Gefährdet Religion den gesellschaftlichen Frieden? Religion war und ist ein Zündstoff

Bild von Mina Ahadi
Politische Aktivistin, u.a. Zentralrat der Ex-Muslime

Expertise:

Mina Ahadi ist politische Aktivistin. Sie stammt aus einer Familie mit aserbaidschanischen Wurzeln im Iran. 1990 ging sie ins Exil, nachdem sie jahrelang im Iran im Untergrund gelebt hatte. Seit 1996 lebt sie in Köln. Ahadi ist Leitungsmitglied der Arbeiterkommunistischen Partei Irans, Gründungsmitglied des Internationalen Komitees gegen Steinigung, des Komitees gegen Todesstrafe und des Zentralrats der Ex-Muslime, einer Vereinigung von Atheisten, die einmal Muslime waren.

Die Migranten, die zurzeit nach Deutschland kommen, werden vor allem als Muslime betrachtet. Das ist fatal, sagt die politische Aktivistin und Exil-Iranerin Mina Ahadi. Denn wo Religion zentrale Zutat von Identität ist, ist sie Ursache für Diskriminierung, Apartheid und Streit.

Eine multireligiöse Gesellschaft wäre nicht friedlicher, sie ist ein gefährliches politisches Konstrukt.

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Ich höre jetzt schon seit 20 Jahren den Begriff mulitikulturelle Gesellschaft, und es tut mir jedes Mal weh. Die schrecklichsten Dinge wie Ehrenmorde und Zwangsehen werden damit als kulturell und/oder religiös abgestempelt und somit verharmlost. Wenn Menschenrechtsverletzungen als Kultur bezeichnet werden, was wird dann erst einmal im Namen einer multireligiösen Gesellschaft erlaubt sein?

Religion ist eine Privatsache, die nicht mehr und mehr ins öffentliche Leben gebracht werden darf.

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Fall zu mehr Frieden oder Toleranz in der Gesellschaft führen; genau wie mulitkulturell ist es ein politisches Konstrukt mit gefährlichen Folgen. Die deutsche und auch die europäischen Regierungen haben Immigranten immer erstmal eine religiöse Identität gegeben, und ihnen mit dieser Politik den Schutz und die Würde universeller Menschenrechte entzogen. Wer zieht den größten Nutzen daraus, wenn die Religion zur Hauptidentität der Flüchtlinge gemacht wird in einer modernen Gesellschaft wie Deutschland?

Anstatt darüber nachzudenken wie viel Religion die Flüchtlinge brauchen oder in Deutschland akzeptabel ist, sollten wir uns daran machen, die Grundrechte und Gleichberechtigung für alle zu verteidigen. Und das kann nur kommen, wenn die Debatte um Religion in der Gesellschaft ehrlich geführt wird: Religion ist eine Privatsache, die Privatsache bleiben muss und nicht wegen missverstandener oder politisch strategischen Berechnungen mehr und mehr ins öffenliche Leben gebracht werden darf. Daran sollten wir als Gesellschaft arbeiten. Und das gilt für die heimische Kirche wie für den Islam und alle anderen Religionen.

Neue Bürger sollten sich in einem so weit wie möglich neutralen Milieu integrieren können.

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Als Gegengewicht zur vorherrschenden, religiös-orientierten Flüchtingspolitik bauen wir momentan ein säkuläres Netzwerk der Solidarität und Unterstützung auf. Es soll den neuen Bürgern ermöglichen, sich in einem so weit wie möglich neutralem Milieu zu integrieren und sich an die neue Gesellschaft zu gewöhnen. Hier können vor allem säkuläre und atheistische Flüchtlinge (von denen es viele gibt!) eine wichtige Rolle spielen. So wie wir allen Frauen und Männern sowie Mädchen und Jungen ohne Zuwanderungsgeschichte ermöglichen, Schullaufbahn, Beruf, Hobby, Freundeskreis und Ehepartner frei zu wählen, sollten wir auch den Neubürgern das gleiche Recht zugestehen. Stattdessen werden Einwanderer aus islamisch geprägten Ländern durch Politik, Wohlfahrtsverbände und Presse pauschal der Gruppe der Muslime zugerechnet, denen man offensichtlich diese Grundrechte nicht zumuten möchte. Familialismus, Virginität, arrangierte Ehe, Kopftuch und religiöse Kleidung am Arbeitsplatz, das alles sind Aspekte kulturell vormoderner Gesellschaften, die gegen die universellen Menschenrechte verstoßen und kein schützenswertes Kulturgut.

Multikulturell als Begriff ist nur dann akzeptabel, wenn jeder, ohne Nachteile befürchten zu müssen, selbst entscheiden kann, ob er religiös oder religionsfrei leben möchte, welche Bücher er liest oder nicht liest, welche frei zugänglichen Informationsquellen er nutzt. Solange das nicht der Fall ist und solange sogar die Meinungs- und Pressefreiheit, der Indikator einer wirklich liberalen Gesellschaft, auf dem Altar des Multikulturalismus geopfert wird, empfinde ich den Begriff als Übergriff und Erniedrigung. Wenn jetzt multireligiös als neuster Begriff verwendet wird um das widerzuspiegeln, was angeblich in Deutschland los, ist dann ist das verheerend, denn was wird damit gesagt? Das auch Deutsche religiöser geworden sind? Und das dies das bestimmende Merkmal der Menschen sein sollte? Das ist eine gefährliche Lüge, denn wenn man sich die Welt und ihre Geschichte ansieht, dann sieht man das Religion oftmals der Zündstoff war und immer noch ist.

Ist Religion die Grundform von Identität, bleibt sie Ursache für Geschlechterdiskriminierung, Apartheid und Streit.

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Anstatt unsere Städte und Straßenzüge in Religionsvölker aufzuspalten oder noch mehr religiöse Sonderrechte zu etablieren, sollten wir uns auf die Prinzipien der Renaissance, der Französischen Revolution und der allgemeinen Menschenrechte besinnen: ein Gesetz für alle, jeder Mensch ist unabhängig von der Herkunft oder Religion seiner Eltern Träger der unantastbaren Menschenwürde und aller Grundrechte. Nur das kann die Basis für ein harmonisches Zusammenleben sein, alle anderen Grundformen von Identität bleiben Ursache für Geschlechterdiskriminierung, Apartheid und Streit.

---  Lesen Sie hier ein Porträt der Autorin von Tagesspiegel-Redakteurin Barbara Nolte.

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