Reform des Spitzensportfördersystem  „Athlet im Fokus“ darf keine plakative Worthülse bleiben

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MdB, SPD

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Dagmar Freitag ist seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestags. Einer ihrer Themenschwerpunkte ist Sport. Sie ist seit 2009 Vorsitzende des Sportausschusses.

Die  Spitzensportförderung soll vom zukünftigem Potential der Athleten abhängen, doch valide Leistungsprognosen sind schwerer als gedacht. Trotzdem ermöglicht die Reform eine Förderung, die sich deutlich mehr an den Bedürfnissen der Sportler orientiert und ihren Erfolg ermöglicht. 

Vorab: Endlich wird das bestehende System einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Seit Gründung des DOSB im Jahr 2006 blicken wir in dieser Hinsicht auf viele verlorene Jahre zurück. Das deutsche Spitzensportfördersystem steht vor einem Umbruch – manche sprechen von einer Revolution, andere nur von einer Evolution. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband des Sports in Deutschland und das Bundesministerium des Innern als das Bundesministerium, das das Kernbudget der Spitzensportfördermittel verwaltet, haben annähernd zwei Jahre lang versucht, einen Konsens zu finden, wie der Leistungssport in Deutschland zukünftig gefördert werden soll. Gründe, die Sportförderung auf neue Füße zu stellen, gibt es mehr als genug: Die internationalen Erfolge deutscher Sportlerinnen und Sportler sind seit geraumer Zeit rückläufig, die Medaillenausbeute, aber auch die Finalteilnahmen werden rarer.

Nicht in allen Staaten wird das Thema Doping so ernst genommen wie in Deutschland

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Die Entwicklung kam allerdings nicht plötzlich, sondern war spätestens seit den Olympischen Spielen 2004 absehbar. Auch dafür lassen sich beispielhaft – zunächst externe – Gründe finden: Immer mehr Länder nehmen an internationalen Top-Events wie den Olympischen und Paralympischen Spielen und Weltmeisterschaften teil und stoßen mit ihren Athletinnen und Athleten in die Weltspitze vor – der „Erfolgskuchen“ wird somit auf mehr Nationen verteilt. Auch wird das Dopingproblem längst nicht in allen Staaten so konsequent angegangen wie in unserem Land mit einer funktionierenden NADA und einem schlagkräftigen Anti-Doping-Gesetz, das auf Betreiben der SPD-Bundestagsfraktion mit den Ministern Heiko Maas und Thomas de Maizière in die Wege geleitet wurde. Die Ergebnisse der Nachkontrollen von Dopingproben früherer Olympischer Spiele sprechen da eine eindeutige Sprache.

Und dennoch müssen auch der deutsche Sport und die ihn fördernden Institutionen hinterfragen, welches – gewissermaßen interne – Optimierungspotential besteht, damit unsere Athletinnen und Athleten den Anschluss an die Weltspitze nicht verlieren. Wo kann unser System dazulernen, wo sind Effizienzsteigerungen möglich, wie kann Infrastruktur optimiert werden, welche strategischen Anreiz- und Unterstützungssysteme für die Aktiven sind nötig, wird sämtliches verfügbares Know-How der modernen Wissensgesellschaft genutzt? Viele Fragen, die aus meiner Sicht spät (zu spät?) gestellt wurden.

Eine Analyse des zukünftigen Potentials darf nicht auf Kosten der Gesamtbetrachtung erfolgen

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Die Eckpunkte der Reform wurden der Sportpolitik, dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages, und den Sportverbänden im Detail erst im Oktober vorgestellt. Die Mitgliederversammlung des DOSB segnete am ersten Dezemberwochenende das neue Konzept ab – dazwischen blieb allen Akteuren nur wenig Zeit für eine breite und intensive Diskussion und mögliche Änderungen an dem Entwurf. Es gab Kritik daran, dass DOSB und BMI hinter verschlossenen Türen verhandelten und umso heftiger war die Diskussion in den Spitzenverbänden, die nicht viel Zeit hatten, sich mit den Details der Reform intensiv auseinanderzusetzen. Genau dafür aber mussten sie sich dann öffentlich von DOSB-Präsident Hörmann kritisieren lassen! Kritik der Verbände an Inhalten, Zeitplan und Kommunikationsstil gab es bis zuletzt – auch im Rahmen der DOSB-Mitgliederversammlung und der vorgeschalteten Gremiensitzungen.

Im Kern der Reform geht es darum, von der bisherigen retroperspektivischen Sicht zu einer Bewertung der zukünftigen potentiellen Erfolgschancen zu kommen und die Spitzensportförderung – allein das Bundesinnenministerium stellt dafür jährlich rund 190 Mio. Euro zur Verfügung – danach auszurichten. Sportarten und -disziplinen sollen anhand eines mathematischen Rasters in drei Potential-Cluster eingeteilt werden, von denen nach Diskussion dieser gewissermaßen statistischen Ergebnisse in einer speziell eingerichteten Expertenkommission die Höhe und Intensität der Förderung abhängig sein wird. Um es vorweg zu nehmen: Ich halte diesen Wandel von einer rückwärtsgewandten Sicht hin zu einer Analyse des zukünftigen Potentials im Kern für richtig, solange die Gesamtbetrachtung nicht aus den Augen verloren geht. Es ist zweifellos sinnvoll, Strukturen zu hinterfragen, zu überdenken und sie neu auszurichten.

