Religion - Gefährdet sie den gesellschaftlichen Frieden? Aufklärung - ein Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit

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Leiterin Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Expertise:

Dr. Petra Bahr ist evangelische Theologin. Sie leitet die Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung seit September 2014. Von 2006 bis 2014 war sie Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiterin des Kulturbüros der EKD. Sie forscht zum Pluralismus und zur nationalen und internationalen Religionspolitik.

Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen, schreibt die Theologin Petra Bahr. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.

Religion ist gefährlich. Das scheint der neue Common Sense zu sein, nachdem der Glaube als sozialer Sachverhalt auch im 21. Jahrhundert nicht verschwinden will. Das gilt nicht nur weltweit. Auch in Deutschland, sogar in Berlin, der Stadt, die schon vor zweihundert Jahren als „die Gottlose“ Furore machte, mögen die Kirchenmitgliederzahlen rückläufig sein, Religion ist es nicht. Die Weltreligionen sind in der Hauptstadt zuhause, in Hinterhofgemeinden und in prachtvollen Domen, in Moscheen, Synagogen, Tempeln und Kirchen, aber auch auf Schulhöfen, in Behörden und auf der Straße.

Religion ist mehr als ein individuelles Glaubenssystem mit rituellen Praktiken, sie prägt unsere Einstellungen.

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Seit Religion vor allem als Gefahrenpotential und Konfliktstoff wahrgenommen wird, ist die Frage nach dem friedlichen Zusammenleben auf der religionspolitischen Agenda zurück. Religion ist in der Tat mehr ein individuelles Glaubenssystem mit rituellen Praktiken. Sie prägt das Alltagsethos, das Verständnis von Familie, Gemeinschaft und Geschlechterordnung, von weltlicher Macht und vom Verhältnis zur Gegenwart und den Beglückungen und Herausforderungen offener, freier Gesellschaften. Deshalb ist Religion ein durchaus ambivalenter Identitätsmarker. Sie bietet Gemeinschaft und Heimat, besonders dann, wenn Heimat und sozialer Zusammenhang durch Migration verloren gingen. Deshalb ist Religion auch Integrationsbeschleuniger. Gleichzeitig lebt religiöse Identitätsbildung oft genug von Abgrenzung und Überbietungsansprüchen.

Religion führt im Alltag vor allem dann zu Konflikten, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß.

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Im theologischen Streit ist das anregend, im Alltag kann das zu handfesten Konflikten führen, vor allem dann, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß. Lang schwelende Konflikte in den Heimatländern können als Nachbarschaftsstreit durchaus schlimme Folgen haben. Von den erlernten Abgrenzungsmustern des Antisemitismus, der wechselseitigen Verunglimpfung von Christen/Muslimen ganz zu schweigen, die als Alltagsbeschimpfungen in Berlin an jeder Ecke zu hören sind. „Du Jude“. „Du Muselmann“, „Du Christ“. In der Regel ist diese Identität durch Abgrenzung besonders tückisch, wo sie indoktriniert und ständig wiederholt wird, ohne dass irgendein faktisches Wissen oder gar eine echte Begegnung zwischen en Religionsangehörigen vorrangegangen ist.

Diese erlernten Feindschaften lassen sich nur durch große Anstrengungen in religiöser Bildung und leibhaftigen Begegnungen mit dem verteufelten Anderen überwinden. Das ist mühsam, kostet Geld, Geduld und gut ausgebildete Vermittler. Ignoranz und Nichtwissen waren in religiös motivierten oder nachträglich religiös  beglaubigten sozialen, ethnischen oder politischen Konflikten immer schon der Brandbeschleuniger Nr. 1.

Die größten Konflikte drohen innerhalb religiöser Gemeinschaften, bei Heiraten, mit Minderheiten, zwischen Lebensstilen.

