Schulnoten in der Diskussion  Ein Schüler muss mehr als eine Note sein 

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Stellvertretender Vorsitzender Landesschülerbeirat Baden-Württemberg

Expertise:

Florian Kieser ist stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg.

Schulnoten alleine können keine ausreichende Rückmeldung an Schüler geben. Dennoch sollten sie nicht ganz abgeschafft werden, denn sie können auch Belohnung und Ansporn sein. Der Druck entsteht nicht durch Noten, sondern durch das schulische Umfeld.

Immer mal wieder entfacht in Deutschland eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Noten. So wird auch momentan wieder in Zeitungen und auf Social-Media-Plattformen heftig darüber gestritten, ob Noten abgeschafft werden sollen. Und immer wieder heißt es, dass Noten Schüler kaputt machen könnten. So erklärte es beispielsweise die Präsidentin Bayrischer Lehrer- und Lehrerinnen, Simone Fleischmann, vor wenigen Wochen in einem Interview. Und mit dieser These ist sie nicht allein.

Meiner Ansicht nach steckt in diesem Satz bestimmt ein Funken Wahrheit, jedoch bleibt es bei diesem einen kleinen Fünkchen. Es ist durchaus richtig, dass manche Schülerinnen und Schüler aufgrund schlechter Noten und dem daraus resultierendem Leistungsdruck kapitulieren. Die Noten selbst sind jedoch aus meiner Sicht nicht das primäre Problem: Denn Noten sind zunächst einfache Zahlen auf einem Stück Papier – nicht mehr und nicht weniger!

Der Druck in Schulen wird nicht durch Noten selbst erzeugt, sondern durch das schulische Umfeld.

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Jedoch sind es insbesondere die Konsequenzen, die viele anschließend aus den Noten ziehen, die gefährlich sein können. So ist es in erster Linie nicht die Note, die den Druck auf die Schülerinnen und Schüler erzeugt, sondern das schulische Umfeld und der Schüler selbst: Die Lehrer, die einen Schüler vor der Klasse wegen einer schlechten Note vorführen; die Eltern, die ihrem Kind wegen einer fünf im Zeugnis Hausarrest erteilen und zum Lernen verdonnern; die Schulkameraden, die den Schüler wegen einer vier im Vokabeltest auslachen; der Schüler selbst, der denkt, er sei nicht intelligent genug, und insbesondere die Gesellschaft, in der man als Schüler nur auf seine Noten reduziert wird. In den Augen vieler Lehrer, Eltern, Universitäten und Arbeitgeber ist man als Schüler nur ein vollwertiger Mensch, wenn man eine eins vor dem Komma stehen hat. Es sind somit nicht die Noten, die den Schüler kaputtmachen, sondern die Angst vor dem Versagen und der abstruse Gedanke, dass von Noten alles abhängt und es im Leben allein auf diese ankommt.

Die besonderen Fähigkeiten und Interessen der Schüler lassen sich nicht in Noten darstellen.

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Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass Noten nicht wichtig sind – ganz im Gegenteil, aber sie sind nicht alles! Und gerade das muss auch in der Schule und in unserer Gesellschaft endlich ankommen. Am Ende muss in der Schule immer der Schüler als Ganzes gesehen werden. Denn wer ein Schüler genau ist, welche Fähigkeiten und Interessen er besitzt und wie er auftritt lässt sich nicht aus einem Zeugnis voller Noten ablesen. Deshalb ist es wichtig, dass dies auch in der Schule aufgezeigt wird und den Schülern somit die unbegründete Angst vor den Noten genommen wird. So könnten beispielsweise die Zeugnisse durch eine Verbalbeurteilung ergänzt werden, in der die Kompetenzen der Schüler im Fokus stehen.

Aber wenn Noten nicht alles im Leben sind, warum brauchen wir sie dann? Was haben sie eigentlich für einen Zweck?

Noten sollten für gute Leistungen belohnen und Ansporn sein.

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Anstatt Angst und Furcht hervorzurufen, sollen Noten aus meiner Sicht die Schüler gerade für ihre schulischen Leistungen und Anstrengungen belohnen. Sie sollen die Schüler anspornen, ihr Bestes zu geben. Sie sollen die Schüler in ihrem Erfolg bestätigen. Und sie sollen den Schüler natürlich auch lehren, mit Niederschlägen umzugehen. Denn genauso wie das deprimierende Gefühl bei einer schlechten Note kennt jeder Schüler auch die Freude, die er verspürt, wenn er eine gute Note geschrieben hat. Oder das selbstgesteckte Ziel bei der nächsten Klassenarbeit eine Eins zu schreiben, weil die vergangene schlecht gelaufen ist. Und diese Gefühle oder Gedanken sind meiner Ansicht nach in keiner Weise etwas Negatives, sondern setzten Anreize und spornen die Schüler an.

Es reicht somit nicht aus, sich lediglich auf die schlechten Noten zu fokussieren, sondern man muss ebenfalls die Effekte von guten Noten in die Betrachtung miteinbeziehen. Denn insbesondere die guten Noten sind es, die ihre Existenz vorwiegend begründen. Sie sorgen dafür, dass die Leistung der Schüler anerkannt wird und motiviert diese, ihr Bestes zu geben.

Darüber hinaus erteilen Noten natürlich sowohl dem Lehrer als auch dem Schüler und den Eltern Auskünfte über den aktuellen Wissensstand sowie über die Fähig- und Fertigkeiten des jeweiligen Schülers. Sie offenbaren die Stärken jedes einzelnen Schülers sowie die Stellen, an denen noch Schwächen oder Lücken bestehen. Dabei geht es jedoch keineswegs darum, den Schüler aufgrund seiner Schwachstellen bloßzustellen, sondern diesem Wege aufzuzeigen, diese Lücken zu schließen. Ganz nach dem Prinzip: Wenn ich meine Schwachstellen nicht kenne, kann ich sie auch nicht beheben. Schlechte Noten dienen damit nicht als Angstmacher, sondern sind einfach Rückmeldungen.

Insofern sollten Noten meiner Meinung nach in dieser Debatte nicht pauschal als Teufelszahlen abgetan und reduziert werden. Noten können oftmals auch positive Wirkungen entfalten und geben den Schülern Anhaltspunkte über deren Wissens- und Kompetenzstände. Dabei dürfen Noten jedoch nicht überbewertet werden: Letztendlich sind es in erster Linie nur Zahlen – was man daraus folgert, bleibt am Ende jedem selbst überlassen.

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