Ein falsches Signal Muslime und Nichtmuslime sollten Zusammenhalt demonstrieren 

Bild von Mohammed Khallouk
stellvertretender Vorsitzender, Zentralrat der Muslime in Deutschland

Expertise:

Mohammed Khallouk ist Politologe und Islamwissenschaftler. Seit 2016 ist er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Von 2014 bis 2015 diente er als Associated Professor am College of Sharia and Islamic Studies der Qatar University. Zuvor lehrte er Politische Theorien und Internationale Beziehungen an der Philipps-Universität Marburg und der Universität der Bundeswehr München. Sein letztes Werk „Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas (2. Auflage)“ erschien 2016 bei Springer VS in Wiesbaden.

Öffentliche Solidaritätsbekundungen einzelner Muslime gegen den Terror legitimieren einen islamophoben Diskurs und stellen muslimische Opfer als Täter dar. Stattdessen sollten Muslime und Nichtmuslime in zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen den Terror zusammenfinden.

Mit dem muslimischen Glauben gerechtfertigte Anschläge beherrschen unsere Nachrichten. Nach jedem größeren Anschlag in Europa wie kürzlich in London und Manchester oder Ende vergangenen Jahres in Berlin kommt die öffentliche Forderung auf, die Muslime müssten sich vom Terror distanzieren. Wenngleich derlei Aufrufe von Politikern, Intellektuellen und anderen Vertretern der Mehrheitsgesellschaft indirekt dem Islam als Religion versus den Muslimen generell eine Nähe zu jenen barbarischen Gewaltakten unterstellen, gelangen diese Aufrufe zuletzt auch von Muslimen selbst an die Öffentlichkeit.

Für jeden Muslim, der seine Religion als gemeinschaftsfördernd und dem Miteinander dienend erlebt hat, muss es schmerzhaft sein, zu erfahren, dass jene hemmungslose Gewalt mit dem Islam zu rechtfertigen gesucht wird. Sich deshalb in die Öffentlichkeit begeben und den Missbrauch der Religion zu brandmarken, mag somit nur berechtigt erscheinen. Dies jedoch mit dem moralisierenden Appell an die „Mainstream-Muslime“ zu verbinden, sie hätten zu lange dazu geschwiegen, verleiht dieser Suche nach Öffentlichkeit einen schalen Beigeschmack.

Der islamophobe Diskurs wird legitimiert

Nicht nur verkennt man die Tatsache, dass es fast nach jedem größeren islamistischen Anschlag in den letzten Jahren Proteste, Mahnwachen und Friedensgebete in zahlreichen Moscheen gegeben hat, vielmehr drängt sich der Eindruck auf, mit derlei nach außen getragenem Aktivismus sich der Mehrheitsgesellschaft als „bessere“ versus „liberalere“ Muslime andienen zu suchen. Am Ende steht nämlich gerade nicht das Bild einer muslimischen Gemeinschaft, die Extremisten in den eigenen Reihen die rote Karte zeigt, sondern die einer bestenfalls passiven, wenn nicht gewaltaffinen muslimischen Mehrheit, aus der einzelne „Lichtblicke“ herausragen. Darüber hinaus kann sich der islamophobe Diskurs, der dem Islam eine genuine Nähe zur Gewalt attestiert, geradezu bestätigt wähnen.

Durch Forderungen nach einer Distanzierung der Muslime kann sich der islamophobe Diskurs bestätigt wähnen. 

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Muslimische Opfer werden zu Tätern abgestempelt

Mehr noch wird außer Acht gelassen, dass Muslime hierzulande mindestens in gleichem Maße Opfer wie Täter von Terrorismus sind – im Verhältnis zu ihrer Anzahl sogar weit häufiger. Sachbeschädigungen und Schmierereien an Moscheewänden, Beschimpfungen von Kopftuchträgerinnen auf offener Straße und gar Todeslisten von muslimischen Persönlichkeiten erregen lediglich weniger Aufmerksamkeit als ein Selbstmordanschlag mit Toten, sind für die Betroffenen jedoch ebenfalls schmerzhaft. Von derartigen Erfahrungen gezeichneten Muslimen ist ein öffentlicher Protest gegen „muslimische Täter“ besonders schwer zu erhalten, wenn sie selbst kaum Solidarität aus der Mehrheitsgesellschaft erfahren, da ein Gefühl der Resignation einsetzt.

