Ein Jahr nach der Frauenquote  Techies, Gründerinnen und Unternehmenslenkerinnen 

Bild von Angelika Huber-Straßer
Bereichsvorstand KPMG Deutschland

Expertise:

Angelika Huber-Straßer ist Bereichsvorstand für das Segment Corporates bei KPMG in Deutschland. Sie ist seit mehr als 20 Jahren bei KPMG tätig und hat zahlreiche Unternehmen aller Größen betreut, mit Schwerpunkt auf DAX-30 Gesellschaften und globalen Konzernen.

Frauen müssen in Digitalisierung und Technologie mehr mitwirken! Angelika Huber-Straßer wünscht sich für 2026 mehr Gründerinnen von Start-ups. Frauen und Mädchen dürfen es nicht versäumen die digitale Zukunft aktiv mitzugestalten. 

Als ich meinen Urlaub in Amerika verbrachte, besuchte ich mit meiner Tochter auch die Independence Hall in Philadelphia. Dieses alte Gebäude in der Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania ist wohl so etwas wie der Geburtstort des Landes. Hier wurde am 4. Juli 1776 von den Gründervätern die „Declaration of Independence“ verabschiedet, die zur Gründung einer der mächtigsten Nationen der Welt führte.

Meiner Teenage-Tochter fiel an dieser historischen Stätte vor allem eines auf: Die Unabhängigkeitserklärung hatten ausschließlich Männer unterschrieben. Warum? Und würde die Welt heute anders aussehen, wenn damals Frauen mitgewirkt und  mit unterschrieben hätten? Mir ist dabei klar geworden, dass wir heute wieder vor einer solchen Zeitenwende stehen. In jüngster Zukunft werden die Regeln für die digitale Welt definiert. Diesmal müssen wir Mädchen und Frauen motivieren, sich die Chance nicht entgehen zu lassen, dabei aktiv mitzuwirken.

Frauen müssen aktiv bei der Ausgestaltung der digitalen Welt mitwirken. 

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MEINE VISION FÜR 2026:

1. Frauen und Macht

Frauen sind paritätisch in den Gremien vertreten, die über die ethischen Regeln bestimmen, die der digitalen Welt zugrunde liegen. Roboter, Computer oder Autos werden bald eigenständige Entscheidungen treffen, über Leben und Tod. Wir werden vor Fragen wie dieser stehen: Ein selbstfahrendes Auto sollte wissen, ob es weiterfährt oder ausweicht, wenn ein Reh auf der Straße steht. Und das ist nur eines von unzähligen Beispielen, die auf uns zukommen. Die Definition dieser Regeln, darf nicht nur den Männern überlassen werden. Frauen werden paritätisch dabei mitwirken, in den Kommissionen und Kontrollgremien sitzen. Schließlich geht es darum, die Welt zu gestalten, in der wir alle leben.

Von einer Parität sind wir heute allerdings noch ein ganzes Stück entfernt. Es gibt kaum eine Branche, in der Frauen so unterrepräsentiert sind wie die Technologiebranche. Im Silicon Valley, dem Ort, der in der neuen Welt eine tonangebende Rolle spielt, sind gerade einmal elf Prozent der Top-Führungspositionen mit Frauen besetzt. Auf den Ebenen darunter sieht es nicht viel besser aus: Weniger als ein Viertel der IT-Experten, Programmierer und Softwareingenieure ist weiblich.

Erfolg ist kein Selbstläufer. Frauen sollten die Verantwortung für ihren Aufstieg in der digitalen Wirtschaft selbst übernehmen und den Mut haben ihren Anteil zu fordern, die Macht zu ergreifen und Entscheidungen zu treffen für sich und ihre Unternehmen. Bisher gibt es noch zu wenige Frauen, die das tun.

2. Frauen und Geld

In 2026 haben Frauen den gleichen Zugang zu Kapital und Venture Capital wie Männer.  Damit sind sie in der Lage, ihre Ideen umzusetzen und eigene Firmen zu gründen unter ihrer Führung, auf ihre Art, mit ihren Mitarbeitern.

Bisher erreicht das Geld nur selten weibliche Gründerinnen. Wird derselbe Pitch, Wort für Wort, von einer männlichen Stimme vorgetragen, ist es zu 68 Prozent wahrscheinlicher, dass Investoren eine Finanzierung zusagen, ergab eine Studie der Harvard Business School. Venture Capital Firmen finanzieren offenbar ungern Frauen. Nur 2,7 Prozent der über 6.500 Firmen, die zwischen 2011 und 2013 Venture Capital bekommen haben, hatten eine Frau an ihrer Spitze, ergab eine Studie des Babson College. Dabei hat ein Bericht der Kauffmann Foundation aus 2012 gezeigt, dass Tech Start-ups, die von Frauen geführt werden, einen deutlich höheren Return on Investment erwirtschaften als jene, die von Männern geführt werden.

