Ein Jahr nach der Frauenquote  Vom Zugreifen und Chancen nutzen

Bild von Dagmar Reim
Leiterin, Rundfunk Berlin-Brandenburg

Expertise:

Die Journalistin Dagmar Reim war Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, bis sie 2003 die Leitung übernahm. Damit stand sie als erste Frau in Deutschland an der Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Frauen haben einen elementaren Mangel an Selbstvertrauen und viele Selbstzweifel, wenn es darum geht, Führungspositionen zu besetzen, was die von Medien verbreiteten Stereotypen unterstützen. Es braucht mehr Frauen, die zugreifen und Verantwortung übernehmen. 

Sie hat es getan.
Sie hat zugegriffen, als die Macht-Option vor ihr auf dem Tisch lag. Denken wir uns die Macht-Option als einen Apfel, so hat sie nicht gefürchtet, er könnte faul sein, angedetscht, geschmacklos  oder gar vergiftet (das Beinahe-Drama mit Schneewittchen liegt ja nun auch schon ein paar Tage zurück...) Hillary Clinton will Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Als erste Frau. Sie unterscheidet sich fundamental von (allzu) vielen Frauen weltweit, die nicht zugreifen, wenn sich eine -rückblickend betrachtet- einmalige Chance bietet.

Das ist irritierend und schwer zu verstehen. Betrachten wir das Beispiel Deutschland. Frauen sind hierzulande die Mehrheit. Sie haben bessere Schulabschlüsse und erzielen an den Universitäten bessere Ergebnisse als ihre Kommilitonen. Sie machen früher Examen. Gleichwohl spielen sie in wichtigen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Führungspositionen so gut wie keine Rolle. Das ist ein Unding, und die Erklärungen dafür sind nicht eindimensional.

Um mit der eigenen Biografie zu beginnen (ich neige nicht zum Größenwahn und vergleiche meinen bescheidenen Werdegang mit dem einer amerikanischen Spitzen-Politikerin). Gleichwohl gibt es interessante Divergenzen. Als zum ersten Mal eine wichtigere Aufgabe auf mich zukam, zögerte und zweifelte ich. Meinem Chef überreichte ich einen Zettel mit 17 Gründen dagegen; ich war lediglich auf drei Gründe gekommen, die dafür sprächen. Der Chef sagte: "Ihr Frauen seid seltsam. Ihr wollt ständig irgendetwas, und wenn es so weit ist, kneift ihr. Ich werde deinen Zettel nicht lesen. Geh' nach Hause, überleg' dir, ob du den Job willst - bis morgen."

Es ist ein grundlegender Mangel an Selbstvertrauen, der Frauen zögern lässt. 

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Ich habe am nächsten Tag zugesagt und in den Jahrzehnten danach immer wieder feststellen müssen: Der Selbstzweifel, grammatikalisch eigentlich männlich, ist weiblichen Geschlechts. Hatte ich irgendwann einen interessanten Job zu vergeben, tauchten Männer unauffällig in meiner Nähe auf und erläuterten mir, warum sie "the one and only" seien für diese Aufgabe. Fragte ich hingegen  Frauen, hörte ich fast immer: "Wie kommen Sie denn gerade auf mich?". Es ist ein elementarer Mangel an Selbstvertrauen, der Frauen häufig zögern lässt, wenn sich ihnen eine Chance für den beruflichen Aufstieg bietet. Männer hingegen sind viel schneller bereit, einen Job als wichtigen Zwischenschritt oder als Karrierestufe zu begreifen. Andersherum gilt: Schafft es doch einmal eine Frau in den Vorstand eines Großunternehmens, gibt sie im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen doppelt so oft vorzeitig auf. Auch dann gilt: Männer reden sich ihr Scheitern klein, Frauen halten sich für nicht gut genug. Der Selbstzweifel hat gesiegt.

