Der Heimatbegriff im Wandel Heimat ist die Utopie einer Zukunft für alle 

Bild von Walter Leimgruber
Kulturwissenschaftler Universität Basel

Expertise:

Professor Walter Leimgruber leitet das Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel. Zudem präsidiert er die Eidg. Migrationskommission (EKM). Seine Forschungsgebiete umfassen Kulturtheorie und -politik, Migration und Transkulturalität, visuelle und materielle Kultur. Zur Zeit arbeitet er an Forschungsprojekten zur Auswanderung aus der Schweiz, zur Migration von Hochqualifizierten und zum städtischen Raum in postmigrantischen Nachbarschaften. Er ist Vizepräsident der Schweiz. Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), Mitglied der Fachkommission der Pro Helvetia und Stiftungsrat verschiedener Kulturinstitutionen.

Wenn Heimat nur als Ort der Geburt oder als Vergangenes empfunden wird, kann sie diskriminierendes Potential freisetzen und zu Ausschließung führen. Genau wie die Heimat, muss auch unsere Definition von ihr sich wandeln. 

Zur Zeit ist Heimat ein Hype. Dieser Hype hat mit Globalisierung zu tun, und diese wiederum mit gefühltem Verlust. Nicht, dass es uns schlecht gehen würde, aber ein grosser Teil der Bevölkerung hat in den letzten Jahren keinen Fortschritt verspürt, während eine kleine Minderheit abhebt und zugleich andere Teile der Welt sich schnell entwickeln. Die Menschen der westlichen Welt spüren, dass die Globalisierung nicht für sie läuft, vielleicht sogar eher gegen sie, da es um eine Neuverteilung des globalen Wohlstandes geht. Deshalb wenden sich viele gegen die damit verbundenen Entwicklungen, wollen zurück in eine Welt, in der es für alle aufwärts ging. Dieses Zurück nennen sie Heimat.

„Der Älteste kriegt die Heimat“, sagte man im Schwäbischen und belegte damit die enge Verbindung von Besitz und Heimat: „Die Heimat“ ist nichts anderes als das Haus, das einem gehört und in dem man lebt. Selbstverständlich ist es ein Bauernhaus, denn ein Großteil der Bevölkerung hat früher als Bauern gelebt, samt Land und Tieren. Eine Heimat haben, eine bestimmte Tätigkeit ausüben und über Besitz verfügen, gehören zusammen. Das zeigt sich daran, dass diejenigen Kinder, die den Hof nicht übernehmen konnten, die Heimat verlassen und ihren Lebensunterhalt anderswo verdienen mussten, als Knechte, Mägde, Handwerker, später als Fabrikarbeiter. Sie wurden entwurzelt, weil bei ihnen Heimat, also der elterliche Hof, der Lebensunterhalt, also die bäuerliche Arbeit, und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, also zum Dorf, zusammenfielen und der Verlust des einen auch den Verlust der anderen bedeutete. Und wer gar nie eine „Heimat“ besaß, war ohnehin schlecht dran, denn ohne Hof ließ sich in den Dörfern nicht gut leben. Man war Knecht oder Magd, Taglöhner oder Hintersasse, geduldet zwar, solange man sich ernähren konnte, aber ohne Rechte.

Der Nationalstaat lässt uns glauben, Teil von etwas Größerem zu sein.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Daher waren schon immer viele Menschen mobil und heimatlos, verdienten ihren Lebensunterhalt umherziehend, als Bettler, Wanderhändlerin oder Söldner. Je mehr Menschen im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Industrialisierung aus ihrer Heimat wegzogen, umso intensiver wurde die Heimat, nun verstanden als Ort der Herkunft, der Vertrautheit, der Idylle, sentimental beschrieben und besungen. Der entstehende Nationalstaat machte sich dieses Gefühl zunutze, um die Gemeinschaft der in ihm Lebenden zu stärken, indem er sich als neue Heimat anbot, grösser und abstrakter zwar als die kleine Heimat, aber doch verbunden etwa durch gemeinsame Sprache, vertraute Verhaltensweisen, das Beschwören einer gemeinsamen Geschichte und Kultur. Heimat wurde auf diese Weise zu einer abstrakten Dimension. Benedict Anderson spricht von der imagined community, der «vorgestellten Gemeinschaft», die eine Nation darstelle. Man kennt sich zwar nicht mehr, die Menge ist unüberschaubar geworden, aber dennoch fühlt man sich in ihr daheim, sieht sich als Teil von etwas Größerem.

