"Eure Rezession ist nicht unser Degrowth" Wie aus den Ideen des Postwachstumsprojekts gelernt werden kann

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Professorin für Umweltphilosophie

Expertise:

Barbara Muraca ist Assistant Professor an der University of Oregon, Eugene, USA, wo sie Umweltphilosophie lehrt. Sie ist u.a. Autorin des Buches „Gut Leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums“ (Wagenback 2014) und von zahlreichen Artikeln zu Degrowth in englischer und deutscher Sprache.

Progressive Besteuerung, ein umfassender Schuldenerlass, kollektive Mitgestaltung in der  Produktion: Wir können die Bedingungen unseres Zusammenlebens neu denken und uns vom Wachstumsdiktat unabhängig machen.

Mitten in der Covid-19-Krise werden Stimmen laut, die auf die „Chancen“ der Krise hinweisen. Allerdings wäre es falsch, das krisenbedingte Aufhalten ökonomischen Wachstums als die Geburtsstunde der Postwachstumsgesellschaft zu verstehen. Denn wie schon 2009 nach der globalen Finanzkrise gilt der Slogan der internationalen Postwachstumsbewegung „eure Rezession ist nicht unser Degrowth“.

Zwar stimmt, dass weniger Wachstum gut für die Umwelt ist, wie auch schon die letzte Finanzkrise bewiesen hat: 2009 war nämlich das einzige Jahr, in dem CO2 Emissionen seit den 1980ern Jahren zurückgegangen sind. Jedoch hat das radikale Projekt einer Postwachstumsgesellschaft nichts mit der Fortsetzung des gegenwärtigen ökonomischen Systems in bloß reduzierter Form zu tun.

Wachstum ist kein bloßer Anhängsel moderner, kapitalistischer Gesellschaften, sondern ein wesentlicher Faktor, auf den sie strukturell angewiesen sind. Wachstumsgesellschaften funktionieren wie ein verrücktes Fahrrad, das sich nur aufrecht erhalten kann, wenn es kontinuierlich beschleunigt.

Zwar haben kontinuierlich steigende Wachstumsraten seit der Nachkriegszeit den sozialen Frieden gesichert und das Versprechen eines besseren Lebens für die nächste Generation für viele, wenn auch nie für alle, in unserer Gesellschaft genährt. Aber spätestens seit dem Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ von 1972 wissen wir, dass Wachstum nicht mehr so einfach aufrecht zu erhalten ist und Maßnahmen, die dies um jeden Preis versuchen, negative Konsequenzen haben.

Wachstum als Hauptziel der Wirtschaftspolitik hat die ökologische Krise verschärft.

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Denn Wachstum  als Hauptziel der Wirtschaftspolitik hat inzwischen nicht nur eine dramatische Verschärfung der ökologischen Krise herbeigeführt, mit Folgen vor allem für die ärmeren und subalternen Gesellschaftsmitglieder, sondern auch eine Steigerung der Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern sowie die Deregulierung von Arbeits- und Finanzmärkten.

Gleichwohl zeigt die Covid-19 Pandemie aber auch – wie schon die Finanzkrise – was ökonomische Schrumpfung ohne gesellschaftliche Transformation bedeutet: Ein Ende des Wachstums unter gleichbleibenden gesellschaftlichen Bedingungen führt zu Rezession, Verarmung und sogar einer Krise der Demokratie. Es ist das Bild des gefallenen Fahrrads.

Die Antwort auf die Krise darf nicht das Allheilmittel "Wachstum" sein.

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Die Antwort auf die Krise darf aber nicht wieder das übliche Rezept von Wachstum als Zaubermittel sein. Das Projekt einer Postwachstumsgesellschaft zeigt auf die Dysfunktionalität jenes verrückten Wachstumsfahrrads hin und ruft dazu auf, den Fahrradrahmen radikal zu verändern oder, anders gesagt, die Grundstrukturen und -institutionen unserer Gesellschaften umzugestalten und wachstumsunabhängig zu machen.

