Warum ist Sachsen so rechts? Zwischen Gartenzwergschrebertum und Weltgewandtheit

Bild von Peter Wawerzinek
Schriftsteller, Stadtschreiber von Dresden 2016

Expertise:

Peter Wawerzinek ist Schriftsteller. Er wurde 1954 in Rostock geboren. 1956 ließ seine Mutter ihn und seine Schwester zurück und ging in den Westen. Er wuchs in verschiedenen DDR-Heimen und Pflegefamilien auf. Seine Biographie verarbeitete er unter anderem im Roman "Rabenliebe". Er wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Anfang des Jahres wurde er von der Stadt Dresden zum Stadtschreiber 2016 berufen. Wawerzinek ist auch Hörspielautor.

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek, geboren in Rostock, wird Stadtschreiber von Dresden. Er schreibt über zerrissene Gefühle zum Amtsantritt und seine Erinnerungen an eine Stadt, die vor Pegida vor allem Wasserspiele und Lichterglanz war, Jazz, Rock und Zirkus.

Ich werde ein halbes Jahr Stadtschreiber in Dresden sein. Das habe ich so gewollt, die Herausforderung eingefordert, und nun will mich endlich zu allem und der Pegida äußern. Ich wurde genommen, weil sich in diesem Jahr deutlich weniger Autoren um das Amt bewarben. Waren es ein Jahr zuvor noch knapp hundert, so ist die Zahl auf den kläglichen Rest von dreiunddreißig Bewerbern geschrumpft. Da frage ich mich, was los ist mit unseren Schriftstellern? Wie kann binnen eines Jahres das Interesse für das Dresdner Amt um volle zwei Drittel sinken? Was hat über sechzig Autoren zum Rückzieher bewegt? Welche Angst, welcher Kleinmut macht sich da unter meinen Kollegen breit? Und welcher von den Autoren, die von ihren sicheren Schreibtischen aus ständig irgendwelche Unterschriftenaktionen anzetteln, Protestpapiere entwerfen, Aufrufe zum Schutz des Federhalter und Radiergummis injizieren, kommt einfach mit mir nach Dresden?

Denn ich erinnere mich so gerne an Dresden in meiner Kindheit, Jugend. Dresden war meine erste große Reise mit der Eisenbahn dorthin. Ich weiß noch die tollen Namen aus dieser Zeit. Dresdner Zwinger, Dresdner Porzellan, Dresdner Kunstsammlung, Dresdner Pavillon, August der Starke, die Brühl'sche Terrasse. Oh ja, dort stand ich oberhalb, sah auf die Straße herunter, die Autos vorbeirasen, dass es mich schwindelte, mich Höhenangst lähmte, kalter Schweiß aus mir hervorbrach, ich unbeweglich und erstarrt stand. Und die Automobile wurden zum verlockenden Gesang, fast schon dem Befehl in liedhafter Form: Spring doch, spring, du kannst fliegen, wirst den Sturz unbeschadet überleben.

Von der Lähmung, die zum Klumpen im Kopf wird, der dich in die Tiefe zu ziehen sucht, rede ich, und dass ich sie in Dresden kennen gelernt habe und gleichzeitig lernte, ihr zu widerstehen, den törichten Gedanken, ein Vogel zu sein verjagte, mich aus der Beklemmung löste, vom Abgrund weg zurück in die Realität fand.

Die frühe Erfahrung wird mir helfen, Dresden vielleicht als jene schöne Stadt früherer Tage zu sehen, mit Wasserspielen und Lichterglanz, so groß und barock, so hell und weit. Hier erlebte ich meine musikalischen Idole und tolle Konzerte der Rock- und Jazz-Zeit. In Dresdens Innenstadt lief mir der dicke Schauspieler Hoppe über den Weg, der sich auf der Leinwand in meinem Lieblingsindianerfilm den Hut vom Kopf riss, auf ihm herumtrampelte und dafür landesweit berühmt wurde. Die Stadt des Bäckerhandwerks, der Kutschfahrten, der Ort für Schauspiel, Zirkus, Theater, Chorgesang. Ich beschrieb die Stadt hymnisch in meinen ersten Reisenotizen. Und sie ist ja immer noch Ausgangspunkt von hier nach dort über die nahen Grenzen hinweg nach Polen, Prag, Budapest und in die Welt hinaus.

Sachsens Ruf ist in Gefahr.

