Wachstumsunabhängige Gesellschaft Warum eine Rückkehr zum Status Quo fatal wäre

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Wirtschaftswissenschaftler

Expertise:

André Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management (ISM). Er ist Diplom-Kaufmann und hat an der Universität Stuttgart in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Er war Gastdozent am Environmental Change Institute der University of Oxford. Er ist ehrenamtlicher Vorstand der elobau-Stiftung in Leutkirch im Allgäu und Aufsichtsratsvorsitzender der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich einer nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, den betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Im Wirtschaftlichen und Sozialen zeigt die Krise: Eine nicht nachhaltige Lebensweise hat dramatische Folgen. Deswegen wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, Neues auszuprobieren - etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein bundesweiter Tauschring.

Die Corona-Pandemie hat für Deutschland einen überraschenden Nebeneffekt: Die Bundesrepublik wird entgegen aller Prognosen ihre Klimaschutzziele für 2020, eine Reduktion der Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent, erreichen und vermutlich sogar übererfüllen. Auch weltweit werden die Emissionen sinken, um voraussichtlich fünf Prozent, ein noch nie dagewesener Wert.

Das alles ist kein Grund zur Freude, zeigt es doch, dass unsere bisherige Art des Wirtschaftens lediglich eine Form kennt, mit der deutliche Schritte beim Klimaschutz erreicht werden können: der dramatischen Abbremsung wirtschaftlicher Aktivitäten und starker Restriktionen demokratischer Freiheiten. Das ist kein nachhaltiger Weg in die Zukunft.

Eine Rückkehr zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen "Status quo" wäre fatal.

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Umso entscheidender wird es sein, welche Lehren wir als Gesellschaft aus der Corona-Pandemie, den getroffenen Maßnahmen und deren Folgen ziehen. Fatal wäre es, wenn sich die Haltung eines „zurück zum Status quo ante“ durchsetzen würde. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass dieser Zustand mit großen Nicht-Nachhaltigkeiten im Ökologischen wie im Sozialen behaftet war. Gerade die sozialen Nicht-Nachhaltigkeiten sind ebenso deutlich geworden.

Systemrelevant sind nicht Vorstandsvorsitzende deutscher DAX-Unternehmen, sondern Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegesystem, in Supermärkten, bei Lieferdiensten inkl. der Gig Economy. Kurz: meistens diejenigen, die keinen oder einen sehr niedrigen Mindestlohn haben und nur unzureichend sozial abgesichert sind.

Der Weg aus der Krise ist der einer beschleunigten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation.

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All das zeigt deutlich, dass der Weg aus dieser Krise ein Weg der beschleunigten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation sein muss. Das schließt auch die Überprüfung und Revidierung der einseitigen Wachstumsfixierung mit ein. Es war die Wachstumswirtschaft, die diese Krise miterzeugt hat.

Das Coronavirus und seine weltweite Verbreitung sind auch eine Folge einer immer weiter in Naturräume eingreifenden Wirtschaftsweise, die imperial geworden ist. In China wurde die Ernährungsindustrie seit den 1990ern dramatisch vergrößert und industrialisiert, auch und gerade durch ausländische Investitionen auf Suche nach Renditen in einem wachsenden Schwellenland.

Der Nebeneffekt: Kleinbauern verloren ihre Lebensgrundlage und wendeten sich neuen Erwerbsmöglichkeiten zu, unter anderem dem Handel mit Wildtieren, einem in den letzten beiden Jahrzehnten boomenden Sektor in China. Das Coronavirus Sars-CoV-2 sprang von einer Fledermaus auf ein solches Wildtier über, ein Schuppentier oder Pangolin. Die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney formuliert deswegen auch folgerichtig, dass eine ganze Welt aus hochindustrialisierter, auf Wachstum und Effizienz getrimmter Landwirtschaft gebraucht hat, um diesen Virus zu schaffen.

Unsere Gesellschaft muss unabhängiger vom Wirtschaftswachstum werden.

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Ein Ausweg aus der Krise, der die Weichen auf Transformation und mehr Nachhaltigkeit stellt und gleichzeitig hilft, die politisch-ökonomischen Ursachen der Krise zu bekämpfen, kann in den Vorschlägen einer Postwachstumsökonomie gefunden werden. Die Postwachstumsökonomie ist ein weites Feld aktivistischer und wissenschaftlicher Perspektiven, denen allen die Vorstellung einer Gesellschaft jenseits des Wachstumsglaubens zu Grunde liegt.

