Vegan leben: nur hip oder auch geboten? Verzicht ist nicht nötig, aber Veränderungen!

Bild von Anton Hofreiter
Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Anton Hofreiter ist Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

Ein "weiter so" ist im Agrarsektor ist keine Option, zu desaströs sind die Konsequenzen der industrialisierten Landwirtschaft für Tier und Umwelt. Deshalb gleich ganz auf tierische Produkte zu verzichten, wäre mir zu übertrieben. Notwendig ist aber eine tief greifende Agrarwende. Mir macht das Politikversagen im Hinblick auf diese Zustände große Sorgen.

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich als Öko denn nun Fleisch esse oder nicht. Die Antwort ist: Ja, aber. Ich bin niemand, der Fleisch grundsätzlich ablehnt. Ich esse wie viele andere Menschen ab und an gerne auch mal Fleisch. Ein Frühstücksei ist für mich ein Stück Lebensqualität. 

Fleischkonsum ist nicht nachhaltig, seinetwegen wird Regenwald zerstört.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In meinem Buch „Fleischfabrik Deutschland“ beschreibe ich, wie die industrielle Massentierhaltung unsere Lebensgrundlagen zerstört. Vom millionenfachen Tierleid in den immer größeren Ställen bis zur Klimakrise und dem Artensterben – unser Fleischkonsum ist alles andere als nachhaltig. Die Auswirkungen sind global. Ich habe dafür viel recherchiert und bin nach Brasilien gefahren, um mir dort, wo einst Regenwald war, die Gensoja-Wüsten anzuschauen. Würden alle Menschen so viel Fleisch essen wie wir in Deutschland, bräuchten wir einen zweiten Planeten. Wir müssen handeln, ein weiter-so ist keine Option.

Überall Missstände, und die Profiteure sind große Agrarkonzerne.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Und es geht nicht nur um Fleisch. Auch bei Milch und Eiern gibt es gravierende Missstände. 45 Millionen Küken werden jedes Jahr getötet, weil sie ökonomisch keinen Platz haben im faulen Eier-System. Auch das Leid der verheizten Turbokühe ist groß. Profiteure sind immer größere Agrarkonzerne und mächtige Handelskonzerne. Immer mehr anständige Bäuerinnen und Bauern müssen dagegen ihren Hof dicht machen, weil sie beim irren Wettlauf  von „immer mehr, immer billiger“ nicht mithalten können.

Im Hinblick auf diese Zustände herrscht Politikversagen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Gute ist: immer mehr Menschen machen sich Gedanken, ob sie dieses System noch unterstützen wollen. Immer mehr haben ein Problem mit den völlig unhaltbaren Zuständen in der zunehmend industrialisierten Landwirtschaft. Auch ich zähle zu diesen Menschen. Mir macht das Politikversagen im Hinblick auf diese Zustände große Sorgen. Ich will deshalb die Agrarwende: Hin zu einer fairen, regionalen und vielseitigen Landwirtschaft.

Verzichten muss nicht sein, aber verändern ist nötig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ich kann nachvollziehen, dass mancher deshalb komplett auf Fleisch, Milch und Eier verzichten will. Für mich gilt das allerdings nicht – aber ich will die Art und Weise verändern, wie wir Landwirtschaft betreiben. Mir ist es eben  nicht egal, ob Fleisch, Milch und Ei von einem Tier stammt, das unter unwürdigen Umständen dahinvegetiert, oder ob es mit Respekt behandelt wird und aus einer weitgehend artgerechten Haltung stammt. Weitgehend artgerecht – als Biologe mache ich diese Einschränkung bewusst. Wirklich artgerecht wäre nämlich, die Tiere gar nicht erst einzusperren. Jede Form der Tierhaltung, auch die von Haustieren, wäre unter diesem Aspekt problematisch.

Manche sagen dann trotzdem: Wer sich so viel mit dem Thema beschäftigt, muss doch Vegetarier oder Veganer werden! Nein, das finde ich nicht. Erstens glaube ich, dass viele Leute sich eine andere Landwirtschaft wünschen und trotzdem Fleisch mögen. Vielleicht aus Genuss, vielleicht aus Gewohnheit. Veganer, Vegetarier, Flexitarier und Genussmenschen – sie verbindet, dass sie das System industrieller Massentierhaltung ablehnen.

Die Tiere sollen gut leben, die Haltung muss besser werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Dazu kommt: Es gibt massive Unterschiede in der Tierhaltung. Es macht einen krassen Unterschied, ob ein Huhn in einem 40.000er-Stall gemästet wurde oder ob es in einem mobilen Stall auf der grünen Wiese groß geworden ist. Ich will, dass es den Tieren besser geht und dass die Umwelt geschont wird. Ich will, dass die Landwirtschaft das Klima schützt und bäuerlichen Betrieben Perspektiven lässt, dass Bäuerinnen und Bauern, die ihre Tiere besser halten, von ihrer Arbeit wieder gut leben können. Ich will die Tierhaltung besser machen. Und ich freue mich über jeden, der das unterstützen will – auch auf dem eigenen Teller.

Jegliche Tierhaltung abzulehnen, ist nicht mehrheitsfähig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Natürlich kann man jegliche Tierhaltung grundsätzlich ablehnen. Ich tue es nicht. Davon sind die politischen Mehrheiten auch meilenweit entfernt. Und es wäre fatal, wenn man im Umkehrschluss so tun würde, als wäre alles gleich schlimm. Es gibt enorme Unterschiede im Tierschutz.

Jenseits vom kategorischen Nein zur Tiertötung muss man sich um Verbesserungen in der Haltung kümmern.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Und Ja, es bleiben berechtigte ethische Grundsatzfragen: Darf man Tiere töten? Das ist eine grundlegende ethische Frage, bei der man zu verschiedenen Antworten kommen kann. Ich respektiere alle, die diese Frage verneinen. Aber dieser Grundsatzstreit darf uns nicht davon abhalten, jetzt schon möglichst viele schrittweise Verbesserungen durchzusetzen. Ein Entweder-oder, ein Ganz-oder-gar-nicht – damit kann ich als Politiker genauso wenig anfangen wie als Privatmensch. Ich will eine Politik machen, die die Bedürfnisse der Veganer ebenso einschließt wie die der Normalos und der Landwirtinnen und Landwirte. Und es wäre ein enormer Fortschritt, wenn es uns gelingen würde, den jetzigen Zustand Schritt für Schritt zu verbessern.

Mehr Tierschutz, mehr Umweltschutz, dafür sind fast alle Menschen zu begeistern.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Über 90 Prozent der Menschen wollen mehr Tierschutz, die meisten wollen mehr Umweltschutz. Das sind die gemeinsamen Ziele, die wir teilen. Ich will die Agrarwende durchsetzen: Zusammen mit den Bäuerinnen und Bauern, die sich vielfach auch einen anderen Umgang mit ihren Tieren wünschen, aber gefangen sind, in einem „Immer mehr, immer billiger“ System. Zusammen mit den Vegetariern und Veganern. Und zusammen mit allen Menschen, die Massentierhaltung und Agroindustrie einfach sattt haben. Lassen wir uns da nicht spalten. Lasst uns gemeinsam kämpfen.

- Lesen Sie hier die Debatte

- Außerdem auf Causa: Warum ist Sachsen so rechts?

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.