Sollten wir uns noch "Frohe Weihnachten" wünschen? Religiöse und kulturelle Vielfalt respektieren

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Konfliktmanagerin und Coach

Expertise:

Melek Henze ist Sozialwissenschaftlerin und interkulturelle Trainerin. Sie hat türkische Wurzeln, lebte lange im Ruhrgebiet und seit 2012 in Berlin.

Wir leben nicht mehr in der vermeintlich homogenen Welt des vorigen Jahrhunderts, die mit manchen Weihnachtsbräuchen in Erinnerung gerufen wird. „Frohe Festtage“ zu wünschen, ist ein Ausdruck des Respekts vor gelebter Vielfalt in unserer Gesellschaft.

Am 24.Dezember ist Heiligabend – na klar! Oder vielleicht doch nicht? Zumindest nicht für alle. Auch wenn die Kirchen wieder gefüllt sein werden: In einer Stadt wie Berlin ist das christliche Weihnachtsfest längst nur noch eine unter vielen Möglichkeiten, die letzte Woche des Jahres wahrzunehmen. Für die immer größer werdende jüdische Gemeinde fällt der Heiligabend in diesem Jahr mit dem eigenen Chanukkafest zusammen, an dem in vielen Familien die zweite Kerze des Leuchters entzündet wird. 

Wenn Firmen und Politiker also auf ihren Grußkarten „Frohe Festtage“ statt „Gesegnete Weihnachten“ gewünscht haben, ist das keine Kapitulation vor religiöser Überfremdung, sondern Ausdruck des Respekts vor der gelebten Vielfalt in unserer Gesellschaft. Es ist sicher auch kein Zufall, dass der Tagesspiegel – anders als andere Zeitungen – die Ausgabe am 24. Dezember nicht „Weihnachten 2019“ nennt, sondern es beim Datum belässt.

„Frohe Festtage“ zu wünschen, ist Ausdruck des Respekts vor gelebter Vielfalt in unserer Gesellschaft

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Noch aufmerksamer verhalten sich freilich jene, die diese Vielfalt nicht nivellieren, sondern sie in ihrem Reichtum selbstbewusst bejahen: so wie am Brandenburger Tor, wo Europas größter Chanukka-Leuchter neben dem Weihnachtsbaum strahlt – und niemand fordern würde, die beiden Symbole als „Lampenständer“ und „Lichterbaum“ zu bagatellisieren. 
Am wenigsten Probleme mit dem Fest haben in diesem Jahr die Muslime. Ihnen bleibt die Hektik der Vorbereitungen und Einkäufe in diesen Wochen erspart. Die vielen Feiertage bieten stattdessen ein ideales Zeitfenster für große Hochzeiten. So wird am Heiligabend auch so mancher Autokorso ein Ausdruck von Festtagsfreude sein. 
Die Realität zeigt also, dass gelebte religiöse und kulturelle Vielfalt niemanden etwas nimmt und deshalb auch niemand dem anderen seinen Raum streitig machen muss.

Religiöse und kulturelle Vielfalt nimmt niemanden etwas

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Trotzdem gehört es zum Ritual der Vorweihnachtszeit, dass regelmäßig der Untergang des christlichen Abendlandes beschworen wird, weil irgendwo in dieser Republik ein Weihnachtsmarkt umbenannt oder in einer Schule auf einen Adventsbrauch verzichtet wurde. Diese Skandalisierungen folgen fast alle dem gleichen Muster: Sie werden den Beteiligten von außen übergestülpt, verselbstständigen sich in rechtsextremen Kreisen und verbreiten Hass, wo es zuvor nicht einmal Streit gab.

Die Skandalisierung von Umbenennungen verselbstständigen sich in rechtsextremen Kreisen und verbreiten Hass