Heimat kann auch eine Zeit sein.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Vertrautheit der Heimat ist aber auch eine zeitliche. Heimat steht oft für die Jahre der Kindheit, der Unbeschwertheit, für eine Zeit, an die Erwachsene sehnsüchtig zurückdenken, weil ihnen das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit häufig abhandenkommt. Auch die raschen Veränderungen der Umgebung durch Modernisierungsprozesse aller Art, durch Abriss, Um- und Neubau sowohl der materiellen Umgebung wie auch der Strukturen und Institutionen führen zu einem Vertrautheitsschwund, wie Hermann Lübbe das genannt hat.

Teil dieses Vertrautheitsschwundes ist weiter die Auseinandersetzung mit dem Fremden und den Fremden. Gemeint sind Menschen und kulturelle Verhaltensweisen, die traditionell nicht dazugehören. Das Merkwürdige daran ist allerdings die Tatsache, dass sich die Grenzen des «Vertrauten» und des «Fremden» ständig verschieben. Was gestern noch fremd war, ist heute vertraut, sogar Lebensstil-Vorbild, etwa die mediterrane Lebensweise, angefangen bei der italienischen Küche über die Ferien im sommerlichen Spanien bis zum Traum vom Haus in der Toskana.

Jede Heimat wandelt sich.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Auch Normen und Werte müssen in diesem Prozess des Vertrautheitsschwundes diskutiert und neu ausgehandelt werden. Vieles ist heute selbstverständlich, was eben noch heftig umstritten war. Man denke etwa an die Gleichstellung der Geschlechter, die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen oder den Schwund der Machtposition der Kirche, welche die Gesellschaft in wenigen Jahrzehnten fundamental verändert haben – auch ohne die vielbeschworenen Einflüsse durch Migrantinnen und Migranten.

Passieren aber zu viele Änderungen zu schnell, verlieren viele Menschen den Boden unter den Füssen, sie werden angeblich «entwurzelt», eine seltsame Metapher bei einem Lebewesen mit zwei Beinen. Insbesondere Migrantinnen und Migranten kennen dieses Gefühl bestens. Aus der Auseinandersetzung zwischen alter Heimat und neuem Lebensmittelpunkt ergibt sich für sie oft eine Konstellation der Zerrissenheit zwischen den Wertvorstellungen und kulturellen Erwartungen von «hier» und von «dort». Häufig sehnen sie sich nach einem Leben in der geliebten alten Heimat. Ziehen sie dann hin, etwa im Rentenalter, stellen sie aber mit Schrecken fest, dass ihnen die Heimat fremd geworden ist. Sie hat sich verändert, denn Gesellschaften verändern sich trotz aller Beschwörung der Tradition unaufhaltsam. Aber auch die Migrantinnen und Migranten selber haben sich verändert, haben vieles aus der neuen Umgebung übernommen, ohne zu realisieren, dass diese ihnen immer vertrauter, dass sie ihre Heimat geworden ist.

Heimat ist keine vergangene Idylle, sondern eine Utopie

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Heute scheinen solche Gefühle der Zerrissenheit allgegenwärtig zu sein, sehen sich doch große Teile der Gesellschaft mit ähnlichen Empfindungen konfrontiert, ohne je migriert zu sein. Sie leiden unter der Auflösung einst als fix geltender sozialer, kultureller oder geschlechtlicher Grenzen (ohne die damit gewonnenen Freiheiten schätzen zu können), erleben sich als abgehängt, nirgends zugehörig oder bekämpfen die Durchmischung und Verflochtenheit heutiger Gesellschaften als Zerstörung einer angeblich vorhandenen ursprünglichen Einheit, die gerne als Heimat beschworen wird.

Das Resultat heißt: Erfolg der Populisten. Diese beschwören eine Welt, die es in dieser Form nie gegeben hat: ein perfektes Haus der Zugehörigkeit, eine „Heimat“ eben, die allen, nicht nur den Besitzenden gehört und aus der nicht viele automatisch ausgeschlossen sind, eine Welt ohne Fremde, ohne einschneidende Veränderungen, mit klar definierter Zugehörigkeit. Die Maßnahmen, die die Populisten vorschlagen, um dies zu erreichen, werden nicht funktionieren. Die Mauern, Zäune und Ausschlüsse halten die Entwicklung genau so wenig auf wie das Anzünden von Fabriken im 19. Jahrhundert die Industrialisierung aufgehalten hat. Denn es geht nicht um Globalisierung oder Heimat, genau so wenig wie es im 19. Jahrhundert. um Industrialisierung oder Heimat ging, es geht darum, auch unter der Ägide der Globalisierung eine Heimat zu finden. Denn Heimat ist nicht vergangene Idylle, sondern Utopie, die Utopie einer Zukunft für alle.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.