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Die größten Konflikte drohen allerdings innerhalb religiöser Gemeinschaften. Heirat mit jemandem mit einem anderen Bekenntnis, gar einer verhassten Minderheit oder ein Lebensstil, der sich nicht an den Geboten der Familien- und Gemeindemoral orientiert, ist bis zu Fragen handfester Polizeiarbeit mindestens so gefährlich für den Frieden in der Stadt wie das Zusammenleben in der multireligiösen Nachbarschaft. Wie dürfen Frauen und Mädchen sich entfalten? Wie ist der Umgang mit Homosexualität? Wie steht es mit Kontakten zu Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit? Welcher Zugang zu Kunst, Musik, Kultur, Bildung ist erlaubt? Wie ist der Umgang mit religiösen und anderen Autoritäten? Die Konflikte zwischen besonders Observanten und Liberalen, zwischen denen, die in der Fremde die Tradition wiederentdecken oder allererst erfinden und denen, die ihre religiösen Überzeugungen mit einem modernen Lebensstil, aufgeklärter Auseinandersetzung mit der Tradition und neuen Auslegungsformen verbinden wollen, unterzieht nicht nur muslimische Gemeinschaften einem Stresstest.

Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen.

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Repression und Ausschluss aus der Gemeinschaft sind die harmlosen, Gewalt bis hin zu Mord die furchtbaren Folgen dieser Konflikte. Die schmerzhafteste Nagelprobe ist besonders in traditionsbewussten religiösen Gemeinden die Konversion. Doch der Wechsel der Religion oder der bewusste Abschied von der Herkunftsreligion hat in Deutschland Verfassungsrang. Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit, seine religiösen Überzeugungen zu leben, solange die Rechte anderer nicht berührt sind. Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.

Der Respekt gegenüber der Überzeugung des Anderen müsste deshalb das höchste Bildungsziel in Berliner Schulen sein, immer verbunden mit der Botschaft, dass es auch legitim ist, keine religiöse Überzeugung zu haben – oder sich sogar über Religion lustig machen zu dürfen. Diese Herausforderung gilt auch für viele kleinere christliche und jüdische Gemeinschaften. Die beiden großen Kirchen, die in Berlin längst ebenfalls eine Minderheit sind, haben oft eine engere Verbindung zu Moscheen und Synagogen als zu Christen aus Afrika oder aus dem Nahen Osten. Man teilt zwar die Gebete am Sonntag. Doch in den Vorstellungen von Partnerschaft, Familie und einem Leben in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen ist man sich ferner, als viele denken.

Deshalb müsste hier ein Ansatzpunkt liegen: in der gründlichen Kontaktpflege der religiösen Gemeinschaften innerhalb einer Konfession, im Aushalten und Austragen theologischer Konflikte, in der Einsicht, dass eine gebildete, aufgeklärte Form und Weiterführung der eigenen Religion kein Verrat, sondern seine Einlösung in der Gegenwart liegt.

Der zweite Konfliktbeschleuniger ist die Reibung der Frommen an Witz, Satire und Karikatur.

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Auch der Konfliktbeschleuniger Nr. 2 ist in der Regel kein Streit zwischen Religionen. Er entsteht in der Reibung mit den medialen Darstellungsformen der Religion in modernen Gesellschaften. Der Witz und die Karikatur, der intellektuelle Streit und die populäre Masche des Tabureizes gehören zu offenen Gesellschaften. Freie Meinungsäußerungen tun manchmal weh. Die Wiederkehr von „verletzten Gefühlen“ und „religiöser Ehre“ in den letzten Blasphemiedebatten im Schatten des Karikaturenstreits zeigt, dass hier, im Umgang mit Bildern und Selbstbildern, mit der Relativierung der eigenen Weltsicht und der Einsicht, dass in demokratischen Gesellschaften auch die eine Stimme haben, die man unerträglich findet, liegt vielleicht die größte Herausforderung.

Wer multireligiöse Gesellschaften friedlich halten will, muss unermüdlich für die Aufklärung werben. Nicht als Geschichtsepoche, sondern als Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit.

--- Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu der Frage, ob die Religion den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Weitere Beiträge, unter anderem von Michael Wolffsohn und Mina Ahadi, finden Sie hier.

--- Hier finden Sie weitere aktuelle Texte aus unserem Debattenmagazin Tagesspiegel Causa.

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