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Ein Klassiker ist die Kampagne gegen den Lichtermarkt in Elmshorn im Dezember 2017. Auslöser war ein Tweet der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach: „Ich kenne kein Land außer Deutschland, dass seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft.“ Dazu postete sie ein Foto des Plakats, das für das Fest mit dem Bild eines dunkelhäutigen Mädchens warb. In den folgenden Tagen bekam der Bürgermeister hunderte von Hassbotschaften und Morddrohungen. Dabei verdankt der Lichtermarkt seinen Namen nicht der Kapitulation vor dem Islam, sondern einem schon 2007 veränderten Marketingkonzept, das die neue Beleuchtung der Innenstadt hervorheben wollte. Und auch das Mädchen gab dem Fest schon seit Jahren ein Gesicht. 
In diesem Jahr traf die offen rassistische Empörungswelle die Stadt Nürnberg. Opfer wurde Benigna Munsi, deren Wahl zum Christkindl bei den selbsternannten Verteidigern des christlichen Abendlandes alle Hassschleusen öffnete. Allerdings erwies sich die öffentliche Debatte diesmal als sehr viel resilienter gegenüber der Hassattacke als bei früheren Anlässen.
Mein persönliches Highlight aus Absurdistan ist die „Bild“-Schlagzeile „Muslimische Lieder im Weihnachtsgottesdienst“. Denn eine solche Forderung hatte tatsächlich niemand erhoben. Im Gegenteil: Der Grünenabgeordnete Omid Nouripour hatte auf eine entsprechende Frage der Reporterin mit der flapsig-ironischen Feststellung reagiert, dass es doch toll wäre, wenn dann auch in Moscheen Kirchenlieder gesungen würden. Das reichte für bundesweite mediale Schnappatmung. 
Solche ritualhaften Skandalisierungen vergiften allerdings nicht nur die öffentliche Debatte, sondern erschweren es auch, den Umgang mit religiösen Traditionen im Alltag einer pluralen Gesellschaft als Win-Win zu organisieren – und zwar auch für den säkularen Teil dieser Gesellschaft, der es nicht akzeptieren würde, dass die Akzeptanz von Vielfalt mit einem simplen Mehr von Religion im öffentlichen Raum erkauft würde. 

Den Umgang mit religiösen Traditionen im Alltag sollte eine plurale Gesellschaft als Win-Win organisieren

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Das gilt im Kleinen für jede Kita und jede Schule. Was dort wie gefeiert wird, kann nicht abstrakt von außen verordnet werden, sondern muss in jeder Situation konkret ausgehandelt werden. Dafür braucht es vor allem ein Klima wechselseitiger Offenheit und Akzeptanz. Im Ergebnis gibt es dann zum Beispiel Kitas, in denen alle Feste gefeiert werden, die für einen Teil der Kinder eine Bedeutung haben. Umgekehrt verzichten andere Kitas konsequent darauf, religiöse Feiertage zu begehen. Und es gibt viele Zwischenformen, die mal passen und mal eben nicht. Einziger Maßstab sollte sein, dass der Respekt vor den vielfältigen Traditionen ebenso gewahrt wird wie die Freiheit vor religiösem Druck. Das ist die doppelte Religionsfreiheit, die das Grundgesetz schützt. Niemand sollte sich anmaßen, über die jeweiligen konkreten Ausgestaltungen von außen zu urteilen. 

Niemand sollte sich anmaßen, über die jeweiligen konkreten Ausgestaltungen von außen zu urteilen

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Wir leben nicht mehr in der vermeintlich homogenen Welt des vorigen Jahrhunderts, die mit manchen Weihnachtsbräuchen noch einmal in Erinnerung gerufen wird. Diese Welt gibt es schon lange nicht mehr. Im Jahr 2000 fielen nicht nur Weihnachten und Chanukka auf die selben Tage, sondern auch das muslimische Zuckerfest, das Ende des Ramadans. Das Abendland hat auch dieses Zusammentreffen dieser großen religiösen Feiertage überlebt. In diesem Sinne: Gesegnete Weihnachten, frohes Chanukka, schöne Feiertage – und allen Hochzeitspaaren eine glückliche Ehe!

9 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Jürgen Link
    Der Kommentar wurde entfernt, da er doppelt gepostet wurde. Mit freundlichen Grüßen, die Community-Redaktion / dr
  2. von Jürgen Link
    "„Frohe Festtage“ zu wünschen, ist Ausdruck des Respekts vor gelebter Vielfalt in unserer Gesellschaft"