Muslimische Opfer von Terrorismus erfahren kaum Solidarität aus der Mehrheitsgesellschaft.

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Dennoch war die Resonanz bei Solidaritätskundgebungen mit Opfern von Anschlägen unter den Muslimen in Deutschland stets überwältigend. Sogar mit den ermordeten Journalisten von Charlie Hebdo haben sich Moscheen und Imame landauf, landab solidarisiert. Obwohl einige dieser Journalisten durch Schmähzeichnungen des Propheten Muhammad ihre Religion in hohem Maße beleidigt hatten, sah man derartige Gewalt in keiner Weise islamisch gerechtfertigt an. Jenen Muslimen, die aus eigenem Antrieb immer wieder gegen Gewalt, die sich auf den Islam berief, Flagge zeigten, Passivität oder gar Sympathie mit den Tätern zu unterstellen, fördert geradezu eine muslimische Widerstandsmentalität herauf.

Das Erleben, einerseits Opfer chauvinistischen Terrors zu sein und andererseits durch permanente Aufforderung zu Verurteilung von Gewalt mit Tätern assoziiert zu werden, erzeugt bei vielen Muslimen das Bewusstsein, die Mehrheitsgesellschaft betrachte sie aufgrund ihrer Religion als „Feinde“. Das könnte bei einigen Muslimen eine Motivation des Aufbegehrens hervorrufen und ein oppositionelles Gefühl verursachen. Eine Stimmung, die radikale Strömungen nur zu gerne nutzen, um für ihre Ideologien zu werben.

Diese Aufrufe erzeugen bei vielen Muslimen das Bewusstsein, die Mehrheitsgesellschaft betrachte sie als "Feinde". 

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Muslime und Nichtmuslime müssen Zusammenhalt demonstrieren

Wer stattdessen ein Interesse daran trägt, dass Gewalt gegen jedes wie immer geartetes Anderssein verringert wird, sollte sich mehr in die Muslime hineinversetzen, die in der Gesellschaft eine Minorität darstellen und zumindest subjektiv wegen ihrer Andersartigkeit Ausgrenzung erfahren. Ihnen gilt es das Gefühl zu vermitteln, dazu zu gehören und durch demokratische Institutionen Sicherheit garantiert zu bekommen. Wenn derartige Verurteilungen von Gewalt und Phobokratie für Muslime in gleichem Maße förderlich sein sollen wie für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft, sollten sie nicht auf Aufforderungen „von oben“ und erst recht nicht von innermuslimischen Kleingruppen erfolgen. Singuläre Aktionen von Muslimen lassen zudem die Mitverantwortung der Gesamtgesellschaft für den Erhalt des inneren Friedens außer Acht. Stattdessen gilt es, sich zu gemeinsamen zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammenzufinden, die sich sowohl auf Muslime als auch Nichtmuslime stützen.

Muslime und Nichtmuslime sollten gemeinsam zu zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammenfinden.

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Entscheidend ist, bei derartigen Solidaritätskundgebungen weniger die Täter als mehr die Opfer im Visier zu haben. Hierzu zählen Muslime in gleichem Maße wie Juden, Farbige und andere gesellschaftliche Minoritäten, denen man den besonderen Schutz vor Übergriffen zusichert. In diesem Kontext agieren die Muslime weder als „bemitleidenswerte Opfer“, noch als Angehörige einer prinzipiellen „Täterreligion“. Sie können sich stattdessen als pars pro toto einer couragierten Bürgergesellschaft präsentieren, die gegen Gewalt und Extremismus die Stimme erhebt. Gleichzeitig demonstrieren sie, dass Gewalt gegen Andersheit weder mit einem demokratischen Verfassungspatriotismus vereinbar ist, noch mit dem Islam. Auf diese Weise wird ihre Identifikation mit dem Pluralismus unserer Gesellschaft gestärkt und als Wert erkannt, den es gegen jede Form des Extremismus – auch wenn dieser sich „islamisch“ einzukleiden sucht - zu verteidigen gilt.