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Ich werde wie Heinrich Heine einst in finsterer Nacht an Deutschland denken und um den Schlaf gebracht. Denn Dresden teilt nicht nur die Elbe als Fluss, die Stadt spaltet sich in pro und contra, driftet ab von Gut nach Böse, und es fallen die moralischen Hüllen der Gastfreundschaft, des Taktes, des Anstandes, der Höflichkeit. Bellende Hunde heißt es, haben den Zwinger verlassen und kläffen hasserfüllt. Sachsens Ruf ist in Gefahr, Dresden kein freundlicher Ankunftsort mehr. Vergessen die Zeiten, als es so viele Dresdener selber drängte auszureisen und republikflüchtig zu werden, um in der Fremde als Fremde anzulangen, dort willkommen geheißen zu sein.Ich werde wie Jahre zuvor in Berlin für die Zeitung getätigt nunmehr wieder mit meinem Kollegen Klaus als bewährtes Duo Klaus+Peter in Dresden herumspazieren. Wir werden den Biergarten im Großen Garten besuchen, wir wollen uns beim Elbhangfest munter unter die Leute mischen, zwischen Gartenzwergschrebertum und Weltgewandtheit Gesagtes aufschnappen, Kleinigkeiten registrieren, zuhören, hinsehen, dem Volk aufs Maul schauen, ganz alltägliche Erlebnisse haben, den stillen, einfachen gutmütigen Leute, die sich immer weniger zu Worte trauen, Stimme verleihen, gegen das zunehmende krude Vokabular des Fremdenhasses. Wir werden den Menschen auf Ohren- und Augenhöhe begegnen, ihre Ansichten, Ängste, Hoffnungen notieren, die Stadt von unten her erkunden, auf wichtige Nuancen achten und also herausfinden, wie die Leute reden, ticken und denken, wenn sie ihre Sätze mit den Worten beginnen: Ich habe nix gegen Ausländer, aber.

Dresden liegt am Puls der bitteren Zeit.

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Nach Dresden gehen heißt also, dem gesellschaftlichen Schmelztiegel nahe, am Puls der bitteren Zeit zu sein. Ich werde für ein halbes Jahr in Dresden wohnen und arbeiten, wild darauf versessen, mir die Verhältnisse aus nächster Nähe anzusehen, ein wenig aus Interesse und Neugierde, aber auch von der Notwendigkeit überzeugt, den Gang gehen zu müssen, der einfach anstand, für viele andere Kollegen noch anstehen wird.

Die Vorurteile sind im Kopf zu klären, gängige Klischees zu überprüfen. Füllt Dresden immer noch die Kuhle im Tal der Ahnungslosen aus? Ist Sachsens Bevölkerung nun eher aufgeweckt, gemütlich als missgünstig, scheuklappig, verbiestert oder kosmopolitisch orientiert, wie behauptet wird, oder handelt und denkt man dort neiderfüllter und rechtslastiger als gedacht.

Ich will unsere Erkenntnisse in Zeitungstexten festhalten, in meine Literatur einfließen lassen, die Palette künstlerischer Mittel wie Hörspektakel, Fotografie, Film, Gesang ausschöpfen, die Situation vor Ort genau schildern, und für die Zeitspanne meines Aufenthaltes eine Bereicherung für die Stadt und Region sein, mit Erich Kästner, dem Einzelkind, in Dresden geboren, auf einer Stufe stehend, warnend sagen: Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.

Wir werden unsere Lieblingsbäcker, Lieblingsplätze im Freien, sowie Freunde finden, mit den Dresdenern Feste feiern, ihnen zugehörige lebensfrohe Gemeinschaftswesen sein, und nebenbei schon herausbekommen, warum man Asylanten hier nicht haben will, wieso bei diesem Thema einigen Dresdenern rasch die sprichwörtliche Gemütlichkeit abgeht, man alle Fremden vertreiben und unter sich zu bleiben sucht, der Heimat verbunden, nicht Teil eines multikultibunten Volkes sein will. Wie es kommt, dass die schönen Mädchen, die in Sachsen wachsen, plötzlich hässliche Reden führen? Wovor man Angst hat, wer diese schürt, warum man sich unbedingt in der dunklen Brühe freischwimmen will?

Am Ende meiner Dresdener Zeit sollte es heißen, ich war mehr als nur ein stiller Besucher in einer spannenden wie angespannten Phase gewesen, die einen in Atem hält, einem den Atem stockt, und bestens geeignet ist, sich zu menschlichen Grundwerten zu bekennen, und zu beschreiben, wie sich mir Land und Stadt präsentiert haben. Mein Wohnort wird in Pieschen sein. Ich werde mitten unter Dresdener leben, in einer hellen Wohnung, die düstere Gedanken mildert, schockierende Erlebnisse auflodern lässt. Und immer wieder schaue ich von meiner Dachterrasse aus über die freundlich wirkende Stadt hinweg auf die Weinberge im Hintergrund, von denen mir erzählt worden ist. Derselbe ehemalige Stadtschreiber empfiehlt mir ein an der Elbe gelegenes russisches Restaurant.

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Warum Sachsen? Dieser Text ist Auftakt unserer Tagesspiegel-Causa-Debatte zu Sachsen. Weitere Texte folgen in Kürze.

Außerdem auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels: Wo ist die coole muslimische Jugend hin? Junge Muslime diskutieren über Moderne, Konservatismus, Salafismus und was Freiheit eigentlich bedeutet.

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