Postwachstumsökonomie als Lösung? Weniger ist nicht immer mehr: Warum wir qualitatives Wachstum brauchen

Bild von Dierk Hirschel
ver.di-Chefökonom

Expertise:

Dierk Hirschel ist Chefökonom der Gewerkschaft ver.di

Die Krise zeigt, dass wir ein neues Wohlstandsmaß brauchen - jedoch keine neue Logik des Verzichts. Wachstum in den richtigen Bereichen kann unsere Gesellschaft lebenswerter machen.

Corona ist gut fürs Klima. Zunächst vertrieb der Virus den Smog aus Wuhan. Inzwischen ist auch der Himmel über Mailand, Rom und Madrid wieder blau, nachdem die Pandemie Europa heimsuchte.

Die Seuchenbekämpfung hat positive Nebenwirkungen. Geschlossene Fabriken blasen weniger Treibhausgase in die Luft. Wer im Homeoffice sitzt, wegen Kurzarbeit zu Hause ist oder in Quarantäne steckt, fliegt weniger und fährt weniger Auto und Bus. Der weltweite CO2-Ausstoß könnte 2020 um mehr als fünf Prozent sinken. Weder der Kollaps der Sowjetunion noch die große Finanzmarktkrise waren so klimafreundlich.

Deshalb schlägt in der Krise auch die Stunde radikaler Wachstumskritiker. Die Freunde einer Postwachstumsgesellschaft wollen die kapitalistische Verwertungsmaschine jetzt außer Betrieb nehmen. Denn Wachstum lässt sich angeblich nicht vom Energie- und Ressourcenverbrauch entkoppeln. Tatsächlich tendiert die expansive kapitalistische Produktionsweise dazu, Effizienzgewinne durch Mehrproduktion – so genannter Rebound-Effekt – wieder zunichtezumachen.

Ein rein quantitatives Wachstum löst viele soziale und ökologische Probleme nicht.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Zwar gibt es noch gigantische Effizienzreserven zu heben. Ob dies unter kapitalistischen Verhältnissen möglich ist und zu einer Entkoppelung vom Verbrauch führt, muss aber erst noch unter Beweis gestellt werden. Richtig ist auch die Kritik, dass rein quantitatives Wachstum viele soziale und ökologische Probleme nicht löst. Falsch ist jedoch eine Verteufelung jeder Form des Wirtschaftswachstums.

Unwidersprochen ist das Bruttoinlandsprodukt ein miserabler Indikator für Wohlstand und Lebensqualität. Das BIP ist blind für die sozialen und ökologischen Folgen unserer Wirtschaft. Wenn sich eine Massenkarambolage auf der A3 ereignet, steigert der Rettungseinsatz das Sozialprodukt. Die Zerstörung der Natur und der Ressourcenabbau werden nicht im BIP berücksichtigt. Ein neues Wohlstandsmaß ist somit überfällig, eine neue Logik des Verzichts aber nicht.

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein miserabler Indikator für Wohlstand und Lebensqualität.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Weniger ist nicht immer mehr. Wir erleben gerade wie ein krisenbedingt schrumpfendes Sozialprodukt der Gesellschaft schadet. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie zerstören Existenzen und stürzen Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut. Umgekehrt ist mehr nicht immer weniger.

Mehr Erzieherinnen, mehr Lehrer und mehr Altenpfleger vergrößern durch die steigende Lohnsumme das Volkseinkommen und erzeugen dadurch Wirtschaftswachstum. Mehr Windräder, mehr Solaranlagen, mehr Busse und Straßenbahnen steigern ebenfalls das Sozialprodukt. Dieses qualitative Wachstum macht aber unsere Gesellschaft lebenswerter.  

