Ein Jahr nach der Frauenquote Armut verhindert die Gleichstellung von Frauen und Männern

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Mitglied des Deutschen Bundestags, frauenpolitische Sprecherin Die Linke

Expertise:

Cornelia Möhring, Jahrgang 1960, sitzt seit 2009 für die Partei Die Linke im Deutschen Bundestag. Seitdem ist sie in ihrer Fraktion als frauenpolitische Sprecherin aktiv. Über den zweiten Bildungsweg studierte in Hamburg und beschäftigte sich wissenschaftlich mit unterschiedlichen feministischen Theorien und Frauenforschung. Die Sozialökonomin ist verheiratet und hat einen Sohn.

Zur Gleichstellung von Männern und Frauen benötigen wir einen höheren Mindestlohn, eine gute soziale Infrastruktur, eine Aufwertung frauentypischer Berufe und das Durchbrechen der alten Glasdecke durch verbindliche Frauenquoten sowie eine Umverteilung von Arbeit und Zeit zwischen den Geschlechtern.

Häufig ernten das Thema Entgeltgleichheit und die teils sehr erbitterten Auseinandersetzungen darum in der öffentlichen Debatte nur leichte Häme und Spott. So wird allzu oft das Argument angeführt, dass es in diesen Tagen doch nun wirklich wichtigere Themen gebe. Wer so denkt und argumentiert, verkennt völlig, dass Gleichstellung immer auch eine soziale Frage ist. Solange Frauen in der Armutsfalle stecken, ist Gleichstellung nicht zu erreichen, und solange Frauen ökonomisch nicht unabhängig von Ehemännern oder wem auch immer sind, ist Gleichstellung ebenfalls nicht zu erreichen. Damit sage ich nicht, dass die Gleichstellung erreicht ist, wenn wir ökonomisch selbstständig agierende Frauen haben, sondern dass sie eine der notwendigen Voraussetzungen dafür ist. Aus diesem Grund widerspricht die fortdauernde Entgeltlücke unserem Grundgesetz, das ganz explizit die „tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ fordert, und eben nicht nur die formale.

Das von Schwesig geplante Transparenzgebot wird vielen Frauen nicht viel helfen.

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Häme und Spott sollte daher vielmehr der Union gelten, die mit teils hanebüchenen Argumenten das ohnehin zurückhaltende Vorgehen von Bundesministerin Schwesig gegen diese Ungerechtigkeit blockiert. Denn das geplante Transparenzgebot, das Kernstück von Schwesigs Entwurf eines Entgeltgleichheitsgesetzes, ist ein erster Schritt, wird aber vielen Frauen nicht viel helfen.

Das liegt auf der Hand, wenn wir die Ursachen betrachten. Die 22 Prozent Lohnunterschied beruhen nur zu etwa acht Prozent auf direkter Diskriminierung, also auf ungleicher Bezahlung von Frauen und Männern mit vergleichbaren Eigenschaften wie Qualifikation, Tätigkeit und Erwerbsbiografie. Indem das Gesetz Transparenz über die Entgeltstrukturen schaffen will, sollen Frauen die Gehaltsverhandlungen erleichtert werden. Aber dadurch wird das Problem nur weiter individualisiert. Die Erkenntnisse verpuffen, wenn Frauen nicht weitergehend gestärkt werden. Ein kollektives Klagerecht gegen diskriminierende Entgeltsysteme oder Bewertungsverfahren ist hier unabdingbar.

Zur Chancengleichheit von Mann und Frau gehört auch die Aufwertung von typischen "Frauen-Berufen".

