Ein Jahr nach der Frauenquote  Digitalisierung ist weiblich 

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Generalsekretärin, Landtagsabgeordnete FDP

Expertise:

Nicola Beer ist selbstständige Rechtsanwältin und seit Dezember 2013 Generalsekretärin der FDP. Außerdem ist sie Landtagsabgeordnete in Hessen mit den Schwerpunkten Bildung, Forschung, Technologie, Medien, Internet, digitale Agenda und Kultur.

Nicola Beer beleuchtet die Möglichkeiten, die sich vor allem für Frauen und ihre Gleichstellung mit einer fortschreitenden Digitalisierung eröffnen. Deutschland braucht einen Mentalitätswechsel, in dem Frauen die Vorreiterinnen sein sollten. 

August 2030.

Luis, 9, kommt völlig aufgedreht von der Schule nach Hause. Er war im alten Ägypten, in der Cheops-Pyramide von Gizeh. Es war Luis‘ erste virtuelle Exkursion. Überall in der Pyramide konnte er sich umsehen und frei bewegen, auch fühlen und riechen, wie es damals wohl war. Seine Mutter Sandra hört erleichtert zu: Durch den digitalen Unterricht macht Lernen auf einmal Spaß. Genauso wie das Fußballtraining am Nachmittag. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit dem Auto zum Sportplatz, dazu kommt eine Stunde Training, während der sie sich früher mehr recht als schlecht mit den anderen Müttern unterhielt, manchmal mehr. Danach duschen und weiter ging es zum Kinderturnen von Luis‘ kleiner Schwester. Ein normaler Nachmittag, ausgefüllt mit Autofahren und vertaner Wartezeit. Jede Mutter kannte das.

Früher war sie die Chauffeuse. Heute wird Sandra die Fahrt abgenommen. Per App bestellt sie ein autonomes fahrerloses Taxi, das ihre Kinder pünktlich und sicher hin und her transportiert. Das ihr per SMS mitteilt, sobald die Kinder sicher angekommen sind. Die größte technische Revolution für die Frau seit Erfindung der Wegwerfwindel.

Für die allein erziehende Sandra sind die gewonnenen Stunden Gold wert. Nach der Geburt ihrer dreijährigen Tochter hatte sie sukzessiv wieder angefangen zu arbeiten. Die Finanzbeamtin konnte sich über digitale Weiterbildungsprogramme auch während ihrer Auszeit beruflich auf dem Laufenden halten und arbeitet nun im Home Office, regional vernetzt mit ihrem Team, bundesweit mit anderen Finanzbeamten. Die Zeit kann sie sich frei einteilen.

Bevor sie mit ihrer Arbeit beginnt, skyped sie noch schnell mit ihrer Mutter Helga. Die 92-jährige wohnt auf dem Land, ihr Hausarzt ist 15 km entfernt und ohne Auto für sie nicht zu erreichen. Ein Umzug in die Nähe der Tochter kam für sie nicht in Frage, ebenso wenig ein Alters- oder Pflegeheim. Für Sandra war das lange Zeit ein Problem. Bis sie im Haus der Mutter Sensoren installieren ließ, die ihren Arzt oder Sandra informieren, wenn sich Helgas Gesundheitszustand verschlechtert – auf diese Weise kann Helga weiter unabhängig bleiben und Sandra hat ein gutes Gefühl.

Es ist essentiell den Technologie-Pessimismus zu überwinden und neue Möglichkeiten zu nutzen. 

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Schilderungen wie diese ließen sich beliebig lang fortsetzen. Science Fiction? Visionen, bei denen man den Hausarzt aufsuchen sollte? Weit gefehlt. Wir sprechen von Dingen, die bereits heute technisch möglich sind und, wenn sie in wenigen Jahren ausgereift sind, Standard sein können. Vorausgesetzt, die Freude über neue Chancen, über das Meer an Gestaltungsmöglichkeiten und Unabhängigkeit schafft es, den ewigen Technologie-Pessimismus in unserem Land zu verdrängen.

Gerade Frauen können von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren, wie die oben genannten Beispiele zeigen. Und obwohl viele Frauen schon heute selbstverständlich mit Internet, Smartphone und Co. umgehen, werden digitale Technologien hierzulande nicht nur von Männern, sondern vor allem von diffusen Ängsten dominiert. Die Sorge vor dem Unbekannten ist größer als die Vorfreude auf das vorher Undenkbare. Man sagt lieber „aber“ statt laut „aber ja!“ zu rufen. Deshalb brauchen wir einen Mentalitätswechsel. Und Frauen sollten dabei Vorreiter sein. Noch nie waren sie so gut ausgebildet wie heute. Noch nie waren sie in der Lage, so deutlich ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln und umzusetzen. Es ist an der Zeit, dass sie beim Vorantreiben und Weiterentwickeln der neuen Technologien, ebenso bei deren Einsatz, Standards setzen.