Der sozial-ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft darf durch die Pandemie nicht ausgebremst werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deswegen darf der notwendige sozial-ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft nicht durch die Pandemie ausgebremst werden. Nach der Krise werden Unternehmen klimafreundliche Investitionen aus Kostengründen zurückstellen. Automobilbauer und Energiekonzerne werden versuchen, Umweltstandards zu lockern. Und ein hoch verschuldeter Staat wird große Schwierigkeiten haben das notwendige Kleingeld für den Ausbau umweltgerechter Infrastrukturen zusammenzukratzen. Dann droht ein Rückfall in Zeiten, in denen alles entfesselten Märkten untergeordnet wurde. Getreu dem neoliberalen Motto: Wachstum um jeden Preis. Dazu darf es nicht kommen.

Nach der Krise muss die sozial-ökologische Transformation konsequent vorangetrieben werden. Die ökologische Frage ist zu einer Existenzfrage geworden. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Verkehrs-, Energie-, und Agrarwende ökonomisch vernünftig und sozial verträglich zu gestalten. Im Mittelpunkt eines sogenannten Green New Deals sollte ein grünes Zukunftsinvestitionsprogramm stehen. Dieses muss jetzt angekündigt und schnell umgesetzt werden.

Im Mittelpunkt des Green New Deals sollte ein grünes Invesitionsprogramm stehen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Für eine grüne Verkehrswende muss der Staat kräftig in den öffentlichen Nah- und Fernverkehr investieren. Der Verkehr sollte von Luft und Straße auf die Schiene verlagert werden. Zentral ist zudem der ökologische Umbau der Automobilindustrie. Richtiger Klimaschutz geht nur mit weniger Autos. Ein ökologisches Mobilitätskonzept braucht folglich neue Produkte und Geschäftsmodelle für die Konversion der Autobauer. 

Die Energiewende zielt auf eine Vollversorgung durch erneuerbare Energien. Durch mehr Photovoltaik-Freiflächenanlagen, Solaranlagenzwang auf allen geeigneten Dächern, weitere Flächen für Windkraftanlagen, einen Aus- und Umbau der Stromnetze sowie mehr Strom- und Wärmespeichern kann der Ausbau vorangetrieben werden. Darüber hinaus sollte verstärkt in Energieeffizienz und Energieeinsparung investiert werden.

Eine Agrarwende muss den ökologischen Landbau stärker fördern. Die Massentierhaltung sollte eingeschränkt werden. Der Einsatz von Pestiziden und mineralischen Düngemitteln muss zurückgefahren werden.

Internationale Wertschöpfungsketten müssen stärker regionalisiert werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Des Weiteren sollte mit staatlicher Unterstützung eine funktionierende Kreislaufwirtschaft aufgebaut werden. Die Wegwerfwirtschaft muss zugunsten geschlossener Stoffkreisläufe überwunden werden. Ferner müssen die internationalen Wertschöpfungsketten und Handelsströme stärker regionalisiert werden.

Ein solcher Green-New-Deal darf keine soziale Schieflage produzieren. Deswegen müssen zusätzliche Belastungen für untere und mittlere Einkommensbezieher sowie sozial Benachteiligte ausgeglichen werden. Bezahlt werden muss die sozial-ökologische Transformation von Unternehmen und Einkommensgruppen mit großem ökologischen Fußabdruck.  

Für die sozial-ökologische Wende brauchen wir qualitatives Wachstum.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ein Green New Deal setzt auf qualitatives bzw. selektives Wachstum. Eine pausschale Wachstumskritik ist nicht zielführend. Entscheidend ist vielmehr, was wächst und was schrumpft. In den Industrieländern sollten künftig die umweltfreundlicheren Dienstleistungen – insbesondere die sozialen Dienstleistungen - wachsen. Zudem sollten Sektoren wachsen, die nicht der Profitlogik unterworfen sind. Das sind der öffentliche Sektor, Genossenschaften und gemeinnützige Unternehmen.

Gewerkschaften, Sozialverbände, soziale Bewegungen und progressive Parteien können für einen sozial-ökologischen Umbau breite gesellschaftliche Mehrheiten organisieren. Denn gute Arbeit, ein gutes Leben und der Schutz der Natur sind kein Widerspruch.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.