Konservative, sozial-reformerische, suffizienzorientierte, kapitalismuskritische und feministische Richtungen lassen sich dabei unterscheiden. In einem ersten Schritt erscheinen vor allem Maßnahmen geeignet, die eine größere Wachstumsunabhängigkeit unserer Gesellschaft zum Ziel haben. Damit ließen sich auch etwaige Konflikte mit eher klassischen, auch an grünem Wachstum orientierten Vorschlägen überwinden.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um ein steuerfinanziertes Grundeinkommen einzuführen.

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Im sozialen Bereich ist nun der Zeitpunkt günstig, ein steuerfinanziertes Grundeinkommen für prekär Beschäftigte, für in der Krise systemrelevant gewordenen Berufe sowie für kleine Selbstständige einzuführen. Damit würden diese Tätigkeiten resilienter für zukünftige Krisen. Gleichzeitig kann damit in einem überschaubaren Rahmen getestet werden, welche Wirkungen ein Grundeinkommen hat. Die Erfahrungen damit könnten in einem zweiten Schritt die Grundlage für weitergehende Reformen der sozialen Sicherungssysteme liefern.

In der Krise zeigt sich auch der wichtige Beitrag des dritten Sektors, der Zivilgesellschaft und des Ehrenamts. Nachbarschaftshilfen sind jetzt ebenfalls systemrelevant geworden. Es wäre angebracht, verstärkt mit nicht-monetären Leistungstauschsystemen zu arbeiten, in die mit ehrenamtlicher Tätigkeit „einbezahlt“ wird und aus denen dann entsprechend Leistungen  abgerufen werden können.

Mit der Einführung eines "German Exchange Trading System" würde unsere Gesellschaft wachstumsunabhängiger werden.

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Tauschringe sind seit wenigstens hundert Jahren bekannt, ein Beispiel ist der Talente-Tausch im österreichischen Vorarlberg. Die „Talente“ sind dabei eine Zweitwährung, die Teilnehmende bekommen, wenn sie ehrenamtliche Arbeitszeit im Tauschring erbringen und die sie gegen andere Leistungen wieder einlösen können. Wer zwei Stunden einem Nachbarn den Rasen mäht oder für eine ältere Dame einkaufen geht, kann wiederum zwei Stunden aus dem Tauschring an Arbeitszeit abrufen.

Technologisch wäre es durchaus denkbar, so ein System des ehrenamtlichen Leistungstauschs auch in Deutschland bundesweit zu organisieren. Mit einem „German Exchange Trading System“, einem bundesdeutschen Tauschring, würde eine zweite, zivilgesellschaftliche Säule sozialer Sicherung und sozialer Gemeinschaft entstehen, die eine alternative Zivilökonomie schafft und uns gleichzeitig als Gesellschaft unabhängiger vom Wachstum macht.

Die Notwendigkeit eines Green (New) Deal ist unbenommen. Es braucht ein Wachstum neuer Industrien, neuer Unternehmen und neuer Technologien – und es braucht die Schrumpfung und den sozial abgefederten Ausstieg aus alten Industrien, die den Wandel nicht schaffen. Zwei wesentliche Richtungen erscheinen hier aus postwachstumsökonomischer Perspektive wichtig.

Globale Lieferketten müssen verkürzt und re-regionalisiert werden.

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Zum einen die Verkürzung, Re-Regionalisierung und Re-Lokalisierung globaler Lieferketten. Dies dient zum einen der Resilienz bei zukünftigen globalen Schocks, verringert aber gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck des Wirtschaftens durch kürzere Transportwege und bringt Wertschöpfung vor Ort zurück. Dies muss dabei nicht zwingend in Deutschland sein, aber zum Beispiel im Europäischen Binnenmarkt.

Die Industriepolitik muss einen Schwerpunkt auf Materialvermeidung legen.

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Zum anderen braucht es eine klar an Suffizienz orientierte Industriepolitik, die den Schwerpunkt auf Materialvermeidung legt und so die Notwendigkeit großer globaler Ressourcenströme, inklusive der damit verbundenen Eingriffe in Naturräume des globalen Südens drastisch verringert. Das Re-Design, das Re-Manufacturing und die scheinbar altmodische Reparatur von Produkten muss gesetzlich gefördert und eingefordert werden. Dadurch würden neue Wirtschaftszweige entstehen.

Die Krise hat noch weiteres gezeigt: Dass Politik auf Bedrohungen schnell reagieren und, wenn diese Maßnahmen gut kommuniziert und erklärt werden, auch mit großer Zustimmung der Bevölkerung rechnen kann. Wir haben es in der Hand unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln und eben nicht im Status quo verhaftet zu sein. Nutzen wir diese Krise dazu.

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