Migrantische Perspektiven miteinbeziehen Die einen wurden vereinigt, die anderen aber ausgeschlossen

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Politikwissenschaftlerin

Expertise:

Lydia Lierke ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet für die Rosa-Luxemburg-Stiftung aktuell an einer Publikation zum Thema „30 Jahre Mauerfall aus migrantischer Perspektive“.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: "30 Jahre Mauerfall: Sind wir ein Land?“ Lydia Lierke wurde kurz nach dem Mauerfall geboren und wuchs im Osten Deutschlands auf. Aufgrund der rassistischen Gewalttaten der letzten 30 Jahre fragt sie, wer mit der Wiedervereinigung vereinigt und wer von dem Prozess ausgeschlossen wurde.

Als ich anfing, diesen Text zu schreiben, war der Terroranschlag in Halle an der Saale gerade eine Woche her. Die Synagoge liegt gegenüber der Wohnung meiner Freunde, durch deren Tür ich jahrelang ein und aus ging. Ein Ort, der mir wohlbekannt ist. Der Schock sitzt tief, überraschend kam das Attentat jedoch nicht. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall feiert Deutschland die sogenannte „friedliche Revolution“ und die „Wiedervereinigung“. Zum Jubiläumsjahr des Beitritts der DDR zur BRD 2020 werde auch ich 30 Jahre alt. Als erste Generation, die nach dem Mauerfall geboren wurde, fällt mir ein Mitfeiern jedoch schwer. Bereits anhand der Stationen meines Lebenslaufes kann eine lange Geschichte von rassistischen Gewalttaten im vereinigten Deutschland erzählt werden.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall fällt mir ein Mitfeiern beim Jubiläum schwer.

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Meine Geburtsstadt Hoyerswerda ist bekannt für das erste Pogrom nach dem Mauerfall 1991. Mehrere hundert Menschen griffen damals aus rassistischen Motiven ein Wohnheim für Vertragsarbeiter_innen und ein Asylwohnheim an. In dieser Zeit prägten die Asylkompromisse zwischen CDU/CSU, FDP und SPD einen öffentlichen Diskurs, in dem Migration verstärkt als Problem wahrgenommen wurde. Am 1. Januar 1991 trat das von Helmut Kohl lange vorbereitete neue Ausländerrecht in Kraft.

Dies sollte die Einbürgerung vieler sogenannter Gastarbeiter_innen und ihrer Familien, die seit Jahrzehnten in der BRD lebten, massiv erschweren und das Recht auf Asyl einschränken. In der ehemaligen DDR wurden die Aufenthaltstitel der dort lebenden Vertragsarbeiter_innen nicht verlängert, viele mussten ungewollt in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Es folgten bundesweit rechte Gewalttaten und Morde an Migranten_innen, also denen, die bei der Wiedervereinigung nicht dazu gehören sollten. Die rassistischen Pogrome schufen ein Klima, in dem sich rechte Strukturen ungestört entwickeln konnten. Ich wuchs in Jena auf und verbrachte meine ersten Partys in dem Club, in dem sich zehn Jahre zuvor der NSU traf.

Nach meinem Abitur zog ich nach Leipzig, wo 2015 auf dem Augustusplatz die Legida-Demonstrationen begannen, welche einen Anfangspunkt für den Wahlerfolg der AfD markieren. Die Zeit meines Studiums verbrachte ich in Halle und Kassel. Dort wurde 2006 Halit Yozgat in seinem Internetcafé als neuntes bekanntes Opfer des NSU ermordet. Was in Jena begann und über ein Jahrzehnt ungestört morden konnte, machte nicht nur Station in Kassel, sondern setzte sich mit seinen Kompliz_innen nach der Selbstenttarnung des NSU fort.

Der Begriff "Wiedervereinigung" drängt die Frage auf, wer vereinigt wurde und wer dabei ausgeschlossen wurde.

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Diese Ereignisse stellen nur einen Bruchteil der rassistischen Gewalt in Deutschland dar. Die Brandanschläge auf Mölln und Solingen machen deutlich, dass es sich nicht um ein ostspezifisches Problem handelt. Der Begriff „Wiedervereinigung“ drängt daher unweigerlich die Frage auf, wer vereinigt wurde und unter welchem Ausschluss diese stattfand?

Mit dem Slogan "Wir sind das Volk" wurde zugleich ein Ihr konstruiert, dass nicht teilhaben darf.

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Die rassistische Kontinuität der letzten 30 Jahre macht deutlich, dass mit dem Slogan „Wir sind ein Volk“ ein Ihr konstruiert wurde, dass an den Feierlichkeiten nicht teilnehmen soll, um den Zusammenhalt der weißen Mehrheitsgesellschaft zu kreieren. Die Kosten des Zusammenhalts in der Mehrheitsgesellschaft Nachwendedeutschlands sind der NSU-Komplex, Halle und all die vergangenen und kommenden rassistischen Gewalttaten.