Es geht darum, die Grundbedingungen unseres Zusammenlebens neu zu denken, um ein menschenwürdiges, sinnvolles und gerechtes Leben für alle zu ermöglichen. So ist das Projekt einer Postwachstumsgesellschaft nicht die katastrophale Konsequenz einer krisenhaften Schrumpfung der Ökonomie, sondern ein freiwilliger, demokratischer und solidarischer Abschied vom Wachstum.

Die Grundbedingungen unserer Zusammenlebens müssen neu gedacht werden.

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In der Covid-19 Pandemie zeigen sich die Folgen einer ungeregelten Globalisierung, in der nach dem Prinzip einer vermeintlich effizienten Verteilung von Produktionssegmenten im gegenseitigen globalen Wettbewerb lokale Lebensgrundlagen vom Weltmarkt abhängig wurden. Die angeblich wachstumstreibende Privatisierung des Gesundheitssystems kombiniert mit einer Deregulierung des Arbeitsmarkts und eine durch private Schulden finanzierte Wirtschaftsleistung treibt derzeit die USA, das laut Bruttoinlandsprodukt reichste Land der Welt, in die schlimmste Krise seit der Great Depression.

In Europa leiden vor allem die Länder, die durch die ebenfalls vermeintlich wachstumstreibende neoliberale Austeritätspolitik der letzten Jahre drakonische Kürzungen im Gesundheits- und Sozialwesen vornehmen mussten.

Das toxische Schuldensystem, das seit den 1970ern Jahren die lateinamerikanischen und afrikanischen Länder in die Knie gezwungen hat, hat billige Rohstoffe, billige Arbeitskräfte und ebenso billige Müllhalden für das globale Wachstum bereitgestellt. Durch das so genannte Strukturanpassungsprogramm (auch Armutsbekämpfungs- und Wachstumsprogramm genannt) wurden ihnen vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank drakonische Bedingungen für die Vergabe und Bezahlung von Krediten aufgezwungen, die ihre Souveränität in der Wirtschaftspolitik einschnitten und zu flächendeckender Privatisierung, Haushaltsdisziplin, Subventionsabbau und Deregulierung führten.

Schließlich zeigt sich in der Krise, was wirklich zählt, und zwar die Sphäre der Fürsorge und der Solidarität, die im Bruttoinlandsprodukt meist nicht berücksichtigt wird. Wir werden in der Krise mit den langfristigen Konsequenzen von Wachstum um jeden Preis konfrontiert und sehen, was das Ende von Wachstum ohne gesellschaftliche Transformation bedeuten kann.

Jetzt wäre der Zeitpunkt für einen umfassenden Schuldenerlass - auf staatlicher wie privater Ebene.

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Das bietet die Gelegenheit, jetzt von Ideen des Postwachstumsprojekts zu lernen. Einige Vorschläge: Es sollte ein umfassender Schuldenerlass erfolgen, sowohl auf Staatsebene als auch auf der Ebenen einzelner Individuen, mit Ausnahme der ökologischen und kolonialen Schuld. Außerdem muss es zur De-Finanzialisierung der Wirtschaft kommen, angefangen bei einer starken Regulierung der Finanzmärkte und der Besteuerung von Finanzkapital. Dazu müssten Spekulationen und Wetten auf Lebensmittel, Wohnen und Staatsschulden beendet werden.

Zentrale Dienstleistungen könnten nach dem Modell der Commons, also nach dem Prinzip des selbstorganisierten und bedürfnisorientierten Produzierens (und nicht unbedingt durch zentrale staatliche Verwaltung) vergesellschaftet werden. Das schließt auch Schlüsselsektoren der Forschung, wie zum Beispiel die Pharmaindustrie mit ein, die ohnehin öffentlich finanziert wird, aber derer Profite durch Patentieren privat angeeignet werden.