Solidaritätskundgebungen gegen Terror müssen mehr die Opfer als die Täter im Visier haben.

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4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Jürgen Link
    Das ist ein verstörender, irreführender Beitrag.
    Zitat:„Öffentliche Solidaritätsbekundungen einzelner Muslime gegen den Terror legitimieren einen islamophoben Diskurs ...“

    Ist völlig unlogisch, unsinnig. Jeder Muslim, der gegen islamistischen Terror demonstriert, erhöht die Sympathie für Muslime.

    Zitat:„Schmierereien an Moscheewänden, Beschimpfungen von Kopftuchträgerinnen…erregen ... weniger Aufmerksamkeit als ein Selbstmordanschlag mit Toten, sind … jedoch ebenfalls schmerzhaft.“

    Darauf muss man erst einmal kommen, Beschimpfungen auf eine Stufe zu stellen wie die heimtückische Ermordung von Menschen.

    Zitat:„Dennoch war die Resonanz bei Solidaritätskundgebungen mit Opfern ... unter den Muslimen in Deutschland stets überwältigend.“

    DITIB und Zentralrat der Muslime haben sich zwar allgemein gegen Terror ausgesprochen, aber immer peinlichst vermieden, einen Zusammenhang zwischen islamistischem Terror und Islam zu diskutieren. Und die Resonanz bei den Kundgebungen war nicht so doll.

    Zitat:„…Aufforderungen … von innermuslimischen Kleingruppen..

    Daher weht der Wind. Die angeblich großen Muslimorganisationen fürchten um ihren Einfluss. Daher wird die Demonstration, da man ohnehin den Zusammenhang zwischen Islam und Terror leugnet, nicht unterstützt.

    Zitat:“.singuläre Aktionen von Muslimen lassen ... die Mitverantwortung der Gesamtgesellschaft...außer Acht.“

    Natürlich ist die Gesamtgesellschaft verantwortlich.

    Zitat:„..bei derartigen Solidaritätskundgebungen weniger die Täter als mehr die Opfer im Visier zu haben. Hierzu zählen Muslime ...Juden, Farbige und andere gesellschaftliche Minoritäten, denen man den besonderen Schutz vor Übergriffen zusichert.“

    Und siehe da: Mit plötzlich geht es hier nicht mehr um muslimischen Terror, sondern um die Diskriminierung von Minderheiten durch die übergriffige Mehrheitsgesellschaft.

    Anscheinend wollen sich Teile des Zentralrats wie auch DITIB nicht positionieren zum islamistischen Terror.
    Entlarvend.
  2. von Christoph Hensel
    Kommentar entfernt: Bitte bringen Sie sich sachlich und Konstruktiv in die Debatte ein.
  3. von Frank Fidorra
    Warum fordern manche, dass sich explizit Muslime von den religiös motivierten Gewalttaten ihrer Glaubensbrüder distanzieren?

    Sicher nicht, um sie zu diffamieren oder zu erniedrigen, wie in diesem Beitrag unterstellt wird.

    Die Auslegung des Islam ist offensichtlich kontrovers. Das Problem besteht darin, dass einige wenige Muslime den Islam so auslegen, dass Gewalt gegen Andersdenkende, d.h. Ungläubige (z.B. Christen) oder Abtrünnige (andere Islam-Auslegung), als legitim betrachtet, ja sogar als von Allah gutgeheißen betrachtet wird.

    Leider gibt es im Islam keine oberste Instanz, keinen "Pabst", der regulierend eingreifen könnte. Die Initiative muss also von unten kommen, von denjenigen Muslimen, die an einen gesellschaftsfähigen, humanen Islam glauben. Deren Initiative ist gefragt und, ja, auch gefordert.

    Es geht darum, den Islam so zu entwickeln, dass er gesellschaftsfähig wird. Das beinhaltet insbesondere eine allgemeine Ächtung von Gewalt. Diese Reformation kann nur von den Muslimen selbst geleistet werden. Jede Einmischung von außen wirkt eher kontraproduktiv.
  4. von Sabrina Schmidt
    DITIB boykottiert die Demo am Samstag. Das halte ich für vollkommen richtig. Warum sollen sich Muslime, die hier leben, von Gewalttaten anderer distanzieren?