Sind wir ein Land? Einigkeit und Recht und Verantwortung 

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Leiterin Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

Expertise:

Martina Weyrauch ist seit 2000 Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie wurde 1958 in Ostberlin geboren.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: "30 Jahre Mauerfall: Sind wir ein Land?“ Martina Weyrauch sagt: Ja! Aber es sei ein anhaltender Prozess, gemeinsam Verantwortung für ein konstruktives, solidarisches und friedliches Deutschland zu übernehmen.

Am 9. November 1989 drückten die Ostberliner nach einer verhaspelten Pressekonferenz die Mauer in die Freiheit auf. Ich saß in dieser Nacht heulend vor dem Fernseher und hatte viele Schlüsselbunde zu bewachen. Meine Nachbarn gingen alle mal schnell nach Westberlin, sie wollten mal schauen und hofften, dass nichts Schlimmes passiert. Ich traute der Sache nicht und blieb bei den Kindern. Ein Haus, zwölf Wohnungen, viele schlafende Kinder, einschließlich meiner Tochter. Wir hatten in Deutschland das Glück, dass uns die große Schwester die Hand reichte und wir dann als ostdeutsche Länder Teil der Familie wurden. Das größte Geschenk haben uns die Alliierten gemacht, auch sie entließen uns in die Selbstständigkeit und in eine größere außenpolitische Verantwortung. Das war damals nicht alles selbstverständlich und wie wir heute wissen, gab es wirklich nur dieses kurze Zeitfenster, diese Zeit in der sich alles überschlug, in der alle Ideen schon beim Aufschreiben veralteten. Diese Zeit mussten wir nutzen.

Für die Wiedervereinigung gab es nur ein kurzes Zeitfenster.

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Der Wunsch nach einer gemeinsamen deutschen Verfassung konnte sich nicht erfüllen. Dafür haben sich viele Bürgerinnen und Bürger mit ihren Vorschlägen, Ideen und mit ihrer Leidenschaft in die Verfassungsgestaltung ihrer jeweiligen Länder eingebracht. Auch die Ideen des Runden Tisches flossen mit ein. Zahlreiche Experten aus den Partnerländern gaben Anregungen und berichteten von Ihren Erfahrungen. Ich gebe es zu: Noch nie im Leben habe ich mich so mit Kollegen gefetzt und gestritten, wie in den neunziger Jahren in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg. Ich habe mich als Ostdeutsche nicht selten diskriminiert gefühlt, musste „Anpassungsfortbildungen“ machen und wurde ständig irgendwie überprüft. Aber im Unterschied zu früher konnte ich mich fetzen, ohne Gefahr zu laufen, rausgeschmissen zu werden. Die Fronten verliefen auch nicht immer Ost gegen West, sondern Frauen gegen Männer, Jung gegen Alt oder entlang unterschiedlichster Überzeugungen. Und ja – in diesem Streiten, in diesem Ringen um den besten Weg und ja auch um die eigene Würde, wuchs so etwas wie gemeinsame Verantwortung. Gemeinsame Verantwortung über alles Trennende, alle Unterschiede hinweg.

Es gibt kein kuscheliges Happy End, es gibt kein Ende der unerwarteten Situationen und Strukturumbrüche.

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Und auch schon 1999, zehn Jahre nach der friedlichen Revolution, die Frage: „Sind wir ein Land, sind wir ein Volk?“ – womit ja immer wieder die Sehnsucht verknüpft ist, alles wird gut, irgendwann ist man angekommen, kann sich kuschelig einrichten. Wie in einem alten Märchenbuch. Aber nein, es gibt kein kuscheliges Happy End, es gibt kein Ende der unerwarteten Situationen und Verwerfungen. Es gibt kein Ende von Strukturumbrüchen, es gibt kein Ende der Angst, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. In der Welt haben sich viele Konflikte verschärft, die neoliberale Wirtschaftsform ist heute stärker denn je in der Kritik. Auch Europa ist nicht die feste Burg, für die es viele hielten. Der Populismus von links und von rechts ist auf dem Vormarsch und wir kämpfen weiter darum, die Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Bei fremden Kulturen sind wir im Zweifel, ob sie uns bereichern oder bedrohen. Welche Antworten finden wir zum Klimawandel, welche neue Lebensweise werden wir finden? Nur starke Menschen bekommen da keine Angst oder die, die sich in einer bunten, kreativen, verantwortungsbewussten Gemeinschaft befinden, die krisenerprobt ist.

