Ein Jahr nach der Frauenquote Für mehr Gleichstellung brauchen wir eine gendergerechte Sprache, kostenfreie Kitas und eine Abschaffung des Ehegattensplittings

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Persönlichkeitspsychologin Freie Universität Berlin

Expertise:

Jule Specht arbeitet als Psychologin an der Freien Universität Berlin. Zudem ist sie Research Fellow am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Kolumnistin bei der Fachzeitschrift Psychologie Heute. Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin.

Mit größerer Selbstverständlichkeit für mehr Vielfalt! Das ist der Wunsch von Jun.-Prof. Jule Specht für unsere Gesellschaft in zehn Jahren. Denn Lebenswege sind so vielfältig wie die Menschen, die sie gehen.

Dass Vielfalt nicht angemessen wertgeschätzt wird, verdeutlichen die Berichte dieser Beilage: Noch immer sind Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert und arbeiten für eine geringere Bezahlung als Männer. Gleichzeitig sind noch immer Männer bei der Kindererziehung unterrepräsentiert. Von einschränkenden Geschlechterklischees sind wir also alle auf die eine oder andere Art betroffen. Die folgenden Beiträge zeigen jedoch auch: Wir sind auf einem guten Weg. Längst sind Frauen in Führungspositionen und Väter in Elternzeit keine Einzelfälle mehr.

Nur ein Bruchteil der Unterschiede zwischen Menschen lässt sich auf das Geschlecht zurückführen.

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Aus psychologischer Sicht unterscheiden sich Frauen erheblich untereinander, ebenso wie Männer. Nur ein marginaler Bruchteil der Unterschiede zwischen Menschen lässt sich auf ihr Geschlecht zurückführen. Dennoch gelten Frauen oft als wenig ambitioniert, mit geringem beruflichen Selbstvertrauen, als nicht ausreichend vernetzt und öffentlichkeitsscheu. Als Folge von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen können diese Merkmale bei Frauen tatsächlich langfristig verstärkt werden und zu realen Unterschieden zwischen Frauen und Männern beitragen. Ein Gefühl von Selbstverständlichkeit dafür, dass sowohl Frauen als auch Männer beruflich erfolgreich sein können, verschwindet durch solche Stereotype.

Geschlechtsspezifische Stereotype können durch eine gendergerechte Sprache überwunden werden.

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Umso wichtiger ist es, diese automatischen, geschlechtsspezifischen Merkmalszuschreibungen zu überwinden. Zum Beispiel über gendergerechte Sprache, die explizit weibliche und männliche Formulierungen berücksichtigt. Denn wie Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“ treffend formuliert: „Was in Diskursen nicht gesagt wird, wird schlicht und ergreifend auch nicht gedacht.“ Reden wir von Firmenchefs und meinen damit sowohl Chefinnen als auch ihr männliches Pendant, dann werden wir dennoch vor allem Männer vor Augen haben. Reden wir dagegen von Firmenchefinnen und Firmenchefs haben wir den ersten Schritt hin zu einer gendergerechten Selbstverständlichkeit getan.

Unsere Sprache beeinflusst also unser Denken: Berücksichtigen wir explizit weibliche Formulierungen in männlich dominierten Bereichen, dann werden im Gehirn neuronale Vernetzungen aktiviert und gestärkt, die wiederum dazu führen, dass wir auch zukünftig Frauen in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Unsere Sprache beeinflusst auch das Denken des Gegenübers: Formulieren wir Berufszweige und Stellenausschreibungen gendergerecht, dann werden diese für Frauen attraktiver, ohne für Männer unattraktiver zu werden. Und letztendlich beeinflusst unsere Sprache auch, wie wir wahrgenommen werden: Nutzen wir gendergerechte Formulierungen, wirken wir eloquenter und kompetenter.

Kindertagesstätten sollten in Deutschland kostenfrei sein, weil sie für die Gleichberechtigung essentiell sind.

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Die Familiengründung hat noch immer einen maßgeblichen Einfluss auf geschlechtsspezifische Karrierewege. Für unsere Gesellschaft in zehn Jahren wünsche ich mir deshalb eine hälftige Aufteilung der Elternzeit als Selbstverständlichkeit. Nicht zwölf Mütter- und zwei Vätermonate, sondern sieben Mütter- und sieben Vätermonate! Außerdem ist eine zuverlässige Kinderbetreuung auch sehr kleiner Kinder, auch zu untypischen Arbeitszeiten und auch während Dienstreisen essentiell. Diese sollte für die Eltern kostenfrei sein, denn von Kindern und von arbeitenden Eltern profitiert die gesamte Gesellschaft, die dementsprechend auch die Kosten dafür gemeinsam tragen sollte.

Das Ehegatten-Splitting fördert Paare mit ungleichem Einkommen und soll deshalb abgeschafft werden

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Gleichzeitig erweisen einige Förderformate den Familien einen Bärendienst. Zum Beispiel das unsägliche Ehegattensplitting. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Paare mit ungleichem Einkommen gefördert werden sollten. Stattdessen sollten berufliche Karrieren beider Personen und Familien - egal ob mit oder ohne Trauschein, Patchwork oder gleichgeschlechtliche Partnerschaft - gefördert werden, sofern es in den Haushalten Kinder gibt.

Eine Quote sollte nicht nur für Frauen in typischen Männer-Berufen gelten, sondern auch für Männer in Frauen-Berufen.

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Die Frauenquote ist ein weiteres wichtiges Instrument dafür, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu stärken. Sie kann Frauen ermöglichen, im Beruf von den Unternehmen besser gefördert und angemessen bei der Jobvergabe berücksichtigt zu werden. Sie kann die Vielfalt des Führungspersonals steigern und damit beruflich erfolgreiche Frauen zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Gleichzeitig sollte eine Quote nicht nur für Frauen in männlich dominierten Bereichen gelten, sondern ebenso für Männer in weiblich dominierten Bereichen. Damit Frauen und Männer in jedem Beruf zur Selbstverständlichkeit werden. Ob sich eine solche Quote finanziell lohnt, ist dabei irrelevant. Die Quote ist ein politisches Förderformat, die das gesellschaftliche Ziel von Geschlechtergerechtigkeit unterstützt. Das kann sich monetär auszahlen (und viele Argumente sprechen dafür, dass Vielfalt den Umsatz steigert), muss es aber nicht.

Für unsere Gesellschaft in zehn Jahren erhoffe ich mir, dass mithilfe der Quote Frauen seltener vergessen, weniger benachteiligt und häufiger gefördert werden. Und ich hoffe, dass die Quote lediglich eine notwendige Übergangslösung ist und wir langfristig eine natürliche Quote von etwa 50 Prozent in allen Berufen haben.

Für unsere Gesellschaft in zehn Jahren hoffe ich auf Frauen und Männer, die mit einem Gefühl von Selbstverständlichkeit ihren individuellen Lebensweg gehen. Dass Karriere möglich ist, egal ob Personen mehr oder weniger Kinder in früheren oder späteren Phasen ihres Lebens bekommen, egal ob sie eine traditionelle Ehe führen oder alleinerziehend sind, in einer Patchwork-Familie oder einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben. Als Persönlichkeitspsychologin, die sich mit den individuellen Besonderheiten von Menschen beschäftigt, bin ich überzeugt: Schön ist es besonders dann, wenn es vielfältig ist.

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