Ein Jahr nach der Frauenquote  Die Frauenquote ist notwendig! 

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Vorstandsvorsitzende, GASAG Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft

Expertise:

Vera Gäde-Butzlaff war von 2007 bis 2014 Vorsitzende der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) und ist seit März 2015 Vorstandsvorsitzende von GASAG:

Wichtig für die Gleichstellung sind neben der Frauenquote die richtigen Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - für Frauen und für Männer. Nur so kann Chancengleichheit und Ausgeglichenheit in den Führungspositionen geschaffen werden. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich zehn Jahre alt war. Da erlebte ich eine Diskussion zu der Frage, ob sich für Mädchen das Gymnasium lohnt. Meine Eltern dachten zum Glück fortschrittlich. Vielleicht wäre sonst schon damals der Weg zu meiner jetzigen Position verschlossen gewesen.

Das Bewusstsein für Chancengleichheit hat sich inzwischen stark verbessert. Es ist viel selbstverständlicher, dass Frauen die gleichen Chancen haben sollen wie Männer. Aber eben noch nicht selbstverständlich genug. Die, die allein mit dem Argument, man müsse „die Frauen“ unterstützen für mehr Kitaplätze und Ganztagsschulen eintreten, meinen es vermutlich gut, mich stimmen solche Aussagen, insbesondere wenn sie von Menschen kommen, die Personalverantwortung haben, aber eher bedenklich. Denn es zeigt, dass in unserer Gesellschaft noch immer ganz selbstverständlich die überwiegende Verantwortung für Familie und Kinderbetreuung den Frauen zugewiesen wird. Richtig ist: Wir brauchen in Deutschland bessere Rahmenbedingungen, aber für alle, damit die Chancen für die Lebensgestaltung für Frauen und Männer gleich sind.

Mir geht es um gleichberechtigte Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Eigentlich sollte dieser Satz so selbstverständlich sein, dass er gar nicht niedergeschrieben zu werden braucht. Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Klar, was sonst? Das steht auch seit 1949 im Grundgesetz. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Nicht diejenigen müssen sich rechtfertigen, die es so wollen, sondern diejenigen, die sich dagegen sperren.

Freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen hat nichts gebracht, deshalb ist die Quote nötig. 

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Dennoch verdienen Frauen immer noch häufig weniger für die gleiche Leistung als Männer. Und sie steigen weniger oft in Spitzenpositionen auf. Deshalb halte ich inzwischen die Quote für notwendig. Der Versuch mit freiwilliger Selbstverpflichtung der Unternehmen hat nichts gebracht. Im Gegenteil. In den letzten zehn Jahren, in denen das probiert wurde, ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen sogar etwas gefallen.

Lange habe ich wie viele andere auch gesagt: wozu Frauenquote? Ich habe es doch auch geschafft, also werden es andere Frauen auch schaffen, wenn sie denn die Leistung bringen. Dann habe ich aber gesehen: Neben den Leistungen zählen offensichtlich noch andere Kriterien, die dann verhindern, dass Frauen Karriere machen.                                               Ein Beispiel: Ein Unternehmen sucht eine Führungskraft. Es gibt eine sehr kompetente Bewerberin. Als die männlichen Entscheidungsträger über sie beraten, wird festgestellt, die Bewerberin sei ja eher klein und zierlich. Die Männer fragen sich, ob das für ihre Akzeptanz bei der Belegschaft nicht hinderlich sei.                                                                        

Die Quote erhöht die Chance, dass gute Frauen gesucht und gefunden werden. 

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Menschen suchen nach Vertrautem. Männer suchen also eher nach Männern oder zumindest nach Frauen, die den Kriterien nahe kommen, die sie von Männern erwarten. Wenn mehr Frauen an der Spitze wären, wären die Kriterien wahrscheinlich andere. Gemischte Führungsteams ermöglichen daher erst Chancengleichheit.

Die Quote erhöht die Chancen von Frauen, zeigen zu können, dass sie mindestens genau so viel leisten wie ihre männlichen Konkurrenten. Sie schafft einfach ein anderes Bewusstsein. Das führt dazu, dass gute Frauen gesucht und gefunden werden. Nur wer sucht, der findet. Das habe ich bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) erlebt, die ich vor der GASAG geleitet habe. Dort gab es die Maßgabe für den Personalbereich und auch für die beauftragten externen Personalberater nachzuweisen, wie viele Frauen angesprochen wurden und darzulegen, warum diese für nicht geeignet gehalten wurden oder welche Hindernisse die Frauen selbst aufgezeigt hatten. Auf der Führungsebene ist nun jede dritte Stelle mit einer Frau besetzt. Das alles ist ohne Bevorzugung geschehen. Niemand hat sich beschwert. Es war uns auch immer wichtig, deutlich zu machen: Wenn ein Mann besser ist, dann nehmen wir den. Das Ergebnis macht deutlich: Es gibt viele gut geeignete Frauen.

