Heimat und Gefühle Heimat wird dann wichtig, wenn man sie verliert

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Präsident Bund der Vertriebenen

Expertise:

Bernd Fabritius ist seit 2014 Präsident des Bund der Vertriebenen.´Seit 2013 ist er Mitglied des Bundestags für die CSU.

Heimat ist mehr als ein geographischer Ort und hat viel mit Gefühlen und Erinnerungen zu tun. Die besondere Bedeutung wird gerade dann wichtig, wenn die Heimat verloren geht. Deshalb ist es wichtig das kulturelle Erbe aus der Heimat zu bewahren.

Heimat ist eines der zentralen Themen, mit dem sich die deutschen Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sowohl individuell als auch kollektiv wieder und wieder beschäftigen. Das geschieht oftmals in der Konnotation der „verlorenen Heimat“, der „alten Heimat“ oder der „Geburtsheimat“. Bestes aktuelles Beispiel dafür ist das diesjährige Leitwort des Bundes der Vertriebenen „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. Bereits zum 15. Mal seit 1957 prägt der Begriff Heimat das jeweilige Jahresleitwort.

Heimat ist mehr als ein geographischer Ort.

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Heimatvertriebene haben die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass "Heimat" als solche und als Sehnsucht des Herzens dann immer mehr an Bedeutung gewinnt, wenn man sie verloren hat. Denn Heimat ist viel mehr als nur ein geographischer Ort. Heimat – das sind Orte, Verstecke, Gerüche, Klänge, Lieder und Freunde, aber auch die Gräber von Vater und Mutter. Heimat umfasst somit auch die Orte des Gedenkens, der Trauer, der – im wahrsten Sinne des Wortes – Verwurzelung in der Erde. Heimat ist die innere Landschaft in uns selbst – eine „Topographie des Herzens“.

Heimat ist eng mit Gefühlen, wie etwa Trauer und Gedenken an Familienmitglieder, verbunden.

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Nach dem von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg waren es die deutschen Vertriebenen, die besonders für die grauenhaften Verbrechen der Nationalsozialisten bestraft wurden, gleichsam stellvertretend für alle Deutschen. Sie wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, die doch zu Deutschland gehörte oder in seit Jahrhunderten auch von Deutschen besiedelten Gebieten Europas lag. In millionenfachen Einzelschicksalen wurden sie aus der Heimat vertrieben, verschleppt oder kamen der Vertreibung durch Flucht zuvor.

Halten wir fest: Bei der Volkszählung von 1950 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 7,8 Millionen Vertriebene gezählt. Auf dem Gebiet der DDR waren es zu dem Zeitpunkt noch etwa 3,6 Millionen und in Österreich noch rund 400.000 – also insgesamt zwölf Millionen Menschen. Schätzungsweise 2,3 Millionen Menschen starben auf der Flucht aus der Heimat, sie sind in den zwölf Millionen nicht enthalten. Ebenfalls nicht enthalten sind über eine Million Verschleppte, Deportierte und „Zwangsrepatriierte“, die in den Nachkriegsjahren ihre Heimat verloren und in den Weiten der Sowjetunion ihr Schicksal fanden.

Diese insgesamt rund 15 Millionen Menschen – allesamt Opfer der Massenvertreibungen – hatten ihre Heimat in den damaligen deutschen Ostprovinzen Ostbrandenburg, Ostpreußen, Pommern und Schlesien, aber auch in den Siedlungsgebieten der Deutschen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, also etwa im Sudetenland, im Baltikum oder im Donauraum. Hinzu kamen im Laufe der letzten 70 Jahre noch einmal etwa 4,5 Millionen Deutsche als Aussiedler und Spätaussiedler aus dem ehemals kommunistischen Ostblock, die sich dem jahrzehntelangen passiven Vertreibungsdruck der Mehrheitsgesellschaften ergeben mussten.

