Spitzensport in Deutschland Die Reform ist nur der erste Schritt

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Sportpsychologe Humboldt-Universität zu Berlin

Expertise:

Frank Muller ist freiberuflicher Sportpsychologe. Er ist Dozent an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet eng mit Sportlern, Trainern und Mannschaften, sowohl im Elite-, als auch im Jugend- und Hobby-Bereich zusammen.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Allerdings bleibt abzuwarten, ob alle Reformpläne für den deutschen Spitzensport auch den gewünschten Erfolg bringen.

Die geplante Reform im deutschen Spitzensport und die damit einhergehende Diskussion sehe ich als positiv. Es ist eine Chance zur Weiterentwicklung. Sowohl Menschen, als auch Organisationen und Systeme dürfen nicht still stehen; Stillstand bedeutet in unserer modernen schnelllebigen Welt Rückschritt. Es muss eine Reform her, denn es ist klar, dass der Status Quo niemanden – weder Sportler und Trainer, noch Funktionäre – mehr zufrieden stellt.  

Die Frage, ob der nun eingeschlagene Weg vom DOSB und BIM dafür der richtige ist, ist durchaus berechtigt. Und es ist richtig und wichtig darüber zu diskutieren. Als Außenstehender fällt es schwer ein endgültiges Urteil über die geplanten Maßnahmen zu fällen. Es ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich einzusehen, ob der geplante Weg richtig oder falsch ist. Das wird die Zukunft zeigen. Außerdem ist ein solches Schwarz-Weiß-Denken nicht sonderlich hilfreich. Die Wahrheit liegt, wie so oft im Leben, im Graubereich: einige Ansatzpunkte des geplanten Reformkonzeptes begrüße ich durchaus, andere hingegen bereiten mir eher Kopfzerbrechen.

Im neuen System können Spätentwickler schnell durchs Raster fallen.

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Die Reform will sich stärker auf die Athleten konzentrieren und deren Perspektiven bei der Vergabe von Fördergeldern in den Mittelpunkt stellen. Man will von einem Denken abkommen, bei dem die Verbände und Athleten für ihre Erfolge in der Vergangenheit bezuschusst werden. Das ist in der Theorie ein schöner Gedanke, jedoch ist es schwer vorstellbar wie man das in der Praxis umsetzen will. Das Schöne am Sport ist doch seine Unvorhersehbarkeit; bei fast jedem sportlichen Wettkampf gibt es faustdicke Überraschungen, mit denen keiner gerechnet hat. Auch bei den Spielen in Rio haben viele deutsche Athleten eine Medaille gewonnen, denen das im Voraus nicht zugetraut worden wäre. Diese Überraschungserfolge haben für einige der denkwürdigsten und schönsten Momente dieser Olympischen Spiele gesorgt. Da stellt sich die Frage, ob solche überraschenden Erfolge in Zukunft noch möglich sein werden, wenn Sportlern, denen man Im Vorfeld wenig Perspektiven einräumt, finanziell nicht gefördert werden. Viele Talente entwickeln sich erst spät; diese würden mit dem neuen System durchs Raster fallen. Ein weiteres Problem wäre das psychologische Phänomen der „selbsterfüllenden Prophezeiung“: glauben andere Menschen und auch ich selbst nicht daran, dass ich ein bestimmtes Ziel erreichen kann, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich dieses Ziel tatsächlich nie erreiche drastisch an. Das neue Fördersystem birgt daher die Gefahr, die Spreu „zu früh“ vom Weizen zu trennen. Davon abgesehen ist es zu bezweifeln, dass eine solch kleine Kommission (fünf bis acht Mitglieder) anhand eines Potenzialanalyse-Systems in der Lage sein wird, die Potenziale und Entwicklung von allen deutschen Sportdisziplinen und deren Sportlern vorauszusagen.

Die Vielfalt im deutschen Sport darf nicht für Medaillen geopfert werden.

