Ein Jahr nach der Frauenquote Über doppelte Freude, Verlässlichkeit und die Lust am Entscheiden

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Vorstandsvorsitzende Berliner Stadtreinigungsbetriebe

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Tanja Wielgoß, 1972 im Allgäu geboren, studierte Politik-, Geschichte- und Wirtschaftswissenschaften in Jena und im französischen Aix-en-Provence. Nach einem Arbeitsaufenthalt im französischen Parlament schloss sich eine deutsch-französische Doktorarbeit an. Zurück in Berlin war sie für die Unternehmensberatungen Roland Berger und A.T. Kearney tätig. Seit 2014 ist Wielgoß Vorstandsvorsitzende der BSR. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Bis zur vollständigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist es noch ein weiter Weg: Denn dabei geht es nicht nur um die Gleichstellung von Frauen gegenüber Männern im Berufsleben, sondern auch um die von Männern gegenüber Frauen im Privatleben und in der Familie, sagt Tanja Wiegoß.

Unser Deutschland in zehn Jahren? Wenn ich an die Generation meiner Mutter denke, bei der es noch der Einwilligung der Ehemänner bedurfte, um überhaupt eine Berufstätigkeit aufzunehmen, dann denke ich: viel erreicht. Wenn ich die Diskussionen über Frauenquote, Rabenmütter, Kitaplätze und Elternzeit für Väter verfolge, dann denke ich: noch viel zu tun – ob da zehn Jahre reichen?

In meiner idealen Welt machen Frauen und Männer das, was ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Das beinhaltet Männer, die sich ausschließlich um die Familie kümmern, genauso wie Frauen, die das tun. Und ebenso Partner, die Familie und Karriere für beide realisieren, ohne dass die Frauen als Rabenmütter bezeichnet oder Papas auf der Spielplatzbank oder in der Krabbelgruppe als Fremdkörper angesehen werden. Oder um es kurz zu machen: eine Welt, in der jeder und jede das tut, was ihn oder sie glücklich macht - und niemand durch Gesellschaft, Religion oder sonstige Einflüsse „zu seinem Glück gezwungen“ wird. Dann haben wir Gleichberechtigung wirklich erreicht. Doch bis dahin ist noch einiges zu tun – auch von uns Frauen selbst.

Wer Beruf und Familie in Einklang bringen will, sollte anstatt von Doppelbelastung eher von "doppelter Freude" sprechen.

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Wenn von Gleichstellung die Rede ist, wendet sich der Blick automatisch in Richtung der Frauen. Ich finde, dass es höchste Zeit ist, auch die Gleichstellung der Männer einzufordern. Ihnen fehlt oft ein wichtiger Teil des Lebens, wenn Familie - objektiv oder nur scheinbar - nicht mit dem Beruf vereinbar ist. Insofern halte ich es für falsch, dass oft von Doppelbelastung, bezeichnender Weise meist der Frauen, durch Beruf und Familie zu lesen und zu hören ist.

Statt über Doppelbelastung zu reden, sollten wir die doppelte Freude im Auge haben. Denn was gibt es schöneres als ein ausgefülltes Familien- und Berufsleben. Ich jedenfalls habe sehr viele Phasen, in denen ich froh bin nach Hause zu kommen, wo mir das pralle Leben in Form von Kinderlachen und auch -geschrei entgegenschlägt. Und ich habe ebenso viele Momente, in denen ich mich auf den Tag im Büro freue, auf die Kollegen und die Aufgaben, die dort auf mich warten. Dabei ist klar, dass es, wie immer im richtigen Leben, Höhen und Tiefen gibt - und zwar in beiden Bereichen. Und dass es die Höhen und Tiefen auch gäbe, wenn man nur einen Bereich für sich hätte, also zum Beispiel Hausmann wäre oder kinderlose Berufstätige.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht und fällt mit der Gunst des Arbeitgebers und der Unternehmenskultur.

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Eine Rahmenbedingung, die wenig thematisiert wird, ist aus meiner Sicht von sehr hoher Bedeutung: die Verlässlichkeit in der Organisation. Familienleben lässt sich nicht verschieben. Wenn ich sage, ich bin zum Abendessen da, dann erwartet meine Familie, dass ich das auch bin. Und sie hat Recht. Wenn ich mich mit meinem Mann abgesprochen habe, unsere Tochter oder unseren Sohn abzuholen, dann kann das Kind keine halbe Stunde vor der Tür warten bis ich komme. Es gibt Berufsbilder, die das „Ich-bin-immer-erreichbar“ oder das „Es-ist-nicht-so-schlimm-wenn-das-Meeting-eine-Stunde-länger-dauert“ noch immer kultivieren. Ich habe das persönlich in der Unternehmensberatung erfahren. Ich sehe aber auch ähnlich gelagerte Beispiele bei Politikern, Journalisten und in einigen Abteilungen selbst von sehr gut organisierten Unternehmen wie der BSR.

Verlässlichkeit ist oft auch gepaart mit einer ausgeprägten Vertrauenskultur. Und Vertrauenskultur basiert auf einer starken Ergebnisorientierung. Die reine Anwesenheit im Büro sagt oft nichts darüber aus, wie gut jemand arbeitet.

Wir brauchen mehr Mut in den Unternehmen, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung für Veränderungen anzunehmen.

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Wer in der Gesellschaft und in Unternehmen etwas verändern will, der braucht die Macht dazu. Und genauso die Lust daran Entscheidungen zu treffen, und dann auch die Verantwortung zu übernehmen, wenn sich etwas verändert oder neu gestaltet. Ich finde es großartig in einer Position zu sein, in der ich meine Wertevorstellung an vielen Orten umsetzen kann. Und hier empfinde ich die Position der Vorstandsvorsitzenden und auch vorher schon als Führungskraft in einem Unternehmen als deutlich gestalterischer als die der Aufsichtsrätin, die ich auch bin. Denn die Wirkung ist viel unmittelbarer. So macht es natürlich einen Unterschied, wenn wir Vorstände der BSR auf Aktenordner verzichten und stattdessen unsere Sitzungen elektronisch abhalten, wenn mein Kollege oder ich unsere Kinder mit zu einer Wochenendveranstaltung bringen oder wenn wir uns mit einem Team zusammensetzen und gemeinsam bewerten, was gut und was nicht so gut gelaufen ist und was wir daraus lernen können.

Frauen sind heute gut ausgebildet und hoch qualifiziert. Sie sollten mehr Selbstvertrauen in sich haben.

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Wir haben so viele gut ausgebildete und qualifizierte Frauen. Leider fragen sich diese oft zuerst „kann ich das überhaupt“? Hier wünsche ich mir mehr Selbstvertrauen. Und ich wünsche mir, dass Frauen zu ihrer Lust an Gestaltungsspielraum und Entscheidung stehen.

Das ist durchaus auch im Sinne der Vereinbarkeit: Denn wenn mehr Kämpferinnen und Kämpfer an den Schalthebeln der Macht sitzen, werden wir die Gleichstellung von Männern gegenüber Frauen im Privatleben und von Frauen gegenüber Männern im Berufsleben in zehn Jahren in Deutschland umgesetzt haben.

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