Religionen stärken die Gemeinschaft Es braucht mehr Dialog, nicht mehr Kampf

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Ministerialdirigent Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Expertise:

Dr. Bernhard Felmberg ist Ministerialdirigent im BMZ und außerdem ehrenamtlich als Pfarrer tätig, unter anderem in der Kapelle des Berliner Olympiastadions und in der Grunewaldkirche.

Es ist viel von einer „Renaissance der Religion“ die Rede - und seitdem Terroranschläge im Namen Gottes verübt werden, haben viele Menschen vor dieser  „Rückkehr“ Angst. Aber wer bei den Integrationsbemühungen die Komponente der Religion ausklammern will oder sie nicht hinreichend beachtet, weil sie für ihn selbst nur eine marginale Rolle spielt, riskiert, dass die Integrationsbestrebungen von vornherein scheitern.

Kürzlich hat Bundespräsident Gauck die derzeitige Lage in Deutschland mit der Wiedervereinigung verglichen. Bezogen auf die Flüchtlinge sagte er: „Wir müssen Zusammenhalt wahren zwischen denen, die hier sind, aber auch Zusammenhalt herstellen mit denen, die hinzukommen. Es gilt, wiederum neu, die innere Einheit zu erringen.“ Wie kann uns das gelingen?

Integration, die  Schaffung einer „inneren Einheit“, ist weit mehr als bloßer Spracherwerb, der Bau von Wohnungen oder die Schaffung von Arbeitsplätzen. Integration bedeutet einen dynamischen, lang andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens. Hierbei wird bei aller Verschiedenheit das Gemeinsame gesucht und gefunden. Entscheidend für das Gelingen von Integration ist, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird – offen und konstruktiv, damit Deutschland ein tolerantes und lebenswertes Land für alle bleibt. Oder ablehnend bis hasserfüllt, so dass diejenigen die Oberhand gewinnen, die in ihrer Einfalt Angst vor der Vielfalt schüren. Dabei ist unserem demokratischen Staatswesen Vielfalt nicht fremd, im Gegenteil: Es rechnet mit der Verschiedenheit, mit der Pluralität der Meinungen und fordert diese geradezu.

Religionen spielen im Dialog über Werte eine entscheidende Rolle.

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Demokratie lebt von der Auseinandersetzung, vom Meinungsstreit über den besten Weg. Dieser Meinungsstreit ist in unserem Staatswesen durch die Verfassung kultiviert und erhält durch sie einen Rechtsrahmen, der für alle gleichermaßen verbindlich ist – auch für die Religion und dafür, wie sie in Deutschland praktiziert und gelebt werden kann. Einen Dialog über gemeinsame Werte kann folglich nur führen, wer diesen Rechtsrahmen kennt und seine Grundlagen achtet. In diesem Dialog spielen Religionen eine entscheidende Rolle.

Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat wiederholt betont: „Die Kraft der Religionen kann Menschen zusammenführen. Sie kann das Bewusstsein der Einzelnen für das Ganze der Welt schärfen. Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung haben hier ihren Sitz im Leben.“

Es geht nicht um Religionen an sich, es geht um ihre Rolle in der Gesellschaft.

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Denn wir leben in einer religiös geprägten Welt. Über 80 Prozent der Weltbevölkerung fühlen sich einer Religion zugehörig. Die Weltreligionen nehmen an Bedeutung zu. Von einer „Renaissance der Religion“ ist die Rede. Und seitdem Terroranschläge im Namen Gottes verübt werden, haben viele Menschen vor dieser  „Rückkehr“ Angst. Dabei wird übersehen, dass Religion in den meisten Gegenden der Welt nie verschwunden war. Zurückgekehrt ist nicht die Religion, sondern die Frage nach der Rolle von Religion in der Gesellschaft und im öffentlichen Raum. Durch die Zuwanderung von Menschen aus religiös geprägten Gesellschaften stellt sich diese Frage auch in Deutschland neu – und lässt uns leicht vergessen, dass auch unsere eigene Geschichte  jahrhundertelang durch gewalttätige Auseinandersetzungen, Religionskriege und konfessionelle Spaltung geprägt wurde.  

