Gehören Schulnoten abgeschafft? Lernen muss auf Motivation beruhen, nicht auf Angst 

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Präsidentin Bayrischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

Expertise:

Simone Fleischmann ist seit Mai 2015 Präsidentin des Bayrischen Lehrer- und Lehrerinnenverband.

Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Erfahrungen im Schulalltag zeigen, dass Schulnoten großen Druck erzeugen. Deshalb soll mehr auf Motivation gesetzt und die Benotung abgeschafft werden. Dazu braucht es auch ein neues Verständnis der Lehrerrolle. 

Mit meiner Forderung, Noten abzuschaffen und eine neue Lern- und Leistungskultur an den Schulen einzuführen, habe ich eine Debatte angestoßen, die bundesweit geführt wird. Das freut mich. Vielleicht führt sie dazu, dass wir uns trauen, alte Zöpfe abzuschneiden und überholte Strukturen aufzubrechen. Das ist in Fragen der Schul- und Bildungspolitik dringend nötig. Die antiquierte Form der Leistungserhebung ist dabei nur ein Beispiel von vielen. 

Eine große Bayerische Tageszeitung zitierte mich in einem Interview mit den Worten: „Noten können Kinder kaputtmachen“. Damit ist im Wesentlichen alles gesagt. Vorgehensweisen und Verfahren in Schule, die Kindern nicht gut tun, die sie nicht fördern, die nicht ihre Motivation steigern und die sogar auch noch die Freude am Lernen verderben, haben in Schule nichts verloren. Und doch werden sie täglich angewendet - weil wir es gewohnt sind. Die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer. Und freilich reagiert auch nicht jedes Kind gleich auf schlechte Noten. Aber jedes Kind, das bei der  Note Vier in ein Loch fällt und Angst hat, damit nach Hause zu gehen, ist ein Kind zu viel. Und jedes Kind, das nachts vor lauter Druck kein Auge zu bekommt, weil die Matheprüfung ansteht und es deshalb Beruhigungsmittel bekommt um die ersehnte Zwei zu schaffen, doch auch… Und eigentlich auch die vielen jungen Menschen, die Nachhilfeinstitute besuchen, um dort ihre schlechten Leistungen aufzubessern - sogar in den Ferien. Allein diese wenigen Beispiele führen uns die Absurdität der tradierten Praxis von Leistungserhebung vor Augen.

Erkenntnisse aus der Hirnforschung und Psychologie müssen stärker beim Umgang mit Schülern berücksichtigt werden.

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Ich würde mir wünschen, dass politische Entscheider bei der Gestaltung und Weiterentwicklung von Schule wissenschaftliche Befunde nicht nur zur Kenntnis nehmen würden, sondern sie beherzt in den Schulalltag einfließen lassen. Allein die Ergebnisse der modernen Hirnforschung und der Lernpsychologie machen eine Neudefinition des gängigen Lern- und Leistungsbegriffs erforderlich. Sie werden aber zu wenig berücksichtigt. So kommt es, dass an den Schulen trotz neuer, kompetenzorientierter Lehrpläne weder Unterrichtsmethoden noch Lerninhalte grundlegend verändert werden, obwohl das viele Lehrerinnen und Lehrer gerne tun würden.

In der Folge ergeben sich Verwerfungen, wie z.B. der massive Übertrittsdruck an den bayerischen Grundschulen, der sogar die Gesundheit von Kindern gefährdet. In Bayern entscheidet der Notenschnitt in den Fächern Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachkunde, ob ein Kind nach der vierten Klasse aufs Gymnasium darf oder nicht. Es muss mindestens eine 2,3 sein. In den Wochen vor dem Übertrittszeugnis Anfang Mai klagen viele Kinder über Bauch- und Kopfweh, über Magenprobleme oder Konzentrationsschwäche, manche brauchen professionelle Hilfe, weil sie ausbrennen oder mit dem Druck nicht mehr fertig werden. Ich rede hier von zehnjährigen Mädchen und Jungen!

Im Mai liegen etwa 20 schriftliche Prüfungen in den Hauptfächern hinter ihnen, die in den Wochen zwischen Weihnachten und April geschrieben werden müssen. Ganze Familien stehen unter Strom, das Leid ist groß - ich kenne Grundschullehrerinnen und -lehrer, die es ablehnen, in vierten Klassen zu unterrichten.  Der Wahnsinn hört danach aber nicht auf: Denn die Schülerinnen und Schüler müssen -  egal, ob sie ein Gymnasium, eine Realschule oder eine Mittelschule besuchen, zu einem bestimmten Zeitpunkt angehäuftes und schnell gelerntes Wissen ausspucken, um benotet werden. Übrigens haben die meisten von ihnen so gelerntes und abgefragtes Wissen ebenso schnell wieder vergessen - auch das ist wissenschaftlich belegt. Die Rede ist hier vom „bulimischen Lernen“.  

Effizientes Lernen basiert auf Motivation und Anerkennung, nicht auf Angst, Druck und Stress.

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Dabei lässt die neurobiologische Forschung keinen Zweifel: Effiziente Lernprozesse basieren auf Motivation, Anerkennung und Beziehung - und eben nicht auf Angst, Druck und Stress. Sind die Spielräume eingeschränkt oder wird starke Kontrolle ausgeübt, führt das sogar zu einer Abnahme bzw. Reduzierung der Lernmotivation. Auch detailliertes Vorschreiben beeinträchtigt ertragreiche Lernprozesse. 

