Vegan leben: nur hip oder auch geboten? Essen ist eine Systemfrage

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Vereinsvorsitzende Slowfood

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Ursula Hudson ist Vereinsvorsitzende von Slowfood Deutschland.

Zukunftsfähig oder nicht? Das ist entscheidend - und gilt für jeden Ernährungsstil, ob mit Lebensmitteln tierischen Ursprungs oder ohne. Und eins ist klar: Tierproduktion im industriellen Maßstab in keinster Weise zukunftsfähig.

Die Diskussion um ErnährungsstiIe mit und ohne tierische Produkte hat für Slow Food andere Trennlinien als die simplen schwarz-weißen, die von gut und böse. Es geht dabei vielmehr um eine Systemfrage: Beziehe ich meine Lebensmittel aus einem zukunftsfähigen System oder aus einem, das nicht zukunftsfähig ist.

Klar ist, dass die Tierproduktion – ein ungeheures Wort – im industriellen Maßstab in keinster Weise zukunftsfähig und ebenso wenig ethisch vertretbar ist. Aber ebenso wenig zukunftstauglich ist intensiver Anbau von Gemüse, Obst, Leguminosen, Getreide etc., der auf hohen Input von Düngemitteln und Pestiziden angewiesen ist, oder hochverarbeitete Lebensmittel mit zahllosen Zusatz- und Hilfsstoffen.

Nutztiere sind unerlässlich für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft.

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Tiere werden im industriellen System zu reinen Produktionsmitteln und Waren reduziert. Das ist ethisch wie ökologisch nicht verantwortbar. Wenn sich Menschen also aus ethischen Gründen dazu entscheiden, keine tierischen Produkte zu essen, um nicht Teil dieses ausbeuterischen Systems zu sein, ist das verständlich und unterstützenswert. Aus Slow-Food-Sicht sind Nutztiere jedoch unerlässlich für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft – artgerechte Haltung und ein würdiges Sterben vorausgesetzt. Traditionell erfüllt jede Nutztierart auf dem Hof ihre Aufgabe: So bekämpfen Hühner Schädlinge, Schweine verwerten Reste und vieles mehr.

Nutztiere erfüllen wichtige Aufgaben.

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Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen pflegen wiederum die Kulturlandschaft und erhalten eine an Artenvielfalt reiche Graslandschaft. Damit haben Wiederkäuer wesentlich daran Anteil, das Potenzial der Flächen, die sich nicht für den Ackerbau eignen, für den Klimaschutz als bedeutende CO2-Senke zu nutzen. Außerdem tragen sie zum Erosionsschutz der Böden – auch in Steillagen – bei. Nicht zuletzt liefern alle Nutztiere natürlichen Dünger für fruchtbare Böden. In solch einer Kreislaufwirtschaft mit Kulturpflanzen und Nutztieren werden Ressourcen maximal genutzt und nichts wird verschwendet.

Erst die industrielle Massenhaltung der Tiere schafft die immensen Probleme.

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Doch ist die bodengebundene Freilandhaltung heute nicht mehr die Norm. Die intensive industrielle Tierhaltung und die ebenso hoch spezialisierte, mit Tierhaltung nicht mehr in Verbindung stehende Massenproduktion von Feldfrüchten aber reißt die komplexen, ursprünglich positiven Wechselwirkungen von Ackerbau und Viehhaltung auseinander und schafft so ganz neue Probleme. Zu große Mengen von Dung und Gülle werden zu hochkonzentriertem Gift für Gewässer und Böden. Dem von Monokulturen ausgelaugten Acker fehlen Nährstoffe, die mit chemischen Düngemitteln ersetzt werden sollen. Dazu kommt der präventive Einsatz von Antibiotika bei Tieren, der die Krankheiten verhindern soll, welche auf engstem Raum zusammengepferchte Tiere erleiden, und die lebenzerstörenden Rundum-Pestizide, wie Glyphosat im Ackerbau.

Wir müssen zurück zur bodengebundenen Tierhaltung in einer Kreislaufwirtschaft.

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Eine gut geführte extensive Freilandhaltung schadet der Umwelt nicht und ermöglicht den Tieren ein würdiges, artgerechtes Leben. Futtermittel müssen nicht aus dem Ausland importiert werden, und der ökologische Fußabdruck der Kreislaufwirtschaft ist minimal im Vergleich zur industriellen Massenproduktion. Deshalb müssen wir wieder zurück zur bodengebundenen Tierhaltung in einer Kreislaufwirtschaft!
Die extensive Tierhaltung und Kreislaufwirtschaft liefert natürlich eine geringere Menge an Fleisch und Milchprodukten, aber weniger ist hier so viel mehr. Ein Mehr an Umweltschutz, ein Mehr an Tierwohl und ein Mehr an Fleischqualität als Konsequenz von artgerechter Fütterung und natürlichem Wachstum.

Die Aufgabe unserer Zeit ist es, den tierischen Produkten wieder einen Wert zu geben.

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Tiere so zu halten bedeutet für den Fleischkonsum eine drastische Reduzierung desselben. Unsere Ernährung soll abwechslungsreich sein mit – wem es schmeckt – wenig, aber gutem Fleisch aus artgerechter Haltung und handwerklichen Milchprodukten aus nachhaltiger Herstellung. Ob Fleisch, Milch, Käse oder Ei, die Aufgabe unserer Zeit ist es, diesen Produkten wieder ihren wahren Wert zuzusprechen. Eine artgerechte Haltung und nachhaltige Herstellung schlagen sich im Preis nieder, und wenn wir diese Produkte verzehren wollen, müssen wir auch bereit sein, diesen Preis zu bezahlen.

Veganismus erfordert ein hohes Maß an Ernährungskompetenz.

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Auf die Herkunft aus einem zukunftsfähigen System müssen auch diejenigen achten, die keine Lebensmittel tierischen Ursprungs zu sich nehmen. Das heißt auch dann ökologisch erzeugt, weitgehend unverarbeitet, saisonal, regional. Und vor den Veganern, die sich so ernähren, ziehe ich respektvoll den Hut. Dazu gehört ein hohes Maß an Lebensmittel- und Ernährungswissen und -kompetenz.

Die Lebensmittelverschwendung muss aufhören - besonders, wenn sie tierischen Ursprungs sind.

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Nicht zuletzt müssen wir uns auch an jedem Punkt der Lebensmittelkette gegen die Verschwendung von Lebensmitteln wehren. Das gilt für Lebensmittel pflanzlichen wie auch tierischen Ursprungs. Bei Letzterem ist dies besonders relevant. Wir können nicht nur Steaks und Hühnerbrüste essen, sondern müssen die vielen anderen Teile ebenfalls verwerten. Unsere kulinarischen Traditionen und die Innovationskraft der Lebensmittelhandwerker und Köche sind uns dabei behilflich, dies auf immer wieder andere Weise tun zu können. Nur unter diesen Bedingungen können wir den Verzehr von Lebensmitteln tierischen Ursprungs verantworten. Ein bewusster, gemäßigter Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten aus handwerklicher Erzeugung aber ist Bestandteil einer ökologisch wertvollen Landwirtschaft, ausgewogenen Ernährung und einer kulturell vielfältigen Esskultur.

- Lesen Sie hier die Debatte.

- Außerdem auf Causa: EM 2016 - Zerstört der Fußball den Sport?

 

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