Nach Brüssel: Ist Religion eine Gefahr für die Gesellschaft? Die Deutschen und der Islam - ein potentieller Kulturkampf

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Historiker und Publizist

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Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Bis 2012 lehrte er an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte. Zuletzt erschien von ihm "Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie" (dtv 2017).

Die Deutschen politisieren die Religion, vor allem den Islam. Die Religion wird so in der säkularen Gesellschaft zur weltlichen Glaubensfrage - und birgt das Potential für den nächsten Kulturkampf, schreibt der Historiker Michael Wolffsohn

Der empirische Befund ist eindeutig. Immer weniger deutsche Geburtschristen üben ihr Christentum aus oder verfügen über christliches Basiswissen. Das zu sagen, heißt nicht, es gäbe keine praktizierenden Christen mehr in Deutschland. Sie bilden jedoch, anders als noch in der bundesdeutschen Frühzeit, nicht mehr die Mehrheit der Deutschen.

Das seit der Iranisch-Islamischen Revolution von 1979 und den Mega-Terror-Anschlägen von Muslimen (nicht „der“ Muslime), zuletzt am 22. März in Brüssel, wiedererwachte Interesse an der Religion hat in Deutschland und West-Europa selten religiöse Gründe. Es gilt den Ursachen des Islam-Terrors und der empirisch berechtigten Angst vor diesem.

Das scheinbar religiöse, tatsächlich sicherheitspolitisch bedingte Interesse an der politisch-gesellschaftlichen Dimension des Islam ist vom einwanderungspolitischen nicht zu trennen. Der Kern der heutigen Islamisten in Europa stammt inzwischen aus Europa oder wurde hier gewendet. Erinnert sei an die Terrorgruppe vom 11. September 2001. Sie kam aus Hamburg. Sie entstammte unserer Gesellschaft. Gleiches gilt bezogen auf die meisten Attentäter von Madrid, London, Paris und Brüssel. Es könnte auch Berlin sein.

Als Religion ist der Islam den Deutschen egal. Sie interessiert nur seine politisch-gesellschaftliche Dimension.

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Es ist eine Binsenweisheit: „Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber die meisten Terroristen der Gegenwart sind Muslime.“ Folglich wollen die verunsicherten Deutschen, wie die übrigen Europäer, „die“ Westler, mehr über den Islam wissen. Als Religion ist er den religiös „unmusikalischen“ Deutschen allerdings „wurscht“ oder, sagen wir es gewählter: Der Islam ist den meisten Deutschen mindestens so unwichtig wie Christentum und Judentum. 

In einem vom Erfinder und seinen Anhängern wohl nicht gemeinten Sinn trifft die Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ zu: Der Großteil der in Deutschland lebenden Muslime praktiziert den Islam tatsächlich, während Christen und Juden weitgehend areligiös, antireligiös oder religiös indifferent sind. Ob jene Muslime ihren Islam auch besser kennen und verstehen als die einheimischen Christen ihr Christentum und die hiesigen Juden ihr Judentum, sei dahingestellt.

Die Mehrheit der Deutschen versteht die Frage nach dem Verhältnis zum Islam politisch, nicht religiös.

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Dieser nur scheinketzerischen Sicht entsprechend, gehört heute der von Muslimen in Deutschland ausgeübte Islam eher zu Deutschland als das kaum noch wirklich gelebte Christen- und Judentum. Mit anderen Worten: Religiös sind das Christentum und das nur politisch-qualitativ wichtige, doch quantitativ gänzlich unbedeutende Judentum nur noch Randerscheinungen im heutigen Deutschland. Dass sie trotzdem als „gesellschaftlich relevant“ gelten und deshalb ihre Vertreter in politische, gesellschaftliche, mediale und kulturelle Einrichtungen entsenden, ist dem (noch) halbwegs traditionsbezogenen Willen der politischen Entscheidungsträger, ihrer Nostalgie, Sentimentalität plus Opportunität, doch nicht mehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland geschuldet.

Die Haltung zum Islam ist eine weltliche Glaubensfrage geworden und enthält das Potential zum Kulturkampf.

