Ein Jahr nach der Frauenquote Die Zukunft gehört dem partnerschaftlichen Familienmodell

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Geschäftsführerin Deutscher Evangelischer Kirchentag

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Sirkka Jendis ist Geschäftsführerin und Leiterin Kommunikation des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Zuvor war Sie in der Medienbranche unter anderem beim Zeit Verlag und ZEIT Online tätig. Sie lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Berlin.

Der Papa arbeitet in Vollzeit, die Mama in Teilzeit - das ist Standard in den meisten deutschen Familien. Doch das partnerschaftliche Familienmodell, in dem Arbeit, Kinder und Haushalt gleichberechtigt geteilt werden, ist das Modell der Zukunft. 

Dass wir etwas anders machen, habe ich erst gemerkt als wir schon mittendrin steckten. Bei unserem ersten Kind vor mehr als fünf Jahren nahmen mein Mann und ich nacheinander jeder sechs Monate Elternzeit. Dahinter stand ein ganz pragmatischer Grund: die vermeintlich besseren beruflichen Aussichten für mich. Ein anderer Grund war aber der Wunsch, dass unser erstes Kind uns beide Elternteile haben soll; wir beide die Zeit mit ihm genießen wollten. Und vielleicht auch eine tief verwurzelte, aber so selbstverständliche Übereinkunft: Es ist unser gemeinsames Kind, um das wir uns beide kümmern. Ganz normal also?

Ein traditionelles Familienmodell ist noch immer allgegenwärtig. Selten arbeiten beide Elternteile gleichberechtigt.

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Unser Umfeld hat uns schnell eines Anderen belehrt: Keine Mutter in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis ist nach sechs Monaten wieder in Vollzeit arbeiten gegangen. Für meinen Mann war es noch extremer: In seinem Verlag mit immerhin rund 12.000 Mitarbeitern war er der erste Mann, der länger als die üblichen zwei „Vätermonate“ in Elternzeit ging. Mehr als einmal wurden wir ungläubig ausgefragt, skeptisch beäugt: Wir stellten offenbar eine von uns ungewollte Angriffsfläche dar, die einige dazu veranlasste, das eigene, vergleichsweise traditionellere Modell verteidigen zu müssen.

Die deutschlandweiten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeichnen ein ähnliches Bild: 2013 haben rund 80 Prozent aller Männer zwei Monate Elternzeit genommen. Mütter nahmen hingegen durchschnittlich 11,6 Monate Elternzeit. Doch eigentlich entscheidend für den Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft ist die langfristige Perspektive - nach der Elternzeit. Und auch hier sind die Zahlen eindeutig: Nur bei einem Prozent der Paare mit Kindern arbeitet der Vater in Teil- und die Mutter in Vollzeit. In weiteren 1,6 Prozent der Fälle arbeiten beide Elternteile Teilzeit. Bei mehr als zwei Dritteln der befragten Paare (67,8 Prozent) ist entweder nur der Vater erwerbstätig oder der Vater arbeitet in Voll- und die Mutter in Teilzeit. In 13,8 Prozent der Fälle arbeiten beide Eltern Vollzeit. Dieser Fall sind wir: Heute haben wir zwei Kinder (zwei und fünf Jahre), zwei Führungspositionen in Vollzeit, einen Wohnort, drei Arbeitsorte.

Für unser eigenes Familienmodell ist entscheidend: Wir wollen die Kinder mehrheitlich selbst von der Kita und später auch von der Schule abholen, sie aufwachsen sehen und begleiten. Zwei- bis dreimal in der Woche verlasse ich das Büro um 15 Uhr. Mein Mann macht es ähnlich mit wechselnden Office- und Homeoffice-Tagen. Einen Tag in der Woche übernehmen die Großeltern. Weil unsere Arbeitgeber das ermöglichen, dürfen wir Vollzeit arbeiten und bringen im Job unsere Fähigkeiten und Leidenschaft mit ein. Wir sind beide für alle Themen zuständig. Die Verantwortung liegt nicht nur bei einem Elternteil, sondern der andere hilft gleichberechtigt mit.