Die Anerkennung religiöser Vielfalt hat auch bei uns mindestens genauso lange gedauert wie die Anerkennung und Etablierung eines politischen Systems, das Vielfalt voraussetzt und respektiert: die Demokratie. In religiöser Hinsicht galt im 16. Jahrhundert in Deutschland die Regel: Nicht Integration, sondern Exklusion. Dies war nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 der Weg, um eine lange Friedensperiode zu gewährleisten.

Nach 1945 kamen Andersgläubige nach Deutschland - und es kam zu einem Ökumeneschub.

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Erst mit den Flüchtlingen nach 1945 wurden die konfessionell homogenen Regionen in Deutschland in eine religiöse Heterogenität überführt: Nun lebten in protestantischen Gebieten Katholiken und umgekehrt. Diese Entwicklung führte letztlich zu einem Ökumeneschub und zur Anerkennung des religiös Anderen - unter Beibehaltung der eigenen religiösen Identität und Spezifik.

Alle Religionen müssen die Verfassung anerkennen.

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Im Gegensatz zum 16. Jahrhundert lautet die Regel des 21. Jahrhunderts: Integration statt Exklusion! Das setzt voraus, dass die in Deutschland existierenden Religionen die Verfassung anerkennen und den durch sie gesetzten Rahmen annehmen. Zweifellos ist religiöse Vielfalt in einem Land eine Herausforderung – aber auch eine große Chance, wenn sie nämlich ihr positives Potenzial für Frieden und eine starke Gesellschaft entfaltet.

Wie Religion sich für Frieden und Verständigung einsetzen kann, haben wir im vergangenen Jahr in Deutschland selbst erlebt: Ohne den Beitrag von mehr als 100 000 Ehrenamtlichen aus den beiden großen Kirchen wäre die Versorgung der Flüchtlinge unmöglich gewesen. Und vielleicht noch wichtiger als die Versorgung mit Kleidung und Nahrung war das Signal an die Neuankömmlinge: Die Gläubigen der Mehrheitsreligion in Deutschland, dem Christentum, kümmern sich um euch – egal, welcher Religion ihr angehört.

Bei den Neuankömmlingen ist Religion ein zentraler Bestandteil des Lebens. Das ist ungewohnt für uns.

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Das schafft Vertrauen, öffnet Räume für Gespräche und bietet so Anknüpfungspunkte für die Integration. Denn die setzt auch voraus, dass die Thematik des Religiösen im Dialog mit den Neuangekommenen eine zentrale Rolle spielt. Vielleicht ist sogar die Aufklärung über unser Verständnis vom Miteinander der Menschen in religiösen Fragen wichtiger als vieles andere. Es kommt dem Verstehen der Sprache gleich, weil die Religion für diejenigen, die kommen, in einem Maße zentraler Bestandteil ihres Lebens ist, wie es selbst für einen durchschnittlich gläubigen Katholiken oder gar Protestanten kaum mehr vorstellbar ist. Wer bei den Integrationsbemühungen die Komponente der Religion nicht hinreichend beachtet, weil sie für ihn selbst nur eine marginale Rolle spielt, riskiert, dass die Integrationsbestrebungen von vornherein scheitern.

Wenn die Religionen weltweit koopieren, hilft das bei der Bewältigung der globalen Krisen.

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Auch in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit müssen wir das positive Potenzial der Religionen besser als bisher einbeziehen. Dazu hat Bundesminister Dr. Müller im Februar erstmals eine umfassende Strategie zur Rolle der Religionen in der Entwicklungszusammenarbeit vorgelegt. Zukünftig werden wir überall dort die Partnerschaft mit den Religionen ausbauen, wo wir gemeinsam mehr zur Stärkung einer globalen Wertegemeinschaft und zur Bewältigung der globalen Herausforderungen erreichen können. Denn um die Folgen des Klimawandels und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in den Griff zu bekommen und Armut und Hunger weltweit zu bekämpfen, brauchen wir Kooperation statt Konfrontation - und einen Dialog der Kulturen statt eines Kampfes der Kulturen.

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