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Wie man es dreht und wendet: Religion und Nation, Islam und Deutschland – die Mehrheit der deutschen Gesellschaft versteht dieses Thema allgemein- und gesellschaftspolitisch politisch und nicht religiös. Das verringert nicht den Zündstoff, denn der alteingesessenen Deutschen Ja oder Nein zu Islam und Muslimen ist längst eine weltliche Glaubensfrage geworden. Sie enthält auf dieser Seite das Potential eines Kulturkampfes, ja, Glaubenskrieges ohne religiöse Substanz.

Beim Thema Christentum interessieren vornehmlich Missbrauch, Sexual- und Gendertheologie und beim Judentum Israels vermeintliche Grausamkeiten im Lichte alttestamentlicher „Kontinuität.

Über Religion(en) in Deutschland wird viel geredet und geschrieben, aber wenig gewusst. Das erklärt auch das theologisch sowie historisch niedrige Niveau der öffentlichen Debatten über jedwede Religion in Deutschland.

Die weltlich-laizistischen Repräsentanten von Christentum, Judentum und Islam haben politisch einiges und theologisch wenig bis gar nichts zu bieten, werden aber aus politischen Gründen wie Geistliche behandelt. Sie werden hofiert, um den religiösen Schein im nichtreligiösen deutschen Sein zu wahren.

Machen wir uns nichts vor – „Religion und Nation“ – das heißt heute in Deutschland  zuerst und vor allem: „Islam in Deutschland". Was daran „die“ Deutschen in erster Linie interessiert, ist der tatsächliche oder vermeintliche Zusammenhang von Islam und Terror, Islam und Gewalt. Das religionspolitische Hauptthema Deutschlands ist demnach zugleich ein, nein, das sicherheitspolitische Thema der Nation. Schriebe Goethe heute seinen „Faust“, ließe er Gretchen ihren Heinrich nicht danach fragen, wie er es mit der Religion halte, sondern mit dem Islam.

Weil der Großteil der nach Deutschland strebenden Flüchtlinge Muslime sind, dominiert dieses sicherheitspolitische Hauptthema die öffentliche Debatte der deutschen Flüchtlings­politik wie zuvor die Integrationspolitik.

Die Verflechtung von Religion mit Gesellschafts-, Flüchtlings- und Integrationspolitik in Deutschland ist alles andere als neu. Brandenburgs Großer Kurfürst erlaubte verfolgten Juden 1671 und den vom Sonnenkönig Ludwig XIV. verfolgten Hugenotten (= Protestanten) 1683 aus politischen und wirtschaftlichen Gründen den Zuzug. Ähnliche Motive leiteten die Toleranzpolitik des Alten Preußen-Fritz, der zudem, „peuplierungs“politisch geschickt verkündete, bei ihm könne und solle „jeder nach seiner facon selig“ werden. Unterscheidet sich dieses Credo, wodurch auch immer begründet, grundsätzlich von Angela Merkels auf dem Karlsruher CDU-Parteitag am 14. Dezember 2015 vorweihnachtlich verkündeten „Humanitären Imperativ“?

Alle drei Religionen - Christentum, Islam, Judentum - haben theologisch und historisch ein Gewaltproblem.

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Aufkommen und Akzeptanz neuer religiöser Gruppen oder Richtungen war nicht nur in der deutschen, sondern in der europäischen Geschichte von der Alten bis zur Zeitgeschichte selten mit Toleranz verbunden – wohl aber mit massiver Gewalt, Massenmorden, Krieg oder Bürgerkrieg. Man mag darüber streiten, ob es an den jeweiligen Religionen oder den beteiligten Menschen lag. Dass Gewalt allein eine Perversion der Religion sei, des Judentums, Christentums und des Islam ist eine fromme Legende. Alle drei Religionen haben theologisch und historische ein Gewaltproblem. Es hier zu thematisieren, würde zu weit führen. Dass alle drei oder nur eine der drei monotheistischen Religion nur „Frieden“ bedeute, kann man unterschiedlich umschreiben: Unkenntnis, Irreführung, frommer Wunsch, theologischer Sirup.

---  Weitere Beiträge in dieser Debatte: Yasemin El-Menouar schreibt: Die Deutschen haben ein Zerrbild von dem, was fromme Muslime in Deutschland denken.

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