Es bräuchte wieder eine progressive Besteuerung nach dem Modell der 60er Jahre.

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Es bräuchte außerdem die Einführung einer bedingungslosen Autonomie-Grundausstattung, die allen Menschen Zugang zu wesentlichen Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Energie, Information, Nahverkehr sowie zu Gütern des täglichen Bedarfs (Wohnraum, Nahrung, Kleidung) gewährt – finanziert durch eine starke progressive Besteuerung nach dem Modell der 1960er Jahren bis zu einer Deckelung von Maximaleinkommen. Die gesellschaftlich notwendige Arbeit müsste in ihrer Gesamtheit neu gestaltet und gerecht umverteilt werden – und nicht nur Aktivitäten, die nach der jetzigen Wirtschaftsform als produktiv gelten. Damit einhergehen müsste die Aufwertung von Fürsorgearbeit und Zeitpolitiken, die die Betreuung von Kindern, älteren und kranken Menschen in Würde unterstützen.

Produktionsbedingungen sollten einer kollektiven Mitgestaltung unterliegen.

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Eine lokale Diversifizierung der Produktion und der Produktionsformen (ein Mix von Genossenschaften, Unternehmen, solidarischen Ökonomieprojekten) und die kollektive Mitgestaltung von Produktionsbedingungen könnte zudem dazu beitragen, dass die Entscheidungen darüber, was und wie produziert wird, nicht der Wettbewerbslogik des Marktes überlassen werden, sondern kollektiv und demokratisch getroffen werden. Und schließlich müssten Technologien unterstützt werden, die auf den global vernetzten und lokal verwurzelten Commons basieren und jenseits von Patenten und Profiten zum Gemeinwohl beitragen.

Das Projekt einer Postwachstumsgesellschaft ist nicht die Krise, kann aber Wege aus der Krise zeigen und Gesellschaften vom Wachstumsdiktat unabhängig machen.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Melanie Kosch
    Ich kann der Autorin hier nur zustimmen.
  2. von Detlef Wulff
    Ein moderates, qualitatives, nachhaltiges Wachstum wäre sinnvoll. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit deutlich weniger auskommt, es gibt viel Überflüssiges. Andererseits sind die hochwertigen Produkte für die meisten Menschen kaum bezahlbar.

    Die Corona Krise zeigt, dass es sinnvoll wäre lebenswichtige Dinge wie Medikamente und Hygieneartikel für den medizinischen und privaten Bereich wieder im eigenen Land zu produzieren. Der Kapitalismus mit der Globalisierung stößt augenscheinlich an seine Grenzen.

    Auch dem Mobilitätswahn muss Einhalt geboten werden. Man sieht, dass vieles über Videokonferenzen laufen kann.

    Mein Fazit: Die Erde mit all ihren Ressourcen ist "begrenzt",folglich kann es kein "ewiges, unbegrenztes" Wachstum geben.
  3. von Hara Winkler
    Alles gut und schön, auch rational und plausibel, nur wurden die Gedanken ohne den Wirt gemacht, dem Kapital. Das wird auf freiem Wachstum bestehen um weiter Profite erwirtschaften zu können. Und nicht zuletzt werden nach der Corona-Krise die staatlichen Schulden gewaltig sein, so gewaltig, dass sie nach einem Schuldenerlass, oder besser noch, nach einer Steuer auf große Vermögen schreien werden.

    Allerdings sind die Staaten sehr unterschiedlich hoch verschuldet, und die weniger hoch verschuldeten ziehen daraus einen Vorteil, auf den sie nur ungern verzichten werden (wie man auch aktuell am Streit um Euro-Bonds sehen kann). Hier wirkt das alte Herrschaftsprinzip von "spalte und herrsche". Die einzelnen Staaten befinden sich nach wie vor im "Würgegriff" des Kapitals, das sie gegeneinander ausspielen kann.