Was bedeutet Heimat?  Über meine Heimat nachzudenken ist ein Privileg

Bild von Mohammad Abu Hajar
Rapper und politischer Aktivist

Expertise:

Mohammad Abu Hajar ist ein syrischer Ökonomist, Rapper und politischer Aktivist, der derzeit in Berlin im Exil lebt.

Was bedeutet einem Heimat, wenn man bereits eine verloren hat? Der syrische Rapper Mohammad Abu Hajar lebt in Berlin im Exil und hat hier mehrere Heimaten gefunden. Das verbindet ihn mit seinen Mitmenschen.

Meine Suche nach einer Heimat, oder gar der Idee einer „Heimat“, ist eine Herausforderung. Es ist eine komplizierte Suche, weil ich bereits eine Heimat verloren habe. Syrien, der Ort, den ich die ersten 25 Jahre meines Lebens Heimat nannte, wird gerade zerstört und ich muss machtlos zusehen. Die Suche nach einer Heimat als „Herausforderung“ zu beschreiben, klingt an dieser Stelle schon fast nach Luxus. Wie kann ich überhaupt über den Begriff „Heimat“ schreiben, wenn meine eigene Zukunft so unsicher ist? Unter diesen Bedingungen über mein Heimatland nachzudenken ist ein Privileg – ein unwirksamer Luxus. Während sowohl Kinder, als auch Frauen und Männer in Syrien chemische Gase inhalieren und ersticken, besitze ich die Muße über mein Heimatland zu schreiben.   

Es ist wichtig zwischen Heimatland und Nationalismus zu unterscheiden. Beide Konzepte verschmolzen erst während der neueren Geschichte als Konsequenz der europäischen Tendenz zur Moderne und führten zum Nationalstaat. Während der Kolonialzeit wurde er mitsamt den Werten der europäischen Moderne in die Kolonien exportiert. Der Nationalstaat galt als einzig mögliche Form eines modernen Staates und verdrängte somit das dort bestehende Verständnis des Heimatlandes und vernichtete jegliche alternative Form der Moderne als Konsequenz. Die kolonialen und eurozentrischen Ideen der Moderne schafften es auch nicht den materiellen Wohlstand und andere Vorteile an die Kolonien zu übertragen – außer man sieht die Konsumgesellschaft als solchen an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen neue Sichtweisen des Heimatbegriff auf. 

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Nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubte das Zeitalter der Postmoderne in Europa erstmals wieder neue Sichtweisen des Heimatbegriffes und Kritik am Nationalismus bis dieser rückläufig wurde. Für uns, deren eigene mögliche Modelle der Moderne durch den Kolonialismus und eurozentrisches Ideengut ersetzt und verdrängt worden waren, sah das anders aus. Die Idee eines gefestigten Heimatstaates, der gleiche Rechte auf Basis der Staatsbürgerschaft garantiert, wurde zur Notwendigkeit auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Form der Moderne und um alte Konfliktlinien zu beseitigen. Der Nationalstaat wurde von den intellektuellen und akademischen Kräften dieser Länder als Ausweg aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Misere gepriesen. Das war auch mein Verständnis von Heimat, bevor es im März 2011 zur Revolution in meiner kam.

Diskussionen wie diese sind notwendig bevor man zu soziologischen oder psychologischen Überlegungen zum Heimatbegriff übergeht – besonders, wenn es um die Frage geht, ob man nur eine oder mehrere Heimatländer haben kann.

Heimat im postmodernen Zeitalter ist ein Hafen der Sicherheit, der keine Grenzen kennt. 

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Für mich als im Exil lebender Syrer ist die Heimat im postmodernen Zeitalter ein Hafen der Sicherheit, ein Ort der Zuflucht, der weder Grenzen noch Ortsgebundenheit kennt. Heimat ist ein konzeptueller Raum, in dem man nicht nur die gleichen Rechte wie alle anderen geniest, sondern auch die gleiche Behandlung. Diese Idee der Heimat steht der modernen Vorstellung des Heimatlandes, wie sie dem Nationalstaat entsprang, in vielen Punkten diametral entgegen.

Ich sehe mich an der Schnittstelle zu dem, was uns Menschen verbindet: der Schmerz und der Zusammenhalt angesichts unserer individuellen und gemeinsamen postmodernen Ängste. Ich sehne mich nach einem Ort, an dem ich wie alle anderen behandelt werde. Gleiches gilt für Deutsche, die beispielsweise Zuflucht in einem kollektiven Landwirtschaftsprojekt oder eine neue Identität in der Ferne suchen. Wir müssen alle mit den Ängsten klarkommen, die der Abbau gegebener Identitäten mit sich bringt. Unsere Wege sind miteinander verbunden. Wir suchen unser individuelles Wohl im gemeinsamen, transnationalen Raum.

Die Ängste, die der Abbau gefestigter Identitäten mit sich bringt, verbinden unsere Wege.

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Für mich als syrischer Ökonomist, Musiker und politischer Aktivist, der wegen seiner Ansichten in Syrien inhaftiert wurde, kann dieser Raum vielerlei Gestalt annehmen. Ich finde ihn an der Uni, auf der Bühne oder bei Demonstrationen auf der Straße, wenn ich mit anderen syrischen Exilanten „Jana, Jana Jana, Jana Ya watana – Paradies, Paradies, Paradies, unsere Heimat ist das Paradies“ singe. Wir singen voller Nostalgie und in der Gewissheit, dass dies eine aus der Not geborene Lüge ist: Wir wissen, dass unsere Heimat die Hölle ist. Die genannten Orte können alle eine Heimat sein.

Aber glaube ich wirklich, dass ich zwischen Statistiken und Excel-Tabellen eine Heimat finden kann? Oder dass mir die Bühne Geborgenheit geben kann, wenn ein technischer Defekt mich von den Zuschauern trennt, in deren Augen ich nur ein mitleidserregender „Flüchtling“ bin? Auch die Proteste auf den Straßen sind nur Zuflucht auf Zeit. Wenn ich marschiere, bin ich mir bewusst, dass in zwei Stunden nicht nur die Demo endet, sondern auch die gemeinsame Erinnerung an eine Revolution, die zu einem blutigen Krieg eskalierte.

Definitive Antworten gehören einer vergangenen Epoche an. 

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Antworten zu finden fällt mir in „meiner Situation“ schwer. Meine Situation ist jedoch universal. Wir alle leben in postmodernen Gesellschaften, in denen Identitäten sich aufgelöst haben. Wir sind geeint in unseren Ängsten. Vielleicht gehören definitive Antworten einer früheren Epoche an: einer Zeit, die durch Sicherheit, Ideologien und Religionen gekennzeichnet war. Heute werden Ideen, Religionen oder Ideologien nur noch nach Laune konsumiert.

Vor fünf Jahren hätte ich keinen Beitrag über die Suche nach meiner Heimat schreiben müssen. Heute aber lebe ich in Berlin und versuche über elegante Antworten zu meiner ursprünglichen Antwort zu gelangen. Genau wie denen, die den Luxus dieser Überlegung nicht mehr besitzen, fällt es mir schwer sie zu finden.

Übersetzung aus dem Englischen.

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