Ein wesentliches Merkmal der Vertriebenengeneration war ihr ausgeprägter Rückkehrwunsch. Einer Emnid-Umfrage zufolge erklärten noch zehn Jahre nach Flucht und Vertreibung 57 Prozent der Vertriebenen die „bedingungslose“ Bereitschaft zur Rückkehr in die Heimat; weitere 22 Prozent knüpften diese Bereitschaft an bestimmte Bedingungen, zumeist an veränderte politische Verhältnisse.

Heimat gewinnt immer dann an Bedeutung, wenn man sie verliert.

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Ist die Intensität des Rückkehrwunsches der aus der Heimat Vertriebenen und Geflüchteten ein Gradmesser für das durch fließende Übergänge gekennzeichnete Spektrum von Zwang und Gewalt, die zum Verlassen der Heimat geführt haben? Gibt es gar ein universelles Muster der Art, dass man umso mehr wieder zurück in die Heimat möchte, je unfreiwilliger man sie verlassen musste?

In den Heimatländern hat sich als Zeugnis der Kultur unter anderem eine Architektur erhalten, die die Handschrift der Ahnen der Vertriebenen trägt. Außerdem gibt es die sogenannten Heimatverbliebenen: Deutsche Minderheiten, die noch heute in Schlesien und Ostpreußen, in Siebenbürgen und im Banat und in vielen weiteren Heimatregionen leben und auch durch unsere Landsmannschaften unterstützt werden.

Das kulturell Erbe aus der Heimat der Vertriebenen soll auch für nachfolgende Generationen bewahrt werden. 

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Die Werte und Schätze jenseits des Materiellen, die aus der Heimat mitgebracht wurden oder dort bis heute bestehen, werden nach wie vor gepflegt. Gerade der Bund der Vertriebenen und seine Gliederungen, die intensive Kontakte in die Nachbarländer pflegen und viele hundert Heimatsammlungen bzw. Heimatstuben hier in Deutschland betreuen, können dies bestätigen. Denn das kulturelle Erbe aus der Heimat ist für Vertriebene und Spätaussiedler nicht nur Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Teil des gesamtdeutschen Kulturerbes und soll kommenden Generationen erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

Noch immer tragen Vertriebene und Aussiedler, aber auch ihre Nachkommen ihre Heimat im Herzen. Gemeinsam mit den Vertriebenenverbänden arbeiten sie daran, die Geschichte ihrer Heimat und des gewaltsamen Heimatverlustes in versöhnlicher Weise in das historische Gedächtnis der Nation einzuspeisen. Gleichzeitig sind sie dankbar, dass die politische Entwicklung Europas ihnen die Heimat wieder näher gebracht hat und kümmern sich heute im Zusammenwirken mit den heutigen Bewohnern vielerorts aktiv um deren Zukunft.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Wolfgang Böckel
    Heimat ist eben kein geographischer Ort. Er wird auch nicht deshalb wichtiger, weil man ihn verloren hat. Heimat ist, wenn überhaupt, verortet in unserem Herzen. Die letzten noch lebenden deutschen Heimatvertriebenen verstanden unter Heimat etwas, was es so nie gegeben hat. Demzufolge waren sie oft nicht bereit sich einzugestehen, dass sie diese ihre "gemeinte" Heimat endgültig verloren haben. Sie schauen von oben herab auf all die anderen fremden, nichtdeutschen "Heimatvertriebenen" - und davon gibt es in diesem angefangenen Jahrhundert schon jetzt genausoviele wie nach den Kriegsvertreibungen des zweiten Weltkrieges -. Es interessiert sie nicht, daß diese "Neuvertriebenen" es ebenso schwer haben mit einem Neuanfang wie die im Zuge der "Nachkriegsordnung" nichtdeutschen Vertriebenen im osteuropäischen Raum. Wenn man mit Empathie den Begriff Heimat schon gebrauchen will, dann sollte er für Alle gelten.