Impfungen zum Schutz vor Krankheiten Eine Impfpflicht ist gesetzeswidrig

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Leiter Gesundheitsamt Reinickendorf

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Patrick Larscheid ist Leiter des Gesundheitsamts Reinickendorf.

Der Beweis, dass Impfungen Krankheiten zurückdrängen, ist erbracht. Eine Impfpflicht verstößt aber gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Deshalb sollte eher auf eine moralische Impfpflicht gesetzt werden.

Was gehört zu jedem neuen Krankheitsausbruch? Der reflexhafte Ruf nach einer Impfpflicht. Es ist der Charakter von Reflexen, dass sie unbewusst ablaufen. Darum lohnt es sich genauer hinzuschauen, ob diese reflexhafte Forderung auch berechtigt ist.

Impfungen sind gewiss zu den größten Errungenschaften der Medizin zu zählen. Impfungen sind sicher, einfach und, zum Beispiel gegen Masern, im Regelfall hoch wirksam. Sie schützen die Geimpften und mittelbar auch die Ungeimpften vor Ansteckung. Was nüchtern klingt, heißt übersetzt: Schutz vor schwerer Krankheit, bleibenden Behinderungen oder Tod.

Bei größeren Krankheitsausbrüchen sind wir immer besonders erschrocken, dass sich auch Menschen anstecken, die gar nicht geimpft werden können, weil sie entweder zu jung sind, oder weil es medizinische Gründe gegen eine Impfung gibt. Verdienen sie nicht jeden denkbaren Schutz? Mit allen Mitteln?

Der Beweis ist erbracht, dass sich mit hohen Impfquoten Krankheiten zurückdrängen lassen.

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Wir wissen heute sehr genau, was wir tun müssen, um die Bevölkerung zu schützen. Wenn 95 Prozent einer Population geimpft sind, quer durch alle Altersgruppen, dann gehen wir davon aus, einen Erreger eliminieren zu können. Mit solch hohen Impfquoten haben wir weltweit die Pocken zum Verschwinden gebracht, mit solchen Impfquoten haben die USA die Masern fast völlig zurückdrängen können. Der Beweis, dass es geht, ist also längst erbracht. Ist es dann nicht folgerichtig, dass wir alle Menschen in Deutschland zu bestimmten Impfungen verpflichten?

Unsere Verfassung sagt klar: Nein. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit steht einer Pflichtimpfung entgegen. Praktische Fragen, wie die in letzter Konsequenz dann erforderliche gewaltsame Impfung, bleiben unbeantwortbar. Wer kann das ernsthaft wollen?

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit steht einer Impfpflicht entgegen.

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Offenbar brauchen wir für das Erreichen hoher Impfquoten aber keine Verpflichtung. Schon in den ersten Lebensmonaten haben Kinder zahlreiche Arztkontakte, bei denen das Impfen ein wichtiges Thema ist. Wir schaffen es so, allen Kindern die notwendigen Impfungen anzubieten. Die damit erreichbaren Impfquoten sind dank sehr engagierter Mitarbeiter unseres Gesundheitssystems erfreulich hoch. Wir verfügen also über ein bewährtes und wirksames Mittel, mit dem wir Impfquoten im Bereich der Wunschquoten erreichen. Die Kooperation der Eltern ist im Regelfall gut und trägt zu diesen Ergebnissen bei.

Sorgen macht uns der kleine Kreis der echten Impfgegner, der äußerst unterschiedliche Motive hat. Es existiert unter anderem leider ein System der Desinformation bereits in der Geburtsvorbereitung, wo ausgerechnet unter Hebammen eine ausgesprochen impffeindliche Einstellung herrscht, durch die Eltern massiv verunsichert werden. Der entstandene Schaden ist später nur sehr mühsam zu reparieren. Solche Multiplikatoren spielen in der Verbreitung der durch Impfung verhinderbaren Infektionskrankheiten aber tatsächlich eine gewichtige Rolle. In den sozialen Netzwerken ist der Einfluss sogenannter Impfkritiker enorm, die Diskussion wird aggressiv und unsachlich geführt. Was hier fehlt ist, unermüdliche nüchterne Aufklärung, wie sie in Kinderarztpraxen jeden Tag passiert.

Impfgegner spielen gezielt mit Desinformation und diskutieren unsachlich und aggressiv.

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Es lohnt die Frage, ob es angesichts einer derzeit in Deutschland ohnehin unerlaubten Impfpflicht nicht wenigstens in bestimmten Bereichen eine Art moralische Impfpflicht geben sollte. Im Sinne einer ethisch begründbaren Verpflichtung in besonders relevanten Bereichen. Nämlich zum Beispiel überall dort, wo Kinder betreut werden, egal ob medizinisch oder erzieherisch. Denn hier sind die Ansteckungsrisiken höher und die Erwachsenen spielen als Überträger eine wichtige Rolle. Hebammen oder Krankenpflegepersonal die ungeimpft sind, das ist schwer zu ertragen, gehört aber zu unseren schmerzhaften Erfahrungen während der beiden großen Masernausbrüche der letzten Jahre in Berlin. Auch heute ist es schon möglich, die Tätigkeit in sensiblen Bereichen nur unter der Voraussetzung eines ausreichenden Impfschutzes zu erlauben. Das ist im Sinne der Gesundheit anderer sinnvoll und ethisch gut.

Ungeimpfte Personen sollten nicht in sensiblen Bereichen, wie zum Beispiel in der Krankenpflege, arbeiten dürfen.

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Die Aufklärung über die Notwendigkeit und die Vorteile von Impfungen ist selbstverständliche Aufgabe in der Medizin. Insbesondere in den Gesundheitsämtern wird diese Aufgabe sehr ernst genommen. Unsere Erfahrung lehrt uns, dass wir mit unserem Einsatz viele Menschen erreichen und überzeugen können, manchmal auch einfach Wissenslücken schließen können. Insbesondere die Aufklärung über die immensen Erfolge von neueren Impfungen, wie der gegen HPV ist vor allem durch eine gute Kommunikation in den Zielgruppen begründet, wir müssen niemanden zu etwas zwingen, wenn er selber sieht, wozu Impfen gut ist.

Fazit: Impfen ist richtig, Impfen rettet Leben und schützt vor Krankheit, deshalb ist Impfen gut. Der Teil unserer Bevölkerung, der auf eigenen Impfschutz verzichten muss, profitiert von der Impfung der anderen Menschen um ihn herum, deshalb sollte es nicht erlaubt sein, besonders gefährdete Menschen betreuen zu dürfen, ohne ungeimpft zu sein. Ein Zwang zum Impfen ist derzeit nicht durchsetzbar, aber eine hohe Impfquote ist auch ohne Zwang erreichbar.

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