    Das ist eine eigenartige Auffassung von Respekt. Respektvoll ist, jede Religionsgemeinschaft, auch die Christen, zu ihren Festen zu beglückwünschen.
    Totschweigen (von Weihnachten) ist Ausdruck von Respektlosigkeit.
  3. von Tumtrah Sberk
    Da wurde ich gefragt welche Bedeutung das Wort "resilienter" hat. Ich gestehe, es war mir nicht geläufig. In diesem Artikel wurde es auch verwendet. Der Autorin möchte ich sagen, es ist ehrenvoll Tagesspiegel-Lesern viel Allgemeinbildung zuzutrauen. Doch die Vewendung von Fremdwörtern kann auch Glückssache sein. Also auch hier bitte Respekt vor Denen, die erst nachschlagen müssen, wenn sie den vorliegenden, fast wissenschaftlichen Artikel, nicht gleich zur Gänze verstehen.
  4. von Susanne Schmidt
    Ärgerlich an der Diskussion ist der oberlehrerhafte Ton der Autorin. Sie richtet sich in ihrem Beitrag eher an "respektlose Kinder", die erzogen werden müssten, damit erzeugt sie Widerstand. Das müsste sie eigentlich als Coach wissen. Und inhaltlich: Das Christentum ist im öffentlichen Raum immer weniger sichtbar, die Kirchenaustritte sprechen für sich. Eine der letzten Bastionen ist Weihnachten. Aha und das soll jetzt auch noch neutralisiert werden ? Gläubige Muslime sind sehr viel sichtbarer und fordernder was ihre religiösen Belange betrifft. Ich würde an dieser Stelle eher an die Toleranz der Nichtchristen appellieren, denn Toleranz kann keine Einbahnstraße sein.
  5. von Tumtrah Sberk
    Es wird Respekt gefordert. Das ist gut und richtig, darf aber keine Einbahnstraße sein. Der Respekt auch vor Christen erfordert eben Toleranz. Deshalb kurz und bündig darf (muss) vor Frohen Festtagen auch Frohe Weihnachten stehen.
    Als Anmerkung: Deutsche in der Fremde (USA, Chikago) haben sich schon immer untergeordnet zum Vorteil anderer Minderheiten. Leider.
  6. von Lothar Kascha
    als Ausdruck von Respekt wäre dann für die Vielfältigen Zugewanderten auch Fröhliche Wünsche zu den Hungerwochen anstatt Ramadan? Mann kann es auch übertreiben. Wenn in Deutschland Nichtchristen sich beleidigt fühlen, weill "Fröhliche Weihnachten" gewünscht wird, sollten sie sich wenigstens über die gesetzlichen freien Tage freuen und ansonsten jedem Tierchen sein Pläsierchen gönnen
    1. von Jürgen Link
      Antwort auf den Beitrag von Lothar Kascha 26.12.2019, 08:05:58
      "Wenn in Deutschland Nichtchristen sich beleidigt fühlen, weill "Fröhliche Weihnachten" gewünscht wird, ...."

      ..........so ist ist das Ausdruck von Intoleranz und mangelnden Respekts vor den Traditionen des (Gast)Landes.

      Im Übrigen kann ich gut damit leben, wenn jemand statt "Frohe Weihnacht" "Frohe Festtage " wünscht. Ich reagiere aber ausgesprochen unwirsch, wenn verlangt wird, generell nicht mehr "Frohe Weihnacht" zu wünschen, weil sich Angehörige anderer Religionen dadurch beleidigt fühlen KÖNNTEN. Für mich ist solches Ansinnen Ausdruck höchster Intoleranz. Genauso, wie es maximal intolerant und respektlos vor den Traditionen dieses Landes ist, die Umbenennung von Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkten zu verlangen
  7. von Sascha Baumgart
    "Wenn Firmen und Politiker also auf ihren Grußkarten „Frohe Festtage“ statt „Gesegnete Weihnachten“ gewünscht haben, ist das keine Kapitulation vor religiöser Überfremdung, sondern Ausdruck des Respekts vor der gelebten Vielfalt in unserer Gesellschaft."

    Exakt die von Ihnen beschriebene Anpassungsleistung von Deutschen gegenüber hauptsächlich moslemischen Zuwanderern wird von Kritikern als Selbstaufgabe oder Kapitulation bezeichnet. In der Sache sind sie sich mit den Kritikern also einig, auch wenn sie es anders bewerten. Mit der Größe der Zuwanderergruppe wächst derzeit auch ihr Selbstbewusstsein. Daher muss nach den Vorstellungen einer früheren türkischstämmigen Integrationsbeauftragten, die Deutsche für ein Volk ohne eigene Kultur hält, das Zusammenleben mit Migranten täglich neu ausgehandelt werden.

    An dieser Stelle möchte ich noch den ermordeten Politiker Walter Lübcke zitieren: "Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist."

    Beste Grüße und frohe Weihnachten!

  8. von Norbert Sehm
    Kommentar entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion /sk.