Was uns erfüllt, ist dennoch extrem anstrengend: Der kommunikative Aufwand ist hoch. Die Logistik atemberaubend. Wir haben einen digitalen und analogen Familienkalender. Nahezu jeden Abend, wenn die Kinder im Bett sind, arbeiten wir weiter oder kümmern uns um andere „Familien-Organisationsthemen“. Das kostet Kraft und ist manchmal zermürbend. Zeit für anderes ist wenig.

Das Arbeiten in Führungspositionen und in Teilzeit ist in der heutigen Arbeitskultur schwer miteinander zu vereinbaren.

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Muss das sein? Mein Deutschland in zehn Jahren wäre ein Deutschland mit flexibleren Arbeitszeitmodellen in unterschiedlichen Lebensphasen. Ein Land, in dem man nach einigen Jahren Teilzeit als Frau und als Mann noch Karrierechancen hat und in Führungspositionen arbeiten kann. Eine Familienarbeitszeit mit reduzierter Arbeitszeit für beide, so wie es Familienministerin Schwesig vorschlägt, ist in unserer Lebensphase eine sinnvolle Idee. Aber unsere Erfahrungen sind andere: Führungspositionen und Teilzeit sind in der heutigen Arbeitskultur noch schwer zu vereinbaren. In unserem Wirtschaftssystem steht häufig noch die Maximierung der Leistung statt eine nachhaltige Förderung von Talenten im Vordergrund. Eltern müssen Zeit mit ihren Kindern haben. Kinder sollten nicht wegorganisiert werden, damit man am Ende noch mehr arbeiten kann. Familienleben und Arbeit müssen miteinander funktionieren, nicht gegeneinander.

Dabei sind 24-Stunden-Kitas keine Lösung. Auch Angebote zur Notfallbetreuung können nur im Einzelfall helfen, denn Kinder müssen in einer ihnen bekannten Umgebung individuell und zuverlässig betreut werden. Nicht alles lässt sich extern auslagern. Es gibt viele Situationen, in denen Kinder ein Elternteil brauchen, mindestens. Das können jedoch Mutter oder Vater sein.

In meinem Deutschland in zehn Jahren gibt es ein positives und weniger dogmatisches Mutterbild. Und es gibt verantwortungsvolle Väter, die sich um ihre Kinder kümmern und gesellschaftlich nicht in eine „Weichei“-Ecke gestellt werden. Eltern wollen ihre Kinder erleben und aufwachsen sehen. Aber sie wollen ihnen zunehmend auch ein Rollenbild vorleben, in dem Aufgaben und Themenzuständigkeit nicht vom Geschlecht abhängen. Eltern müssen in ihrer Erziehungsarbeit durch qualitative, aufeinander abgestimmte pädagogische Angebote des Staates und der Gemeinschaft unterstützt werden. Was beispielsweise bringt eine Ganztagsschule bis 16 Uhr, wenn gleichzeitig das Basketballtraining im Sportverein weiterhin um 15 Uhr anfängt. 

Im zukünftigen Deutschland soll es ein positives, weniger dogmatisches Mutterbild geben.

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Die Entscheidung für ein traditionelles oder partnerschaftliches Familienmodell muss jede Familie für sich treffen, wenn ihr das aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen und unterschiedlichen Familienkonstellationen überhaupt möglich ist. Es geht nicht darum, traditionelle Familienbilder zu verteufeln. Nur werden diese nicht in einem luftleeren Raum gelebt, sondern in einem gesellschaftlichen Klima, das teilweise weiterhin von klassischen Rollenerwartungen dominiert wird. Die Welt der Arbeit und der Kinderbetreuung richtet sich dann auch weiterhin weitgehend nach diesen Lebensentwürfen.

In was wir mehr oder weniger reingestolpert sind, ein wirklich partnerschaftliches Familienmodell, das uns mit Glück und Stolz erfüllt, wünsche ich mir für zukünftige Generationen. Dabei ist uns eines wichtig: Wir wollen nicht dogmatisch verstanden werden, sondern etwas Selbstverständliches leben: eine gemeinsame Partnerschaft auf Augenhöhe und Zeit von Mutter und Vater für die Kinder.

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