Nach der Demonstration „Die Instrumentalisierung ist symptomatisch für die Islam-Debatte“ 

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Islamwissenschaftlerin

Expertise:

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaflerin, muslimische Religionspädagogin und Publizistin. Sie war Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.

Zur Demonstration der Muslime gegen den Terror in Köln kamen deutlich weniger als erwartet. Das hat eine öffentliche Debatte angestoßen. Im Interview verurteilt Organisatorin Lamya Kaddor die Instrumentalisierung der Veranstaltung.

Frau Kaddor, Sie hatten am Freitag bereits erwähnt, dass es Ihnen schwer fällt, einzuschätzen, wie viele sich an der Demonstration beteiligen würden. Wie erklären Sie sich die niedrigen Teilnehmerzahlen?

Ein Stückweit ist diese Darstellung auf jeden Fall der Presse zuzuschreiben. Gemeinsam mit der Polizei haben wir Organisatoren überlegt, mit wie vielen Teilnehmern ungefähr zu rechnen ist. Schätzungen lagen bei 2000 bis 10.000 Menschen. Die höchste Schätzung wurde von der Presse aufgegriffen, was mich natürlich auch unter Druck gesetzt hat. Hätte die DITIB den Aufruf mitunterzeichnet, hätten es bestimmt auch leicht 10.000 Teilnehmer werden können.

Die "DITIB" hätte sich der Demonstration anschließen sollen.

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Also machen Sie für die niedrigen Zahlen auch die DITIB verantwortlich?

Ich mache sie nicht dafür verantwortlich, aber ich bin mir darüber im Klaren, dass die öffentliche Stellungnahme der DITIB beim ein oder anderen bestimmt Bedenken ausgelöst hat. Ab dem ersten Tag der Planung bin ich auf alle muslimischen Dachverbände zugegangen. Ich habe mich ganz bewusst an Organisationen (wie auch die DITIB) gewendet, mit denen ich sonst keine Positionen teile – damit wir zumindest in dieser einen Sache zusammenarbeiten können. Natürlich ärgert und enttäuscht es mich, dass die DITIB so ablehnend reagiert hat. Andere Organisationen haben sich dem Aufruf angeschlossen, obwohl wir inhaltliche Differenzen haben. Als ich letztes Jahr Islamfeindlichkeit thematisierte, war ich plötzlich gerne in DITIB-nahen Kreisen gesehen, nun bin ich es wieder nicht mehr. Das zeigt auch, wie schwer es ist, von „den Muslimen“ als Gruppe zu sprechen – und, dass wir uns mit diesen inhaltlichen Differenzen und Problemen auseinandersetzen müssen.

Es ist falsch, von "den Muslimen" als Gruppe zu sprechen.

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Ist die Veranstaltung trotz der niedrigen Teilnehmerzahl noch als Erfolg zu werten?

Die Anzahl der Teilnehmer ist gar nicht so niedrig, wie sie dargestellt wird. Dieser Diskurs wird vor allem von Politikern aus dem rechten Ende des politischen Spektrums gelenkt – und leider auch von Muslimen, die tendenziell eher zu DITIB-Anhängern gehören. Es ist schon erstaunlich, wie jetzt der Versuch unternommen wird, diese Zahlen von allen Seiten zu instrumentalisieren.

Wie wird diese Veranstaltung instrumentalisiert?

Es ärgert mich, dass jetzt nur noch über die Größe der Demonstration und nicht mehr über das, was so eine Planung und eine solche Veranstaltung innermuslimisch und zivilgesellschaftlich auslösen, gesprochen wird. Aber diese Instrumentalisierung wäre wahrscheinlich genauso geschehen, wenn 10.000 Muslime teilgenommen hätten. Islamfeindlichkeit funktioniert ohne reale Muslime, da ist es ganz egal, ob 10.000 oder 2000 zu so einer Demonstration kommen. Die anderen werden noch immer vom rechten Spektrum so dargestellt, als seien sie für den Terror. Das ist symptomatisch für die Islam-Debatte. Bei dieser Demonstration ging es auch darum, auszudrücken, dass wir uns als Muslime unseren Anteil an der Deutungshoheit zurücknehmen. Wir wollten zeigen, dass Muslime sich auch selbst äußern können - man muss sie nur sprechen lassen. Genau das wird jetzt schon wieder umgekehrt.

Islamfeindlichkeit funktioniert ohne reale Muslime. 

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Haben Sie ihr Ziel dennoch erreicht?

Der Großteil der Rückmeldungen, die ich bisher von Muslimen und auch Nichtmuslimen erhalten habe, war durchgehend positiv und empathisch. Natürlich konnten wir ein Zeichen setzen und ich bin sehr froh, wenn wir damit einen Anfang gemacht haben. Nur als einen solchen sehe ich das auch. Für mich und Tarek Mohamad hat die Demonstration sozusagen schon zehn Tage vorher stattgefunden. Wir waren private Organisatoren, weswegen ich es auch als unangebracht empfinde, von „nur“ 2000 Teilnehmern zu sprechen. Zumal es mir in erster Linie darum ging, muslimisches zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken und ich davon ausgehe, dass es weitere Demonstrationen geben wird. Wir haben es durchaus geschafft, ein Signal auszusenden.  

Das Gespräch führte Antonia Zimmermann.

 

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