Ein Jahr nach der Frauenquote Die Wirklichkeit verändert sich schneller als die Vorurteile

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Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend SPD

Expertise:

Manuela Schwesig leitete von 2008 bis 2013 das Sozialministerium in Mecklenburg-Vorpommern ist seit November 2009 stellvertretende Parteivorsitzende der SPD. Seit Dezember 2013 ist sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Manuela Schwesig wünscht sich für die Zukunft weniger Nachteile für Frauen im Berufsleben. Sie ist optimistisch, dass sich traditionelle Geschlechterstereotype in zehn Jahren verändert haben. Es gilt die nötigen Rahmenbedingungen für eine neue, partnerschaftlichere Arbeitswelt zu schaffen. 

Die Wirklichkeit verändert sich oft schneller als die Bilder in den Köpfen. Vor zehn Jahren, als das Elterngeld eingeführt wurde, spotteten Kritiker über das „Wickelvolontariat“ für Väter. Der Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen betrug etwa acht Prozent. Mittlerweile sind 25,8 Prozent weibliche Aufsichtsräte in den Unternehmen, die per Gesetz eine feste Quote zu erfüllen haben. Immer mehr Frauen führen Unternehmen und Staaten. Und für 34,2 Prozent der Kinder, die 2014 in Deutschland geboren wurden, bezog neben der Mutter auch der Vater Elterngeld. Es gibt immer mehr Männer, die sich ganz selbstverständlich in der Familie einbringen und Zeit für ihre Kinder haben wollen. Dennoch halten sich traditionelle Rollenstereotype hartnäckig - Männer können dies nicht, Frauen wollen jenes nicht. Diese Vorurteile hindern Männer und Frauen daran, so zu leben, wie sie wollen, und das zu tun, was sie können. Sie verhindern die Realisierung von Lebenswünschen; sie verhindern Partnerschaftlichkeit und Gleichstellung. Mein Ziel ist, dazu beizutragen, dass sich in zehn Jahren die Rollenbilder in den Köpfen ebenso verändert haben wie die Wirklichkeit.

Der Wandel in der Arbeitskultur bringt viel Potenzial für die Gleichstellung, z.B. in Form der Digitalisierung.

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Die Voraussetzungen sind so gut wie selten zuvor. Nie war eine Frauengeneration so gut ausgebildet wie heute. Besonders junge, gut ausgebildete Frauen und Männer haben heute klare Erwartungen, wie sie arbeiten und wie sie leben wollen. Es geht um Augenhöhe zwischen den Geschlechtern, und es geht darum, Beruf und Privatleben miteinander in Einklang bringen zu können. Auch in der Wirtschaft sind die Voraussetzungen dafür gut. Fachkräfte werden in vielen Branchen gebraucht. Unternehmen werden es sich künftig kaum noch leisten können, ihren Beschäftigten keine Angebote für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu machen. Wir erleben einen Wandel der Arbeitskultur, der sich noch verstärken wird. In zehn Jahren wird es in vielen Branchen eher die Regel als die Ausnahme sein, dass Beschäftigte mobil oder im Homeoffice arbeiten. Die ausgeprägte Präsenzkultur, die hierzulande in vielen Unternehmen und in Teilen des öffentlichen Dienstes immer noch vorherrscht, wird absehbar an Bedeutung verlieren. Die Digitalisierung ist für diesen Wandel ein wichtiger Treiber. Ich sehe darin eine große Chance für Gleichstellung und für Partnerschaftlichkeit zwischen Frauen und Männern. Die Arbeitswelt 4.0 birgt das Potenzial in sich, eine gute und vor allem flexible Arbeitswelt für Frauen und Männer, für Mütter und Väter zu sein. Allerdings müssen wir die Risiken im Blick behalten und nachsteuern, wenn bei aller Flexibilität Verbindlichkeit verloren geht und Rechte von Beschäftigten ausgehöhlt werden. Wir wollen keine Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse, keinen Abbau sozialer Sicherheit, keine Altersarmut von Frauen. Flexible Arbeit muss gute Arbeit sein.