Wir brauchen eine intensivere Aufarbeitung der rassistischen Gewalttaten.

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Für eine andere Gesellschaft ist die Aufarbeitung der Deutsch-Deutschen Geschichte notwendig. Sie kann nur im Zusammenhang einer öffentlichen Analyse der rassistischen Zustände in der BRD und DDR bis hin zur Gegenwart stattfinden. Darin müssen vor allem die Perspektiven und das Wissen derer sichtbar gemacht werden, auf deren Rücken die „Wiedervereinigung“ ausgetragen wurde und die im Zuge dessen ausgeschlossen wurden. Glücklicherweise gibt es seit jeher Widerstand und immer mehr Initiativen und Einzelpersonen, die ihre Geschichte und Analysen in einen öffentlichen Diskurs einbringen. Bis diese jedoch in den gesellschaftlichen Kanon eingehen, braucht es noch einen langen Atem. 

Die Erfahrung der von der Wiedervereinigung Ausgeschlossenen muss in den gesellschaftlichen Kanon eingehen.

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Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen. In der Debattenserie zum Thema Glaube war die Frage: "Wie viel Religion braucht Deutschland?" - die Antworten lesen Sie hier. Um zu den Beiträgen zum Thema "Meinungfreiheit - Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?" bitte hier klicken.

9 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Markus Berinig
    Ich würde der These zustimmen, daß es in erster Linie der westdeutschen Gesellschaft 1989 nicht bewußt war, daß sie durch die zuvor staatgefundene starke Einwanderung bereits ethnisch keine rein deutsche mehr war. Dabei wird aber übersehen, daß diese Einwanderung durchweg nicht im Kosnsnes mit den Deutschen erfolgte, oder anders gesagt, eine Abstimmung, ob man der Ansiedlung von Millionen von Südeuropäern, Türken oder Russen denn zustimme, gab es nie. Begründet wurde diese Einwanderung primär wirtschaftlich, aber tatsächlich ihre Hinnahme als Ausdruck einer Läuterung nach dem Rassismus des 3. Reiches angesehen, mithin also als eine Art Wiedergutmachung der Deutschen. 1989 hatte Westdeutschland bereits einen Anteil an Nichtdeutschen, der um die 15 % lag, in Großstädten bis zu 30 %. Schon damals zeichnete sich ab, daß die Einwanderer sich einer Schmelztiegelgesellschaft verweigerten, sondern stattdessen von den Deutschen das Einräumem kultureller Segregation einforderten, was man modern unter dem Begriff Multikulti zusammenfaßt. Jede Weigerung, dies zu tun, konstruiert seitdem den Rassismusvorwurf an die Deutschen, der auch zentraler Punkt des obigen Textes ist.
    Durch die Wiedervereinigung wurde jedoch die demographische Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft wieder deutlich zugunsten der weißen Deutschen verschoben, wenngleich sich das im Westen nur marginal auswirkte, vor allem aber rekonstruierte sich Deutschland unter Rückgriff auf seine Vergangenheit als rein deutsch besiedeltes Land. Das Narrativ, Deutschland werde nicht durch sein Volk, sondern nur sein Sein und seine Verfassung konstruiert, wurde zurückgedrängt.
    Diese Auseinandersetzung ist nichts spezifisch deutsches, sie findet in allen Ländern mit signiffkanter Einwanderung statt. Insoweit ist sie eine Debatte über die grundsätzliche Legitimation von selbstermächtigeter Einwanderung, und damit die Grundlage der Nation europäischer Art, die sich eben ethnisch und nicht rein konstitionell begründet.
    1. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Markus Berinig 30.10.2019, 12:32:23
      Ich kann mich noch gut erinnern: als ich Schüler war, kamen die ersten "Gastarbeiter" nach Westdeutschland. Das Land boomte und brauchte Arbeitskräfte, das Rezept war das Gleiche, was heute Spahn in der Pflege versucht. Es kamen vor allem Italiener und Portugiesen.

      Das Resultat war schon damals eine Spaltung zwischen "Willkommenskultur" und Rassismus. Dass sich die Liberalität durchsetzen konnte, lag vielleicht an der noch zu frischen Erinnerung an Nazi-Deutschland.

      Westdeutschland hatte dann Jahrzehnte, um sich an Fremde zu gewöhnen. Es folgten Griechen, Türken, Russlanddeutsche. Klar gab es auch Segregation, wie woanders auch, z.B. in New York (China Town, Little Italy,...), aber richtig handfeste Probleme gab es wenig, man gewöhnte sich aneinander.

