Spitzensport-Reform  Sport ist mehr als "höher, schneller, weiter"

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sportpolitische Sprecherin SPD

Expertise:

Michaela Engelmeier ist sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Die gelernte Erzieherin ist seit 2000 Vizepräsidentin des Deutschen Judo Bundes und seit Anfang des Jahres 2016 Vizepräsidentin des Landessportbundes NRW.

Die geplanten Reformmaßnahmen lassen den deutschen Sport zur reinen Medaillen-Jagd verkommen. Insbesondere die Nachwuchsförderung im Spitzensport wird unter der unnötigen Zentralisierung leiden.    

Seit Ende 2014 haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium (BMI) intensiv über die Neustrukturierung der Leistungs- und Spitzensportförderung verhandelt. Hintergrund ist die Halbierung von Erfolgen deutscher Athletinnen und Athleten bei den Olympischen Spielen. Gewann Deutschland in Barcelona 1992 noch 82 Medaillen, waren es in Rio nur noch 42. Ähnlich schlecht steht es um die Finalplätze 4 bis 8.

Eine Reform zur Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung ist längst überfällig. Auch den Kerngedanken des Konzeptes „Der Athlet steht im Fokus“ kann ich gut mittragen, zumal gegen mehr Effizienz durch höhere Konzentration und eine bessere Steuerung niemand etwas haben kann.

Der Sport hat eine gesellschaftliche Funktion und ist nicht nur eine Medaillen-Jagd.

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Nur fehlt mir leider eine gesellschaftliche Diskussion darüber, in welchem Sport-Deutschland wir leben möchten. Der DOSB hat es versäumt, eine entsprechende Debatte anzustoßen. Daher stellt sich mir die Frage: Wollen wir eine Nation sein, die nur Medaillen wie die ehemalige DDR jagt oder wollen wir uns weiterhin in der Breite auch weniger erfolgreiche Verbände mit ihren Disziplinen leisten – denn ohne Breite keine Spitze.

Die Reformvorschläge sehen u.a. vor, dass sich jede Disziplin in einer von drei Kategorien wiederfindet. In dem Exzellenz-Cluster kommen Disziplinen, deren Perspektive Medaillen bei den nächsten Spielen sind. Hier können sich die Athletinnen und Athleten über eine umfangreiche Förderung freuen. Im dem Perspektiv-Cluster finden sich Sportarten wieder, die erst in vier bis acht Jahren (olympischer Zyklus) Edelmetall gewinnen können. Hier gibt es immer noch eine auskömmliche Unterstützung, allerdings mit Einschnitten. In der dritten Kategorie „ohne Perspektive“ landen nur Disziplinen, die keine Chance auf das Siegertreppchen haben. Hier müssen die Verbände damit rechnen, dass sie zukünftig keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung gestellt bekommen.

Natürlich muss unser Ziel im Spitzensport auch Erfolg sein. Das gehört zum Sport dazu. Niemand tritt bei einem Wettkampf an, um zu verlieren. Dennoch sehe ich eine Null-Förderung von Sportarten, die perspektivisch keinen Erfolg versprechen können, als schwierig an. Bei der Reform sprechen wir über die Spitzensportförderung. Zwar sind deutsche Sportler beim Langstreckenlauf schon lange nicht mehr an der Spitze, dennoch joggen 12 Millionen Menschen in Deutschland. Man kann also die Spitze nicht getrennt von der Breite betrachten. Nur welche Folgen hat es für den Sport, wenn die Breite sich immer weiter von der Spitze entfernt und Verbände um ihr finanzielles Auskommen zittern müssen.

Die Schließung von Bundesstützpunkten wird die Nachwuchsförderung erheblich erschweren.

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Die Frage „In welchem Sport-Deutschland möchten wir leben“ wiederholt sich für mich spätestens an der Stelle im Konzept, wo von einer Reduzierung der Bundesstützpunkte um 20 Prozent von derzeit 204 auf etwa 170 die Rede ist. Natürlich müssen wir über die Effizienz von einzelnen Stützpunkten sprechen, aber eine Streichung von 20 Prozent wirkt willkürlich. Denn an den Bundesstützpunkten setzen unsere Athletinnen und Athleten ihren täglichen Trainingsplan mit Hilfe von optimalen Rahmenbedingungen und hochqualifizierten Trainerpersonal um. Nur, wie können wir in Zukunft eine qualitative Betreuung aufrechterhalten und wie soll es gelingen qualitativen Nachwuchs fernab ihrer Heimat zu gewinnen?

Eine bundesweite Talent-Sichtung ist nicht zeitgemäß und bevormundet die Vereine.  

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Dazu schreiben der DOSB und das BMI, dass sie sich ein 3-Stufenmodell (Talentsichtung, Talentauswahl und Talentbestätigung) vorstellen. Hierbei soll die Talentsichtung weniger wie in der Vergangenheit regional geprägt sein, sondern durch „bundesweit sportartübergreifende Bewegungs-Checks im Grundschulalter durchgeführt werden“. Denn anders als beim Vereinstraining, wo sich Eltern bewusst für eine Anmeldung ihres Kindes entschieden haben, soll es nun eine Sichtung von Kindern geben, ohne dass Eltern aktiv Einfluss nehmen können. Hier sind die Landessportbünde und die Schulen gefragt, entsprechend Rücksicht auf die besonderen Schutz von Kindern und Jugendlichen zu achten. Und keine Handlung ohne enger Kooperation mit den Eltern durchzuführen.

Für mich bleiben weiterhin viele Fragen offen. Daher stelle ich mir noch einmal die Frage: „In welchem Sport-Deutschland möchten wir leben“? Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem alle Sportarten genauso viel wert ist wie die erfolgreichen Disziplinen, denn sie sind untrennbar verbunden. Ich möchte, dass in Deutschland weiterhin Disziplinen von Sportarten eine finanzielle Unterstützung erhalten, unabhängig von ihrem Erfolg. Eine Mindestförderung von Sportarten muss weiterhin möglich sein, damit jede Athletin und jeder Athlet sich seine Disziplin selbst aussuchen und nicht wegen mangelnder Unterstützung der Verbände nur die erfolgreiche Disziplin ausüben kann. Eine Konzentration auf die Spitze, unterstützt durch willkürliche Schließungen von Stützpunkten und Sichtung an Schulen, ist ein Deutschland der vergangenen Jahre.

 

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