Ob Frauen in einer Firma oder Organisation weiter kommen, ist auch eine Frage der Unternehmenskultur. Heute sind 42 Prozent der Führungskräfte beim Rundfunk Berlin-Brandenburg Frauen - sie haben längst jene kritische Masse hinter sich gelassen, die je nach Sichtweise bei 25 oder 30 Prozent liegt: Erst dann ist das Thema "Frauen an der Spitze" durchgesetzt und selbstverständlich; es gibt keinen Exotinnen-Malus und schon gar keinen Mädchen-Bonus mehr.

Je mehr weibliche Führungskräfte auf sich aufmerksam machen und Verantwortung tragen, desto mehr Frauen kommen voran. 

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Dazu kommt es allerdings nur dann, wenn weibliche Führungskräfte von morgen heute den Finger heben und auf sich aufmerksam machen. Chancen ergreifen, Konflikte nicht scheuen. Aus den Unternehmen wissen wir: Je mehr Frauen Verantwortung tragen, desto mehr Frauen kommen voran. Ein Sog-Effekt. Noch zeigen viel zu wenige Frauen ihre Ambition. Tun sie es - und zwar erfolgreich - müssen sie immer noch mit Zuschreibungen rechnen wie der der "Süddeutschen Zeitung" zum Amtsantritt der Fernverkehrs-Chefin der Deutschen Bahn, Birgit Bohle, im vergangenen Jahr: "Sie gilt als tough, ehrgeizig, etwas kühl." Haben Sie Derartiges schon einmal über eine männliche Führungskraft gelesen? Im Gegenteil: Ehrgeiz und Durchsetzungskraft empfehlen den Manager. Eine Frau mit denselben Merkmalen kämpft gegen Bewertungen wie 'karrieregeil', 'eiskalt' oder - unterste Schublade - 'stutenbissig' (Haben Sie schon einmal das Wort 'hengstbissig' gehört, wenn es zwischen Männern so richtig krachte?). 

Die Medien bewerten Frauen - eine Barriere in der Gleichstellung. 

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Sogar Hillary Clinton, die Frau, die sich traut, kämpft gegen derlei Zuschreibungen. Ihr Mann, Bill Clinton, trat sozusagen als first Charakterzeuge in den Parteitags-Ring von Philadelphia. Er schilderte seine Frau als leidenschaftlich engagiert, als herzliche, besorgte, unermüdliche Kämpferin für die Schwachen. Warum er das so herausstellte? Ganz einfach, weil viele Medien (und selbstverständlich die Republikaner) Hillary Clinton als kalte, macht- und geldgierige Streberin darstellen. In einer furiosen Rede warb die Ausnahme-Schauspielerin Meryl Streep für die Kandidatin und bilanzierte: "Hillary Clinton has taken  some fire for over 40 years." Kann man so sagen. Und was sollte Frau mitbringen, wenn sie die Erste von allen irgendwo sein will? "It takes grit", sagte Streep, "and it takes grace." Man braucht Mut - und man braucht Gnade.

Beides fehlten dem Chef der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, Kevin Roberts, der vor wenigen Wochen der Nachrichten-Seite "Business Insider" erklärte, er habe keine Zeit, sich mit Gleichstellungsfragen zu beschäftigen. Sexuelle Diskriminierung von Frauen gebe es in der Werbebranche nicht. Da lachten die Hühner, allerdings nicht seine Chefs von Publicis. Dabei ging im Getümmel unter, dass er neben diesem blanken Unsinn auch mit einem Satz nah an der Wirklichkeit war. Einigen Frauen, sagte er, "mangelt es an vertikalen Ambitionen." Sie wollten einfach nur gute Arbeit machen und glücklich sein.
Stimmt leider immer noch.
Roberts kann jetzt in Ruhe seinen Gedanken  nachhängen; seine Karriere verlief abrupt vertikal - nach unten. Seinen Job ist er los. Bei Theresa May, Angela Merkel oder Dalia Grybauskaite ist das anders. Sie haben  zugegriffen. Im rechten Moment. An Mut mangelt es Hillary Clinton offenkundig nicht. Ob die Gnade der Wählerinnen und Wähler dazukommt, wissen wir im November.

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