Glaube und Widerspruch Religionen haben ein Konfliktpotenzial und bedürfen der Auseinandersetzung

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Präsident Caritas

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Prälat Dr. Peter Neher ist seit Mai 2003 Präsident des Deutschen Caritasverbandes

Religionen können Gesellschaften positiv prägen und einen wertvollen Beitrag für das Zusammenleben von Menschen leisten. Von daher liegt es nahe, den Schluss zu ziehen, dass die Gewalttaten von Extremisten nichts mit der eigentlichen Religion zu tun haben. Dies greift jedoch zu kurz: Jede Religion muss sich damit auseinandersetzen, wenn Gewalt in ihrem Namen ausgeübt wird. Das galt für die Katholische Kirche, das gilt auch für die Islamischen Gemeinden.

Religionen können dazu motivieren, Gutes zu tun. Sie prägen Menschen bzw. deren Grundhaltungen und vermitteln Werte. Nicht selten führt gerade die religiöse Überzeugung dazu, dass sich Menschen für andere in deren Not einsetzen. Kurz: Religionen können Gesellschaften positiv prägen und einen wertvollen Beitrag für das Zusammenleben von Menschen leisten. Von daher liegt es nahe, den Schluss zu ziehen, dass die Gewalttaten von Extremisten nichts mit der eigentlichen Religion zu tun haben. Dies greift jedoch zu kurz: Jede Religion muss sich damit auseinandersetzen, wenn Gewalt in ihrem Namen ausgeübt wird.

Religiöse Regeln können fatale Wirkung entfalten, wenn sie als direkt offenbarte Gesetze verstanden werden.

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Nicht nur der aktuell problematisierte Islam, auch das Christentum kennt unzählige Beispiele für Gewalt, Unrecht und Leid im Namen des Kreuzes, wenn Menschen im Glauben handelten, die Wahrheit einer religiösen Botschaft mit allen Mitteln verbreiten oder verteidigen zu müssen. Was man auf den ersten Blick als mittelalterliches Denken abtun könnte, deckt eine besondere Dynamik auf. Religiöse Wahrheiten und Regeln, die das menschliche Zusammenleben ordnen, können besonders dann fatale Wirkungen entfalten, wenn sie im Sinne von direkt offenbarten Gesetzen verstanden und weitergegeben werden. Sie gelten dann nicht weil sie inhaltlich einsichtig sind, sondern ausschließlich aufgrund der göttlichen Autorität. So verstandene religiöse Gesetze dulden keine Widersprüche.

Wer so argumentiert, rechnet weder mit dem Menschen und seiner sozialen Befindlichkeit noch mit geschichtlichen Bedingungen in der Entwicklung von Religionen. Gesetze, die einem göttlich offenbarten Buch wörtlich entnommen werden und nicht auf ihren historischen Entstehungskontext hin untersucht werden dürfen, bergen die Gefahr in sich, mögliches Gewaltpotential als zeitlos gültig zu behaupten. Die Entwicklung der historisch-kritischen Reflexion biblischer Texte, wie wir sie im Christentum heute kennen, kann vor diesem Hintergrund nicht hoch genug gewürdigt werden. Bis die biblischen Texte historisch-kritisch betrachtet werden durften, war es jedoch ein langer Weg.

Keine göttliche Weisung kann Gewalt rechtfertigen, das hat das Christentum von der Aufklärung gelernt.

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Religionen unterliegen Lernprozessen, wenn Platz für Reflexion und Auseinandersetzung ist. Hierzu gehört auch die Auseinandersetzung mit Gewalt, die im Namen einer religiösen Wahrheit geschieht. Dass dies kein leichtes Unterfangen ist, liegt auf der Hand. Dennoch ist sie nötig um des Unrechts Willen, das Menschen unter dem religiösen Deckmantel angetan wurde und wird. Auch wenn es im Namen einer höheren Wahrheit geschieht: Schmerz, Leid und Unrecht bleiben Schmerz, Leid und Unrecht. Dass keine göttliche Weisung Gewalt rechtfertigen kann, ist eine Erkenntnis, die wir im Christentum nicht primär der eigenen innerreligiösen theologischen Auseinandersetzung verdanken, sondern der Kritik der Aufklärung. Auch wenn man heute um diesen Reflexionsschritt aus religiöser Sicht dankbar sein muss. Der hierfür notwendige Anstoß kam von außen!

Eine katholische Auseinandersetzung mit dem Unrecht, das im Namen des katholischen Glaubens ausgeübt wurde, kam spät. Umso bemerkenswerter war und ist das Schuldbekenntnis Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2000, das dieser gegen innerkirchliche Widerstände durchsetzen musste. Dieses Ereignis spiegelt nicht nur eine solche Auseinandersetzung wider, sondern macht auch deutlich, dass es sich dabei um eine bleibende Aufgabe handelt.

Das Problem der Religionen ist, dass jede den Anspruch auf Wahrheit verkündet. Hier ist Toleranz gefragt.