Schulisches Lernen und schulische Leistungsfeststellung muss deshalb neu gedacht werden. In den Mittelpunkt müssen endlich konstruktive, individuelle und kommunikative Prozesse rücken. Nicht allein die Note. Aus meiner Sicht basiert modernes und zeitgemäßes Lernen auf drei Prinzipien:

Es braucht eine neue Fehlerkultur: Fehler dürfen nicht zu Sanktionen führen, sondern müssen Anlass zur Förderung sein.

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1) Dem Prinzip des Förderns: Es muss an allen Schulen in den Mittelpunkt gerückt werden. Es erfordert Differenzierungsstunden, modulare Förderstunden und diagnosegeleitete Lernbegleitung. Dazu bedarf es anderer Arbeitsbedingungen, vor allem mehr Zeit- und Finanzressourcen. Etabliert werden muss hierzu eine neue Fehlerkultur. Fehler dürfen nicht zu Degradierungen und Sanktionen wie Klassenwiederholungen führen, sondern müssen Anlass für Fördermaßnahmen sein.

2) Dem Prinzip der „Offenen Unterrichtsmethoden“: Dazu müssen die Lehrpläne drastisch reduziert und durch Rahmenlehrpläne ersetzt werden. Projekttage und Projektwochen müssen im Jahresverlauf fest eingeplant, Zeitfenster für Blockunterricht und klassenübergreifende Themen und Aktivitäten berücksichtigt werden.

3) Dem Prinzip des professionellen Austausches: Weil an Schulen verschiedene Professionen auf unterschiedliche Kompetenzen treffen (Lehrer, Schulsozialarbeiter, Förderlehrer, Psychotherapeuten, Sonderpädagogen und weitere Experten), sollte es kontinuierliche Austauschmöglichkeiten geben. Im Team sind Förderkonzepte zu entwickeln, die der heterogenen Schülerschaft gerecht werden. Dazu bedarf es ausreichend Zeit für Teamsitzungen und Projektplanungen. 

Lehrer müssen ein neues Selbstverständnis als Lernbegleiter und Coachs entwickeln.

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Natürlich ist mir bewusst, dass ein neues Konzept von Lernen auch eine Herausforderung für das Selbstverständnis der Lehrerschaft ist. Lehrerinnen und Lehrer müssten sich noch stärker als bisher als Lernbegleiter und Lerncoachs verstehen. Sie benötigen ein umfangreiches didaktisches Wissen, um verständnis- und kompetenzorientiertes Lernen zu ermöglichen. Sie müssen verstärkt im Team arbeiten, untereinander, mit anderen in der Schule tätigen Professionen und mit den Eltern kooperieren. Selbstverständlich muss sich deshalb auch die Lehrerbildung weiterentwickeln. Zu den fachlichen Kenntnissen kämen Kenntnisse in der Diagnose von Lernprozessen, in der Gestaltung anspruchsvoller Lehr- und Lernumgebungen, in der Kommunikation und bei Evaluation und Reflektion. Erforderlich sind auch Kommunikationskompetenzen und Kenntnisse in gruppendynamischen Prozessen.

Damit diese Schritte gelingen, bräuchten die Kolleginnen und Kollegen die dafür erforderliche Zeit und Unterstützung, vor allem aber schulpolitische Weichenstellungen, die ihre Bemühungen nicht konterkarierten. Wer ständig benoten und bewerten muss, wer Kinder selektieren und verteilen muss, stößt schnell an Grenzen – und bremst dabei auch noch viele Kinder aus.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Franziska Grau
    An Schulen wird bereits zwischen Lern- und Leistungsräumen unterschieden. Dabei steht das Erlernen von Kompetenz im Mittelpunkt, welches regelmäßig reflektiert wird - durch Lehrer und Schüler. Druck und Angst wird dabei aus dem Unterricht und Lernprozess herausgenommen und den Schülern die Möglichkeit gegeben, sich individuell zu entwickeln. Lehrer diagnostizieren bereits Kompetenzen, aber auch hier gibt es Standards - gesellschaftliche und wissenschaftliche: 2+2 zu lesen, ist nicht dieselbe Kompetenz wie 2+2 zu lösen und diese ist nicht dieselbe, wie mit 4Euro einkaufen zu gehen und zu wissen, was man sich konkret kaufen kann. Am Ende muss eine Bescheinigung über erbrachte Leistung/Kompetenzfortschritt vorliegen, um zu zeigen: Hier bedarf es noch Förderung, hier liegen Stärken und Schwächen.
    Auch wenn Schulnoten umstritten sind, aber wie soll ein Vergleich von Kompetenz aussehen? Egal ob Schulnoten, Stempel mit Bienchen, "gut gemacht", "weiter so" oder einer Beschreibungen von dem erbrachten Kompetenzstand - ein Vergleich zwischen gut, mittel und schlecht ist es am Ende immer.
    In einer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft sollten auch Kinder begreifen, dass Leistung wichtig ist.
    Eine Diskussion, ob Note oder nicht, finde ich persönlich daher sinnlos. Reflektiert werden muss, ob am Ende nur eine Leistung, die in 40min zu einem Thema erbracht wurde oder ein Lernprozess - also Mitarbeit/Fleiß, Anstrengung, Interaktion, Zuwachs von Kompetenz usw. benotet wird. Darüber hinaus sollte mit Schülern reflektiert werden, dass man Noten als Ausgangslage ansehen sollte, sich weiter zu entwickeln/ lernen, weiter an sich zu arbeiten. Ein "mangelhaft", eine "4" oder ein "Versuch es nochmal" heißt nicht, dumm zu sein, sondern: hier muss noch dran gearbeitet/geübt werden, dann wird das auch! Dies leisten (viele) Schulen und Lehrer bereits und sind darin umfangreich geschult! Vielmehr müsste die gesellschaftliche Sichtweise, Bedeutung und Reflexion der Note neu überdacht werden.