Ein Jahr nach der Frauenquote  Gleichstellung aus finnischer Sicht 

Bild von Ritva Koukku-Ronde
Leiterin der finnischen Botschaft in Berlin

Expertise:

Seit September 2015 leitet Ritva Koukku-Ronde die finnische Botschaft in Berlin. Davor war sie vier Jahre Botschafterin in Washington. In Helsinki war sie Unterstaatssekretärin im Außenministerium und Mitglied der Leitungsgruppe des Ministeriums und Gouverneurin Finnlands bei Entwicklungsbanken. Außerdem war sie als Leiterin der Abteilung für Wirtschafts- und Sozialfragen der Vereinten Nationen tätig.

Die Vorsitzende der finnischen Botschaft gibt Einblick in die Geschlechtergleichberechtigung in Finnland, welches in diesem Aspekt als sehr fortschrittlich gilt. Dort gibt es z.B. seit 1995 eine Frauen- und Männerquote in staatlichen Gremien. Trotzdem muss noch einiges getan werden!

Bekanntlich kann die Geschichte der Gleichstellung von Mann und Frau in Finnland als recht erfolgreich bezeichnet werden. Finnland war das erste Land weltweit, das aktives und passives Wahlrecht für beide Geschlechter einführte. Dies geschah schon im Jahre 1906. Als erstes Land der Welt waren in Finnland die Frauen bereits 1907 im Parlament vertreten.

Geschlechtergleichstellung ist volkswirtschaftlich vernünftig. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Gleichstellung der Geschlechter ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sie ist auch volkswirtschaftlich vernünftig. Je mehr Gleichstellung es in einer Gesellschaft gibt, desto höher ist die Lebensqualität und desto größer die soziale Gerechtigkeit.

Heute gehört Finnland zum Beispiel bei der Digitalisierung und der Innovationsfähigkeit zu den führenden Ländern. Dies gilt auch in Bezug auf die niedrigste Korruptionsrate, die höchste Lebensqualität, das beste Land weltweit für Mütter, die soziale Gerechtigkeit sowie den Global Gender Gap Report und den Good-Country-Index. 

In Finnland hatten Frauen bereits alle führenden Posten im Staat inne. So hatten wir schon eine Staatspräsidentin, eine Regierungschefin und eine Parlamentspräsidentin. Es gibt auch keinen Ministerposten bei uns, der nicht schon einmal von einer Frau besetzt wurde. Auch unser Oberster Gerichtshof und die Zentralbank wurden bereits von Frauen geleitet.

Erste Voraussetzung für eine Gleichstellung von Frauen und Männern sind gleiche Bildungschancen. Bereits im Jahre 1660 schrieb die evangelisch-lutherische Kirche in Finnland vor, dass Frauen und Männer fähig sein müssen, die Bibel zu lesen. Ohne Lese- und Schreibfähigkeit war keine Eheschließung möglich.

Gleichberechtigung passiert nicht automatisch - sie muss aktiv in der gesamten Gesellschaft gefördert werden. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Gleichberechtigung stellt sich nicht automatisch ein. Sie bedarf der Förderung sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich. Das soziale Reformprogramm Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte uns von einem armen Agrarland zu einem modernen Wohlstandsland. Die Frauen wiesen (in Zusammenarbeit mit Männern) auf soziale Missstände hin und machten sie zu einem Thema in den Medien und im Parlament. Die Erfolge der finnischen Sozialgeschichte sind weitgehend mit den Verbesserungen der Frauenrechte und der Gleichstellung der Geschlechter verbunden. Finnland konnte es sich nicht leisten, das volle Potenzial beider Geschlechter im Arbeitsleben ungenutzt zu lassen.

Die Abschaffung geschlechterbezogener Hindernisse erlaubte es den Frauen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Hiervon hat die ganze Gesellschaft – natürlich auch die Männer  ̶   profitiert. Heute beträgt in Finnland die Erwerbsquote von Frauen 70 Prozent, während sich die von Männern auf 67 Prozent beläuft.