Trotzdem hat mich der rasante Anstieg von Frauen in Führungspositionen bei der BSR überrascht. Wie kann das sein? Offenbar liegt es nicht nur an den Männern, dass Frauen beim Aufstieg weniger Chancen haben, sondern auch an den Frauen selbst. Sie trauen sich nicht genug. Deshalb sind Vorbilder so wichtig. Je mehr Frauen in einem Unternehmen Führungspositionen übernehmen, desto mehr fühlen sich andere Frauen ermutigt, es ihnen gleich zu tun. Es wird dann einfach selbstverständlicher.

Es liegt auch an den Frauen selbst - sie müssen sich mehr trauen. 

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Als ich 2003 bei der BSR anfing, war das noch ungewöhnlich. Es gab in Berlin kaum Frauen auf herausgehobenen Wirtschaftsposten. Das hat sich rasant geändert. Vor allem die Stadt tut sich in ihren Betrieben hervor. Inzwischen haben wir unter anderem Sigrid Nikutta bei den Verkehrsbetrieben, Andrea Grebe bei den Vivantes-Kliniken, und mein Nachfolger bei der BSR ist eine Nachfolgerin: Tanja Wielgoss. Das zieht weitere Frauen nach. Auch weil diesen Frauen Gleichstellung ein Anliegen ist. Der Wille zur Gleichstellung muss von oben kommen.

Bei der GASAG arbeiten mittlerweile fast 50 Prozent Frauen. Allerdings noch viel zu wenige von ihnen in leitender Position. Wir haben uns vorgenommen, bis 2022 auf Bereichsleiterebene einen Frauenanteil von mehr als 25 Prozent zu erreichen und auf Abteilungsleiterebene von mehr als 30 Prozent. Im Aufsichtsrat soll jedes dritte Mitglied eine Frau sein.

Bescheidene Ziele? Vielleicht. Aber es lässt sich nun mal nicht alles von heute auf morgen umkrempeln. Die Stellen sind mit leistungsfähigen Kollegen besetzt. Wir können nur für offene Stellen nach Frauen suchen. Aber auch da gilt: Die Leistung zählt zuerst.

Und damit gute Frauen und Männer gefunden werden, muss an den Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gearbeitet werden. Das hilft Frauen und Männern. Seit 2011 sind wir erfolgreich durch die gemeinnützige Hertie-Stiftung im Audit „berufundfamilie“ zertifiziert. Wir tun viel dafür, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern flexible Bedingungen zu bieten – auch um gute Frauen im Unternehmen zu halten und neue dazu zu gewinnen.

Wieder ein Beispiel. Bei einer Mitarbeiterin gibt es in der Familie zwei Pflegefälle. Und zwar in Schleswig-Holstein. Die Mitarbeiterin lebt aber natürlich in Berlin. Was tun, wenn sie beiden helfen will, ohne ihren Job aufzugeben? Wir haben eine Lösung gefunden. Die Mitarbeiterin kann von Schleswig-Holstein aus im Home Office arbeiten. Außerdem ist ihre Arbeitszeit reduziert. Sie bleibt deshalb bei uns. Es ist sicher nicht nötig zu erwähnen, dass solche Lösungen auch männlichen Mitarbeitern angeboten werden.

Alles geht, wenn man nur will - die Rahmenbedingungen für Chancengleichheit müssen geschaffen werden. 

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Lösungen finden sich fast immer. Was tun, wenn die Schule mal wieder unvorhergesehen ausfällt? Für solche Fälle haben wir unser Familien-Kind-Büro. Ein schöner, großer Raum. Mit Schreibtisch und mit Spielecke. Wir bieten dort auch Kinderbetreuung an, die wir bezahlen. Alles geht, wenn man nur will.

Und das führt dann dazu, dass in allen Bereichen die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter selbstverständlich sein sollte. Das wünsche ich mir nicht nur für Führungspositionen, sondern auch, um es Männern zu erleichtern, sich für mehr Familienarbeit zu entscheiden.

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