Sexistische Werbung verbieten? Die Werbewirtschaft entscheidet allein, was sexistisch ist

Bild von Gesine Agena und Ulle Schauws
Frauenpolitische Sprecherinnen Bundesvorstand / Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Gesine Agena ist Mitglied im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen und frauenpolitische Sprecherin ihrer Partei. Ulle Schauws ist Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion für Frauenpolitik und Kulturpolitik.

Eine Beschwerde gegen sexistisiche Werbung beim deutschen Werberat? Praktisch aussichtslos, sagen die frauenpolitischen Sprecherinnen der Grünen - und schlagen alternative Wege vor, wie sexistische Werbung bekämpft werden kann.

"Heiko Maas geht den nächsten Schritt zum Nannystaat, der den Bürgern nichts zutraut und Verbraucher für unmündig hält". So attackierte Christian Lindner den Justizminister Heiko Maas nach einer Spiegel-Meldung. Oha. Was ist passiert? Sind der Kern des Verbraucherschutzes und der Bürgerrechte bedroht? Aber nein, der reflexartige Aufruhr von FDP (und Union) bezog sich auf Pläne für ein Verbot geschlechterdiskriminierender bzw. sexistische Werbung.

Sexistische Werbung suggeriert, eine Frau sei ebenso wie das Produkt käuflich erwerbbar.

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Sexistische Werbung verändert die Selbstwahrnehmung - insbesondere die junger Menschen.

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Wer durch Berlin oder andere Städte geht, sieht an jeder Ecke Werbung. Weibliche Körper, die auf eine sexualisierte Darstellung reduziert und objektiviert werden, gehören ganz selbstverständlich zu dieser Werbung dazu. Oft hat diese Darstellung überhaupt keinen Bezug zum Produkt. In Deutschland kann praktisch mit allem geworben werden, oft ist Werbung einfallslos, platt, rassistisch und vor allem auch sexistisch. Wird dies problematisiert, folgen häufig Unverständnisbekundungen und Zensurvorwürfe. Dabei ist es ganz einfach: sexistische Werbung suggeriert, eine Frau sei ebenso wie das Produkt käuflich erwerbbar. Die Posen sind meist unterwürfig und vermitteln ständige sexuelle Verfügbarkeit von Frauen. Dass diese Art der Werbung die Selbstwahrnehmung, insbesondere die von jungen Menschen, verändern könnte, ist nicht von der Hand zu weisen.

Der Weg einer Beschwerde beim Deutschen Werberat reicht nicht aus - er ist oft aussichtslos.

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Natürlich können mündige Bürger und Bürgerinnen gegen diskriminierende Werbung vorgehen und beim Deutschen Werberat eine Beschwerde einlegen. Klingt gut. Aber wer das schon einmal versucht hat, weiß, wie aussichtsreich, oder eher wie aussichtslos dies ist. Denn der Werberat besteht aus Vertretern und einigen wenigen Vertreterinnen der Werbeindustrie. Dass die kaum Lust haben, sich selbst Grenzen aufzuerlegen, liegt auf der Hand. Der Handlungsspielraum des Werberates ist eben klar eingeschränkt. So eingeschränkt, dass der Ausschuss der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW in seinem Bericht zur Gleichstellung kritisiert, er sei „besorgt über die anhaltende sexistische Werbung und über die Unzulänglichkeit des von der Werbeindustrie zur Annahme und Bearbeitung von Eingaben wegen sexistischer Werbung eingesetzten Deutschen Werberats“. Anlass genug also, die Bequemlichkeit aufzugeben und etwas zu ändern.

Die sexistischen Abbildungen einseitiger Machtverhältnisse nehmen Einfluss auf die Vorstellung über Frauen und Männer.

