Lauter nackte Tatsachen "Ja" zum Sexismusverbot in der Werbung

Bild von Stevie Schmiedel
Geschäftsführerin Pinkstinks

Expertise:

Dr. Stevie Meriel Schmiedel, Deutsch-Britin, ist promovierte Dozentin für Genderforschung und lehrte zuletzt an der Universität Hamburg und der Hochschule für Soziale Arbeit (Rauhes Haus). Sie hat zwei Töchter und ist 1. Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführerin und Pressesprecherin bei Pinkstinks. Sie finanziert ihre Vollzeitarbeit für den Verein über Publikationen und Vorträge.

Werbung wird gemacht wird, um zu wirken. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft - und in dem soll es nicht so aussehen, als seien Frauen verfügbare, willenlose Dekoware. Sind sie nämlich nicht! Es ist traurig genug, dass wir in Deutschland von echter Gleichberechtigung noch weit entfernt sind.

Seit die Presse verlauten ließ, Heiko Maas wolle Sexismus in der Werbung verbieten, sehen sich viele Deutsche ihrer Freiheit beraubt. Die SPD ist die neue "Verbotspartei", der Justizminister ein "maasloser Spießer" und es ginge nicht an, dass man jetzt alle Frauen in der Werbung verhülle, nur, weil manch ein muslimischer Flüchtling nicht mit unserer Freizügigkeit klar käme.

Es geht nicht um nackt oder nicht, es geht um den Eindruck von Willenlosigkeit und Verfügbarkeit.

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Sexualisierung und Nacktheit sind aber gar nicht in Gefahr. Wer sich kurz Zeit nimmt, um zu recherchieren, wundert sich über die Werbebilder, mit denen "Bild-Zeitung" und "Welt" ihre Protestartikel gegen Maas illustrieren: Kaum eines davon wäre vom geplanten Verbot betroffen. Nach der Gesetzesnorm, die die Organisation Pinkstinks vor zwei Jahren veröffentlichte und über die zur Zeit im Justizministerium beraten wird, dürfen Dessous und Bikinis auch weiterhin mit nackter Haut beworben werden und niemand stört sich an einer Astra-Werbung, die eine nackte, tätowierte Frau zeigt, die aber keineswegs passiv und verfügbar wirkt. Sexyness hat ziemlich wenig mit Sexismus zu tun. Nackte Frauenkörperteile, über die sich lustig gemacht werden und die in keinem Zusammenhang mit dem beworbenen Produkt stehen, schon eher. Aber gleich verbieten? Wieso?

Frauen sind in Deutschland eben nicht gleichberechtigt.

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Die SPD-Spitze solidarisierte sich nach Silvester mit der Kampagne #ausnahmslos, die die rechtspopulistische Aneignung feministischer Forderungen nach den Vorfällen in Köln stark verurteilte und auf den tief verwurzelten Sexismus in Deutschland hinwies, der Zahlen aufweist, die traurig stimmen. Auch, wenn Bild-Chefin Tanit Koch auf Heiko Maas schimpft, wir seien doch längst gleichberechtigt, gibt es nach wie vor erschreckend wenig Chefredakteurinnen oder Ressortleiterinnen in den Medien. Wir haben seit Jahren gleichbleibend hohe Zahlen an sexualisierter Gewalt (jede 7. Frau betroffen), eine hohe Altersarmut bei Frauen, eine real existierende Gehaltsschere, die gläserne Decke in Führungsebenen und eine steigende Zahl von Mädchen, die ihren Körper ablehnen (über 50% der 11-Jährigen finden sich 2016 zu dick). All dies wird ein Verbot von Bildern, in denen Frauen überzogen passiv und verfügbar dargestellt sind, nicht alleine verändern. Der Vorstoß ist nur ein Teil von einigen geplanten Veränderungen im "Jahr der Frauen", die Bildung, Medien und Politik betreffen und somit auf mehreren Ebenen ansetzen werden, Gleichberechtigung zu fördern.

Viele Unternehmen interessiert es wenig, was der Werberat in Berlin von nackten Frauenhintern neben Heizungsrohren hält.

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Zur Zeit wird im Justizministerium beraten, ob das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb durch eine Norm ergänzt wird, in der überzogen sexualisierte Blickfangwerbung ohne Produktbezug (Brüste auf Kühlerhaube, weibliches "Frischfleisch" an Tierfutter) verboten werden soll, sowie Werbung, die Menschen durch die Spruchpraxis diskriminierende Geschlechterrollenbilder zuweisen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Deutsche Werberat, die Selbstregulierung der Werbewirtschaft, realistische Sanktionsmechanismen erhält - auch diese juristische Lösung wird untersucht. Der Werberat rügt schon seit Jahrzehnten nach eben benannten Kriterien Werbung, über die sich Verbraucher beschweren. Viele Unternehmen, vornehmlich im mittelständischen Bereich, interessiert es oft herzlich wenig, was der Werberat in Berlin von ihren halbnackten Frauen auf kalten Bodenbelägen oder Frauenhintern neben Heizungsrohren hält. Den im Umkreis befragten Männern gefällt die Werbung, junge Mädchen, die das gezeigte Frauenrollenbild verunsichert, wenden sich selten an die Produzenten. Ob die Werbung abgehängt wird, ist eine betriebsinterne Entscheidung

Große Werbeagenturen sind durch Kampagnen bereits sensibilisiert,  sie wird das Verbot nicht treffen.

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Wir erhalten täglich und massenhaft dieser Anzeigen als Beschwerde, durch unseren Bekanntheitsgrad jährlich doppelt so viele wie der Werberat. Pinkstinks sowie große Werbeagenturen sind sich einig, dass das Verbot nur wenige Anzeigen betreffen wird, die in den großen Werbeflächen der Hauptstädte hängen. Unternehmen, die sich diese Tafeln leisten können, sind in den letzten Jahren stark durch gesellschaftliche Sexismus-Debatten sensibilisiert worden. Die Lobby von Scholz & Friends und Co. hat also wenig zu befürchten. Auch die Meinungsfreiheit wird nicht angegriffen: "Frauen gehören an den Herd" ist am Stammtisch weiterhin eine komplett legitime Meinung, in der Werbung aber Diskriminierung, die verboten gehört. Warum? Weil Werbung gemacht wird, um zu wirken. Sie ist Spiegel der Gesellschaft, aber nicht nur: Schon 1997 definierte das Europäische Parlament, dass Werbung Konsumenten beeinflusst. "Hintern neben Kontaktlinsen" reduziert Frauen auf eine Zurschaustellung von passiver Verfügbarkeit, die wir 2016 überwunden haben sollten. Dabei haben wir nichts gegen nackte Haut: Wir wünschen uns sogar viel mehr davon. Frauenkörper in Größe 40-42, die Dessous bewerben, kann man leider nicht gesetzlich fordern. Dabei wäre weniger Sexismus, dafür die Sichtbarkeit vielfältiger Sexyness doch tatsächlich die Freiheit, die uns täglich entzogen wird.

- Überall Diskriminierung! Lesen Sie hier die Debatte über Stereotype, mit denen Muslime kämpfen, und hier geht's zur Debatte über Inklusion in Deutschland.

 

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