Für Frauen soll es kein Nachteil mehr sein, Kinder zu haben - dafür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

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Mein Ziel ist es, dass es in zehn Jahren in unserer Gesellschaft und unserer Arbeitswelt für Frauen keine Nachteile mehr bedeutet, wenn sie Kinder haben. Die Entscheidung für Kinder oder für einen Beruf ist Privatsache. Aber die Folgen im Berufsleben sind keine Privatsache. Es sind immer noch überwiegend Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit für die Betreuung von Kindern oder die Übernahme von Pflegeaufgaben unterbrechen, oft für mehrere Jahre. Viele Frauen kehren dann in geringer Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung zurück. Das bedeutet neben einem geringen Einkommen meist auch weniger Aufstiegschancen im Job und geringere Alterssicherungsansprüche. Die Weichen werden meistens mit der Geburt des ersten Kindes gestellt. Über die Hälfte der jungen Eltern wünscht sich heute, dass beide Partner in gleichem Umfang arbeiten können und sich beide um Haushalt und Familie kümmern. Doch nur einer Minderheit gelingt es, diesen Wunsch zu verwirklichen. Mein Vorschlag für eine Familienarbeitszeit setzt an dieser Stelle an. Beide Eltern sollen bis zu 24 Monate lang nur 32 bis 36 Stunden pro Woche arbeiten und ein Familiengeld in Höhe von 300 Euro erhalten - 150 Euro und mehr Zeit für Familie für den Vater, 150 Euro und mehr ökonomische Selbstständigkeit für die Mutter. Oder umgekehrt. Ich bin davon überzeugt, dass die partnerschaftliche Aufteilung von Familie und Beruf in zehn Jahren nichts Ungewöhnliches mehr sein wird. Es müssen aber noch weitere Schritte folgen. Wir brauchen flächendeckend gute Kitas mit flexiblen Betreuungszeiten, auch für Beschäftigte im Schichtdienst. Mit einem Rechtsanspruch auf einen Ganztagsbetreuungsplatz müssen wir die Betreuungslücke bei Schulkindern schließen. 

Wir werden in zehn Jahren deutlich mehr Frauen als heute in Aufsichtsräten und Vorständen erleben. Dafür sorgen die Frauenquote und der Kulturwandel, den sie angestoßen hat. Frauen müssen künftig die gleichen Chancen für berufliche Teilhabe und Aufstieg haben. Ich würde mich freuen, wenn in zehn Jahren der 1. Januar "Equal Pay Day" wäre. Das würde bedeuten, dass Frauen und Männer für gleiche und gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Die Lohnlücke, gegenwärtig 21 Prozent, wäre dann Vergangenheit. Das wird nicht ohne ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit gehen. Ich habe ein solches Gesetz vorgelegt, damit Frauen künftig einen Anspruch darauf haben, zu erfahren, ob sie für gleiche Arbeit genauso gut bezahlt werden wie ihre Kollegen. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit: Nur das ist gerecht. Darauf wollen Frauen nicht länger warten!

Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit - die Lohnlücke wird in zehn Jahren Vergangenheit sein.

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Darf ich mir noch etwas wünschen? Es ist ein Wunsch, der Frauen und Männer verbindet. Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren in einer weltoffenen, vielfältigen Gesellschaft leben, in einem Land, das als Teil eines einigen Europa mit seinen Nachbarn in Frieden lebt. Ohne Angst vor Terror und Gewalt. Zu viel verlangt? Ich bin optimistisch. Denn die Wirklichkeit verändert sich oft schneller als die Bilder in unseren Köpfen. Und in den nächsten zehn Jahren können wir alle zusammen noch einiges tun - für Frauen, für Familie, für Gleichstellung und für ein gutes Leben in unserem Land.

 

 

 

 

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