Vorurteile müssen in Gründerszene, Medien, Naturwissenschaften, Kunst und Kultur überwunden werden.

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Um Frauen Chancengleichheit zu bieten, müssen wir heute Verfahren einführen, die Vorurteile ausschalten. Dies gilt nicht nur in der Gründerszene, sondern ebenso in Bereichen wie Medien, Naturwissenschaften, Kunst und Kultur. So waren beispielsweise in den Siebzigerjahren Frauen in den fünf renommiertesten amerikanischen Orchestern deutlich unterrepräsentiert – der Anteil weiblicher Musiker betrug nur 5 Prozent. Um ihn zu erhöhen und Vorurteile wie „Je mehr Frauen in einem Orchester, desto schlechter der Sound“ zu entkräften, wurde schließlich ein neues Einstellungsprocedere durchgesetzt. Mittels sogenannter Blind Auditions, bei denen entweder die Bewerber selbst oder die Mitglieder des Auswahlgremiums versteckt hinter einem Vorhang saßen, wurde sichergestellt, dass die Musiker nach ihrem Können und nicht nach ihrem Geschlecht beurteilt wurden. Mit großem Erfolg: Der Anteil der weiblichen Orchestermitglieder stieg auf über 30 Prozent. Die Vergabe von Kapital sollte deshalb ohne Vorurteile erfolgen.

3. Frauen und Innovation

In der digitalen Wirtschaft wird es in zehn Jahren  genauso viele Gründerinnen wie Gründer geben. So lassen sich langfristig digitale Welten und Produkte kreieren, die aus den Visionen von Frauen entstehen und damit auch die Bedürfnisse des weiblichen Teils der Bevölkerung abdecken und auf natürliche Art und Weise einen entsprechenden Machtanspruch herausbilden.

2026 soll es genauso viele Gründerinnen von Start-ups geben wie Gründer. 

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Zwar besetzen Frauen bereits in einigen großen Unternehmen wichtige Posten, wie Marissa Mayer bei Yahoo und Sheryl Sandberg bei Facebook. Doch die stießen erst dazu, als die Unternehmen längst gegründet und bekannt waren. Nur 18 Prozent der Start-ups hatten 2014 in den USA weibliche Gründer. In Deutschland liegt der Anteil der weiblichen Gründer laut dem Deutschen Start-up Monitor 2015, den KPMG, der Bundesverband Deutscher Start-ups und die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin gemeinsam erstellen, bei gerade einmal 13 Prozent. Man braucht unterschiedliche Erfahrungen und Ansichten, um unterschiedliche Technologien und Produkte zu entwickeln. Wohin der einseitige Einfluss führen kann, zeigt Apples Health Tracking. Die Gesundheits-App kann den Cholesterin-Spiegel und den Puls messen. Zum Zeitpunkt des Launchs war sie jedoch nicht in der Lage gewesen, den Zyklus einer Frau darzustellen. Dies wurde schließlich in einem Update nachgeholt.

Darum sollten wir bereits heute in jungen Mädchen die Begeisterung für Technik wecken und ihnen die Möglichkeiten der Digitalisierung  aufzeigen – zumal sie Untersuchungen zufolge in Bezug auf digitale Bildung einen Leistungsvorsprung gegenüber Jungen aufweisen.

Dem OECD-Bildungsbericht 2015 zur Folge werden allerdings nur 15 Prozent der Mädchen von ihren Eltern zu einem naturwissenschaftlichen Beruf ermutigt, aber 40 Prozent der Jungs. So war in Deutschland unter den Absolventen im Jahr 2014 im Studienbereich Elektrotechnik etwa nur jeder zehnte weiblich, im Maschinenbau und der Verfahrenstechnik lag der Anteil bei knapp 19 Prozent und in der Informatik bei 17 Prozent. Deshalb sollten wir die Mädchen für technische Berufe und Unternehmensgründungen ermutigen und fördern.

In jungen Mädchen soll die Begeisterung für Technik geweckt werden. 

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FAZIT

Wenn Frauen die digitale Welt mitgestalten wollen und sollen, müssen alle diesen Wandel unterstützen. Erfahrene Frauen, die es geschafft haben, an deren Werdegang sich die Jüngeren orientieren können, sollten als Vorbilder fungieren und eine höhere Transparenz und Reichweite erreichen. Junge Frauen und Mädchen sollten den Mut und die Lust zur Technik entwickeln und sollen Spaß an der Macht haben. Aber ebenso wichtig als Change Agenten sind die Ehemänner, Lebensgefährten, Väter, Söhne, Chefs, Gründer, Venture  Capitalist, Professoren und Mitarbeiter (#HeForShe). Die Strukturen müssen heute geändert werden, damit wir in 2026 viele weiblichen Techies, Gründerinnen und Unternehmenslenkerinnen erleben.

 

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