Frauen sollten Vorreiter des Mentalitätswechsels sein, sie können am meisten von Digitalisierung profitieren. 

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Die Chancen liegen auf der Hand:

* Industrie 4.0 entlastet, etwa durch Maschinen, die miteinander kommunizieren. Wenn der Kühlschrank leer ist, muss sich niemand  mehr auf den Weg zum Supermarkt machen, sondern kann den Kühlschrank selber agieren lassen. Schon längst hat er seinen Standardinhalt beim Supermarkt bestellt. Man gewinnt Zeit, die nicht nur das Lebensgefühl, sondern auch die Planung und Gestaltung des täglichen Lebens verbessert und vereinfacht.

* Digitale Arbeitswelten führen zu vollkommen neuen Lebens- und Arbeitsbiografien. Die Arbeitswelt der Zukunft kann dabei Freiheit und Flexibilität in jeder Lebensphase bieten, sie kann Selbstverwirklichung neu definieren und ermöglichen: es entstehen Aufgaben, deren Notwendigkeit wir noch gar nicht ahnen; die Präsenz am Arbeitsplatz verliert an Bedeutung, eigenverantwortliche dezentral ausgeübte Tätigkeiten nehmen zu. Arbeit mal als Angestellte, dann als Freelancer oder Selbständige; Vollzeit, Teilzeit, Auszeit; der Wechsel von Berufen und Branchen - was heute noch als "gebrochene Erwerbsbiografie" gilt, wird zum Regelfall. Mit Vorteilen für alle, vorausgesetzt wir schaffen politisch - von Gründergeist bis zu den neuen Verhältnissen und Erfordernissen angepassten Regeln der Sozialversicherung, Infrastruktur und Bildung - den richtigen Rahmen hierfür. Fair und flexibel.

* Der Trend zu Individualisierung, Kundenorientierung und Flexibilisierung führt mittels Digitalisierung zu ganz neuen Geschäftsmodellen und Arbeitsplätzen. Das eröffnet  Chancen, gerade für Frauen mit dem für sie typischen Pragmatismus, ihrer Kreativität und ihrer Intuition. Vorausgesetzt, sie sind mutig genug, ihre Ideen zu artikulieren und die Umsetzung einzufordern. Dann können sie Dank Digitalisierung und globaler Vernetzung ihre Fähigkeiten und Kenntnisse, ihre Produkte und Dienstleistungen überall auf der Welt anbieten. Und gewinnen gleichzeitig die Freiheit, über ihre Zeit selbst zu bestimmen. Abgesehen von den Anforderungen der Damen und Herren Töchter und Söhne, natürlich.

* Digitalisierung sorgt für Dynamik. Wir müssen uns endlich von der Vorstellung verabschieden einen einzigen Beruf vom Ende der Ausbildung bis zum Renteneintritt auszufüllen. Viele Kenntnisse, ja sogar viele Berufe, die in einigen Jahren Gang und Gäbe sind, kennen wir heute noch gar nicht. Andere verschwinden. Die Arbeitswelt wird bunter werden und die Möglichkeit, mehrere Qualifikationen zu erwerben, wird essentiell. Arbeit wird nicht weniger werden, aber die Anforderungen an Flexibilität und Qualität werden sich verändern. Das bedeutet gleichzeitig: Nie gab es bessere Chancen, gerade für Frauen, immer wieder neu einzusteigen, sich neu aufzustellen und sich neu zu erfinden. Vorausgesetzt, wir haben lebenslanges Lernen von den Sonntagsreden in die Realität transferiert. Nebenbei werden damit auch die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern geringer werden. Es kommt nämlich nicht mehr darauf an, was einmal gelernt wurde, wer wie lange welchen Schreibtisch besetzt oder belagert hat, sondern darauf, mit dem Lernen nicht aufzuhören, Kenntnisse und Fähigkeiten von welchem Ort dieser Welt auch immer an den Mann, besser noch an die Frau zu bringen.

Digitale Arbeitswelten mit dem richtigen Rahmen schaffen Flexibilität und können Gehaltsunterschiede beseitigen.

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Die Digitalisierung wird viele Herausforderungen, aber noch mehr Chancen für jeden und jede von uns bringen. Nutzen wir sie, ob als Gründerinnen, als Mütter, Ingenieurinnen, ob beruflich oder ganz privat. Sie ist uns auf den Leib geschrieben, denn die Digitalisierung ist weiblich! 

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