Nach Brüssel: Ist Religion eine Gefahr für die Gesellschaft? Wie Gewalt in multi-religiösen Gesellschaften verhindert werden kann

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Direktorin Zentrum Moderner Orient

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Prof. Dr. Ulrike Freitag ist Direktorin des Zentrums Moderner Orient und Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie forscht zu Migration und städtischer Gewalt im Orient, auch in historischer Perspektive, zum Osmanischen Reich und ist eine Kennerin Saudi Arabiens.

Gewalt eskaliert nicht von selbst. Ein Blick auf andere Regionen der Welt zeigt: Oft gelingt die religiöse Mobilisierung, wenn andere Formen der Konfliktlösung erschöpft sind. Die Islamwissenschaftlerin Ulrike Freitag über Möglichkeiten zum Erhalt des Friedens in pluralen Gesellschaften - und die Rolle des Staates dabei.

Führt religiöse Differenz zwangsläufig zu Konflikten? Wer den Nachrichten folgt, mag diesen Eindruck gewinnen: Die ägyptischen Muslimbrüder gingen gegen Kopten vor, Sunniten und Schiiten bekämpfen sich im Irak, in Nordirland flammt der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken von Zeit zu Zeit auf. Aus unserem Alltag kennen wir regelmäßige, wenn auch bislang meist friedlich ausgetragene Konflikte – um die Zulässigkeit des Schächtens, das Tragen religiöser Symbole im öffentlichen Raum (Kruzifix- und Kopftuchstreit) oder den Bau von Minaretten. Schändungen jüdischer Friedhöfe, Angriffe auf Moscheen oder die Pariser Morde an Karikaturisten erinnern uns an das Gefahrenpotential religiös motivierter Gewalt.Um das Gewaltpotenzial von Religion zu klären, muss zunächst deutlich werden, welche Rolle sie in einer säkularen, offenen Gesellschaft spielt. Erst dann lässt sich beurteilen, ob sie eine größere Gefahr darstellt als andere kulturelle Differenzen, und wie man gegebenenfalls damit umgehen kann.

Welche Rolle also spielt Religion in einer offenen Gesellschaft? In vormodernen Gesellschaften dominierten entweder Systeme der Verfolgung religiöser Differenz (so im Spanien der Reconquista oder in Zentraleuropa während des Dreißigjährigen Krieges) oder aber ihre Duldung bei gleichzeitiger rechtlicher Schlechterstellung der Minderheiten. Dieses Modell war etwa im Osmanischen Reich vorherrschend, das heute oft romantisierend als Vorbild des multireligiösen und -ethnischen Vorderen Orients erinnert wird. Unter dem Vorzeichen der Säkularisierung wurden Staat und Gesellschaft getrennt, religiöse Institutionen verloren an Einfluss. Dies kann konkret sehr unterschiedliche Formen annehmen: Frankreichs Laizismus trennt radikal zwischen Kirche und Staat bis hin zum Verbot religiöser Symbole im staatlich dominierten öffentlichen Raum.

In Deutschland gibt es trotz der strikten rechtlichen und organisatorischen Trennung weiterhin vielfältige Verbindungen zwischen den Kirchen und dem Staat. So organisiert der Staat in ihrem Auftrag vielerorts den Religionsunterricht oder zieht Kirchensteuer ein. Die Betonung christlicher Werte findet sich im Namen der bundesweit stärksten Partei wieder. Auch in vielen muslimischen Staaten ist der institutionelle Einfluss der Religion in den letzten hundert Jahren stark zurückgegangen, doch nur die Türkei und Tunesien sind dezidiert säkulare Staaten.

Welche Rolle spielt die Religion? Für Gläubige ist sie untrennbarer Teil ihres Weltbildes und Quelle spiritueller Kraft. Sie stellt ein ethisches Grundgerüst bereit und ist für viele zentraler Bestandteil ihrer Identität. Ferner wirkt sie gemeinschaftsbildend und damit der Isolation entgegen. Dies spielt in zunehmend mobilen Gesellschaften eine wichtige Rolle. Von besonderer Bedeutung ist es für Migranten und Flüchtlinge, die ohne familiäre Unterstützung unterwegs sind. Gesellschaftlich sind die Religionsgemeinschaften ein wichtiger Akteur der Zivilgesellschaft, dessen zentrale Rolle im Bereich von Wertevermittlung, aber auch in praktischen Fragen der sozialen Dienste staatlicherseits anerkannt wird. Eine solche, positive Rolle ist nach der Verfassung keineswegs den christlichen Kirchen vorbehalten. Sie steht prinzipiell allen Religionsgemeinschaften offen, auch wenn die organisatorischen Voraussetzungen oft kompliziert sind. Dies zeigt die Frage des konfessionellen Religionsunterrichts.

