicherung 2015 zeigen, dass Frauen in Westdeutschland im Durchschnitt eine Zugangsrente von 583 Euro, Männer von 1.014 Euro erhalten. Die Rentenlücke liegt damit bei 42 Prozent. In Ostdeutschland bekommen Frauen im Schnitt 860 Euro, Männer 973 Euro, die Rentenlücke beträgt dort 12 Prozent. Wir sehen: Im Westen ist die Lücke in den Altersrenten zwischen Männern und Frauen wesentlich höher als der gender pay gap. Im Osten ist das nicht der Fall. Was können und müssen wir lernen?

Die höheren Altersrenten von Frauen in Ostdeutschland erklären sich aus ihren Erwerbsbiografien, die nicht durch Phasen der Erwerbslosigkeit unterbrochen wurden. Zudem waren Teilzeit, geringfügige Beschäftigung und Unterschiede im Einkommen insgesamt in der DDR deutlich geringer als in Westdeutschland. Das ist heute kaum anders. Im Westen arbeiten Frauen ohne Kinder 37 Stunden im Beruf, Frauen mit Kindern 25 Stunden pro Woche. Im Osten sind Frauen ohne Kinder  ebenfalls 37 Stunden pro Woche erwerbstätig, einen großen Unterschied gibt es bei erwerbstätigen Müttern: Sie sind 33 Stunden pro Woche im Job (Durchschnitte 2013). Die künftige Rentenlücke dürfte im Westen also weiterhin viel höher bleiben als im Osten.

Wir brauchen eine andere Verteilung der Lebensarbeitszeit. 

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Was folgt daraus? Eine größere finanzielle Gleichheit zwischen Frauen und Männern ist dadurch zu erreichen, dass beide ununterbrochen in Vollzeit erwerbstätig sind. Dies ist der ostdeutsche Weg. Doch es gibt auch andere Wege. Ausgangspunkt ist dabei eine andere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit über den gesamten Lebensverlauf hinweg und zwischen den Geschlechtern.

Diese Lösungen erscheinen uns nicht nur fairer, sondern angesichts der demografischen Entwicklung auch moderner und nachhaltiger. Ältere Menschen sind heute eher selten berufstätig. Nicht einmal jede zweite Person zwischen 60 und 64 Jahren hat einen Job: 55 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen. Mit steigendem Alter geht auch die Wochenarbeitszeit zurück. Nehmen Ältere auch künftig so wenig am Erwerbsleben teil wie heute, wird sich die insgesamt geleistete Arbeitszeit in Deutschland drastisch reduzieren. Um das heutige Verhältnis zwischen Erwerbstätigkeit und Altersrenten zu erhalten, müsste das Arbeitsvolumen im Alter also steigen. Will man andere Altersgruppen entlasten, ihnen Zeit für die Familie oder für Weiterbildung geben, sollte man ermöglichen, Menschen bis 70 zu einem gewissen Teil im Erwerbsleben zu halten. Es geht also nicht darum, das Volumen der Lebensarbeitszeit zu erhöhen, sondern anders über den Lebensverlauf zu verteilen. Dafür gilt es die Rahmenbedingungen zu schaffen: Weiterbildung, Gesundheitsprävention, späte Übergänge in einen anderen Beruf. Auch flexible Übergänge in die Rente müssen ermöglicht werden.

Ein Bruch der klassischen Aufteilung in Arbeit und Hausarbeit: Frauen und Männer sollten gleiche Arbeitszeiten haben. 

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Nicht nur die Ballung von Erwerbsarbeit in vergleichsweise frühen Lebensjahren wird problematisch. Auch die klassische Aufteilung von Erwerbsarbeit und Hausarbeit stößt an ihre Grenzen. Wenn Frauen ihre häufig niedrige Teilzeit (weniger als 20 Wochenstunden) auf eine höhere Teilzeit aufstocken – (20 bis 35 Wochenstunden) und Männer die Arbeitszeiten entsprechend reduzieren, würde das Arbeitsvolumen insgesamt nicht sinken. Diese neue Normalarbeitszeit berechnet sich über ein ganzes Arbeitsleben hinweg. Damit wären in bestimmten Lebensphasen auch längere Arbeitszeiten möglich. Wenn die Familie mehr Zeit erfordert oder man Zeit für sich braucht, werden diese längeren Arbeitszeiten dann mit Zeiten niedriger Teilzeit oder mit Unterbrechungen verrechnet. Die Wirtschaft könnte von einem solchen Wandel profitieren. Die Produktivität würde steigen, da die Unternehmen wesentlich stärker auf die gute Ausbildung von Frauen zurückgreifen könnten. Neben den Frauen würden aber auch Männer gewinnen, wollen doch auch sie mehr freie Zeiten, wie Umfragen immer wieder zeigen.

Diese doppelte Umverteilung von Zeiten bezahlter und unbezahlter Arbeit über den Lebensverlauf hinweg würde den gender pay gap schließen und die Rentenlücke verringern. Die politische Flankierung hat durch den Ausbau der Kinderbetreuung und das ElterngeldPlus schon begonnen. Diese Richtung muss man nun verstärken. Und Frauen sollten in ihrem Vermächtnis auch weitergeben: „Teilt die Haus- und Familienarbeit!“ Das tun sie heute im Osten schon eher. Der Ruf sollte überall lauter werden.

 

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