Valide Vorhersagen zukünftiger Leistungen sind nicht möglich  

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Aber – und das hat auch die Anhörung zur Reform der Spitzensportförderung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages am 19. Oktober sehr deutlich gemacht – man kann zukünftige Potentiale nicht verlässlich berechnen, denn das käme einem bestenfalls vermeintlich gesicherten Blick in die Zukunft gleich. Es gibt zu viele Faktoren, die Leistungsentwicklung und Erfolg einer Athletin oder eines Athleten beeinflussen, als dass eine valide Vorhersage möglich wäre. Immerhin sprechen wir hier von Prognosezeiträumen von ein bis zwei Olympiaden, also vier bis acht Jahren.

Wir können nun ein Fördersystem entwickeln, das sich deutlich stärker an den Bedürfnissen der Sportler orientiert

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Bei allen noch erkennbaren und sicher nachzusteuernden Schwächen des Entwurfes bietet sich dank der auf allen Seiten erkannten Notwendigkeit eines Wandels jedoch eine einzigartige Chance: Wir können nun ein Spitzensportfördersystem entwickeln, das sich deutlich mehr an den Bedürfnissen der Athletinnen und Athleten orientiert als in der Vergangenheit. Die stehen heutzutage zweifelsohne vor großen individuellen Herausforderungen:  finanzielle Unterstützung, Probleme bei der dualen Karriere und Fragen der Altersvorsorge sind nur einige der Dinge, die Athletinnen und Athleten die Konzentration auf den Sport (zeitweilig) erschweren können – bis hin zu der Entscheidung für oder gegen eine Leistungssportkarriere. Auch die Sportstätteninfrastruktur, die Beschäftigungs- und Vergütungssysteme der Trainer, die Begleitung durch die (Sport)Wissenschaft sind externe Faktoren, die – gut gemacht – förderlich, aber – schlecht gemacht – auch hinderlich sein können.

Und dennoch bin ich mir sicher: Unsere Athletinnen und Athleten wollen die optimale persönliche Leistungsentwicklung, wollen den Erfolg. Nicht umsonst nehmen sie so viele Entbehrungen in Kauf, um ihre Sportkarriere voranzutreiben. Es muss Ziel von Sport und Politik sein, ihnen während der Sportkarriere beste Bedingungen für den Sport zur Verfügung zu stellen, das ist das „täglich Brot“ der Aktiven. Optimierung, je nach Sportart auch Zentralisierung, Aktivierung, Effektivierung müssen in allen relevanten Bereichen diskutiert werden. Athletinnen und Athleten werden in der Regel zu einem Wohnortwechsel dorthin bereit sein, wo die Vereinbarkeit von Sport und Studium oder Berufsausbildung uneingeschränkt gegeben ist und wo gleichzeitig möglichst optimale Trainingsbedingungen und hervorragendes Leistungssportpersonal vorhanden sind. Und: Wir sollten ihnen neben einer möglichst perfekten Gegenwart durch geeignete, noch zu diskutierende Maßnahmen die Sorge vor der Zukunft, vor einem beruflichen Loch nach der Sportkarriere oder die Angst vor mangelnder Alterssicherung, hervorgerufen durch jahrelange Fokussierung auf den Spitzensport, nehmen. Wenn es uns gelingt, ihren Bedürfnissen Rechnung zu tragen, werden wir auch von den Sportlerinnen und Sportlern noch mehr Engagement und in vielen Fällen noch mehr persönliche Kompromisse wahrnehmen. „Athlet im Fokus“ darf keine plakative Worthülse bleiben.

Die gesellschaftliche Debatte darüber, welchen Spitzensport wir haben wollen, fand nicht statt

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Zu guter Letzt: Was leider im Zuge dieser Reformdiskussion nicht stattgefunden hat, ist die – eigentlich in dieser Situation unabdingbare – gesellschaftliche Debatte darüber, welchen Spitzensport wir in Deutschland zukünftig haben wollen. Der DOSB proklamiert seit geraumer Zeit den Slogan „Sportdeutschland“ – aber ich habe das Gefühl, dass niemand wirklich weiß, wer oder was damit gemeint ist. Wir wissen um die enge Verzahnung von Breiten- und Spitzensport und führen die Debatte um die Reform der Spitzensportförderung dennoch ohne einen Seitenblick auf die Breite unserer Sportlandschaft. Ja, denn jetzt geht es zunächst um eine Art Exzellenzinitiative im Sport – aber vielleicht stoßen wir damit auch eine Debatte um die Bedeutung des Sports für aktuelle und zukünftige gesellschaftspolitische Herausforderungen in unserem Land an. Und dann geht es um den Sport für alle.

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