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Mehr noch: Der weit größere Anteil von etwa 14 Prozent der Lohnlücke ergibt sich aus einer mittelbaren Diskriminierung. Neben den finanziellen Nachteilen, die sich etwa aus Schwangerschaften und anderen familienbedingten Erwerbsunterbrechungen ergeben, meint dies auch die systematische Abwertung typisch weiblicher Branchen. Bestes Beispiel: die sogenannten Care-Berufe. Noch immer schwingt bei der Erziehung von Kindern oder der Pflege der Alten die Vorstellung einer natürlich weiblichen Fürsorglichkeit mit – die, im scheinbar logischen Schluss, keines angemessenen Lohnes würdig sei. Aber auch andere Berufe des Niedriglohnsektors haben nicht zufällig einen hohen Frauenanteil, wie etwa Frisörinnen, Näherinnen oder Wäscherinnen. Was bringt diesen Frauen das geplante Transparenzgesetz? Nichts, denn sie wissen selbst am besten über ihre missliche Lage Bescheid. Es gilt eben nicht nur die Situation zu verstehen, sondern auch, sie zu verändern. Der niedrige Verdienst wird letztlich zur Altersarmut, denn unser Rentensystem schreibt die Ungerechtigkeiten fort. 2014 war die Rente von Frauen in Westdeutschland im Schnitt mit 566 Euro monatlich nur halb so hoch wie jene von Männern.

Die Entgeltlücke zwischen Mann und Frau ist kein individuelles Problem, das einzelnen Frauen aufgebürdet werden sollte.

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Die Entgelt- und Rentenlücke zwischen den Geschlechtern ist damit eben kein individuelles Problem, dessen Lösung einzelnen Frauen aufgebürdet und ihrem Verhandlungsgeschick überlassen werden sollte. Sondern es ist eine strukturelle Benachteiligung, die als solche eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Deshalb habe ich ein breites, parteiübergreifendes wie zivilgesellschaftliches Bündnis mitinitiiert, das unter dem Titel „FairPay“ für „Gleichheit auf dem Gehaltszettel“ streitet. Ich freue mich sehr über die rege Unterstützung. Mit einigen der Mitstreiterinnen hatten wir uns als Initiatorinnen der „Berliner Erklärung“ bereits erfolgreich für eine Frauenquote in der Wirtschaft eingesetzt, auch wenn diese natürlich noch etwas mutiger hätte ausfallen können. Dieses Bündnis ist auch deshalb wichtig, weil wir Solidarität mit allen Frauen brauchen und besonders jenen, die es mehrfach schwer haben, wie etwa Alleinerziehende, Frauen mit Migrationshintergrund oder Frauen mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Dafür benötigen wir einen Mindestlohn, eine gute soziale Infrastruktur, eine Aufwertung frauentypischer Berufe und das Durchbrechen der alten Glasdecke durch verbindliche Frauenquoten sowie eine Umverteilung von Arbeit und Zeit zwischen den Geschlechtern.

Anerzogene Geschlechterstereotype haben Folgen auf die spätere Berufswahl. Diese müssen frühzeitig aufgebrochen werden.

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Doch um dem Problem der strukturellen Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt – auch, aber nicht nur gemessen am Lohn – effektiv  Herr (oder sagen wir Frau) zu werden, brauchen wir einen noch umfassenderen Ansatz. Denn der dahinterliegende Sexismus durchzieht alle Politik- und Lebensbereiche. Verschiedene Formen bedingen sich gegenseitig und können daher nur effektiv bekämpft werden, wenn sie gemeinsam angegangen werden. Konkret: Sexismus gründet sich etwa in Geschlechterstereotypen, die Mädchen – und auch Jungen – von früh an bestimmte Eigenschaften und Rollen zuweisen und so oft (unbewusst) ihre Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten begrenzen. Dies hat gravierende und praktische Folgen für den gesamten Lebensverlauf. Nicht nur hinsichtlich der Zuweisung von unbezahlter Haus- und Sorgearbeit an Frauen, denen eben jene natürliche Fürsorglichkeit unterstellt wird, sondern auch, indem dies ihre Präferenzen zu sozialen Berufen prägt. Die wiederum schlecht bezahlt werden, eben auch weil die dafür notwendigen Fähigkeiten als vermeintlich naturgegeben weiblich und daher als voraussetzungslos angenommen werden. Gegen Sexismus in der Arbeitswelt benötigt es neben arbeitsmarktpolitischen Mechanismen daher beispielsweise auch Maßnahmen der geschlechtersensiblen Pädagogik, um Rollenklischees früh aufzubrechen. Wir brauchen einen bundesweiten Aktionsplan gegen Sexismus, der alle Ebenen und Bereiche miteinbezieht und neben kurz- und mittelfristigen Erleichterungen eine gesamtgesellschaftliche Debatte über Sexismus und Geschlechtergerechtigkeit anstößt.

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