Wir haben viel in unser Schulsystem und in die Chancengleichheit für alle Bürger investiert. Dies ist seit Jahrzehnten eine hohe Priorität unserer Politik. In Finnland haben etwa 47 Prozent aller erwerbstätigen Frauen einen Hochschulabschluss. Bei den Männern sind es 35 Prozent.

Finnland hat seit 1972 einen Beratungsausschuss für Gleichstellungsfragen und hat eine recht lange Tradition von Gleichstellungsprogrammen der Regierung (seit 1997). Im jüngsten Gleichstellungsprogramm ist auch das Wohlbefinden und die Gesundheit der Männer und Jungen ein zentrales Thema.

In Finnland gibt es eine Frauen- und Männerquote in staatlichen Gremien - mit positiven Folgen. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es gibt beispielsweise seit 1995 eine Bestimmung, der zufolge in staatlichen und kommunalen Gremien sowohl Frauen als auch Männer mit mindestens 40 Prozent vertreten sein müssen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dieser Quote gemacht.

Bei uns hat sich der Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten von Unternehmen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, und Finnland gehört auch hier zu den führenden Ländern. Dennoch beträgt der diesbezügliche Frauenanteil bei uns nur 25 Prozent. Auch wenn es in der Privatwirtschaft keine Quotenregelung gibt, so gibt es dort eine Empfehlung oder einen „Code of Conduct“. Dieser Empfehlung zufolge sollen die Unternehmen über die Ziele, Maßnahmen und Ergebnisse hinsichtlich der Geschlechterverteilung berichten.

Folgende strukturelle Maßnahmen fördern in Finnland die Berufstätigkeit von Eltern:

- Wir haben ein vielseitiges und flexibles System der Elternurlaube für beide Geschlechter sowie ein funktionierendes Kinderbetreuungssystem.

- Die Kommunen sind verpflichtet, Tagespflegeplätze bereitzustellen. 

- Bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres des Kindes besteht ein Anspruch auf Elternzeit. Anschließend besteht das Recht auf die Fortsetzung des bisherigen Arbeitsverhältnisses.

- Finnland hat Ganztagsschulen mit unentgeltlichen Schulmahlzeiten und Nachmittagsbetreuung von Kindern.

- Es gibt kein Ehegattensplitting.

- Die Arbeitskultur mit flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit zur Telearbeit oder kürzeren Arbeitstagen fördert die Berufstätigkeit.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen wird nicht in Frage gestellt, sondern als selbstverständlich angesehen.

Auch wenn wir in Finnland viel erreicht haben, sind wir auch bei uns noch nicht am Ziel. So müssen noch vorhandene Lohn- und Gehaltsunterschiede abgebaut werden. Auch  im Bereich der Work-Life-Balance von Frauen und Männern gibt es noch viel zu tun. Ferner müssen wir viele Stereotype loswerden. Mädchen und Jungen müssen verstärkt dazu ermutigt werden, sich für Berufe zu entscheiden, in denen sie bislang unterrepräsentiert sind. Frauen sollen zu Unternehmertum und Risikobereitschaft ermutigt werden. Im privaten Sektor muss die Zahl der Frauen in Führungspositionen steigen, und diese Führungspositionen sollen sich nicht auf Bereiche beschränken, in denen auch sonst mehr Frauen beschäftigt sind. Die Entwicklung ist viel zu langsam, weshalb eine Quotenregelung durchaus sinnvoll ist. Es hat sich auch gezeigt, dass Frauen weiterhin Mentoren, Sponsoren, Sparringspartner, Netzwerke und Vorbilder benötigen.

Die Gleichstellung liegt im Interesse von Frauen und Männern sowie der ganzen Gesellschaft und wird bei uns von beiden Geschlechtern unterstützt.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.