      Diese Erfahrung fehlt in Ostdeutschland komplett. Die wenigen Auswärtigen (Vietnamesen, Russen) blieben weitgehend unter sich und so war das auch gewollt.

      Für Ostdeutsche muss die Begegnung mit den Fremden aus aller Welt eine ziemliche Schocktherapie gewesen sein, zumal sie in der Bewältigung wenig Unterstützung erfahren haben (Information, aktive Begegnungen, gemeinsame Aktivitäten etc.). So wird uns das Problem noch lange verfolgen.
  2. von Gerd Golm
    Auch in der SZ kam kürzlich Uffa Jensen zu der Erkenntnis und zu dem Fazit, dass Rechtsextremisten die Gewinner der Einheit sind. ( https://www.sueddeutsche.de/politik/halle-rechtsextremismus-wende-nazis-1.4644388 )
    Und auch Norbert Frei schriebt in seinem Buch "Zur rechten Zeit" von einem "Vereinigungsrassismus". Ende der Achziger Jahre gab es auch in der BRD einen Rechtstrend, der z.B. in Jugendstudien konstatiert wurde. Die Wiedervereinung hatte neben dem nationalen Pathos auch nationalistische Stimmungen der Rechten verstärkt. Allein der weiter aufkeimende, offener agierende und sich artikulierende und Rassismus blieb kein 'Randphänomen' einer Umbruchphase, wie wir heute feststellen müssen.
    1. von Markus Berinig
      Antwort auf den Beitrag von Gerd Golm 30.10.2019, 11:53:42
      Was wäre den der Schluß aus dieser Erkenntnis? Deutschland erneut teilen? Im Nachgang hätten sich die Ostdeutschen 1990 sicher für eine unabhängige DDR entschieden, wenn sie damals gewußt hätten, was auf sie zukommt, denn während sie weder eine Fortdauer des sozialistischen DDR-Systems noch der Einmauerung wollten, so lehnten sie gleichermaßen das westdeutsche Modell eines postnationalen, multiethnischen Staates ab.
      Westdeutschland hat sich, aufgrund seiner vierfach größeren Einwohnerzahl, 1990 jedoch in allen Belangen durchgesetzt,

      Die heutige Situation in Gesamtdeutschland ist aber nicht durch den Wiedervereinigungsvorgang am 3.10.1990 bestimmt, der ohnehin keine "Vereinigung" war, sondern ein Anschluß, und der durch die Weigerung, eine neue Verfassung auszuarbeiten und die Einführung des Euros iúnd Lissabon-Vertrag bewußt Bremsklötze einzog hinsichtlich der Restiturion einer souveräneen deutschen Nation. Die Narrative hinsicht der Nation, die seit 1949 in Westdeutschland gelten, wurden fortgeschrieben, vor diesem Hintergrund laufen auch die Auseinandersetzungen mit der AfD.

      Ich denke, daß ein (fiktiver) westdeutscher Staat, der heute bestünde (möglicherweise ohne Westberlin) kein Jota anders wäre das real existierende Deutschland. Eine Reihe von Auseinandersetzungen, die wir erst heute oder verstärkt seit 2015 führen, wären genauso geführt worden, nur eher. Ohne den Zustrom von Ostdeutschen hätten in einer fortbestehenden BRD Einwanderer und Ausländer heute schon eine Bevölkerungsmehrheit und würden das "deutsche" nationale Selbstverständnis diese Staates massiv infragestellen, so wie es die Autorin tut.
      Doch das alles kommt unweigerlich. In Frankreich wird schon lange eine erbitterte Debatte über den Islam geführt, dessen aus Nordafrika importierter Anspruch, nicht nur eine Religion zu sein, sondern die Gesellschaft zu determinieren, massiv mit dem laizistischen Modell kollidiert, das deswegen inzwischen als "rassistisch" gebrandmarkt wird.
    2. von Gerd Golm
      Antwort auf den Beitrag von Markus Berinig 30.10.2019, 14:08:05
      Sie wissen wahrscheinlich. dass sich Deutschland als Nation, als Einheit nur im Ausland (Versaille) und gegenüber einem Feind konstituieren konnte. Und diese Einheit war in der Zeit bis zu seiner Spaltung immer sehr brüchig.In den 74 Jahren gab es 2 Revolutionen, wenn man die nationalsozialistische als solche bezeichnen kann und 2 Weltkriege (10 Jahre) . Nur 14 Jahre währte eine realtiv wackelige Demokratie, sonst wurde diese Nation durch Monarchie und Diktatur zusammengehalten. Worauf Sie sich berufen und was sie anvisieren war und ist also ein fragiles Phänomen. Dabei gab es in der ganzen Zeit Ein- und Auswanderung, ohne die Deutschland nicht zu seinem Wohlstand gefunden hätte. Und gar der Nationalsozialismus holte sich massenweise Fremdarbeiter ins Land, ohne die er seine gigantomanischen und größenwahnsinnigen, baulichen Großprojekte nie hätte realisieren können. Dagegen ist eine sich abschottender dt. Staat, der seine Grenzschutz ganz groß schrieb untergegangen (wie zum Glück auch der Nationalsozialismus.) Migration ist eine nicht wegzudenkendes Phönomen der Menschheit und Sie werden es durch Ihr beschränktes "nationales Selbstverständnis" nicht aufhalten.
      PS: Sie haben das schon richtig gesehen: Der von ihnen als postnational beschriebenen BRD strömten die Menschen aus der DDR zu. So unattraktiv kann die BRD, auch in der Eigenschaft der von Ihnen als postnational beschriebenen, also nicht gewesen sein. In den den Gegenden hingegen mit sehr hoher AfD-Wählerschaft wandern die Leute ab. Die scheinen nicht so attraktiv zu sein. Vielleicht ist das Milieu, welches diese Wählerschaft bereitet ja für die meisten einfach unattraktiv. Nationalisten vergällen die Nachbarschaft.
  3. von Frank Fidorra
    Auch mir ist nicht nach Feiern zumute, angesichts des stetig wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland.