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Nicht erst seit der Silvesternacht 2015/16 ist klar, dass wir es in unserer Gesellschaft mit weit verbreitetem Sexismus, mit problematischen Männlichkeitsbildern und sexualisierter Gewalt zu tun haben. Ja: Sexistische Werbung und die Abbildung von nackten Frauenkörpern führen nicht direkt zu sexuellen Übergriffen. Aber die plakativen, sexistischen Abbildungen einseitiger Machtverhältnisse in Medien und Werbung nehmen Einfluss auf die Vorstellung über Frauen und Männer. Die Werbewatchgroup Wien verdeutlicht genau das mit einer Aktion in der sie den Spieß umdreht. Sie produzierte Postkarten auf denen Männer in aufreizenden Posen abgebildet sind und zeigen damit die Absurdität dieser stereotypen weiblichen Posen.

Es sollte nicht der Werbewirtschaft allein überlassen werden, festzulegen, welche Werbung rote Linien überschreitet.

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Nacktheit an sich ist nicht das Problem. Nacktheit soll auch nicht verboten werden. Aber es gibt Werbung, die Herabwürdigung, Unterwerfung und Ausbeutung von Frauen abbildet. Diese Werbung ist diskriminierend. Und ehrlich gesagt, diese platte sexistische Werbung nervt auch. Vor allem Frauen. Aber auch Männer. Was wir also brauchen sind klare Stoppsignale dort, wo Frauen aufgrund ihres Geschlechts abgewertet werden. Die gilt es auszuloten. Es sollte nicht der Werbewirtschaft allein und einseitig überlassen werden, festzulegen, welche Werbung rote Linien überschreitet.

Für die Handhabung mit sexistischer Werbung ist ein anderer Umgang nötig. Einer, der mündigen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, sich einzumischen. Andere europäische Länder wie Norwegen, Island, Luxemburg und Österreich zeigen verschiedene Wege und Handlungsspielräume gegen sexistische Werbung auf. Und auch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde auf Antrag von uns Grünen beschlossen, dass dort auf den öffentlichen Werbeflächen keine sexistischen Werbeplakate mehr platziert werden können. Anhand definierter Kriterien bewertet jetzt eine Kommission, ob und wann es sich um sexistische Werbung handelt.

Eine unabhängige Kommission auf Bundesebene sollte in Streitfällen Empfehlungen abgeben können.

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Wir plädieren dafür, auch auf Bundesebene eine unabhängige Kommission zu schaffen, die als Referenzrahmen die Menschenrechte und Verletzung der Würde des Menschen vorsieht und in Streitfällen Empfehlungen abgeben könnte. Was spräche dagegen, wenn Kriterien festgelegt würden, die definieren, welche Werbung sexistisch und welche nur geschmacklos, aber nicht diskriminierend ist? Würden damit tatsächlich Bürgerinnen und Bürger bevormundet? Wohl kaum. Vielmehr gäbe es für die Interessen beider Seiten, für die Werbewirtschaft und die Bürgerinnen und Büger, eine faire Mittlerin. Eine Klarheit für die Unternehmen, darüber wo und wann Grenzen überschritten sind, wäre zusätzlich ein willkommener Effekt. Und ja, wir werden darüber im Einzelfall diskutieren und eventuell auch streiten müssen. Aber warum auch nicht. Nur durch eine solche Sensibilisierung in der Gesellschaft kann ein Bewusstsein dafür wachsen, wie geschlechterdiskriminierend sexistische Werbung ist.

Wer sich für Freiheit und Selbstbestimmung von mündigen Bürgerinnen und  Bürgern einsetzt, müsste sich dem Kampf gegen Sexismus verpflichtet fühlen, statt ihn zu verteufeln. Denn eine Gesellschaft, in der Mädchen und Jungen, Frauen und Männer unabhängig von gängigen Rollenklischees und frei von althergebrachten Rollenbildern ohne Bevormundung leben können, dafür lohnt sich zu kämpfen.

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Gehört sexistische Werbung verboten?

Dieser Text ist Teil der Debatte zum Thema auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Lesen Sie hier eine Gegenposition von Wolfgang Kubicki, FDP. Er sagt: Geschmacksfragen lassen sich nicht per Gesetz klären. Alle Debattenbeiträge und einen interakiven grafischen Überblick über die Argumente finden Sie hier.

Außerdem auf Tagesspiegel Causa: Warum ist Sachsen so rechts? Politiker und Schriftsteller antworten.

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