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Das neue „perspektivische Berechnungsmodell“ wird zudem dafür sorgen, dass es Sportdisziplinen und ihren Athleten schwer fallen wird, wieder Fördergelder zu erhalten, wenn diese einmal gestrichen worden sind. Theoretisch ist dies zwar möglich, aber wie realistisch ist es, dass einzelne Disziplinen sich stark verbessern ohne jegliche finanzielle Unterstützung seitens der Sportförderung? Wahrscheinlicher ist es, dass es in diesen Disziplinen noch weniger Erfolge zu verbuchen geben wird als vorher. Weniger Erfolge bedeutet weniger Strahl- und Anziehungskraft für potenzielle Nachwuchssportler, Zuschauer und Sponsoren. Sportarten, die heute schon sehr wenig Beachtung und Interesse innerhalb der Gesellschaft erhalten, würden in der Bedeutungslosigkeit versinken. Gerade seine Vielfältigkeit und Breite macht den deutschen Sport aus und es wäre sehr bedauernswert dies für ein paar Medaillen mehr zu opfern. Schließlich freuen wir uns bei Olympischen Spielen ja nicht nur, wenn Deutschland möglichst viele Medaillen gewinnt. Wir freuen uns auch, wenn in vielen Disziplinen deutsche Athleten an den Start gehen und wir ihnen zujubeln können. Und das war in Rio definitiv der Fall: deutsche Athleten gingen in 27 Sportarten an den Start und in 19 von diesen konnte mindestens eine Medaille gewonnen werden. Wollen wir in Zukunft wirklich nur noch in wenigen Disziplinen die Weltbesten sein anstatt in vielen Disziplinen zur (erweiterten) Weltspitze zu gehören? Nicht einzig Medaillen dürfen einer Sportart eine Daseinsberechtigung geben und damit Fördergelder ermöglichen. 

Die Arbeit an den Olympiastützpunkten wird durch die Reformpläne deutlich verbessert.

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Die Verringerung der Olympiastützpunkte ist sinnvoll, jedoch nur, wenn man diese Gelegenheit zu mehr Zusammenhalt und Teamwork nutzt.  Die Zusammenlegung einzelner Stützpunkte ermöglicht es hier mehr Potenzial zu generieren. Qualität ist in diesem Fall wichtiger als Quantität. Das Zusammenarbeiten in größeren Teams birgt zwar Risiken, es überwiegen jedoch die positiven Effekte, wenn viele Experten zusammen an einem Ort bzw. zusammen in einem Team arbeiten. Man kann sich gegenseitig motivieren, inspirieren und supervidieren. Nicht nur die Athleten selbst würden hiervon profitieren, sondern auch die an den Stützpunkten arbeitenden Trainer, Sportwissenschaftler, Sportpsychologen, Laufbahnberater, usw.  Zudem ist zu begrüßen, dass der DOSB in Zukunft verstärkt auf hauptamtliche Kräfte für die Leitungspositionen setzt und auch die Wissenschaft verstärkt in den Fokus rückt. Moderne Erkenntnisse und Methoden aus der Wissenschaft müssen verstärkt in den Trainingsalltag der Athleten integriert werden. Dies wurde in den letzten Jahren nicht konsequent genug getan und daher haben Nationen wie die USA, Großbritannien oder Australien in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wie z.B. der Sportpsychologie, einen großen Vorsprung gegenüber Deutschland. Durch professioneller arbeitende Stützpunkte kann dieser Rückstand in Zukunft reduziert werden.

Die Strukturänderungen sollten auch den Wünschen der Sportler und Verbände gerecht werden.

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Es ist wichtig Neuerungen und Veränderungen anzustoßen, jedoch wäre es wünschenswert, wenn dies nicht hinter verschlossenen Türen geschehen würde. Ich finde es sehr schade, dass die direkt betroffenen Akteure, nämlich die Athleten, Trainer und ihre Verbände, bisher so wenig Gelegenheit hatten die Reform mitzugestalten und ihre Ideen, Wünsche und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Hier muss ein Umdenken stattfinden; eine solche Reform über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entscheiden, ohne diese miteinzubinden, halte ich für den falschen Weg. Die Reform ist ein wichtiger Schritt nach vorne; es darf nur nicht der letzte sein. Nachhaltige Entwicklung muss das Ziel sein. Die Strukturen des deutschen (Spitzen)-Sports müssen auch in Zukunft stetig hinterfragt, analysiert und falls notwendig optimiert werden. Dabei müssen, wie jetzt, auch mal große Risiken eingegangen werden. Es ist wie im Sport selbst: wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

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