Die Einigkeit Deutschlands liegt in der gemeinsamen Verantwortung für ein solidarisches & friedliches Deutschland.

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Als Ostberlinerin, die seit dreißig Jahren das Glück hat, das vereinte Deutschland mitzugestalten, bin ich unendlich dankbar für diese Wendung der Geschichte. Ich habe viele neue Freunde im vereinten Deutschland und in aller Welt gefunden. Besonders von außen schaut man mit großer Bewunderung und Respekt auf Deutschland. Sind wir nun ein Land? Ja, wir sind ein Land. Die Einigkeit liegt in der gemeinsamen Verantwortung für ein konstruktives, solidarisches und friedliches Deutschland, egal wo jemand geboren ist: ob in Neuruppin, Münster, Warschau, Hanoi oder Damaskus.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen. In der Debattenserie zum Thema Glaube war die Frage: "Wie viel Religion braucht Deutschland?" - die Antworten lesen Sie hier. Um zu den Beiträgen zum Thema "Meinungfreiheit - Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?" bitte hier klicken.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von René Lehmann
    " Die Einigkeit liegt in der gemeinsamen Verantwortung für ein konstruktives, solidarisches und friedliches Deutschland, egal wo jemand geboren ist: ob in Neuruppin, Münster, Warschau, Hanoi oder Damaskus." Das würde ich dick und fett unterschreiben und doch ist die Aussage des Artikels zu kurz gedacht, da ein Wort ausgestauscht werden müssete! Nur ein Wort!
    Ich meine, daß wir diese Veratwortung im immer noch am Beginn stehenden 21. Jahrhundert nicht gegenüber einem Nationalstaat, der der Idee nach ein Relikt der nationalistischen Mottenkiste des 19./20. Jahrhunderts ist, haben sollten, sondern gegenüber Europa. Was Landeszentralen, Medien und Politik andauern aber eben so vergeblich versuchen, ist, den alten Wein des nationalen Denkens in neue Schläuche zu verfrachten, Sie wollen eine Idee zähmen, die nicht zu zähmen ist. Nach der kurzen Zeit, in der nationales Denken progressiv war (Abschaffung des Absolutismus, Demokratisierung), war es den Rest seines Daseins immer nur Kriesenherd und Scharfmacher.
    Lassen Sie Diversität zu, es ist kein Problem, daß der Brandenburger (der sonst wo geboren worden sein kann) anders tickt, anderes wünscht als der Saarländer (der sonst wo geboren worden sein kann)
    Genau, wie der Bretone, Waliser, Andalusier, Apulier, Böhme, Masowier etc. pp
    Das zukünftig verteidigungswürdige System sollte Europa heißen; Europa der Regionen. Wir tragen in diesem zunächst die Identität unser greif- und begreifbaren Identität und das läßt uns dieses Europa, welches genau das zuläßt und fördert liebens- und verteidigungswert erscheinen. So wird ein Schuh draus. Ob die Verwaltungsebenen nun Gemeinde-Kreis-Region-Berlin oder Gemeinde-Kreis-Region-Brüssel heißen ist letztendlich egal. Wenn das Gebilde subsidiär und föderal ist, ist mir die europäische Variante definitiv lieber.
    Mehr Brandenburg wagen! Dann klappt´s auch mit Europa!
    1. von René Lehmann
      Antwort auf den Beitrag von René Lehmann 30.10.2019, 09:46:28
      Abgesehen von den anderen Tippfehlern soll es an entscheidender stelle heißen:

      Wir tragen in diesem zunächst die Identität unser greif- und begreifbaren Region und das läßt uns dieses Europa, welches genau das zuläßt und fördert, liebens- und verteidigungswert erscheinen.