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Eine Herausforderung für Religionen in pluralen Gesellschaften liegt darin, dass andere Religionsgemeinschaften gleichermaßen den Anspruch erheben, die Wahrheit zu verkünden. Ein solches Miteinander erfordert Toleranz. Hierin zeigt sich die Notwendigkeit der Religionsfreiheit als Recht, den eigenen Glauben leben zu dürfen und nicht zu einem bestimmten Glauben gezwungen zu werden. Innerhalb des Katholizismus setzte sich dieses Recht erst im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) durch. Forderte die Kirche vorher Staaten auf, die Wahrheit in Form des Katholischen Glaubens zu schützen und andere Religionen um des gesellschaftlichen Friedens willen maximal zu tolerieren, ging man nun andere Wege: Nicht die Wahrheit gilt es zu schützen, sondern das in der Menschenwürde begründete Recht des Einzelnen, nach der Wahrheit zu suchen.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gilt: Nicht die Wahrheit steht im Mittelpunkt, sondern der Einzelne.

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Eine Forderung, die nur unter der Bedingung äußerer Freiheit und damit ohne Zwang in Glaubensfragen möglich ist. Damit stand nicht mehr die Wahrheit, sondern der Mensch mit dem Recht auf Religionsfreiheit im Mittelpunkt. Der Weg zu dieser gedanklichen Wende, die im Umgang mit der religiösen Wahrheit sichtbar wird, war lang. Er bietet aber die Grundlage für eine veränderte Begegnung mit anderen Gläubigen. Als beispielsweise Papst Johannes Paul II. 1986 zum Gebet der Weltreligionen in Assisi einlud, trafen sich Vertreter unterschiedlicher religiöser Gruppierungen um zu beten. Jeder betete auf seine Weise unter dem Beisein der anderen. Ein gemeinsames Gebet fand nicht statt, alle konnten sich aber als Suchende nach der Wahrheit erfahren und damit ein Zeichen für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Religionen setzen.

Menschen, ob religiös oder nicht, müssen andere Meinungen aushalten und sich hinterfragen lassen.

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Ohne Vielfalt und Meinungsfreiheit wäre unsere Gesellschaft eine andere. Kritik ist hierbei ein notwendiger Teil und Ausdruck dieses Grundrechts. Menschen, ob religiös oder nicht, müssen andere Meinungen aushalten, sich hinterfragen lassen und sich mit Kritik auseinandersetzen, auch wenn sie verletzend ist. Dies verlangt aber auch Sensibilität und Rücksichtnahme, speziell dann, wenn es um die Gefühle anderer geht. Denn nicht alles, was als Kritik daher kommt, ist auch im guten Sinne Kritik. Es geht in einer pluralen Gesellschaft nicht ohne Kompromisse zwischen dem eigenen Recht auf Meinungsfreiheit und der Rücksicht auf andere. Diese Kompromisse können aber nicht von außen auferlegt werden. Es braucht auch mutige Akteure in der öffentlichen Auseinandersetzung, die „Schmähkritik“ als solche bezeichnen und damit zu einer Kultur der Kommunikation beitragen, die Kritik mit der Wahrung des Respekts vor dem Glauben anderer verbindet. Man kann durchaus für uneingeschränkte Meinungsfreiheit eintreten und gleichzeitig Meinungen sehr deutlich kritisieren, wenn sie die Anforderung des Respekts und der Würde des Menschen grob verletzen. Das ist kein Widerspruch, ganz im Gegenteil. Denn die freie Meinung muss sich in einer freien Gesellschaft eben auch der frei geäußerten Kritik stellen.

Das Verhältnis von Islam und islamistischer Gewalt müssen zuvorderst die islamischen Gemeinden klären.

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Im welchem Verhältnis islamistische Gewalt zum Islam steht und worin die Gründe für eine fundamentalistische Koranauslegung liegen, ist zuvorderst eine Aufgabe der islamischen Gemeinschaft selbst. Lernprozesse finden innerhalb von Religionen statt. Jede Religionsgemeinschaft bedarf aber der Anstöße von außen und muss sich Diskursen stellen. Wenn Gewalt im Namen des Glaubens ausgeübt wird, fordert dies jedoch alle Menschen heraus. Es ist notwendig, innerreligiöse Entwicklungen im Diskurs zu begleiten und unterschiedliche Bestrebungen zu hinterfragen bzw. zu befördern.

Plurale Gesellschaften müssen sich immer wieder der Frage stellen, wie die Menschen zusammen leben wollen und können. Die Frage nach Glaube, Religion und Weltanschauung darf dabei nicht ausgeklammert werden. Schließlich handelt es sich hierbei um wesentliche Haltungen, die dem Menschen in seiner Existenz Halt geben und Zukunft eröffnen können. Dass diese Auseinandersetzungen nicht immer geradlinig verlaufen, lange dauern und oftmals schwer fallen, zeigt beispielsweise die Geschichte der katholischen Kirche. Diese Geschichte zeigt aber auch, dass ein solcher Weg möglich ist und sich lohnt.

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