In Deutschland gelingt es inzwischen oft, Raum für nichtchristliches religiöses Leben zu schaffen.

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Die Teilhabe nichtchristlicher Gemeinschaften ist in den vergangenen Jahrzehnten auf vielen Ebenen verhandelt worden, ausgelöst durch die Rückkehr jüdischer Religionsgemeinschaften nach dem Zweiten Weltkrieg und die Zuwanderung muslimischer Arbeitskräfte und Flüchtlinge. Die Aufregung über die oben genannten Konflikte lässt häufig vergessen, dass es seit Jahren konstruktive Anstrengungen gibt, Raum für nichtchristliches religiöses Leben zu schaffen. Dies gilt in traditionell gemeindlich organisierten Bereichen wie Sozialarbeit, aber auch bei der Anpassung von Rechtsnormen. Dabei geht es nicht um die Einführung der Scharia, sondern um praktische Fragen wie etwa die Zulässigkeit der männlichen Beschneidung oder die Schaffung von Möglichkeiten für muslimische Begräbnisse. Oft sind Kompromisse notwendig, die leichter zu erreichen sind, wenn es für alle Seiten verbindliche Regeln und Konfliktlösungsmechanismen gibt.

Religion kann - weil sie eine tiefe und persönliche Bindung begründet, zur sozialen Mobilisierung missbraucht werden.

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Der konstruktive Beitrag der Religion für den Zusammenhalt des Gemeinwesens schließt nicht aus, dass Religion missbraucht werden kann: Gerade weil sie – ähnlich wie Familie – eine sehr tiefe und persönliche Bindung begründet, kann sie zur sozialen Mobilisierung ge- und missbraucht werden. Hierfür gibt es nicht nur im Vorderen Orient, sondern auch in der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte von der Judenverfolgung bis zum Jugoslawienkonflikt viele schmerzhafte Beispiele.

Religiöse Gewalt eskaliert dort besonders, wo Gemeinschaften sozial, wirtschaftlich und räumlich getrennt leben.

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Kann man aus den historischen und aktuellen Erfahrungen lernen? Aktuelle historische Forschung über religiöse Gewalt im Vorderen Orient zeigt, dass diese besonders dort eskalierte, wo verschiedene religiöse Gemeinschaften sozial, wirtschaftlich und räumlich getrennt lebten. Je stärker sie auf verschiedenen Ebenen integriert waren, je ausgeprägter war das Bestreben, die Nachbarn im Konfliktfall zu schützen. Dies lässt sich bis auf die Ebene einzelner Stadtviertel nachvollziehen.

Gewalt eskalierte nicht von selbst – oft wurden verschiedene friedliche Formen des Protests erschöpft, bevor zu gewaltsamem Widerstand oder konfessioneller Mobilisierung gegriffen wurde. Ferner spielte die Position des Staats eine entscheidende Rolle. Insofern zeigen sich hier ähnliche Muster wie bei religiösen Konflikten in Europa.

Die Eskalation lokaler religiöser Konflikte kann durch die globale Vernetzung exponentiell beschleunigt werden.

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Neu ist heutzutage die globale Vernetzung, welche die Eskalation von lokalen Konflikten auf transnationaler Ebene stark befördert. Dieses Phänomen konnten wir in seiner exponentiellen Beschleunigung von der Rushdie-Affäre bis zu den Karikaturenstreits beobachten.

Je stärker das Gefühl der Stigmatisierung, desto größer die Gefahr der Mobilmachung entlang religiöser Demarkationen.

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Dennoch scheinen auch im Blick auf das heutige Europa einige Konstanten zu existieren: Je stärker das Gefühl von Stigmatisierung und Ausgrenzung ist, je mehr ganze Bevölkerungsgruppen mit bestimmten (religiösen) Merkmalen identifiziert werden, umso größer die Bereitschaft, sich entlang eben dieser Demarkationen mobilisieren und gegebenenfalls radikalisieren zu lassen. Je besser es gelingt, unaufgeregte Lösungen für religiös bedingte Differenzen zu finden, je unparteiischer der Staat als Schiedsinstanz wahrgenommen und akzeptiert wird, umso leichter wird hingegen die gesellschaftliche Integration fallen. Schließlich macht das gleichberechtigte Nebeneinander von Menschen verschiedener auch religiöser Überzeugungen erst eine offene Gesellschaft aus und ist damit ein Grundbestandteil unserer freiheitlichen Grundordnung.

---  Weitere Beiträge in dieser Debatte: Yasemin El-Menouar schreibt: Die Deutschen haben ein Zerrbild von dem, was fromme Muslime in Deutschland denken.

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