Zwischen Wunschvorstellung und Abwehrreaktion Warum reden wir über Heimat?

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Essayist und Kunstkritiker

Expertise:

Daniel Schreiber, geboren 1977, Essayist und Kunstkritiker. Er ist Autor der Susan-Sontag-Biografie "Geist und Glamour" (2007), die in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Sein hochgelobter persönlicher Essay “Nüchtern. Über das Trinken und das Glück” wurde 2014 zum Bestseller. Sein neues Buch “Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen” (Hanser Berlin) ist dieses Frühjahr erschienen. Er lebt in Berlin.

Ein fast vergessener Begriff ist wieder modern, wird in der Politik, von Populisten und auf Plakaten genutzt. Das ist nicht nur eine Antwort auf das kollektive Gefühl der Entwurzelung.

Warum sprechen wir heute wieder über Heimat? Noch vor fünf Jahren war „Heimat“ ein Wort, das in unserem Alltagsvokabular kaum noch existierte, ein Wort, das allenfalls in Verbindungen wie „Heimatort“ oder „Heimatstadt“ auftauchte und dass von den wenigsten Menschen ironiefrei benutzt wurde. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Heimat-Begriff hat eine ungeheure Renaissance erlebt. Von den Rändern unseres kollektiven Bewusstseins ist er innerhalb von nur wenigen Jahren direkt in dessen Zentrum vorgedrungen: Heimat ist eines der meistgebrauchten Wörter in Facebook-Diskussionen, die sich um Politik und das deutsche Selbstverständnis drehen. Es ist ein Wort, dem wir in romantisierenden Werbeslogans und in krisenvertreibenden Sprüchen auf Topflappen und Geschirrhandtüchern begegnen, ein Wort, das hilft städtische Cafés und Restaurants zu benennen und Selbsthilfebücher zu verkaufen. Und es ist schließlich ein Wort, das wieder von bestimmten Parteien instrumentalisiert und in politischen Programmen, Parolen und Plakaten gebraucht wird, als wäre es selbsterklärend. Doch selbsterklärend, das ist dieses Wort gerade nicht. Wir haben den Eindruck, dass wir alle wissen, was damit gemeint ist. Aber in Wahrheit stellt sich jeder von uns etwas anderes darunter vor. Würden Sie 100 Menschen fragen, was Heimat für sie bedeute und welche Gefühle, Erinnerungen oder intellektuelle Assoziationen sie damit verbinden, bekämen Sie 100t verschiedene Antworten.

Wir reden über Heimat, weil wir uns entwurzelt fühlen

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Warum reden wir also wieder über Heimat? Meine Vermutung ist, weil wir uns entwurzelt fühlen. Entwurzelung ist zu einem der bestimmenden kollektiven Gefühle der vergangenen Jahre geworden. Sie ist gewissermaßen der Soundtrack der Globalisierung, von der einige Teile der Bevölkerung profitieren und andere wirtschaftlich abgehängt und mit dem Gefühl zurückgelassen werden, dass ihre Stimme nicht mehr zählt. Entwurzelung ist die wesentliche Signatur jener Verunsicherung, die viele von uns wieder spüren, die Signatur der Ahnung, dass wir gerade eine Ära der Stabilität zu Ende geht, von der die meisten von uns geglaubt haben, sie würde für immer anhalten.

Der Heimatbegriff war schon immer Kennzeichen einer kollektiven Abwehrhaltung

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Wenn man sich mit der langen Begriffsgeschichte des Wortes auseinandersetzt, stößt man schnell auf den Umstand, dass das Sprechen über Heimat immer dann einsetzte, wenn es zu Krisen im Selbstverständnis unserer Gemeinschaft kam. Lange war Heimat lediglich eine Bezeichnung für den Geburtsort oder den Landstrich, in dem man lebte. Diese Bedeutung hat das Wort heute noch, aber es ist nicht das, was wir meinen, wenn wir es benutzen. Im späten 18. Jahrhundert, im Zuge des aufkeimenden Nationalgedankens im zersplitterten Kleinstaatendeutschland, erfuhr der Begriff zum ersten Mal die romantische Vereinnahmung, die ihn bis heute auszeichnet, und wurde zu einer Pathosformel,  die so etwas wie unsere psychosoziale Bindung an unsere Landschaften, an unsere Sprache und unsere Kultur bezeichnen sollte. Doch bei genauerer Betrachtung war der Heimatbegriff schon damals vor allem das Kennzeichen einer kollektiven Abwehrhaltung.

Basis für die Heimat-Idee war die Verlusterfahrung

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Was sich in ihm niederschlug, war eine komplexe Reaktion auf die sozialen und politischen Umwälzungen, die das 18. und das 19.Jahrhundert erschütterten und das Leben fast aller Menschen grundlegend veränderten – eine Reaktion auf die Industrialisierung, auf die Landflucht und auf die vielen Kriege, die dazu führten, dass vielen Landstrichen regelmäßig neue nationale Identitäten aufgedrückt wurden. Dem Begriff war von vornherein schon eine Verlusterfahrung eingeschrieben. Das, was er beschreiben sollte, existierte nur als eine kollektive Fantasie, die schon lange unwiderruflich verloren gegangen war oder gar nie existiert hatte.

Heimat ist ein irrealer Sehnsuchtsort, der mit Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat

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Der Heimatbegriff hat seitdem einige historische Wandlungen durchlaufen, doch dieses phantasmatische Erbe scheint immer durch - von seiner völkischen „Blut-und-Boden“-Aufladung während des Nationalsozialismus über seine Edelweiß-Purifizierung in den westdeutschen Heimatfilmen der 1950er Jahre bis hin zu seiner kompletten Ablehnung im Zuge deutscher Vergangenheitsbewältigung oder seiner ideologischen Affirmation in der ehemaligen DDR. „Heimat“ bezeichnete letztlich immer vor allem einen irrealen Sehnsuchtsort, einen Knotenpunkt von Nostalgie, vermeintlichen Erinnerungen und unerfüllbaren Wünschen. Heimat war schon immer vor allem eine Behauptung, eine nur lose an die Realität gebundene Wunschvorstellung. Meine Vermutung ist, dass das auch heute noch der Fall ist.

Die Antwort auf kollektive Entwurzelung kann nur individuelle Verwurzelung heißen

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Auch wenn die Gefühle von Entwurzelung real und für viele Menschen schmerzhaft sind, die Reaktion darauf darf keine Flucht in die Fantasie sein. Die Antwort auf kollektive Entwurzelung kann nur individuelle Verwurzelung heißen. Und vielleicht reden wir heute vor allem über Heimat, weil wir sie unfreiwillig mit einem anderen, sehr viel besseren Begriff verwechseln, dem des Zuhauses. Verwurzelung ist eines der wichtigsten Bedürfnisse der menschlichen Seele. Doch historisch gesehen werden Grenzen schneller neu gezogen, als wir glauben wollen, politische Systeme brechen schneller zusammen, als uns lieb ist, und unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Landschaften sind einem unaufhaltbaren Wandel unterworfen. Ein Zuhause allerdings, im Gegensatz zu einer vermeintlich beständigen Heimat, kann man immer finden, egal wie beschwerlich die Suche sein mag. Es ist der eigentliche Anker im Leben, ein Anker, den man notfalls mitnehmen und woanders auswerfen kann, in jedem Fall aber ein Anker, den man nicht verliert.

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