    Die Erklärungsversuche mit den "abgehängten Ostdeutschen" liefern sicher eine Seite der Medaille. Ich glaube aber, dass ein erheblicher Teil schlicht durch fehlende Bildung verursacht wird. Abstruse Geschichtsdeutungen, Verschwörungstheorien, Angst vor dem Fremden entsteht nach meiner Erfahrung durch Unkenntnis und/oder schlichte Dummheit.

    Eine wichtige Maßnahme gegen Extremismus allgemein wäre daher, wieder viel mehr Wert auf die Bildung und Ausbildung unserer Heranwachsenden zu legen. Eine langfristige Prävention, die sich allerdings leider erst viele Jahre später auszahlen würde.
    1. von Luisa Fritz
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 30.10.2019, 09:18:16
      Bildung - ein richtiges Stichwort!
      Nur wird "Bildung" heute leider an Schultypen festgemacht, nicht aber an der Gestaltung von Lehrplänen und am Üben (Verinnerlichen, Anschaulichmachen) des Gelernten.
      So lange sich das nicht ändert, wird "Bildung" dort stehen bleiben, wo sie steht. Leider.
      (*Baustelle: Wird von offizieller Seite eine erhöhte Bildung der Bevölkerung überhaupt gewollt? Ungebildete Bürger sind mehr manipulierbar!*)
    2. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Luisa Fritz 30.10.2019, 11:02:09
      Ich glaube nicht, dass mit dem mangelhaften Bildungsengagement ein "höheres Ziel" verbunden ist, im Sinne von "haltet sie dumm". Ich glaube es geht schlicht um Sparmaßnahmen in einem Bereich, wo sich das Sparen nicht unmittelbar auf die gesellschaftliche Realität auswirkt. Die Defizite, die wir heute sehen, gehen auf Maßnahmen von vor 10 - 20 Jahren zurück. Sowas spielt in politischen Überlegungen keine Rolle.

      Was mich indessen immer wieder verwundert, ist die Duldungsfähigkeit heutiger Eltern. Außer Abstimmung mit den Füßen (immer mehr Kinder besuchen Privatschulen) passiert eigentlich nicht viel.
  4. von Luisa Fritz
    Wie lange Aufarbeitung dauern kann, wissen wir von der NS-Zeit mit all ihren Gräueltaten - sie ist bis heute nicht beendet. Im Gegenteil: das Nicht-Beenden lässt Rechtsextremismus wieder aufpoppen. - Wir sehen es gerade am Genozid an den Armeniern, der nach wie vor von Erdogan geleugnet wird.
    40 Jahre DDR sind nicht in 30 Jahren zu beseitigen.

    Wir müssen darüber hinaus aber auch endlich verinnerlichen, dass ein Zusammenwachsen immer von beiden Seiten ausgehen muss.
    Und die Autorin betont geradezu das "Ihr" - es sei der Westen durch Ausgrenzung schuld an der Zunahme rechtsextremer Gräueltaten. Nun gab es im "Westen" zur DDR-Zeit ebenfalls Morde, linksextreme. Und Ausgrenzung gab es hier (gegen Ausländer) wie im Osten (gegen Andersdenkende), also überall in D, und nicht nur dort.

    Der Weg führt also an Integration von beiden/allen Seiten nicht vorbei. Und er beginnt immer in einem selbst. In jeder/jedem Einzelnen der Gesellschaft. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, bringt nichts - außer noch mehr Trennung.
    ICH - das sind WIR, das ist die Gesellschaft als Ganzes.